Mit meinen Erziehern gingen wir Anfang Mai 1908 nach Yokohama. Professor Kitasato und seine Familie begrüßten uns recht herzlich und nahmen uns in Ihrem Haus auf. Es waren langweilige Tage für mich. Alle Erwachsenen waren schrecklich alt und es gab keine gleichaltrigen Kinder, mit denen ich spielen konnte. Professor Kitasato war ein berühmter Arzt. Er hatte in Deutschland studiert und plauderte ständig über seinem Doktorvater Prof. Dr. Robert Koch. Ich fand diese übertriebene Ehrerbietung lächerlich, wusste jedoch, dass ich Erwachsenen gegenüber respektvoll und zurückhaltend sein musste. Ich hörte mir jeden Nachmittag die Geschichten von Prof. Kitasato an. Er erzählte an einem Tag, wie er einen Blinddarm operierte und am nächsten Tag, wie er einen Trümmerbruch im rechten Schienbein behandelte. Im Laufe der Zeit freute ich mich auf diese Geschichten. Ich denke, dies war einer der Grundsteine für meine spätere Berufswahl.
Am 12. Mai gingen wir in den Hafen. Mit dem Fahrzeug fuhren wir die Straße entlang. Ich wunderte mich über die vielen Flaggen am Straßenrand. Es schien, als würde ein wichtiger Bonze erwartet oder ein großes Volksfest organisiert werden. Die Flaggen kannte ich nicht. Ich erfuhr, dass es sich um die Deutsche Flagge handeln sollte. Was das bedeutete und wo dieses Kaiserreich sein sollte, wusste ich (noch) nicht. Mit dem Pacific Mail Dampfer Siberia sollte ein wichtiger Mann aus Deutschland in Yokohama eintreffen. Genaueres dürfte ich jedoch noch nicht wissen. Professor Kitasato hatte heute einen europäischen Frack an. Er war schon den ganzen gestrigen Tag aufgeregt und wollte gar nicht mehr aufhören, Geschichten zu erzählen.
Der Deutsche solle mit seiner Frau direkt von Honolulu kommen. Ich stellte ihn mir als, kräftigen, braungebrannten Insel-Einwohner vor. Am Hafen war ich überrascht von den vielen Menschen, die auf diesen wichtigen Mann warten, zu schienen. Professor Kitasato hatte - wie ich später erfuhr - vielen Menschen Bescheid gegeben, über die Ankunft des berühmten Gelehrten. Sogar die Presse war zu diesem Termin eingeladen.
Ich lernte Prof. Koch kaum kennen, er wurde von Empfang zu Empfang weitergereicht. Seine Frau Hedwig wuchs mir jedoch ans Herz. Mit ihr konnte ich spielen und Bilder malen. Sie bat mich, man stelle sich das einmal vor - eine erwachsene Frau bat ein 5-jähriges Mädchen sie im Schreiben der japanischen Schriftzeichen zu unterrichten. Ich konnte damals schon knapp 200 Zeichen in Kanji und war mit der Kalligrafie schon einige Zeit vertraut.