Band_54_CAP_VALIENTE

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Reisen auf MS CAP VALIENTE

 

Band 54  - Band 54 MS CAP VALIENTE

Dieser Band 54 in der maritimen gelben Buchreihe ist neu erschienen.

 Im Band 54 erzählt Jürgen Coprian seine Abenteuer als Schiffszimmermann während der neunzehnmonatigen Fahrzeit auf einem ‚Bananenjäger’ der 1960er Jahre.
aus dem Inhalt:

Der Scheich       

Anmustern bei „der Süd“ und Anreise nach Frankreich      

Erste Reisen Frankreich – Ecuador – Riga – Westafrika – Rostock   

Der weiße Schwan – Reisen nach Guayaquil          

Rigareise               

Rotterdam – noch mal ins Dock – Bananen holen aus Westafrika      

Gefährliches Abenteuer in Rostock           

Brunsbüttelkoog – London – Jamaika            

Zweite Jamaika-Reise                         

Ereignisse auf der dritten Reise

     – die Nacht der langen Messer und Geschichten mit Chinee Max      

Weitere Reisen DAQM                          

CAP VALIENTE – die letzte Reise geht wieder nach „Gujackel“          

Epilog                                    

280 Seiten, kartoniert, Leimbindung, reich sw bebildert


Jürgen Coprian schreibt dazu im Vorwort:

Es erscheint mit dem „weißen Schwan CAP VALIENTE“ hier nun Band sechs der SALZWASSERFAHRTEN.

Auch hier habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, neben der Schilderung meiner über 19 Monate andauernden Fahrtzeit auf diesem Schiff mit exotischen Häfen und Begebenheiten vor allem einen realistischen Zeitzeugenbericht aus der Zeit vor rund fünfzig Jahren abzuliefern.  Alles in allem, ein auf heutige Zeit übertragener Ablauf von Seereisen ist so kaum wiederholbar.  Und wieder geht es um das ganz alltägliche Leben der Seeleute an Bord und beim Landgang, ausführlich wird das Schiff beschrieben und Arbeitsabläufe, die es heute so nicht mehr gibt.  Es wurde nichts hinzu erfunden. Mancher Leser wird sich fragen, wie es kommt, dass dem Autor die vielerlei Geschichten, Hafenzeiten, Personen und so weiter heute noch so gut in Erinnerung sind.  Dazu folgendes: Ergänzend zu einem guten Langzeitgedächtnis sind sämtlich die damals täglich in Kladde festgehaltenen persönlichen Arbeitsberichte noch vorhanden, eine große Anzahl von Dias, privater Briefwechsel und Ähnliches.  Angesichts der immerhin zehn Jamaikareisen ist die chronologisch korrekte Zuordnung der einzelnen Ereignisse nicht mehr genau möglich.  Was die Namen verschiedener Personen anbelangt, so wurden einige ganz bewusst abgekürzt oder verändert; andere sind nicht mehr so recht erinnerlich.

 

MS CAP VALIENTE 

Leseprobe:

Richard Kupries war einer von den guten Bootsleuten, auch menschlich gesehen. Vor dem Krieg fuhr er bei der Hapag als Matrose. Er erzählte mal, wie er damals im Hamburger Hafen während einer Werftzeit auf irgendeinem dieser berühmten Schnelldampfer Feuerwache ging. Nachts war da ja außer den Wachen kein Mensch an Bord, als plötzlich und unerwartet einige Leute von der Geheimen Staatspolizei an Bord erschienen und das Schiff gründlichst von oben nach unten durchsuchten. Richard erfuhr lediglich, dass am nächsten Tag „der Führer“ an Bord erwartet wurde und man Vorkehrungen gegen etwaige Attentate treffen wollte. Das war’s eigentlich auch schon. Am nächsten Tag ging dann auch alles glatt.
Während des Krieges wurde Richard nach der Grundausbildung zum Heer abkommandiert. Weil er inzwischen schon zum Bootsmann befördert worden war, wur-de er gleich als Unteroffizier übernommen. Solche See-Soldaten in Feldgrau trugen damals zur Unterscheidung von den ganz normalen Wehrmachtsunteroffizieren gol-dene Litzen anstatt der üblichen silbernen. Erzählte er voller Stolz. Ansonsten aber lag er genauso im Dreck wie alle anderen auch.
Als der Krieg vorbei war, suchten die britischen Besatzer mutige Seeleute zum Minenräumen in den stark verseuchten deutschen Küstengewässern. Ein Himmel-fahrtskommando, ja; aber dafür wurde man auch ziemlich gut bezahlt. Für diesen Zweck waren alte Fischdampfer umgerüstet worden. Wer die schlimmen Jahre zuvor heil überstanden hatte, überlegte in diesen harten Zeiten nicht lange, wenn es eine Stange Geld zu verdienen gab. Außerdem gab’s ja freie Verpflegung und man kam so auch noch günstig an Kohlen ran; schließlich wurden diese alten Kästen noch nicht mit Öl befeuert. Kohlen waren ein begehrtes Gut als Mitbringsel und wertvolles Tauschobjekt. Richard griff sofort zu. Er erzählte ziemlich haarsträubende Geschichten über diese abenteuerliche Zeit. Einmal beobachtete er durch das Maschinen-Skylight hinab, wie sich ein Heizer und ein Matrose unten wegen ein paar leeren Sä-cken für die Kohlen in die Haare geraten waren. Plötzlich gingen die mit Eisenstan-gen aufeinander los, erzählte er, und dann riss mit einem Mal der Heizer die Feuertüre des Kessels auf und wollte den Matrosen allen Ernstes da hinein befördern. Der wurde von Entsetzen gepackt und schaffte gerade eben noch so mit letzter Kraft den Rettungssprung – raus aus dem Heizraum. Kupries sagte, wer immer davon wusste, kein Mensch an Bord hat ein Wort darüber verloren. Er selbst hat sich gehütet, als Zeuge erkannt zu werden. Ja, so hart waren damals die Bräuche…
Später dann schlug er sich mit allen möglichen Jobs im Hafen durch, bis er dann Anfang der Fünfziger bei Laeisz endlich wieder ein Schiff als Bootsmann bekam. Es war die PERSEUS – der erste deutsche Fruchtschiffneubau nach dem Krieg – und bis auf zwei oder drei ausgesetzte Reisen fuhr er ganze siebeneinhalb Jahre lang auf diesem Schiff. Nicht zu glauben? Wer damals einen guten Job hatte, der hielt ihn fest. Da gab es noch ganz andere Fahrtzeitrekorde: Auf der SAARSTEIN vom Lloyd, die von Indienststellung 1951 bis zum Verkauf im Jahr 1971 insgesamt 103 Reisen nach Westküste Nord machte, hatte der Bootsmann auf diesem Dampfer nach ei-nem Bericht im Hamburger Abendblatt volle einhundert Reisen mitgemacht. Ein wei-terer Fahrtzeitrekord wird von einem Seemann gehalten, der – wie die Hamburger Morgenpost schrieb – ganze 25 Jahre auf einem winzigen ‚Kümo’ im täglichen Ver-kehr Hamburg-Cuxhaven und zurück abgerissen hat. Es blieb sein einziges Schiff im Seefahrtbuch. Eine Bemerkung am Rande, dieser noch im „alten“ Seefahrtbuch vor-gedruckte, bei Bedarf zu unterstreichende Begriff ‚Luxusjacht’ kam für dieses Schiff wohl eher nicht in Betracht.
Zurück zu Kupries. Der war geborener Ostpreuße, wie so viele Seeleute früher. Die ‚von jännem Äck‘ – wie man damals so sagte – konnte man so ganz generell einstufen unter die Sparte gemütlich, guter Seemann und Liebhaber von klarem Hochprozentigen. Nach seiner PERSEUS kam er als nächstes auf das Schwester-schiff PROTEUS. Fuhr auch dort stramme dreieinhalb Jahre sozusagen auf einer Backe ab, bis er von einem missliebigen Chiefmate einen ‚Sack’ bekam. Bei Laeisz hätte man ihn sicher gerne weiterbeschäftigt, aber nein, sagte er, Sack ist Sack, und so ging er dann zur Hamburg Süd. Die nahmen ihn mit Handkuss, nachdem sie sich schnell noch bei Laeisz über ihn rückversichert hatten.
Die Hamburg Süd hat schon seit jeher viel Kühlladung gefahren - Fleisch von Südamerika und von Neuseeland nach Europa und den USA - und man plante - ne-ben der gleichfalls in Hamburg-Süd-Regie betriebenen 'Hörnchen-Flotte' nun auch den Bau von großen Vollkühlschiffen. Auch wenn gelegentlich damit Fleisch oder Früchte gefahren wurden, so waren das doch vorwiegend „Bananendampfer“, und da kam denen der Kupries mit seiner elfjährigen Bananenerfahrung gerade recht. Sein erstes Schiff bei Pudding-Rudi war ein kleines Dreiluken-Kühlschiff, die ALEXANDER VON HUMBOLDT. 
Ich lernte Richard kennen, als ich im April 1964 auf der CAP VALIENTE einstieg, ein damals drei Jahre alter, wahrhaft bildschöner 'Bananenjäger' der Hamburg Süd. Meine längste zusammenhängende Fahrtzeit – ganze 19 Monate und einen Tag verbrachte ich auf dem Dampfer. Seefahrt wie aus dem Bilderbuch. Da war schon allein das Anmustern ein Erlebnis.
Nach nunmehr vier Hapag-Dampfern in ebenso viele Fahrtgebiete, wollte ich mich nach so viel „Hapag-Style“ nun mal umsehen, wie es bei den anderen denn so läuft. Man konnte es sich bei den vielen kleinen bis ganz großen Reedereien unter deutscher Flagge ja gerne aussuchen, wonach einem das Herz stand. Kein Tramper, kein Nevercomeback-Liner, kein „Schütteltripp“ sollte es sein. Zehn Prozent Heuer-aufschlag schön und gut, aber trotzdem nein, Tanker auch nicht. Aber was Besseres sollte es schon sein, sagte ich mir. Die Hamburg-Süd, vormals Eggert & Amsinck, war nach Kuddel Hapag die renommierteste deutsche Reederei. ‚Die Süd‘ residierte damals noch in einem altehrwürdigen, weiß verklinkerten Kontorhaus an der Holz-brücke. Der Personalheini da „in der Heuer“ machte einen auf jovial und gab sich kumpelhaft. Klein und rundlich war er und kloppte große Sprüche bei den Seeleuten, die vor mir dran waren mit Abmusterung und so weiter. Ich hatte Glück und bekam gleich auf Anhieb einen Dampfer. CAP VALIENTE hieß r und nach Dieppe sollte es gehen an der französischen Kanalküste. – „Ja, und wo liegt nun dieses Dieppe ge-nau? Mit der Bahn durch halb Frankreich durch?“ – „Keine Angst Timmi, du fährst ja nicht allein dahin, ihr seid elf Mann insgesamt, und am Mittwoch, also gleich über-morgen – geht’s los – siebzehn Uhr mit dem Zug nach Paris. Wie? – In Paris müsst ihr kurz umsteigen, ja doch, Zeit genug, volle zehn Minuten! Ja das schafft ihr doch. Was? – Na ja, vom Gare du Nord müsst ihr bloß noch schnell rüber zum Gare St.Lazare.“ – „Ja, aber – ich kann doch kein’ Brocken Französisch…“ – „Ach wat ver-tell, wenn ihr keine Seeleute wärt, dann – ja dann wär’ das vielleicht ein Problem, aber deutsche Seeleute... Mann! Was’n richtigen Seemann is, der kommt doch ü-berall durch! Und außerdem ist da‘n OA dabei, der kennt sich aus. – Im Gare Saint Lazare dann nehmt ihr den Zug nach Dieppe. Das ist schon alles. Wie gesagt, zum Umsteigen habt ihr zehn Minuten und das schafft ihr easy! Oder watt? Is doch’n Klacks!“ Keckert noch mal über seinen guten Witz, ich unterschreibe fix den Heuerschein mit einer Verpflichtung von mindestens 18 Monaten Fahrtzeit – ja und dann war’s das auch schon.
Neiling heißt dieser Personalheini ‚bei der Süd‘. Später erfuhr ich, vor dem Krieg war der mal als Steward auf einem der großen Musikdampfer gefahren. Und jetzt spielt er hier den großen Zampano in der Mannschaftsannahme. Du alter Feudelschwinger denk, ich so bei mir.
Zur festgesetzten Zeit finden wir uns nach und nach in der Hamburger Bahnhofshalle ein – da an der Sperre vor Gleis 13 zum D-Zug nach Paris. Halb fünf ist es. Der Storekeeper Rudi Koch mit seinen 56 Lenzen ist der älteste von uns. Der Neiling hat ihn mit einer Liste ausgestattet, die er laufend durchgeht und abhakt, sobald wieder einer dazu gestoßen ist. Sieben ...acht – einer fehlt noch. Ach ja, der Max! Alle chiesischen Wäscher bei der Hapag, der Hamburg-Süd und bei Essberger (dieser Sammelbegriff steht für Wöhrmann, die Deutschen Afrika Linien und die Tankreederei Essberger) heißen an Bord traditionell 'Max', so wie die beim 'Lloyd' – Reedereisitz in Bremen – ebenso traditionell 'Fritz' heißen. Also, der Max fehlt uns noch. Aber mit einiger Verspätung taucht denn der auch auf. Aber nicht alleine. Nein, zwei ziemlich alte Herren mühen sich ganz fürchterlich mit diversen Koffern und Schachteln auf einer Karre durch die Menschenknäuel zu uns durch, zerren gemeinsam keuchend einen ziemlich schweren Sack mit sich. Also, der Jüngste ist Max auch nicht grade, immerhin schon 57 und mindestens sein halbes Leben lang ist er bei „der Süd" gefahren. Die Gelegenheit so zahlreicher Neuanmusterer wurde vom Obermax gleich als gute Gelegenheit erkannt und so hat er mit dem Max gleich noch einen ganzen Zentner Industriewaschpulver sozusagen auf die Reise geschickt. Max ist von so zierlicher Konstitution, also dem allein mag man die Anstrengung gar nicht zumuten. Von jetzt ab ist es ganz offensichtlich unsere Aufgabe, diesen vertrackten Sack durch halb Europa bis auf den Dampfer mitzuschleppen. Chinesen sind bekannt dafür, dass sie mit dem Pfennig rechnen. Dachte sich also der ‚Obermax‘ so günstig wie jetzt und hier kommt man im Ausland nirgendwo an Waschpulver ran.
Max also in Begleitung des 'Obermax'. Klar doch, der ist auch Chinese. In Hambur-ger Schifffahrtskreisen gilt er als sehr respektable Persönlichkeit. Er ist nicht nur Ei-gentümer von zwei Hamburger Wäschereien und zwei chinesischen Restaurants; vor allem aber ist er Boss, Patron, oberster Gebieter über alle Maxen, die auf Hamburger Schiffen weltweit eingesetzt sind. Angeworben werden die Maxen in zunächst mal Hongkong. Von dortigen Agenten oder Verwandten des Obermax. Jeder Max muss monatlich einen nicht unwesentlichen Teil seines Verdienstes an den Obermax löhnen; so als eine Art Dauerprovision. Klar doch, der Obermax ist Millionär. Fährt standesgemäß einen 300er Mercedes. Und wenn so ein ganz normaler Max – so wie heute hier – vom Obermax mit dessen vornehmen  Daimler persönlich zum Bahnhof kutschiert wird, dann ist das für so einen armen chinesischen Wäscher etwas ganz besonderes; dieser Max hat dann 'much face' bei allen anderen Maxen.
Also hat dieses 'zum Bahnhof bringen' insofern auch eine handfest praktische Seite. Mit geringem Aufwand ‚much face‘ einen treuen Mitarbeiter ausgezeichnet und derart für die nächsten eineinhalb Jahre Abwesenheit motiviert und dazu noch einen reichlichen Vorrat an billigem Waschmittel an die künftige Arbeitsstelle verfrachtet. Übrigens, der richtige Name des Max – mit dem er sich gleich würdevoll vorgestellt hatte – der lautet Por Cheong Yee. 
Als wir nun komplett sind - Funker und ein 3. Ing sollen ja auch noch mitkommen, aber nicht mit uns Fußvolk zusammen, weil denen ja tarifmäßig Bahnfahrt 1. Klasse zusteht – ja, besehen wir nun unseren gewaltigen Gepäckberg, da stellt sich die Frage, wie wir denn diesen ganzen Krempel runter zum Bahnsteig schaffen sollen. Also bestellen wir uns – Großzügigkeit ist nun mal die seemännische Art – einen Gepäckträger. Geht ja kein Weg vorbei, Seeleute in der Großen Fahrt reisen notgedrungen mit viel Gepäck. Besser man ist ausgerüstet. Gerade die Decksbesatzung braucht viel zusätzliches Arbeitszeug zum Wechseln, falls eine Garnitur nass geworden ist, dazu noch Ölzeug und Gummistiefel. Es erwarten einen lange Fahrtzeiten an Bord und man muss gleichermaßen für kalte wie für tropische Klimazonen einge-richtet sein. Der OA hat eine Gitarre dabei und dann stehen da zwischen Seesäcken auch zwei oder drei Tonbandgeräte. Ich als Zimmermann schleppe mich mit meiner zwanzig Kilo schweren Geschirrkiste ab (Zimmermannswerkzeug). Natürlich haben zur Anreise wir alle unser bestes Zeug an; im Jahre 1964 reist Hein Seemann übli-cherweise immer noch mit Schlips und Kragen.
Der bestellte Dienstmann kommt und macht große Augen. Holt sich schnell einen großen Gepäckwagen und mit unserer freundlichen Mithilfe packt er den hoch voll mit unserer gesamten Habe. Rollt die reichlich zwei Kubikmeter hin zum nahen Aufzug. Als wir zu Fuß die Treppen runter marschiert sind, wartet er mit seiner Fuhre bereits an unseren beiden Abteilfenstern, für welche ‚die Süd‘ uns Platzkarten reser-viert hatte. Na, prima. Hilft uns noch, die Sachen durch die Fenster ins Abteil zu wuchten. Verlangt dann freundlich 18 Mark für seine Bemühungen, und wir schauen leicht belämmert aus der Wäsche. Der rechnet nach Stückzahl ab dieser Typ, nicht nach Entfernung. Also achtzehn Märker sind schon ein stolzer Preis für fünf Minuten Arbeit. Einige der Jungs bemühen sich besonders eifrig um das Gepäck; jetzt als es ums Bezahlen geht. Na ja, wo der 'OA' von diesem Neiling ja ohnehin, wenn auch nur ganz formlos zum Reiseleiter bestimmt worden war; der muss das halt erst mal vorstrecken.
Und ab geht die Fahrt. Wir sind eine ganz nette Truppe. Man macht sich miteinander bekannt; wo kommst du her, letzter Dampfer und so, kennste den und jenen, dann die üblichen Hafen- und St. Pauli-Stories. Als Oase ‚Fiete‘ beim nächtlichen Halt in Köln am Bahnsteigimbiss anteilsmäßig sein Gepäckgeld zurückfordert, stellt sich raus, dass einige von den Jungs so gut wie keinen müden Pfennig mehr auf der Naht haben. Also, dass mal einer blank war damals beim Anmustern, na gut. Wenn das Schiff in Hamburg liegt, spielt das keine Geige. Fahrgeld für U-Bahn und Fähre zahlt die Reederei ja großzügig, steht Hein Seemanns Unterschrift erst mal auf dem Heuerschein. Aber, wenn‘s auf eine zweitägige Bahnfahrt geht durch zwei Länder hindurch, dann ist jeder selber schuld, wenn er sich keinen Reisevorschuss geholt hat. Ist also nix mit warmen Würstchen für die. Und auch nix mit Frühstück im Spei-sewagen morgens.
Trotz der rasenden Fahrt des Zuges ist bereits lange vor Paris absehbar, dass wir mit circa zehn Minuten Verspätung ankommen werden; dem Zeitraum also, der uns fahrplanmäßig zum Umsteigen einschließlich Transfer von Bahnhof zu Bahnhof zur Verfügung stehen sollte. Eigentlich. Trotzdem – ein deutscher Seemann gibt so leicht nicht auf – wir wollen nichts unversucht lassen, den Anschlusszug nach Diep-pe vielleicht doch noch zu erwischen. Man erhofft sich, „ach die haben doch sowieso Verspätung“. Storekeeper Rudi als ältester und Gruppenführer Maschineversucht sich als Organisator: „Also pass mal auf, sobald der Zug hält, ihr zwei da raus und Gepäck durchs Fenster abnehmen. Der OA (mit seinen sieben Brocken Schulfranzösisch), soll sofort losrasen, zwei Taxis organisieren. Und ihr beide besorgt schnellstens einen Gepäckkarren…!"
Gesagt, getan. Der Zug läuft ein und – nichts ist... Gar nichts. Weit und breit kein Gepäckkarren in Sicht, geschweige denn gleich zwei Taxis und, wo zum Teufel, geht’s denn überhaupt raus hier und wo soll denn dieser verdammte andere Bahn-hof überhaupt sein? Waaas?!! Vier Kilometer?!! Die ham ja'n Rad ab hier – und auch dieser Neiling! Der OA hat inzwischen erstaunt erkennen müssen, dass –
a) die Franzosen sein Schulfranzösisch nicht verstehen – oder nicht verstehen wollen und  –
b) andersrum auch er so gut wie keinen Brocken von dem versteht, was die hier so von sich geben.
Schließlich stehen wir mit unserer Gepäckpyramide plus fünfzig Kilo Waschpulver ziemlich hilflos auf dem Bahnsteig rum und palavern nach guter alter Seemannsart erst mal gründlich alles aus. Und dann tippt mir plötzlich von hinten jemand auf die Schulter. Ich dreh den Kopf und... Steht da doch plötzlich mein alter Freund Billung von zu Hause in Frankfurt und grinst mich an. Na gibt’s das denn? Ja, so, das habe ich ganz vergessen, dem hab ich ja ein paar Tage zuvor eine Karte nach Paris ge-schrieben, dass ich dann und dann vermutlich am Gare du Nord ankomme und so weiter . . .  Und jetzt ist der tatsächlich hier und als möglicher Retter in der Not prompt zur Stelle. Ich erklär das den anderen kurz und großes Hallo und dann wird Billung mit der neuen Situation bekannt gemacht und eingespannt. „Taxi? Nein! Un-möglich zu kriegen und dann noch so ein Haufen Piepels? Und daaas Gepäck? Ist das denn auch wirklich alles?" frotzelt er noch. Wir sehen es ja selbst jetzt; die Leute stehen zuhauf händeringend auf dem Bahnhofsvorplatz und reißen sich bald die Arme aus mit ihrer Winkerei nach einem freien Taxi.
Aber Billung - meinem früheren Gefährten aus Schlüchterner Internatstagen, anerkannter Klassenanführer, Schulsprecher und obendrein, welch Zufall, Hausnachbar im heimatlichen Frankfurt - seit nunmehr zwei Jahren als kaufmännischer Praktikant en detail und engros in Paris auf der Karrieretreppe steil nach oben, ist in dieser unserer Situation der richtige Mann für uns. Er, schon immer ein Naturtalent als Organisator beginnt zu wirbeln. Als er nach wenigen Minuten vom Fahrkartenschalter zurück kommt, da hat er einen Bus für uns gechartert. Wir schaffen unseren Kram schon mal raus auf den Bahnhofsvorplatz. Es dauert einige wenige Minuten, da legt ein leerer Linienbus der Pariser Verkehrsbetriebe mit quietschenden Bremsen bei uns an; einziger Insasse neben dem Fahrer ist Billung! Nach kurzem Disput der bei-den und mit uns - der OA muss erneut den Banker machen – kurbelt der Fahrer sein Richtungsschild um auf „Sonderfahrt“, schnell das Gepäck rein in die Kiste und wir hinterher und ab geht die Post zum Bahnhof St. Lazare. Spätestens jetzt – in dem brausenden und stockenden Pariser Verkehr – begreifen wir, wie die Chancen ausgesehen hatten, unseren vorgesehenen Anschlusszug überhaupt zu erwischen, oh-ne sachkundigen Führer nämlich gleich null. Dies nachträglich noch an die Adresse dieses vormaligen Feudelschwingers im Kontorhaus an der Holzbrücke. Na gut. Nach einer halben Stunde Fahrt am Ziel angekommen – von wegen zehn Minuten – ausladen und drinnen vor der Sperre ein Lager errichtet, anschließend gleich Erkundigungen zwecks Weiterreise eingeholt. Der nächste fahrplanmäßige Zug nach Dieppe geht erst abends ab um Punkt 18 Uhr. Sehr schön! Die drei Kollegen mit Kassenstand null werden mit ein paar Sandwiches und einer Durchhalteration Bier versorgt und als Gegenleistung dafür zur Gepäckwache eingeteilt. Der Rest zählt seine paar Kröten und macht sich auf, die Stadt Paris zu entdecken.
Dank der kundigen Führung von Billung lerne ich die wesentlichen Attraktionen von Paris zumindest rein äußerlich in einem Blitzprogramm kennen; als da sind die (bereits stillgelegten) Markthallen genannt 'Les Halles', die Rue St. Honore samt (aus den Hauseingängen lockenden) Kokotten, Montmartre, den Place du Tertre, Pigalle, Louvre, Pont Neuf, Flohmarkt an der Seine, Notre Dame und die Metro. Mehr ist in der Zeit kaum drin. Zwischendurch noch ein Blick in Billungs Bleibe, so eine winzige Art Studentenbude wie in einem dieser Romane von Colette in einem typisch alten Pariser Mietshaus mit Concierge und klapperndem Gitteraufzug. Im 6. Stock aber mit traumhafter Aussicht über die Dächer von Paris und Frontalblick zum Eifelturm. So etwas erlebt man doch sonst nur im Film und nun... doch, das gibt’s also wirklich!
Rechtzeitig zu achtzehn Uhr haben sich alle wieder am Gare St. Lazare eingefunden. Der Zug steht bereit und weiter geht die Reise nach Dieppe, wo wir vier Stun-den später eintreffen. Die Agentur hat einen Bus geschickt und wenig später langen wir an der Bananenpier an. Und da liegt sie längsseits, die CAP VALIENTE, elegant und schön und „ganz in Weiß“. Dies herrliche Schiff wird mein Zuhause für die nächsten 19 Monate. Oben an der Gangway werden wir freundlich begrüßt vom Chief Mate. Küver heißt der. Auf Mitte Zwanzig schätze ich ihn und das ist reichlich jung für einen Ersten. Also gemessen an meinen früheren Erfahrungen. Ein blonder Vierkant von der Küste, stottert mächtig, wirkt aber sehr durchsetzungsfähig. Kompliment: Der Koch steht bereit. Ob wir noch was zu essen haben wollten, möchte der wissen. Ob Eier nach Wunsch okay wären oder vielleicht ein kleines Steak? Träume ich vielleicht? So zuvorkommend und menschlich bin ich vorher auf noch keinem Dampfer empfangen worden; halten die uns vielleicht für Passagiere? Wo mir doch einst bei „Gottes eigener Reederei“, die mit den Anfangsbuchstaben von „Hunger, Ausdauer, Prügel, Arbeit und Geduld“ – vor zwei Jahren nach einer durchschufteten Nacht von so ein paar Vorgesetzten diese lausigen zwei Eier Nachtproviant damals mir „Decksbauern“ voller Häme als überflüssigen Aufwand unter die Nase gerieben wurden. Etwas, was ich diesen Typen bis heute nicht nicht vergessen habe.
Immerhin, das hat nicht nur mich, sondern auch die anderen Neuanmusterer, von denen nur drei oder vier vorher schon bei ‚der Süd' gefahren waren, doch sehr beeindruckt, dass extra für uns Spätankömmlinge der Koch nachts um elf noch mal in der Kombüse wirbelt und es gibt Hähnchen und Eier nach Wunsch so viel man will. Bei Kuddel Hapag gab es grundsätzlich nie mehr als zwei Eier und nächtens schon mal gar nicht! Ich will jetzt schon vorwegnehmen: Am Essen auf der VALIENTE ist nie was auszusetzen, während meiner gesamten Fahrtzeit nicht. In der Küche gibt es sogar eine ‚eiserne Kuh‘. Was das ist? Ein großer Behälter aus Edelstahl. Einer Milchkanne wie die beim Bauern nicht unähnlich. Oben drauf ein Deckel und an dem hängt ein kräftiger Motor mit so eine Art Schaumschläger dran in das Innere der Kanne. In die füllt man eine bestimmte Menge Magermilchpulver rein, eine entspre-chende Portion Butter und heißes Wasser natürlich. Wenn die Kanne dicht ver-schlossen ist, wird der Strom eingeschaltet und das Innere wird nun mit hohen Um-drehungen durchgerührt. Anschließend wandert „die Kuh“ in den Kühlraum. Das Er-gebnis sind am nächsten Morgen zehn bis zwölf Liter herrlich kühle Milch, die sich im Geschmack von Frischmilch kaum unterscheidet. So eine herrliche Anlage habe ich leider auf keinem anderen Schiff in den folgenden Jahren wieder erleben dürfen.
Und überhaupt! Die CAP VALIENTE fällt völlig aus dem Rahmen dessen, was ich bis dahin an Schiffen so erlebt habe. Für mich auch heute nach bald fünfzig Jahren immer noch der schönste Dampfer, auf dem ich je gefahren bin. Innen wie außen. Formen hat der wie eine Traumfrau aus bestem Hause. Ein „weißer Schwan“ mit fließenden Linien und angenehmen Proportionen. Schnittig vom Vorsteven über stromlinienförmige Aufbauten bis zum wohlgeformten Versaufloch, das, wie damals bei fast allen deutschen Kühlschiffen üblich, in ein wie von oben eingekerbtes Heck ausläuft. Vergleichbar dem umgedrehten Mundstück einer Blockflöte. Bananen-dampfer haben im Gegensatz zu Stückgutschiffen keine erhöhte Back; die Back ist ohne Absatz durchgezogen bis zum Heck und erst das Deck darunter und das an-schließend offene ‚Versaufloch‘, das ist hier das eigentliche Hauptdeck. Die Erklä-rung dafür ist, dass Bananen leichte Ladung sind, sie können deshalb höher gestaut werden als Stückgut, ohne dadurch an Stabilität einzubüßen. Die CAP VALIENTE ist also genau genommen ein so genannter Schutzdecker, auch wenn er als Volldecker eingestuft ist. Alle Decks im Bereich der Mittschiffsaufbauten außen sind mit Teak und Oregonpine beplankt, im Aufbau drin ein eindrucksvolles Foyer mit sanft ge-schwungener Treppe zum Wohndeck des Kapitäns mit Bar, Salon und Eigner¬kammer. Die Mannschaftsunterkünfte etwas schlichter, aber verglichen mit ‚Hapag’s’ Komfort. Angenehm wohnlich und praktisch und – oh Wunder – hier gibt’s sogar Klimaanlage für alle! Für ein im Jahre 1960 (bei Howaldt Kiel – Werft-Nr. 1112) ge-bautes Schiff – immerhin nur ein Frachter – eine Rarität.
Also wirklich, die VALIENTE erscheint mir nach den vergangenen drei Jahren ‚Hapag-Schlorren' wie eine andere Welt, man fühlt sich in ein Sanatorium versetzt – einfach angenehm empfinde ich das Schiff, den Lebensstandard an Bord und auch den ganz normalen Umgang der Vorgesetzten mit der Besatzung. Aber dazu später.
Morgens nach dem Frühstück die übliche Übergabe vom abmusternden an den übernehmenden Zimmermann. Statt Hapags schwarzem Decksbiturol hier mit grauer Sandfarbe (Anti-Rutsch!) gestrichenes Vor- und Achterschiff, keine Stauholzberge, kein Gammel. Alles ordentlich und aufgeräumt. Keine tausend Drähte an Deck mit Fleischhaken und Korkenziehern. Was man anfasst ist leicht, handlich und ge-diegen. Meine Zimmerhock befindet sich im vorderen Deckshaus. Klein, aber gut ausgerüstet mit Material, Hobelbank und brauchbarem Werkzeug. Die einzelnen Decks in den Luken erreicht man man nicht über Leitern, sondern durch ein richtiges Treppenhaus. In dem sind auf halber Höhe da auch die großen, starken Ventilatoren eingebaut, die nach ausgeklügeltem System die verschiedenen Laderäume belüften. Exakte Kühlung auf das Zehntelgrad genau und exakt abgestimmte Luftmengen sind das A und O auf einem Bananenjäger. Zwischen der 20 cm dick isolierten Bordwand und dem eigentlichen Laderaum auf jedem Deck verlaufen lange enge, durch Blechwände abgetrennte Kontrollgänge. In denen werden an verschiedenen Stellen die Thermometer abgelesen und sie dienen vor allem als Zuleitungskanäle für die komplizierte Ladungslüftung. Alle Decks sind mit hölzernen Grätings ausgelegt. Unter diesen Grätings wird dann die gekühlte Luft durch geleitet. Bis zu vier Decks hat eine Luke; man sieht keine Spanten, nur ringsherum die weiß gemalte Blechverklei-dung an den Seiten und unter Deck. Bananen sind druckempfindlich und dürfen deshalb nicht sehr hoch übereinander gestapelt werden. Die Decks sind deshalb ziemlich niedrig und vielfach unterteilt in hölzerne ‚Bins'. Die bestehen aus hölzernen Stützen in Abständen bis zu dreieinhalb Meter und zwischen denen sind in Abstän-den vier starke Bretter herausnehmbar übereinander eingelegt. Die Bins bilden also große Kästen, die verhindern sollen, dass die sensible Bananenladung bei Seegang hin und her rutschen kann. Bei Bedarf – d.h. andersartiger Ladung – lassen sich die Bins leicht ausbauen. Zwei Decks übereinander bilden einen Kühlraum. Die einzel-nen Kühlräume sind – mit großen hölzernen Eisdeckeln abgedeckt – temperaturmäßig voneinander getrennt. Auch die Scherstöcke sind isoliert, deshalb aber auch klo-biger als auf Stückgutschiffen. Alles was da so an Holz in den Luken vorhanden ist – und das sind wirklich Mengen – ist allerbeste astreine Kiefer, sauber und glatt und mit Bootslack lackiert. Ein Vermögen, was die hier an Holz so eingebaut haben. Es riecht mächtig nach sehr viel Arbeit hier – aber guter, sauberer Arbeit. Etwas unge-wöhnlich für einen Bananendampfer ist hier an Bord die fünfte Luke.
Das Schiff löscht Bananen aus Guayaquil. Kein Kranbetrieb, die Bäume sind getoppt, das Schiffsgeschirr ruht. Die Bananenstauden, durchweg alle kritzegrün, werden pierseitig mit großen Elevatoren, etwa wie die in Hamburg üblichen Paternoster - diese altmodischen endlosen Personenaufzüge - gelöscht. Mit leisem Klackern er-scheint Staude auf Staude aus der Luke, wandert hoch über unseren Köpfen zur Landseite, wird unten auf Fließbänder abgelegt und verschwindet im nahen Schuppen direkt bei den wartenden Kühlwaggons. Plötzlich gibt es Unruhe unter den Schauerleuten, da bei Luke fünf. Der Elevator stoppt. Als ich mich neugierig durch die palavernden Franzosen – alle sehr einheitlich gekleidet in leuchtend blaue Ar-beitsanzüge - hindurch schiebe, sehe ich eben noch wie einer von ihnen eine sich windende, gut einen Meter lange grasgrüne Schlange am Schwanzende gepackt haltend in eine braune Papptüte plumpsen lässt. „Die wird der mit Sicherheit an irgendein tropisches Institut verscheuern“ erklärt mein Kollege. „Giftig?“ – „Aber Hal-lo!" kommt die Antwort auf meine etwas zögerliche Frage. „Geh bloß nie ohne lange Hosen und Gummistiefel in die Räume runter! Und fass nix an ohne Handschuhe! Neben Schlangen gibt’s auch öfters mal Vogelspinnen in der Ladung und... Bana-nenschweine!" (Was ist das denn nun wieder?) Um nicht als völlig ahnungslos dazu-stehen, verkneife ich mir die Frage.
Eine seemännische Grundregel lautet nämlich: Du solltest nicht immer gleich zugeben, wenn du mal was nicht weißt oder kannst. Du wirst es schon noch erfahren. Eine andere: Lass dir nie was aufdrücken, was eigentlich ein anderer machen sollte, könnte oder müsste! Es sei denn, du wirst ausdrücklich drum gebeten, weil sonst kein anderer dazu in der Lage ist. Alles andere wird dir als Schwäche ausgelegt und das ist nicht gut für deine Position in der internen Hackordnung an Bord.
Der Rest des Tages vergeht schnell. Einmal mit dem Vorgänger durch das ganze Schiff. Ich lerne viel Neues; hier gibt es Sachen, die auf einem Stückgutdampfer für mich früher undenkbar waren. Keine glitschigen Leitern in die Laderäume, dafür aber regelrechte Treppenhäuser. Keine Sonnenbrenner, sondern überall fest eingebaute Raumbeleuchtung. Keine ‚Tortenheber‘ für die MacGregors, sondern ein handliches Hebelsystem. Meine routinemäßige Arbeit beginnt mit Frischwasserübernahme. Am späten Abend laufen wir aus.
Mein Platz in der Messe ist der gegenüber vom Bootsmann. Ein freundlicher, et-was untersetzter Anfangsfünfziger. Eben der eingangs beschriebene Richard Kupries. Im Wesen herzlich, kameradschaftlich - ostpreußisch! Und er spricht auch die-sen urgemütlichen, weichen Dialekt, der diesen Menschenschlag so sympathisch macht. Später zeigt er mir alles, was ich noch nicht wissen kann, aber über Bananen und Kühlschiffe wissen muss. Wir sind Kammernachbarn und werden bald gute Freunde. Die andere Nachbarkammer bewohnt Rudolf, der schon bekannte sechsundfünfzigjährige Storekeeper-Veteran. Ein Original und Heizer vom alten Schlag: Vor dem Krieg noch als Trimmer und Kohlenheizer gefahren, später dann befördert zum Donkeymann. Sozusagen Oberheizer. Hager, zäh, in langen Dienstjahren ergraut, aber insgesamt eine echte kölsche Frohnatur.
Beim Smoketime lerne ich die Crew kennen. Der Kabel-Ede heißt Uwe Gott-schalk, ein Typ für sich. Dem Äußeren nach könnte man ihn leicht für einen Zigeuner halten (den Ausdruck Roma kannte man damals noch nicht), vielleicht ist er's auch. Ich nehm schon mal vorweg, was ich später so nach und nach erfahre. Ede entstammt einem Zwölf-Kinder-Haushalt, der sich auf eine Mutter und mehrere Väter begründet. Schmaler Kopf, Plattnase und blaue Augen schwarze Haare, vorstehende Schneidezähne und einen auffallend dunklen Teint. Wenn er nicht dabei ist, dann heißt er auch schon mal Kanacker-Ede. Ist aber nicht böse gemeint. Ede grinst ständig. Sein Deutsch ist schlicht und er nuschelt. Guter Seemann, guter Kumpel, eine treue Seele. Ede träumt oft und das dann auch öffentlich von einer Karriere als ‚Playboy‘.
Nächster in der Deckshierarchie ist Hermann, der gestandene Matrose Hermann Haack. Ein flachsblonder Hüne mit bärtigem Seehundskopf und 'Rettungsringen' um seinen Äquator. Mit mir zusammen eingestiegen ist Günter Christiansen, ebenfalls Matrose - Gastwirtssohn aus Wyk auf der Insel Föhr. Unter der 'jungen Garde' ein strammer Jungmann namens Leuk-Emden, genannt 'Kreuzer'. Den Spitznamen hat er schnell weg, als es rum ist, dass sein Großvater Artillerieoffizier auf diesem berühmten Kreuzer EMDEN gewesen war, der von den Engländern im ersten Weltkrieg vor den Kokos-Inseln im Indischen Ozean zu Klump geschossen wurde. Später dann haben alle überlebenden Besatzungsmitglieder dieses Schiffes als höchste Aus-zeichnung für tapfere Gegenwehr zum Familiennamen zusätzlich angehängt den Ehrennamen ‚Emden’ verliehen bekommen. Der ist sogar vererbbar und deshalb trägt Rolf Leuk dieses angehängte Emden. Einer der Schmierer heißt Maik Vesper-mann, ein Typ im Aussehen und Figur ähnlich dem amerikanischen Filmschauspieler Victor Mature (Hollywood-Stammheld in fast sämtlichen „Bibel-Filmen“ der Fünf-ziger Jahre). Vielleicht noch ein bisschen besser. Er selbst ist eine ausgemachte Frohnatur. Genannt „Mike Molto, Deutschlands größte Fernsehmaus“. Ungemein freundlicher Typ. Er entstammt einer bekannten Schaustellerfamilie vom ‚Hambur-gerDom‘. Das erst mal nur eine kleine Auswahl aus unserer Crew. Insgesamt gese-hen sind alle in der Mannschaftsmesse durchweg positiv; keine Luschen dabei.
Nachstehendes erst später nochmal verwenden: Um es kurz vorweg zu nehmen, auf dem Heuerschein vorgedruckt ist meine vorgesehene Fahrtzeit für die CAP VALIENTE befristet auf '...mindestens 18 Monate, wenn das Schiff vorher keinen deutschen Hafen anläuft'. Wir machten zunächst zwei Bananenreisen nach Guaya-quil, fuhren tiefgefrorenes Rindfleisch nach Riga und danach weitere zwölf Bananen-reisen, über die noch ausführlicher zu berichten sein wird. Insgesamt habe ich 19 Monate und einen Tag Fahrtzeit auf diesem Dampfer ‚abgerissen‘.
Die Überreise von Dieppe nach Guayaquil via Panama-Kanal ist eine Angelegen-heit von zwei Wochen. Und – tatsächlich, als die Decksbesatzung während der nächsten Tage die Luken reinigt, gibt es mehrmals Schlangen- und Spinnenalarm. Zum Glück sind die Biester noch weitgehend erstarrt und träge in der kühlen Luke – Bananen werden nach Vorgabe des Charterers mit exakt 11,2 Grad Celsius gefahren – deshalb sind sie ziemlich erstarrt; können weder flink entwischen noch angreifen, wenn man sie beim Hochnehmen der Grätings findet. Grundsatz: Je kleiner und scheckiger, desto giftiger. Das gilt für die Schlangen. Also, Schaufel drauf und das war’s dann… Aber einmal dann – Hein Seemann ist ja von Natur aus neugierig. Eine Handteller große, dunkelbraune Vogelspinne (bei denen gilt je dunkler, desto giftiger) frisch entdeckt zwischen Bananenmüll versucht im Zeitlupentempo sich unter die nächste Gräting in Sicherheit zu bringen. Hermann und Günter verfrachten sie per Zinkpütz an Deck und kippen sie da einfach mal hin. Mal sehen, was das Monster so macht. Alle drängeln sich neugierig ran. Unheimlich und abschreckend wirkt der große Körper mit den dicken Beinen und alles behaart. (Ich weiß, im Jahre 2011 sieht man das ganz anders). Sie wartet ab, genießt anscheinend die wohltuende Sonne, und dann – so aus dem Stand – vollführt sie einen richtigen Satz Richtung Hermann. Und der große Kerl kreischt auf, wirft sich seitwärts und – flatsch – aus dem Affekt heraus tritt wieder die Schaufel in Aktion.
Ein neuer Tag, neues Viehzeug. Diesmal hat Ede ein Bananenschwein gefunden. Rin inne Zinkpütz und an Deck damit. „Mann was’ datt denn?“ Selten so was Hässliches gesehen. Rattenähnlich, auch von der Größe her, grauschwarz behaart, ein fleischig kahler langer Schwanz „und der Kopf – iieh – wie der das rote Maul aufreißt und was der für Zähne hat…“. Ede hält probeweise den Besenstiel in die Pütz und sogleich fängt das Viech an, entschlossen daran hoch zu robben. Hält dabei die Knopfaugen starr auf Ede gerichtet und faucht und giftet so drohend, dass Ede es mit der Angst zu tun kriegt und Besen samt Bananenschwein angewidert über die Kante schleudert.
Tage später. Am späten Abend ein markerschütternder Schrei aus der Schmiererkammer, wo kurz zuvor noch mit mehreren Piepels heftig gezecht wurde. Kleiner Auflauf im Gang. Der lange Wolfgang aus Hürbach totenbleich. „Was ist…“ Dann ein Brüller. Wolfgang vor Zorn, die anderen vor Vergnügen. Hat ihm doch einer eine kapitale Vogelspinne unter das Kojenzeug gesteckt. Nein, nicht tot ist die, sondern aus Gummi! Ein Scherz. Na ja, so was kommt nicht immer gut an auf einem Bananenjäger. Da gibt es so gewisse Stories. Wie Günter jetzt erzählt: „Also, bei Laeisz war das, da ist der Chief nachts aufgewacht und merkte, wie ihm was übers Bein krab-belt. (Die Reederei) Laeisz hat ja jede Menge Bananendampfer und die Chiefskammer ist da genau wie bei uns auch direkt an Deck Vorkante auf Backbordseite. Bloß, dass die auf dem Dampfer da keine Aircondition hatten und da standen in den Tropen eben nachts alle Fenster auf, damit der Fahrtwind so ein bisschen Kühlung reinbläst. Und just in dem Moment, wo der Chief sich über das Bein wischen will, da hat das Biest auch schon zugebissen und von dem Moment an war der steif. Konnte sich nicht mehr rühren; nicht mal mehr ans Telefon. Und so hat ihn morgens der Steward gefunden Der Chief kam zwar mit dem Leben davon, war aber noch wochenlang gelähmt…“
Womit sich bei nächster Gelegenheit der Dritte als Bord-Medizinmann meiner besorgten Frage gegenüber sieht: „Und wie ist das, wenn ich von so nem Vieh gebis-sen werde, was dann?“ – „Jaa – da haben wir natürlich ein Gegengift in der Bordapotheke…“ –  „Und das wirkt gegen sämtliche Schlangensorten, die so da unten rumkriechen?“ Etwas zögerlich die Antwort: „Ja, sollte das schon…“ „Und was ist mit den Spinnen?“ – „Tjaaa, da nehmen wir dasselbe Serum…“ Und das hilft auch?“ Antwort: „Ähm – also das weiß ich doch nicht!“
Lange vor Erreichen der Karibik sind die Luken blitzblank sauber und ladeklar. Die Crew macht an Deck die üblichen Verschönerungsrituale. Roststecker, Mennige, Pinsel und ‚Farv‘. Es gibt hier nicht das große Geschirr-Überholen wie auf normalen Stückgutfrachtern. So ein Bananenjäger hat nur wenige Häfen, kennt keine Strapazen, wird nicht beansprucht, schon gar nicht das eigene Ladegeschirr. In der Frucht-fahrt so richtig Dreck und Gammel, das kennt man hier nicht. Die Luken sind ausge-sprochen pflegeleicht, die Bilgen pikobello sauber, weiß ausgemalt und ran kommt man an die ohnehin nicht so einfach, weil sie unter Eisdeckeln verborgen sind und mit Mannlochdeckeln dichtgeschraubt. Die Bilgen sind größer als auf Frachtern, da kannste aufrecht stehen drin. Sie werden nur rein routinemäßig in Abständen kontrolliert. Wenn später die Bananen tropenwarm an Bord kommen, dann schwitzen die durch die Kühlung vor allem in den ersten Tagen so viel Feuchtigkeit aus, dass sich dann tonnenweise klares Wasser in den Bilgen sammelt, was täglich gelenzt werden muss. Im weiteren Verlauf der Reise mit sinkenden Temperaturen und abnehmender Luftfeuchtigkeit lässt das deutlich nach.
Was tut man, wenn es nichts zu tun gibt. Hein Seemann lebt hauptsächlich von Überstunden. Die blanke Heuer allein bringt ja nix. Also arbeitet man bedächtig, da-mit die Arbeit nicht vorzeitig ausgeht und man weiterhin Geld verdient. Einschließlich Max fahren 32 Mann auf der VALIENTE und zehn davon an Deck. Denn es müssen ja alle drei Wachen mit je drei Mann besetzt sein und dazu kommt noch der Scheich. Als Unteroffizier hat man gewisse Privilegien. Die Hapag stellte die weiße Mütze, dazu gab es 20 Mark Kompetenzen im Monat. Damit man dem Wassermann auch mal ein paar Zigaretten zustecken kann. ‚Die Süd’ lässt 50 Märker springen plus Mütze, außerdem darf man auch mal rumstehen. Da finden sich zu gewissen Zeiten an gewissen Orten die Unteroffiziere zusammen. Also Scheich, Blitz, Story, Erster Steward und mal so der eine oder andere Assi. Stets dabei der Zimmermann! Das kann auf der Klempnerwiese sein oder achtern im Versaufloch oder sonst wo. Hauptsache nicht auf dem Vordeck – man soll ja die Schiffsleitung nicht unnötig provozieren. Und wenn man sich vor der Kombüse trifft, dann gehört natürlich auch der Koch dazu. Die Kombüsentür ist in der Mitte geteilt. Die untere Hälfte ist normaler-weise geschlossen, damit keiner von Deck oder Maschine einfach so reinlatscht. Ist verboten wegen der Hygiene. In die Kombüse dürfen außer Koch und Bäcker nur die Feudelschwinger rein zum Service. Bordregeln sind streng. Auf der unteren Türhälfte ist eine Ablage montiert. Da kann man auch mal ein Bier drauf abstellen. Die Kom-büse hat praktischerweise stets eine Kiste Bier im Kühlschrank.
Und was läuft da bei diesen zufälligen Zusammentreffen? Zippeln natürlich. Nur mal eben ein’ auszippeln. Na, die Streichholz-Arie, ihr wisst schon. „…Wer legt vor?“ – „Na – wer animiert hat natürlich, also du, Timmermann!“ – „Zwei Hälften, wie im-mer, erste ein’ drin, ohne bluffen…“ Und so nimmt das denn stets seinen Anfang. Erste Runde geht an den Steward. Na ja, der hat ja oben seine Barvorräte. Zieht ab, kommt mit fünf kalten Holsten wieder. „Wie heißt der Leuchtturmwärter von List?“ „Naa?“ – „Richtich, Prooost heisster!“. Tut gut, so’n kaltes Bier. Und es wird Revan-che gefordert und dann geht das so weiter, bis – ja bis irgendetwas zum vorzeitigen Abbruch zwingt. „Wie bruk Farv, Boutsmann“, oder ein Maschinenalarm trötet, oder „Blitz, du musst ma nahm Lüfter bei Luk zwei kuckn…“ Der Koch: „So, muss ma sehn, dass der Backmann nich den Eintopp anbrennen lässt…“.
Abends wird auch gern und viel gefeiert. Partys in beiden Gängen unter Deck, wo die Mannschaft haust. Irgendwann ist jede Kammer mal dran.
Am siebten passieren wir die Mona-Passage, schlagartig wird es richtig warm und feucht. Monsun! Ohhh, welche Wonne ist doch so ne Aircondition. Man kann schla-fen, ohne im eigenen Saft zu liegen. Zweieinhalb Tage später erreichen wir Cristobal. Bunkern ja, macht die Maschine, aber ich muss Wasser übernehmen. Also, Landgang fällt flach. Nachts geht’s los in den Kanal. In den Schleusen muss ich das Spill fahren, alles andere – Festmachen der Loks – besorgt bekanntlich hier die Kanal-Gang.
Am Nachmittag sind wir durch, an Backbord grüßt Balboa, ein paar kleine Insel-chen noch, dann sind wir im „Pitzifac“. Auf Gegenkurs begegnet uns mit schneller Fahrt schneeweiß glänzend ein Kollege: Die ALSTERBLICK von Sloman. Voll abgeladen mit Bananen von Guayaquil. Noch vor drei Jahren war ich da an Bord. Mit ei-ner Reparatur-Gang bei Blohm & Voss. Ich stelle für mich mal wieder fest. Blohm baut die verdammt schönsten Schiffe… Die ALSTERBLICK sieht in der Abendsonne fast noch besser aus als wir - mit ihrer über die volle Breite der Aufbauten verkleide-ten Teakholzbrücke. Noch immer das Markenzeichen aller Sloman-Dampfer
Etwas mehr als zwei Tage später abends gegen elf schmeißen wir vor der Insel Puna den Anker. Puna – bekannt als berüchtigtes Schmugglernest. Schlimmer noch: Stoßtruppartige Überfälle und Gewalt gegen Schiff und Besatzung, wenn man nicht auf der Hut ist. Einen halben Tag habe ich damit verbracht, den Dampfer ‚Gujackelklar’ zu machen. Sämtliche Peilverschlüsse knallhart andrehen, alles was beweglich irgendwo angebracht ist und abgebaut werden kann. Und vor allem: Alles aus Mes-sing und Bronze muss weg! Abbauen und einschließen. Die klauen restlos alles was aus Buntmetall ist und blitzt – wie die Elstern. Also Achtung, ja – auch die Schiffsglocke auf der Back sicherheitshalber ins Kabelgatt. Feueräxte und Feuerlöscher auf die Brücke. Schläuche aus den Feuerkästen raus. (Nicht auszudenken, falls Feuer ausbrechen sollte!) Schließlich so gut wie alles was verschließbar ist, abschließen!
Kaum ist der Haken weg, taucht schon ein Boot auf aus der Dunkelheit. Gibt sich als Agenturboot aus. Palavern rum, wollen die Gangway runterwinken. Kapitän Scheringer hängt sich über die Nock, „Gangway bleibt oben!“. Und dann staucht er die auf Spanisch zusammen, dass es eine Art hat und sie sich laut pöbelnd wieder davon machen. Unser Alter kennt sich aus; im Krieg war er U-Boot-Kommandant und außerdem jahrelang in Südamerika interniert.
Früh morgens oben in Guayaquil geht der Lotse von Bord, es gab weiter keine Vorkommnisse. Wir ankern zusammen mit Stückgutschiffen und anderen Bananen-dampfern inmitten des lebhaft dahin strömenden, schmutzigbraunen Rio Guayas. Die Stadt drüben am Ufer gibt nicht viel her, flach hingestreckt eine ziemlich nichts-sagende Ansammlung von Häusern, reichlich schäbig, was man so sieht. Gleich nach Ankunft nähern sich Schlepper mit zahlreichen Schuten – spanisch Llanchas –die dann bis zu drei Reihen breit an beiden Seiten von unserem Dampfer festmachen. Um ein Dutzend oder mehr mögen es sein. Die Ketten unserer zwei ausgebrachten Anker zeigen durch dies zusätzlich am Schiff zerrende Gewicht steil vor-aus, verstärkt durch die starke Strömung. Alle paar Stunden, wenn der Strom kentert, hieven wir – und alle anderen Dampfer in langer Reihe ebenfalls – einen der beiden Anker hoch. Die Schiffe schwoien dann – abhängig vom auf- oder ablaufenden Wasser oben oder unten beginnend einer nach dem anderen – mit ihrer Leichterlast einer Ente ähnlich mit ihrem dicht um sie gescharten Nachwuchs, langsam eines nach dem anderen langsam um den noch verbliebenen Anker herum in die Gegenrichtung. Eine spannende Angelegenheit. Wehe dem unachtsamen Schiff, das den Zeitpunkt verschläft, den zweiten ausgebrachten Anker nicht hochholt hat. Die beiden Ketten werden sich ineinander vertörnen und bei der nächsten Tide dann noch mal und zuletzt lässt sich das Problem nur noch per Schweißbrenner beheben. Die abgebrannte Kette samt Anker ist dann wohl auch noch futsch. Aber ob hier oder woanders, vorgekommen ist das immer wieder mal.
An Deck jede Menge Händler. Indio-Frauen. Panama-Hüte kann man kaufen und die sind wirklich gut. Zwei Ami-Dollar für einen echten Panama? Fühlt sich angenehm glatt an und ganz fein geflochten. Also gut, noch zwei Schachteln Astor dazu. Ansonsten Früchte, Ledersachen, schöne weiche kunstvoll gestickte Schals. Meri-nowolle? Alpaka? Aber was sollst du damit? Na gut, als Mitbringsel für zu Hause.
Geladen wird teils über Deck mit zwei transportablen Elevatoren von Land, teils über die Pforten. Der Bananero – oberster Chef der Stauerei – hat die Übersicht und das Sagen über alles. Die Elevatoren, per Lancha gebracht, werden mit unserem Ladegeschirr an Deck gehievt und quer über Lukenkumming und Verschanzung gelegt. Betrieben werden sie mit Bordstrom. Die beiden anderen Luken werden über unsere aufgeklappten Bananenpforten in der Bordwand beladen. Von den Llanchas hoch führt ein System von hühnerleiterähnlichen Laufstegen durch die Pforten in den Schiffsbauch und drinnen dann über weitere schwankende Stege durch den Luken-schacht bis runter in den Unterraum, wo ein Heer von barfüßigen braunen Arbeitern die in Plastikfolien gepackten Bananenstauden bis in die Bins weiterreicht. Dort werden sie dann – lüftungsfreundlich – in zwei Lagen aufrecht übereinander gestaut. Wenn der Raum voll ist, folgt das nächste Deck. Das Ganze geht im Laufschritt vor sich und insgesamt ziemlich flott. Nach einigen Stunden merkt man bereits, wie der Tiefgang zunimmt.  An verschiedenen Stellen auf den Lanchen und in der Luke produzieren sich Vorarbeiter als echte Antreiber – breitbeinig auf Zehen wippend - schreien, pöbeln und brüllen sie unaufhörlich, auch so’n bisschen knuffen mit Ellbo-gen und Peitschenstiel, um das Lauftempo noch zu steigern. Nicht viel anders ging es wohl seit Tausenden von Jahren zu in den Häfen der Welt – wo immer Menschen als Lasttiere eingesetzt waren. Riecht schon fast nach Sklaverei. Aber – Moment mal, eigentlich schreiben wir doch das Jahr 1964!
Kaum ist eine Llancha leer, bringen die Barkassen neue heran. Es gibt keine Pausen, der Ladebetrieb läuft durch, volle Pulle. Aber immerhin, es hängt mitten zwischen dieser Schutenschar eine, die so etwas wie eine schwimmende Kantine darstellt. Da wird gekocht und gegrillt, werden Getränke verkauft, da dudelt Musik und da können sich die Bananensklaven zwischendurch mal ein bisschen ausruhen.
Selbstverständlich ziehen abends unsere Decksgang und das Heizervolk an Land. Per Agenturboot. Zwei bekannte Seemannskneipen gibt’s in Guayaquil, die 'Anita Bar' und die 'Villa Rosé'. So richtiggehende Pressluftschuppen mit greller Jukebox-Musik, primitivem Blechmobiliar, mit ziemlich mies zusammen gepantschtem einheimischem Rum zur Cola und – die Hauptsache: Zwei Dutzend abgetakelte Hu-ren. Eine Anzahl schäbiger Zimmer wartet auf Kundschaft für die schnelle Lust. Jaa, un dann musste noch aufpassen, dass de nich angeschissen wirst. Und wennde Pech hast, dann haste dir auch noch die Gießkanne verbogen… Auf dem Weg zum Abtritt komme ich an den Boxen vorbei, wo die Putas ihren Geschäften nachgehen. An einer der Fensterluken ist der Vorhang nicht ganz geschlossen. Ein athletischer Männerkörper ist sichtbar, stemmt Liegestützen, rhythmisch fast wie eine Maschine. Maik ist es, unser Schmierer. Die Frau unter ihm glotzt ergeben, nein eher überaus gelangweilt zur Decke. In Bananenhäfen mit nur eintägiger Ladezeit kommt keine große Romantik auf; hier reagiert Hein Seemann Frust und Lust ab, knallt sich ein' rein und schon mit der nächsten oder übernächsten Tide gehts wieder ab Richtung Heimat. Und die ‚Padrones’ von diesen Kaschemmen und die Mädels sind aufs schnelle Geld aus und sonst gar nichts.
Morgens um neun sind wir abgeladen. Mein Job ist es, die Pforten dicht zu machen. Die Pforten – das sind diese reichlich zwei Quadratmeter großen, verstärkten und vor allem verdammt schweren Stahlklappen in der Bordwand, die seitlich in schweren klobigen Scharnieren hängen und jetzt nach außen raus geklappt sind. Weißgott eine Knochenarbeit, die Dinger in ihre genaue Sollposition wieder ran zu ziehen. Besonders vorne bei Luke eins, wo die Bordwand stark nach außen über-hängt. Ist nur mit Hubzug zu schaffen und auch dann noch eine Plackerei. Schließlich noch die Vorreiber drauf und mit dem dicken Steckschlüssel dicht geschraubt mit aller Kraft. In dem Moment, wo die Pforten endlich dicht sind – der Lüftergang düster – nur durch die matte Lukenbeleuchtung erhellt – empfinde ich schlagartig die wi-derwärtig dumpfe Wärme, die von den Bananen hinter mir ausdünstet. Mir fallen die Schlangen ein und die Vogelspinnen, die irgendwo dazwischen stecken mögen und mich jetzt belauern. Nix wie dicht dat Schott, fertig und dann raus hier, denke ich – bloß raus aus der Luke, so – und jetzt kann der Blitz die Lüfter anschmeißen und die Kühlung. . . 
Zwei Tage später wieder in Balboa. Einen halben Tag Wartedauer bis zur Kanal-passage, dann kommt der Lotse und wir fahren los. In der Miraflores-Schleuse be-gegnet uns ein uralter Ami-Frachter von ‚Calmar-Line’ mit voller Decksladung für den Vietnam-Krieg. Erzählt der amerikanische Lotse auf der Brücke. Hauptsächlich schwer bewaffnete Schnellboote und weiß eingemottete ‚Fliegende Bananen’. Foto Das sind die großen Transporthubschrauber mit zwei Tragrotoren. Ich gehe Bereit-schaft am Anker solange wir durch den eigentlichen Kanal fahren. An Backbord im Gaillard-Durchstich hoch oben an der Felswand die Tafel, die an die 40 000 Toten beim Bau erinnert. Neben zahllosen Unfällen gingen die meisten wohl an Malaria und Gelbfieber drauf. Wir sind natürlich vorschriftsmäßig geimpft gegen das Fieber, aber damals um 1900, da war man noch nicht so weit. Heute gibt es kaum noch In-sekten im Kanalbereich. Wie das kommt . . .? Ganz einfach. Die Amis schwingen weiterhin mit aller Macht die chemische Keule. Gelegentlich sieht man eines der Sprayflugzeuge den Kanal überfliegen. Später öffnet sich das Kanalbett zum Gatun-See. Vor den Schleusen liegen drei andere Schiffe auf Warteposition. Auch wir schmeißen den Haken weg. Ein Gewitter zieht auf. Schlagartig wird es dunkel. We-nig später zucken reihenweise Blitze in den See. Danach ist die Luft angenehm frisch. Ein riesiger Käfer landet unbeholfen auf der Luke. Bierdeckelgroß, der Olmel. Hat sich wohl verflogen. Niemand hat je so ein Riesenviech gesehen. Wir lassen ihn sich erholen. Man sieht deutlich, wie er mit den Tracheen Luft in sich rein pumpt. Der macht richtig Lärm, als er wieder startet. „Zimmermann auf die Back!“ Anker hieven. Der 26 Meter tiefe Abstieg durch die drei Gatun-Schleusen beginnt. Nach zwei Stunden sind wir in karibischen Gewässern.
Vierzehn Tage Seetörn bis Ankunft Bremerhaven. Auch hier wird die Ladung mit Elevatoren gelöscht; eine schnelle Angelegenheit. Wir sind an Salén verchartert; der größte skandinavische Fruchtreeder. Deshalb fahren wir auch den blauen Schorn-stein mit einem großen weißen S drin und drüber und drunter eine weiße Banane. Anschließend machen wir eine weitere, genau identische Bananenreise nach ‚Guja-ckel‘ und zurück nach Bremerhaven. Hier wird diesmal nur die Hälfte der Ladung gelöscht. Am nächsten Tag geht’s dann weiter mit den restlichen Bananen nach Oslo. Die ganze Schiffsladung Bananen können die paar Norweger wohl kaum alleine aufessen; deshalb wohl haben wir die Hälfte schon mal in Deutschland gelassen.
In Oslo tut sich erstmal gar nichts. Der Landgang und auch die ganze Stadt er-weisen sich als pottlangweilig, es gibt keine Kneipen. Ohne Bier macht Landgang kein’ Spaß. Norwegen ist ein verdammt trockenes Land. Wenn es denn irgendwo in Oslo reichlich Alkohol gibt – ob Bier, Wein oder Sprit – ja, dann wohl vor allem bei uns an Bord. An der Pier lungern ein paar runter gekommene Dockschwalben rum und machen Gesten, die man wohl als Saufen interpretieren soll. Vielleicht aber auch was anderes. Auf keinen Fall lassen wir sie die Gangway hoch. Noch was: Chruschtschow ist gerade auf Staatsbesuch hier in Oslo.
Ein schmucker weißer Passagierdampfer namens ASERBEIDSCHAN mit Sowjet-flagge am Heck liegt in Sichtweite. So begierig auch ich mit meinem Glas da rüber geiere – kein Chruschtschow lässt sich blicken. Aber am nächsten Morgen rast eine schwarze Wagenkolonne los mit einem Affenzahn Richtung Parlamentsgebäude, da war er wohl irgendwie mittenmang.
An Bord herrscht ziemlicher Trubel. Die „Norskes“ haben mit dem Löschen begonnen. Die holen die Bananen doch glatt mit Hieven raus, also die Stauden auf Paletten gestapelt und die dann mit unserem Schiffsgeschirr an der Pier abgeladen. Ziemlich rückständig. Dafür haben sie eine eigene Riggergang mitgebracht. Wofür eigentlich. Es fällt auf, dass einige von denen sich den ganzen Tag an und in den Aufbauten rumdrücken. Und das vorzugsweise bei unserem Chief-Steward „Donald“ vor dessen Salon-Pantry. „Me-me-mensch“ stottert Bumski missbilligend, „schma-schma-schmeiß bloß die Ke-kerle raus hier…“. Na ja, Donald macht wohl Business mit denen. Einige von den Typen sind zunehmend leicht bis mittel besoffen. Abends gibt es Ärger. Einer versucht sich an unserem Ladegeschirr. Der turnt sichtbar besoffen auf dem Lukentempel rum und macht sich plötzlich an den Kontrollern zu schaffen. Dabei ist Raum zwei doch schon abgelaufen, keine Bananen mehr drin. Lässt jetzt die Winden von Luke zwei aufheulen wie ein Halbstarker sein Moped. Unsere Jungs – jetzt aufgeschreckt – haben ihre liebe Mühe, den da runter zu kriegen. Wenig später dann ist es passiert! Der Besoffene ist – plötzlich auf der Lukenkumming stehend, taumelnd – plötzlich platt in die leere Luke rein gefallen. Also echte zehn Meter tief und „voll auf die Fresse“.
Oh Gott…! Alles erstmal auf Null. Es dauert, bis der der Rettungswagen eintrifft. Bis dahin bemüht sich unten der Dritte zusammen mit Oase um den Verunglückten. Alles gafft runter. Der Dritte breitet hilflos die Hände aus, da ist wohl nix mehr zu machen. Der Zweite (Hein Blöcker) an Deck: „Nu mach man nich ein’ auf Panik, der lebt doch noch…“. – „Ja, sicher“ bemerkt Hermann ganz trocken. „Eben hatter noch mibbm Kopp gezuckt“.
Die Schauerleute – ohnehin sind die Norweger ja schlecht zu sprechen auf die Deutschen wegen Adolf noch – reagieren zunehmend wütend und aggressiv gegen unsere Matrosen und es wäre fast zu Handgreiflichkeiten gekommen. Später heißt es – und nicht zu Unrecht – sie hätten sich beim Steward Sprit verschafft und des-halb wäre das Schiff damit Schuld an diesem Unfall. Die Ladung ist zum Glück kom-plett raus und die Decksgang macht fieberhaft seeklar. Der Verunglückte wird gleich nach Inaugenscheinnahme durch den Notarzt vorsichtig auf einer Stretch mit dem Schiffsgeschirr aus der Luke gewinscht und an Land gesetzt. „Bloß weg hier“ murmelt Bumski. Wenig später sind die Verhandlungen mit Polizei und Hafenbehörden abgeschlossen und wir laufen aus. Alle mit einem mulmigen Gefühl. Kaum ist der Lotse von Bord, empfängt der Funker ein Telegramm, dass der Verunglückte im Krankenhaus verstorben ist. Wenig später finden Matrosen beim Saubermachen in der Luke eine leere norwegische Schnapsflasche. Ein Beweisstück – für uns. Nicht so gut für die Norweger, falls sie das Schiff irgendwie haftbar machen wollen.
Eine erfreuliche Nachricht: Es geht nach Hamburg. Wir kriegen einen neuen Bo-denanstrich und als erstes einen neuen Schornstein. Die Salén-Charter ist gelaufen, daddeldu. Weil noch nicht raus ist, wie’s weiter geht, wird umgemalt auf ‚Nillenkopp’ – weißer Schornstein mit knallrotem Topp. Die Hausfarben der ‚Hamburg-Süd’; vor-mals Eggert & Amsinck.
Eine volle Woche Werftzeit ist angesetzt. Deutsche Werft Reiherstieg. Gegenüber vom Baumwall. Eine Woche Schongang. Abends Landgang auf dem Kiez. Rund um Friedrichstraße und Wilhelmplatz. Der – so ganz nebenbei gesagt – im Jahr 65 auf den Namen Hans-Albers-Platz umbenannt wurde. Meistens die gleichen Kneipen: Istanbul, Große und Kleine Venus, Dakota-Bar, Pikkolo... Alle stets rappelvoll. Mit Seeleuten – deutschen Seeleuten! Es heißt ja, mehr als 50 000 deutsche Seeleute gibt es mittlerweile. Ja – und auf dem Kiez trifft man garantiert immer wieder gute alte Bekannte, mit denen man da und dort mal gefahren ist. Man feiert Wiedersehen und „…weißt du noch…“ und „…sachma, wo fährt der denn jetzt…“ und „wie ist der Trip denn und taugt die Reederei was?“  „Der Stall ist leer gefegt und sogar ‚Kuddel Hapag‘ hat schon bei Max angefragt ob er Leute hat; die kriegen jetzt im Sommer ihre Dampfer nicht besetzt…“ Offene Häme, weil die HAPAG allgemein so unbeliebt ist und so hochnäsig und bisher immer viel zu vornehm war, sich Leute bei Max zu holen, vom Öffentlichen Heuerbüro oben „vom weißen Schloss am Berg“ da gegen-über den Landungsbücken. Und Max, also Max Timm, dieses weithin bekannte Hamburger Original; früher als Scheich gefahren und jetzt der Boss vom Heuerstall. Die Musikboxen dröhnen, Bier und harte Sachen fließen in Strömen. Ein ‚Schiefer’ kostet bei „Hermi mit der verkrüppelten Hand“ im ‚Pikkolo’ nur 40 Penn und ne Buddel Elbschloß einszehn. Draußen die halbe Davidstraße längs stehen die Nutten dicht an dicht und in der Kastanienallee und der Taubenstraße und… Ja, und Aale Aale, dieses Ur-Kiez-Original, zieht „mit seim hochrädrigen Kinnerwagn“ durch die Gegend und ruft mit dünner Stimme Bundaale aus für zwei Mark das Stück. „Aale Aale!“ Und wenn ein’ der Hunger packt, dann ein halbes Hähnchen im Wienerwald oder schnell mal rein zu Schlachterheinz und ne Frikadelle für 30 Penn oder n Teller ‚Arfsnsupp’ für 55 mit Bockwurst drin. Außer feiernden Seeleuten gibt es massenhaft Mädchen in den Kneipen. Mädchen, die Dienst machen hinter dem Tresen und vor dem Tresen. Die hinter dem Tresen machen den Service und die vor dem Tresen animieren. Anschaffen tun sie irgendwie alle. Je nachdem wie man es anfängt. Ab-steigen gibt’s rund um den Wilhelmplatz reichlich. Und hin und wieder mal durch die Herbertstraße durch. Nur mal kucken. Auf der einen Seite, da ist so eine Art kleiner Hof. Da sitzen die hässlichen, Alten, die Ausgebrauchten. Hier drängeln sich die Gastarbeiter von den Werften. Türken, Griechen, Araber. Feilschen mit unterdrückten Stimmen, um den geforderten Preis – 15 Mark – noch weiter zu drücken. In den vielen Kneipen wird angemacht, palavert, gezippelt, gesoffen und später auf Zimmer dann geliebt. Nach der einen Woche – die Heuer der letzten Reise ist restlos verbraten – sind alle irgendwie froh, als ‚die VALIENTE’ endlich ausläuft.
Ich bin jetzt ein Vierteljahr an Bord und habe mich gut eingelebt. In Hamburg ha-ben wir einige neue Leute gekriegt. Auch einen neuen Blitz; er sollte später mein bester Kumpel bei der Seefahrt werden. Schade um den Zweiten Offi Hein Blöcker – sein Abschiedsspruch: sechs Monate lang nich ein Tach an Land – für ihn kommt ein neuer Zweiter, ein Herr W.-R.  Auch in der Maschine haben sie einen neuen zweiten Ing. Weiter einen neuen Koch. Blutjung ist der, heißt Meschede und stammt aus Me-schede. Weiter einen neuen Matrosen namens Oskar. Einen neuen Moses – mit Abitur! Na, so was auch.
Wohin wir fahren? Schon wieder nach Bremerhaven. Und dann? Ja, mal was anderes. Wir fahren langsam und vorsichtig an der Seefahrtsschule vorbei durch die Schleuse bis in die hinterste Ecke vom Fischereihafen. Und dort laden wir Fleisch. Gefrierfleisch – gefrorene Rinder-Hinterviertel für Frankreich. Zwei Tage später beim Ausschleusen – bestes Sonnenwetter – liegt im Nachbarbecken einkommend ein Fischdamper. So ein richtig vergammelter, verbeulter, schäbiger Dreckschlorren. Ein ‚Seitenklatscher’. Vom schwarzen Rumpf bis über den ehemals hellbraunen Brückenaufbau bis in die dünnen Masten – Rost und nochmals Rost in allen Schattie-rungen. An Deck eine einzige Wooling aus Scherbrettern, Bojen, Netzen, Tauwerk und Fischkisten. Und die Crew! Es wimmelt da geradezu von Piepels an Deck. Vorn und achtern beim Festmachen und dann hängen da noch genug rum überall verteilt, die scheinbar nix zu tun haben. Nur rüberglotzen. Typen, die allesamt filmreif sind in ihrem Piratenlook. Unrasiert mit wirren Haaren, abgerissen, in überlangen Gummistiefeln, die runter gekrempelt sind bis zu den Knien. Die liegen in Lee von uns, aber man sieht‘s ihnen von weitem an, wie sie stinken. Einige haben Buddels in den Hän-den oder am Hals. Wie es scheint, sind die meisten besoffen. Einer schreit heiser rüber: „Heh, kommt jiie ok vont Salt?“ Hermann brüllt freundlich zurück: „Nee, aber dafür sehen wir auch nicht so beschissen aus wie ihr…“. Gefolgt von fröhlicher Zu-stimmung unserer Decksbesatzung. Als Antwort erfolgt ein allgemeines wüstes Gegröhle, gefolgt von Würfen mit Flaschen und Fischresten, die gegen unsere frisch gemalte, provozierend glatte, strahlendweiße Bordwand klatschen.  
Die Schleuse geht auf und die Schlepper zotteln uns raus, Gott sei Dank. Kurs Weser aufwärts nach Bremen. Wir machen im Europahafen fest. Die Fleischverladung geht dort weiter. Ich verspüre plötzlich fürchterliche Zahnschmerzen. Ein Weisheitszahn wächst quer gegen den davor stehenden Backenzahn. Ab in die Uni-Klinik. Drei Mann schuften eineinhalb Stunden an mir herum. Mit schwerstem Geschirr. Maulsperre, Meißel, Schneidscheibe und Brechzangen. Ich bin halb tot, als es überstanden ist. Taxi zurück an Bord. Bumski läuft mir übern Weg; fragt mich, als er mein unmäßig aufgeschwollenes Gesicht sieht, ob ich nicht besser krankheitshalber abmustern will. „Äh-äh…“. Schüttel vorsichtig den Kopf. Na, das hätt’ste wohl gerne denk ich, von dem feinen Dampfer kriegt mich freiwillig keiner runter. Verhole mich schmerzgepeinigt für zwei, drei Tage in die Koje.
Wir fahren weiter nach Le Havre. Die Fleischladung wird an einem Kühlhaus gelöscht. Mein Gott, das dauert vielleicht. Versegeln nach Hamburg. An das große U-nion-Kühlhaus (heute ist da ein Altersheim drin) – erneut Fleisch laden. Plötzlich dienen wir als Kulisse für einen Tatort-Film, der gerade da von Jürgen Roland fürs Fernsehen gedreht wird. Unsere halbe Crew hängt vorne auf der Back über die Kante und gafft. Der Regisseur formt die Hände zum Schalltrichter nach oben; bittelt und bettelt „Jungs, tut mir doch ein’ Gefallen und geht mal weg da oben bis wir das hier im Kasten haben…“. Es hilft nichts. Hein Seemann ist nu ma unheimlich neugierig. Ein alter Opel Kapitän kommt die Pier entlang gerast. Jürgen Dräger lässt sich aus der Tür fallen, Auto knallt in den Bach, säuft ab. Bilder. Wird Minuten später mit ei-nem Landkran triefend wieder raus gewinscht. Na, das is doch mal was für uns. Jürgen Roland schickt einen erzürnten Blick in unsere Richtung; grimmig wegwerfende Handbewegung, als ob wir der letzte Schotter sind.
Wir sind noch immer nicht durch mit dem Fleisch. Nochmals nach Bremerhaven. Andere Texte checken: Damenbesuch für OA Fiete auf Weser-Außenreede. Endlich am 6. August, nachdem wir schon wieder neun Tage mit Fleischladen verbracht haben, geht es los Richtung Ostsee. Via Kiel-Kanal. Zehn Stunden Ankerwache auf der Back. Mein Job. Überstunden satt. Leicht verdientes Geld – solange es nicht regnet. Ich habe Glück. Auch kein Nebel. Zwei Tage später sind wir in Riga. Dort ist alles sehr fremd – grau – abweisend. Russland.
Die Einklarierung bezieht diesmal die gesamte Besatzung mit ein. Gesichtskontrolle, streng prüfende Blicke von den Uniformierten, Stempel ins Seefahrtsbuch. Und fertig. Das erste was wir vom Arbeiter- und Bauernparadies mitkriegen, ist Schwarzmarkt in Reinkultur. Schauerleute, Vorleute und allerlei windige Gestalten sprechen uns an – hinter vorgehaltener Hand: „Was du verkaufen, Mantel, Hose, Jacke?…“ Die feilschen einem glatt das letzte Hemd vom Buckel runter. Jeans 60 Rubel, Hemden 20 Rubel, sogar getragene Socken sind denen 3 Rubel wert. Ein Rubel kostet übrigens offiziell drei Mark und zehn. Am schärfsten sind sie auf diese hauchdünnen blauen italienischen Regenmäntel aus Nylon (verpackt in eine Mütze als Tragetasche). Die bekommst du in Deutschland nachgeschmissen für 5 Märker bei Karstadt und die Russen bieten einem dafür glatt sechzig Rubel!
Ich gehe mit dem Kabel-Ede an Land. Nur mal kucken ob keiner kuckt. Am Hafen-tor führt der Ausgang durch eine alte Holzbude nach draußen. Kontrolle. Müssen das Seefahrtsbuch abgeben und erhalten dafür einen grünen ‚Propusk’. Bei Verlust droht Landgangsstop und fünfzig Mark werden fällig. Devisen zum offiziellen Kurs von dreiMarkfünfzig  – keine schwarz getauschten Rubel! Hinter dem Hafentor run-tergekommene Straßen, ungepflegte Häuser. Uniformen jede Menge. Die Menschen in Zivil sind sehr ärmlich gekleidet. Nicht weit weg vom Hafen ein kleiner Park. So ein junger Typ spricht uns an in gebrochenem Englisch. Ob Ede ihm seine Sonnen-brille verkaufen möchte. Die Brille ist eine von diesen italienischen Polaroid-Brillen mit imitiertem Goldrand. Nein, will er nicht. Ob wir denn an Görls interessiert wären. Also wenn er die Brille kriegt, dann könnte er uns zwei junge Frauen besorgen und Wodka oder Krimsekt dazu so viel wir wollen. „Mann“, sag ich „Ede! Dat ist doch die Schanx“. Nein, Ede will nicht. Die Brille war schließlich teuer und er sieht doch so toll aus damit...  Dösbaddel!
Je weiter wir zur Stadtmitte kommen, um so auffälliger der Verfall, vergangene Bürgerherrlichkeit von früher. Das muss alles mal wunderschön gewesen sein, aber jetzt machen die gediegenen, einst großbürgerlichen Häuser einen eher traurigen Eindruck. Alles grau, farblos, verschlissen. Abbröckelnder Putz, nur noch Reste von Farbe auf den Fensterrahmen, fehlende Scheiben notdürftig durch Pappe ersetzt. Die Altstadt auch, sie ist von den Häusern und Gassen her verwinkelt – entfernt erinnert sie an eine deutsche Stadt; später erfahre ich, dass Riga – von Deutschen gegründet – jahrhunderte lang zu den wichtigsten und reichsten Hansestädten zähl-te. Straßennamen sind zweisprachig – kyrillisch und in lateinischer Schrift. Es sind nicht viele Menschen unterwegs und sie sind durchweg schlecht gekleidet. Im Zentrum ein paar armselige Läden. Ein Büchergeschäft, ein staatlicher Souvenirladen mit kitschigen Weinfässchen, bunt bemalten Matroschkas aus Holz, auffällig klobigen Armbanduhren und ziemlich kitschigem Bernsteinschmuck. Die Läden sind geschlossen; es ist Sonntag.
Später am Abend – wir haben noch immer keine uns zusagende Kneipe gefunden – stehen wir vor dem ‚Hotel Riga’. Ein ehemals wohl beeindruckendes Grandhotel, heute grau und düster wie alles hier. Egal, man hört so was wie Tanzmusik durch die elegant geschwungene Tür in einer Seitenstraße – was besagt, der Haupteingang vorn ist mit Sperrholz verrammelt – und – Ede will da rein. Wir werden von einem hünenhaft gewachsenen Portier mit weitem Uniformmantel samt goldenen Ärmel-streifen gestoppt. „Njet“ sagt der. Ede protestiert mit ein paar dürftigen englischen Brocken. Es bleibt beim Njet.
Also gut, ziehen wir also weiter auf der Suche nach irgendeinem Schuppen, Tanzbar, Nachtclub; egal. Gibt aber nichts außer einer armseligen Pennerkneipe – so wirkt die wenigstens durch die halb blinden Fenster und was sich da so an Stehti-schen lümmelt – also die ist nun wirklich unter unserem Niveau. Ede ist stur wie ein Panzer; will jetzt unbedingt in dieses blöde ‚Hotel Riga’ rein. Sabbelt, bekniet den Portier, dass es eine Art ist. Ich halte mich zurück, mir ist das peinlich. Ede holt den Propusk raus, einen Packen Rubel, D-Mark. Hält ihm einen Dollarschein vor die Nase. Ja – das wars doch! Und schon werden wir hinein geleitet.
 Das Lokal strahlt ebenfalls frühere, jetzt verblichene Pracht aus. Säulen, hohe Fenster, edle Täfelung an Wand und Decke. Viel Patina - alles stark vergilbt und vergammelt. Eine sich steif gebende schwarz befrackte Fünfmannkapelle spielt zum Tanz auf. Klarinette, Contrabass, Geigen, Schifferklavier. Altmodische Kaffeehaus-musik. Die wirkt nicht fröhlich beschwingt, sondern irgendwie steif. Stimmung in Moll. Auch alles andere wirkt reichlich plüschig. Zwei Drittel der Tische im hinteren Be-reich sind leer und tragen Schildchen ‚Intourist’. Der Portier übergibt uns einem be-frackten Oberkellner und der weist uns sehr gemessen einen freien Tisch zu; nicht weit weg von der Kapelle. Man nimmt uns die Mäntel ab und wir erhalten die Karte – zweisprachig – wir können aber wenig anfangen damit. Egal, unsere Tauschge-schäfte waren schließlich profitabel genug und so mimt Ede den Weltmann und ordert faunisch grinsend und mit großer Geste erstmal Champagner – vornehm geht die Welt zugrunde. Der Kellner weist dezent auf die Karte – drei Rubel die Pulle. Was wir speisen möchten? Ede deutet, da wir mit Wort und Schrift ohnehin nichts anfangen können, nach altem Seemannsbrauch einfach mit dem Zeigefinger nach rechts unten, das teuerste Gericht auf der Karte.
Ich sehe mich um. Die anderen männlichen Gäste sind entweder in Uniform – höhere Offiziere in Olivgrün oder Schwarz oder Taubenblau – alle mit viel Lametta drauf – oder in sehr schlichtem Zivil. Bei manchem hat es nicht mal zum weißen Hemd und Krawatte gereicht, sie tragen mit einiger Würde bunt kariertes Flanell. Dagegen sehen wir in unseren Straßenanzügen mit buntem Schlips weiß Gott ja richtig schick aus. Die Damen haben – wie’s scheint – entweder Selbstgeschneidertes an oder aber furchtbar altmodisch wirkendes Zeug am Leib. Irgendwie kommt es mir so vor, als ob uns alle aus den Augenwinkeln heraus neugierig anstarren. Ede probiert’s und mutig fordert er eine Dame auf zum Tanze. Holt sich prompt einen Korb und gleich drauf noch einen. Bei den abweisenden Blicken ihrer Kerle kann mich das überhaupt nicht wundern. Aber Ede gehört nun mal zu den wahrhaft glücklichen Menschen ohne jedwede Hemmungen.
Der Champagner kommt – wird knallend entkorkt – und wir machen erstmal prost und nasdrowje. Und wenig später dann das Essen. Ich glaubs nicht! Ganz ordinäre Frikadellen, Salzkartoffel mit Mehlschwitze und Weißkohl… Das hätten wir an Bord auch haben können. Na, egal, warum auch nicht und das dann mit Schampanski runtergespült, also richtig dekadent ist das. Und als die eine Pulle leer ist, gleich noch eine nachbestellt. Man muss die Feste halt so feiern wie sie fallen!
So nach und nach füllt sich der Saal. Ob das da hinten alles Intourist-Gäste sind? Egal, der Oberkellner beugt sich diskret herab und fragt in gebrochenem Englisch, ob wir was dagegen haben, wenn sich noch jemand zu uns setzt: Kurzer Blick hoch zu denen – aber nein, bitte, gerne… Das junge Pärchen in den Zwanzigern nimmt die beiden freien Plätze ein. Freundlich, nett und beide gut aussehend. Und sogar für unsere Begriffe gediegen angezogen. Trinken Cognac, die beiden. Nachdem sie sich eine Zeitlang in einer völlig unverständlichen Sprache miteinander unterhalten haben, höflich zurückhaltende Kontaktaufnahme mit uns mit der Bitte um Feuer. Ede bleckt breites Pferdegrinsen und zückt angeberisch sein goldenes Remington. Dann beiderseits zögerliches Herumgestottere, woher und was und wie. German, Germanski, Deutsch… Das Wort Hamburg bricht das Eis. „Ah, Gaaamburg!“ Auf einmal verstehen wir uns prima. Sind bald in angeregter Unterhaltung. Was heißt unterhalten. Wir verständigen uns mit den Händen und einem verwegenem Radebrechen aus Deutsch und Englisch. Anfangs hatten sie uns für DDR-Deutsche gehalten und deshalb wohl so zurückhaltend. „Aber Gamburg…!“ Also ob es das Schlüsselwort zur Verbrüderung wäre. Die sind mächtig interessiert, was über den Westen zu erfahren. Aber bei allem, was wir ihnen über den ganz alltäglichen Alltag so erzählen – Autos – Wohnen – Warenangebot und so weiter, spüre ich leichte Skepsis bei de-nen, so als ob wir das Blaue vom Himmel runter flunkern würden. Wir streifen das Thema Musik. Moderne Musik – Rock Musik. Wladimir erzählt, dass er im benachbarten Estland – da also stammen sie beide her – ein sehr bekannter Schlagerstar ist und dass es Ihnen im Vergleich zu den normalen Russen – nein, er und seine Frau Sylvia sind keine Russen sondern Esten (!), also dass es Ihnen im Vergleich zur normalen werktätigen Bevölkerung der Sowjetunion wirklich sehr gut geht. Schlagerstar! Von Elvis hat er schon mal vage was gehört und auf der Ebene sieht er sich selbst auch so etwa angesiedelt – aber die Beatles… Beatles? Nie gehört!
Champagner und Cognac fließen in Strömen und die Stimmung hebt sich zuse-hends. Auf der Tanzfläche ist ordentlich Betrieb. Ede mit seinem Grinsen und feuch-tem Hundeblick schmachtet Sylvia derart direkt an, - „Ohhh… Sylvia…“ - dass ich ihn kurz mal deutlich gegen den Knöchel trete. „Mann, kannze doch nich machen…“ Und dann auf schnell genuscheltem Platt, dass er sich zwischendurch mal irgendei-ne andere Tante zum Tanzen holen soll, damit er sich so’n bisschen abreagiert. Ist zum Glück einsichtig und schiebt ab. Hat endlich auch Glück bei den Damen und mimt den Eintänzer aus der Fischbratküche... Kommt ja auch ganz gut an mit seinem Zigeuner-Look. Zwischendurch mal wieder am Tisch knallt er sich den Scham-pus rein und dann wieder los. Ganz schön besoffen mit der Zeit. Und es kommt wie es kommen muss. Vielleicht ist er ja zu verwegen rangerauscht da, mit den Händen zu weit da reingerutscht ins wogende Fleisch; jedenfalls gibt es um ihn herum Tumult. Gekeife und so ein Kerl will da auch noch mitmischen. Es geht alles ganz schnell; die Kellner greifen ein – ziemlich routiniert, wie’s scheint, Ede wird zum Tisch gebracht, wir zahlen und schon werden wir stramm nach draußen eskortiert. Und mit einem letzten Blick streife ich über die Tische und – sitzt da nicht unser Kapitän Scheringer und schüttelt süffisant in sich rein grinsend das graue Haupt?
Am nächsten Tag morgens um acht Löschbeginn. An der Pier steht ein riesig lan-ger Güterzug bereit. Nagelneu, blitzblank geschliffene Aluminiumflächen. So was hat man ja noch gar nicht gesehen. Zwei der Waggons sind Aggregatwagen und be-stückt mit gewaltigen Dieseln und Kältemaschinen. Modernste Technik - Donnerwet-ter! Auf den Radgestellen prangt gut leserlich das Fabrikschild: VEB Waggonwerke Dessau. Also – so ist das. Reparationen aus dem verbündeten Bruderland DDR!
Vier Tage dauert es, 4300 Tonnen gefrorene Hinterviertel in die Waggons zu löschen. Währenddessen werden die Waggons mit Trockeneis gekühlt. Die Ladung wird gründlich von Lebensmittel-Laboranten geprüft. In jeder Luke mollige weiß bekittelte Frauen, die von jedem Stück Proben nehmen und dem Fleisch einen weiteren bunten Stempel verpassen. Einige der Schauerleute haben Sägen an Bord geschmuggelt und so wird trotz der Filzerei am Tor so manches gute Stück Fleisch unter schmierigen Wattejacken und weißen Kitteln aus dem Hafen raus geschmuggelt. Aus den Hintervierteln haben sich vereinzelt Nieren gelöst. Die liegen jetzt unten im Raum und fangen an stark zu stinken. Aber die werden von den Fleischdieben an-scheinend verschmäht.
Alle sowjetischen Häfen haben einen Interclub zur Betreuung der ausländischen Seeleute. So auch in Riga. Man hat eine Stadtrundfahrt für uns organisiert und zwei freundliche Clubsekretärinnen, die ganz leidlich Deutsch sprechen, bemühen sich, uns die Kulturdenkmäler von Riga zu erklären. An mehreren historischen Gebäuden sind vereinzelt noch verblasste deutsche Inschriften lesbar. Auf besondere Nachfra-ge – entschuldigend und bewusst beiläufig – erfahren wir, dass der deutsche Ritter-orden sich dereinst da vor mehreren Jahrhunderten gewaltsam angesiedelt habe und der von ihm gegründeten Stadt, die dann bald Mitglied der Hanse war, zwangs-weise seinen Stempel aufgedrückt hat. Viele Lobpreisungen erfahren wir über die ruhmreiche Sowjet-Union für die tapfere Befreiung von den bösen deutschen Fa-schisten, die dort so viel Schlimmes angerichtet haben. Zum Schluss als unvermeid-lichen Pflichtbesuch werden wir durch einen in einem Waldstück gelegenen riesigen Heldenfriedhof geleitet, wo die ruhmreich Gefallenen bestattet sind. Die Busfahrt endet im Interclub, einem ebenfalls historischen Gebäude am Ufer der Daugawa. Die Daugawa, das ist der Fluss, der Riga durchfließt und dem es seinen Seehafen verdankt. Im Interclub kann man Tischtennis und Billard und sonstiges spielen; und man kann sich Bier kaufen und andere Getränke.
Ich habe mich einer lästigen, ja unangenehmen Aufgabe zu entledigen. Meine Mutter – als sie hörte, dass die Reise nach Riga ginge – hat mich in Hamburg inständig bequatscht, für eine weitläufige Bekannte von ihr einen Brief in Riga ab-zugeben. Na ja, was tut man nicht alles. Ich fragte also eine dieser Clubsekretärinnen, ob es arrangiert werden könnte, dass ich zu der angegebenen Adresse hinkä-me. Zu meiner Überraschung erhalte ich zur Antwort, das wäre kein Problem. Und so schaukeln wir zu dritt – Sekretärin, Fahrer und ich – abends mit dem Club-Bus durch die stockdunkle Walachei und versuchen, diese Adresse ausfindig zu machen. Schon anerkennenswert, was die staatliche Kulturbehörde alles tut für ihre Gäste. Es folge also eine umständliche Sucherei über die Dörfer und als wir endlich die Adresse gefunden haben, da kennt dort kein Mensch den angegebenen Empfänger. Man stelle sich vor: Stockdunkle Nacht, Straßen unter aller Sau, und da wo wir landeten gabs nur eine müde Petroleumfunzel. Als ich mir unterwegs auf dieser Tour überlegte, was man alles je über Russland und Spionage und dergleichen gehört hatte, dann war mir plötzlich gar nicht wohl in meiner Haut. Damals ahnten und heute wis-sen wir es, dass alle Beschäftigten der Interclubs mit dem KGB zusammen arbeiteten. Weiß ich, was in diesem verdammten Brief drin steht? Ich mache drei Kreuze, als wir nach fünf viertel Stunden wohlbehalten wieder im Club ankamen. Betrachte das jetzt echt als guten Grund, mir einen auf die Lampe zu kippen.
Endlich an einem Donnerstag Auslaufen. Alle sind wir froh, aus dieser Gegend zu verschwinden, sehnen uns nach wärmeren, freundlicheren Gefilden. Wo es hingehen soll, weiß kein Mensch. Es findet eine spontane Party statt in der Messe – mit Sowjetflagge an der Wand – der mitfahrende Supercargo schmeißt in seiner Erleichterung über das erfolgreiche Fleischgeschäft einige Kisten Bier und dann wurde fürchterlich viel gefeiert in dieser Nacht. Irgendwann erfuhr man, dass – um die Ka-nalgebühr zu sparen – wir oben rum um Skagen fahren würden. Auch gut, das bringt uns auf jeden Fall schon mal einen zusätzlichen Seesonntag.
Für manche Leser stellt sich jetzt die Frage: Was bedeutet eigentlich Seesonntag? Dazu muss man etwas ausholen. Der Jahresurlaub der Seeleute bewegte sich früher zwischen 14 und 20 Tagen im Jahr, abhängig von der jeweiligen Gesamtfahrzeit in Jahren. Irgendwann jedoch setzte sich – sogar bei den Reedern – die Einsicht durch, dass man angesichts der viele Monate, oft sogar Jahre dauernden Abwesenheit der Seeleute von zu Hause sie nicht mehr einfach so mit zwei oder drei Wochen Urlaub abspeisen kann, wollte man es nicht drauf ankommen lassen, eines Tages die Schiffe nicht mehr besetzen zu können. So erfand man den – tariflich abgesicherten – Seesonntag. Jeder Sonntag, den ein Schiff exakt länger als zwölf Stunden auf See verbringt, ist damit ein Seesonntag, gleichbedeutend mit einem zusätzlichen Urlaubstag. Aber, in diesem Punkt gibt es gelegentlich Differenzen zwischen Kapitän und Besatzung. Nämlich: Das Schiff befindet sich offiziell im Hafen, wenn es nach Ankunft das Ankermanöver abgeschlossen (Ankerball hoch oder Ankerlaterne) oder ordentlich an der Pier fest gemacht hat. Unmittelbar daran geht von der Brücke an die Maschine die Order: Maschine fertig! Das wird oben mit Eintrag ins Schiffstage-buch bzw. und unten ins Maschinen-Journal festgehalten. Das Schiff befindet sich offiziell in dem Moment auf See, wo der Maschinentelegraf auf ‚Standby steht’ und entweder die letzte Leine an Bord eingeholt wird oder der Anker aus dem Grund gehievt ist. Klar doch, dass da gelegentlich seitens der Besatzung getrickst wird. Beim Festmachen wird schon mal getrödelt, wenn es um die entscheidenden zwei - drei Minuten geht. Und die Maschine meldet schon mal ein paar Minuten eher klar, wenn’s um die Abfahrt geht. Dann wird der Telegraf auf Achtung gestellt und ab da zählt Seezeit. Schließlich ist auch der Chief scharf auf Seesonntage. Anders der Kapitän. Weil der vor allem die Interessen der Reederei wahrzunehmen hat, versucht er natürlich so wenig wie möglich Seesonntage einzufahren. Deshalb bekommt allein er von der Reederei ohnehin jeden Sonntag als Urlaubstag vergütet. Alle Offi-ziere an Deck und in der Maschine dagegen profitieren allein von den Seesonnta-gen. Alles klar? Klar! Ergänzt wurde die Regelung dann später noch durch See-sonnabende.
Wir ankern bei Weser-Feuerschiff und warten auf Order. Die Gerüchteküche bro-delt. Wo fahren wir nun hin? Die Bananendampfer von Oetker (Pudding-Rudi) fahren weltweit. Übrigens, das Schwesterschiff CAP DOMINGO habe ich vor zwei Jahren in Australien getroffen. Damals – und das war die Sensation – die ganze Crew dort mit Ausnahme der Offiziere bestand aus Chinesen. Im Jahre 1962 ! Oetker hat schon immer auf und mit seinen Schiffen völlig neue Sachen ausprobiert. Gutes und Schlechtes. Dieses Experiment war seiner Zeit weit voraus und ging auch prompt gründlich in die Hose. Nachdem von der CAP DOMINGO und dem zweiten Schwesterschiff, der CAP CORRIENTES in San Francisco im Verlauf weniger Reisen zwei-mal die chinesische Crew komplett desertierte und unauffindbar im China-Town ver-schwand und später eine weitere chinesische Crew eine Meuterei anzettelte, kam das die Reederei mächtig teuer. Die Amis verhängen Geldstrafen über das Schiff für jeden entwischten Chinesen. Und so hat man diesen Versuch ganz schnell wieder aufgegeben.
Leichter Nebel herrscht direkt über dem Wasser und die Sonne ist nur oben aus der Brückennock zu ahnen. Wir dümpeln vor uns hin. Da erscheint plötzlich das Lot-senboot aus dem Glast und setzt zwei Menschen an der herabgelassenen Gangway ab. Einer ist wohl Reederei-Agent oder ähnliches und der andere – eine Frau! Eine ganz junge Hübsche. So was Dralles. Wau! Und die wird an Deck freudig von unse-rem OA empfangen, es ist nämlich seine Freundin. Mann, hat der ein’ Sott! Ihres Bleibens ist leider nicht lange. Wenig später fährt der Agent wieder los und „dem Oase seine Tussi“ muss auf ausdrückliche Order des Kapitäns auch wieder von Bord. Wir fahren weiter – nach Rotterdam.
Wir sollen dort keine Ladung übernehmen, nein, es geht im seewärts gelegenen Stadtteil Schiedam direkt ins Dock. Es heißt, wir sollen einen niegel-nagel-neuen Anstrich für das Unterwasserschiff erhalten. Ja, was denn…, hatten wir doch erst in Hamburg… „Ja, das hat schon seine Gründe!“ Wir fahren also den Nieuwe Rotterdamsche Waterweg hoch und docken oben gleich nahebei Feye Noord in ein uraltes Schwimmdock ein. Rotterdamsche Droogdok Matschapej heißt die Werft.
Das Schiff wird mit hölzernen Stützbalken gegen das Abkippen von den Pallen gesichert. Reichlich mittelalterlich. Und, was soll nun hier genau geschehen? Als erstes wird das gesamte Unterwasserschiff sandgestrahlt bis runter auf das blanke Eisen. Also so glatt und blank war der Dampfer noch nicht mal, als er gebaut wurde. Dauert Tage das Ganze und der Dreck, Staub und Krach sind eine wahre Tortur für alle. Abgesehen davon, dass unsere gesamten Wasserabflüsse nach außenbords hermetisch abgedichtet sind sowie alle sanitären Anlagen außer Funktion gesetzt und wir diesbezüglich strikt auf die landseitigen stark herunter gekommenen Einrich-tungen der Werft angehalten werden. Wir sind ja nur Seeleute. Oberstes Gebot: Kein Tröpfchen Wasser darf unsere Außenhaut benetzen.
Ein großer Lastzug rollt heran, voll beladen mit Farbe. Firma Wiederhold. Wieder-hold ist für Schiffsfarben das, was Niederegger für Marzipan: Nur das Allerfeinste. Zwei Farbingenieure treffen ein, direkt von der Fabrik in Deutschland. „Was, so was gibt’s auch?“ Ja – und jetzt wissen wir’s. Und dann geht es los mit der Spritzerei. Mehrere Schläge ganz dünn mit richtig Zeit zum Abtrocknen zwischendurch. Mal was Neues in der Werft. Wie oft hat man sonst mit noch feuchter Farbe ausgedockt und ist so los gefahren. Die Farbmenschen messen mit speziellen Geräten laufend die exakte Dicke des Farbauftrags in Micrometer nach. Einmal Grundierung und da dann zwei Schläge drauf und das alles mit Zwei-Komponentenlack. Hat man auch noch nie was von gehört. Mein lieber Mann, allerhand Komfort für einen Frachter.  Als wir nach zehn Tagen endlich fertig sind, da sieht unser Schiffsboden bis hoch zum obersten Wassergang mindestens ebenso glatt und genauso Feuerwehr-rot aus wie ein Ferrari, wenn er vom Band rollt. Wer bei der Seefahrt hat schon je so einen Anstrich erlebt. Es war – wie wir später erfuhren – eine Versuchsgeschichte, zu beider Nutzen, so sollte man meinen; sowohl für die Reederei wie auch für die Farben-firma. Der Erfolg zeigte sich nach einem Jahr Betrieb des Schiffes. Trotz zwischen-zeitlich über mehrere Tage dauernde Liegezeiten in Flusswasser wie auch in tropi-schem Salzwasser hat sich nicht eine einzige Muschel anhaften können. Lediglich ein ganz zarter, apfelgrüner Algenflaum fand sich vorn am Steven, der sich einfach so mit einem Lappen abwischen ließ.
Abends gehen wir an Land. Wir liegen im Stadtteil Schiedam. Da gibt es auch schöne Kneipen. Die halbe Crew landet in einem großen Saal mit Kapelle und Tanz. Prima Stimmung. Neben vielen Einheimischen sind auch skandinavische Seeleute da. Es wird viel getrunken. Zu vorgerückter Stunde wird es ziemlich laut. Kreuzer tanzt – nicht besonders gekonnt aber – eng umschlungen mit einer drallen Holländerin. Vielleicht zu eng. Plötzlich kommt der zu ihr gehörige Kerl dazu und geht Kreuzer ans Schlawittchen. Der zögert nicht lange, schlägt gleich zu, sodass der Holländer zu Boden geht. Es riecht schon nach Saalschlacht. Wir schieben uns alle Mann dazwischen und decken Kreuzer ab und dann aber nichts wie raus aus dem Laden, bevor wir bösen Deutschen die Jacke vollkriegen.
Wir erfahren unseren nächsten Einsatz. Bananen holen von Guinea für die DDR! Ach herrje… Beides bedeutet für die meisten von uns weiße Flecke auf der Landkarte. Aber Kabel-Ede Uwe, der schaltet sofort. Schleppt jede Menge von den inzwischen leeren Vier-Gallonen-Drums von Wiederhold, die neben dem Dock auf ihre Entsorgung warten, hoch an Deck und in sein Kabelgatt. „Da sind die ganz scharf drauf, sach ich dir, in Westafrika, da kannste richtig Kohle machen mit …“ Na ja, wenn er denn meint.
Am 26.8. nachmittags laufen wir aus. Unser erster Zielhafen in Guinea ist Conakry. Wir fahren Ballast Schiff. Normal für Bananenjäger. Ehe man sich die Luken mit irgendwelcher Billigladung versaut, lässt man’s lieber ganz. Die Horn-Dampfer nehmen immer Autos mit rüber in die Staaten – saubere Ladung, ja – aber Westafrika ist bei weitem noch nicht so weit mit Import von neuen Autos.
Acht Tage dauert die Reise insgesamt. Nach mehreren Tagen auf der offenen See nähern wir uns der afrikanischen Küste. Durchfahren die Passage zwischen Fuerteventura und dem Festland bei Kap Juby. Weit entfernt werden ein paar hohe Sanddünen sichtbar. Insgesamt rostlose Gegend. Der Matrose Jan Thaysen ist in Hamburg neu an Bord gekommenen. Der erzählt jetzt beim Smoketime eine wilde Story. „Gerade erst letzte Weihnachten war ich schon mal hier. Mit der KONSUL HORN. Eines von den kleinen ‚Hörnchen‘. Also so’n ganz kleiner Hutschefidel. Ge-rade man 420 Tonnen konnte der laden. Ja, und der liegt jetzt für gut da drüben – direkt vor Kap Juby. Für immer. Wenn er nicht schon ganz im Sand verschwunden ist. Wie das? Ja, da sind wir vielleicht so’n büschen zu dicht an der Küste längs gefahren und da ist es wohl passiert, dass wir voll auf eine Sandbank aufgelaufen sind. Einfach so. Saßen fest und nix ging mehr. Anfangs haben wir natürlich alles ver-sucht, mit eigener Kraft mit zig Voraus und Zurückmanövern da wieder runter zu kommen, aber das wurde nix. Wir hatten zudem das Pech, die höchste Springtide des Jahres erwischt zu haben, als es passierte. Mit dem abnehmenden Wasserstand saßen wir immer fester da drauf. Der Vater von unserem Dritten hier an Bord war da übrigens Chiefmate an Bord. Naja, war wohl Pech. Dann hat die Reederei uns die ALEXANDER VON HUMBOLDT geschickt, die sollten helfen, uns da runter ziehen. Die gehört ja auch zu Oetker und wenn die es denn geschafft hätte, dann hätten sie ja schon mal den Schlepper gespart.. Als die ALEX nun kurz vor Weih-nachten bei uns ankam, war aber noch nix vorbereitet, wir hatten alle schon so’n büschen vorgefeiert. Also solange die Diesel noch genug Kühlwasser kriegten und wir Strom für die Kühlschränke hatten. Irgendwann dann haben sie einen holländischen Schlepper geschickt. Der schaffte es aber auch nicht. Ein paar Tage später als letzte Nothilfe kam dann die PAZIFIC von Schuchmann. Vergebens! War wohl zu spät, der KONSUL hatte sich da in der kurzen Zeit im Sand schon regelrecht festgesaugt. Ja, und dann hamse das Schiff ganz offiziell aufgegeben“. – „Ja, und wie kamt ihr denn weg da?“
„Also erst – wo der Dampfer ja nun sozusagen herrenlos war, hat sich jeder erst mal bedient, was er vom Schiff so gebrauchen konnte. Der Steward das Silberbesteck und wer sich den Chronometer auf der Brücke und die Sextanten gegriffen hat, das weiß ich auch nicht so genau, jedenfalls waren die blitzschnell nicht mehr vorhanden. Und die Ferngläser auch. Und dann fuhren wir mit dem Rettungsboot rüber an den Strand und nahmen auch gleich unser ganzes Gepäck mit. Und plötz-lich tauchten da ne Menge Kamelreiter auf den Dünen auf. Die hat uns die marokkanische Regierung zum Schutz geschickt, damit wir nicht von irgendwelchen Wilden in der der Wüste ausgeplündert werden. Ja und dann ging’s erst mal weiter mit Lkws nach Agadir und dort ins Hotel. Nach ein paar Tagen haben sie uns dann über Ca-sablanca nach Hause geflogen“. Tolle Geschichte das. Jan wird allgemein beneidet; das Ganze war ja nicht so gefährlich, aber ein Abenteuer, wovon man ein ganzes Leben lang zehren kann.
 An einem Freitagmorgen um zehn sind wir fest in Conakry. Gelbe flache Schuppen aus Stein, von der Stadt dahinter ist nicht viel zu sehen. Es hängen massenhaft Schwarze rum an der Pier; also richtig Schwarze, nicht die verschiedenen Braun-schattierungen wie in der Karibik. Viele tragen einheitliche T-Shirts mit dem großflächig aufgedruckten Abbild des hiesigen Staatschefs Sékou Touré auf Brust und Rücken. Vermutlich gab’s die umsonst. Guinea ist sozialistisch, bitterarm dazu und dieser Sékou Touré hat das alleinige Sagen im Land.
Ein paar Händler sind an Deck, versuchen ihre Masken, Trommeln und allerlei Krimskrams zu verhökern. Ein selbst ernannter Zauberer ist auch dabei. Hat sich mit drei, na – ich sag mal schaufelstieldicken lebenden Schlangen behängt und sieht in seinem Kaftan und bunten Turban ein bisschen sehr komisch aus. Seine Masche ist, er verwandelt Markstücke in Küken und die Küken zaubert er dann auch noch weg. Endeffekt: Markstück futsch. Fängt meinen Blick auf – hab ich denn gegrinst? – und bedroht mich. Pöbelt in Englisch-Deutsch-Pidgin, der Kerl und geifert sich in Wut. Vielleicht habe ich ja was furchtbar Abfälliges gedacht und der Kerl kann Gedanken lesen. Weiß man’s denn? Die Schlangen – sind das vielleicht Kobras? Keine Ah-nung. Sie tanzen und zischen wütend in meine Richtung. Es beruhigt mich etwas, zufällig einen massiv stählernen Kuhfuß in der Hand zu halten. Ich solle mich ja nicht an Land erwischen lassen, giftet der Zauberer, dann aber… Na ja, wenn er das so meint, wer weiß . . .  Ich verzichte also drauf, das bestellte Geld beim Purser abzuholen. Nähere Bekanntschaft mit diesen Viechern möchte ich gern vermeiden.
Ede hatte tatsächlich den richtigen Riecher. Mann, die reißen sich regelrecht um seine Blechdrums und schon nach kurzer Zeit ist er sie los; hat er eine dicke Patte von CFA-Francs auf der Hand. Gut an die Tausend sind’s wohl schon meint er und der CFA-Franc – in ganz Westafrika als Universalwährung weit verbreitet – kursiert so um die 10 Pfennig. Einige der Kunden, die ein oder zwei Drums ergattert haben, suchen sich gleich an Bord ein schattiges Plätzchen, wo sie mit Glasscherben, Messern, Bambussplittern und Lappen die verbliebenen Farbreste rauskratzen und die Eimer verbissen blitzblank wienern. An Behältnissen dieser Art scheint großer Man-gel hier zu herrschen. Und was willste nun mit dem Geld? Gute Frage. Die Landgänger waren entschlossen losgezogen, sind aber bis auf ein paar unentwegte Hart-nöker schon früh und wenig begeistert wieder an Bord zurück. Der wahre Sozialismus hat auch im Nachtleben von Conakry seine Spuren hinterlassen. Dreck, lästige Schlepper und Hitze wurden beklagt. „Nix los, hinterletzter Schuppen, warme Drinks zu happigen Preisen und die Weiber letzter Schrott“ waren so die Sprüche beim Frühstück. Da muss ich dem Zauberer im Nachhinein ja richtig dankbar sein.
Die Bananen werden per Lkw angekarrt. Zu meiner Verwunderung sind die Stau-den sorgfältig in eine Strohumhüllung und mit Papier verpackt. Wofür das wohl gut sein soll. Geladen wird über elektrische Laufbänder durch die Pforten. Ich bleibe an Bord, genieße die herrlich kühle Kammer und nehme mir zusammen mit dem Scheich einen zur Brust. Richard als waschechter Ostpreuße steht auf klare Sachen wie kalten Wodka pur und ich trink mir ein paar Biere rein. Und dann erzählt er aus seinem Seefahrtsleben und wie beschissen früher so manches war. Angefangen hat er bei der Fischerei auf einem Logger irgendwo drüben in Westpreußen und ging später dann auf Kutterfahrt. Die fuhren ein bisschen weiter raus. Dann auf größeren Schiffen nach Jan Mayen und Bäreninsel. Zuletzt war er Netzmacher – das war ein hoch angesehener Job an Bord, so was Ähnliches wie Bestmann auf größeren Kümos. Als er von der Fischerei die Schnauze voll hatte, wechselte er als Matrose zu Hapags und hat geheiratet. „Aber Heiraten und Seefahrt, das verträgt sich nicht, Zimmermann“, sagte Richard, „da lass bloß die Finger von…“ Seine Ehe ging in die Brüche wegen der Seefahrt, die Frau war weg und es blieb ihm nur noch die Tochter. Und die hat sich vor kurzem das Leben genommen. Warum auch immer; er weiß es auch nicht. So was kann man eigentlich nur im Suff ertragen und ich leide mit ihm zusammen und so lassen wir beide uns langsam voll laufen…
Wenig später Abfahrt nach Benty. Da sollen wir die Hauptladung fassen. „Wo is das nu wieder?“ „Wa-wa-weiß ich auch nich“ sagt Bumski. „Da liegt irgendwo ne To-to-tonne inner Flussmündung, da-da segeln wir hin und da gibt’s a-a-angeblich n Lotsen…“ Und das bei der diesigen Sicht. Halbe Meile höchstens. Aber nach weni-gen Stunden Fahrt da – die Tonne dümpelt wirklich an ihrer Sollposition. Also geben die auf der Brücke ein paar lange Töne mit dem Typhon ab und wir schmeißen erstmal wieder den Haken in den Bach. Es dauert nicht lange und ein Boot taucht auf aus dem Dunst. Der Lotse. „Ich glaubs nich“, sag ich. Knallbunt ist der angezogen wie ein Papagei – grüne Shorts – rotes Hemd – lila Socken – gelber Hut und einen bunt gemusterten Sonnenschirm. Oh hah! Als er die Gangway hoch war, gibt er wilde Armsignale Richtung Back: Anker hoch! Wir hieven.
Und dann ging das los; aber wie! Der Lotse hat sich genau dem Rudersmann vor die Nase an dem überbreiten Mittelfenster aufgebaut und gibt seine Orders nur mit ausgestreckten Fäusten und stoßartigen Lauten ab. „Uff-uff-uff“ und dreimal die Faust aus Augenhöhe nach vorne runter gehauen bedeutet volle Fahrt und das gleiche zweimal nach rechts beziehungsweise nach links heißt jeweils hart Steuerbord beziehungsweise hart Backbord. Und die CAP VALIENTE bullert mit fauchender Maschine volle Pulle den sich in scharfen Windungen dahin schlängelnden, zu bei-den Seiten dicht bewachsenen Urwald-River hoch. Ich war ja nicht auf der Brücke sondern zusammen mit dem Dritten klar bei Anker auf der Back; aber so und nicht anders hat OA Fiete uns das später in der Messe haarklein vertellt. Gleich in der ers-ten Kurve legt der Dampfer sich so stark über, dass in den Messen sämtliches, für Mittag aufgedeckte Geschirr von den Tischen schlittert und zu Bruch geht. Aber was soll’s, vermutlich ist das die einzig richtige Methode, um auf diesem Fluss mit seinen diversen Schlickbänken nicht stecken zu bleiben. Aber trotzdem lässt sich leicht vorstellen, dass unseren Eisheiligen auf der Brücke ganz schön die Muffe gegangen sein muss bei dieser heißen Fahrt. Zwanzig Minuten, halbe Stunde; irgendwann kommt endlich so was wie eine Pier in Sicht.
Na denn man tau, die sieht reichlich kurz aus – und verdammt rott dazu. Aber wir sind wohl richtig, weil sich einige Monate zuvor schon zwei ostzonale Bananendampfer auf den Holzfendern mit bunter Farbe hübsch verewigt haben: MARTIN ANDERSEN-NEXÖ und JOHN BRINKMANN. Wir halten jetzt da drauf zu und mit der Strömung von vorne lässt es sich so einigermaßen anlegen. Vorn ragen wir mit Luke eins und achtern mit Luke fünf über die Pierenden hinaus, und so werden eben einige Leinen vorn und achtern drüben im Urwald an dicken Bäumen festgemacht.
Keiner von uns ist jemals im Busch gewesen und so nutzen wir – weil es ja Sonn-abend ist und damit nachmittags im Hafen arbeitsfrei – die Chance, uns hier mal richtig umzusehen. Hermann, Günter, Oskar (mit umgehängtem Zampel als Botani-siertrommel), Kreuzer, ein Assi und ich. Los geht’s. Und wie so oft in exotischen Häfen so auch hier haben wir gleich einheimische Gefolgschaft. Ein paar halbwüchsige Bengels – rabenschwarz die Kerle – die uns Gott weiß was zeigen wollen haben sich uns angeschlossen. Auf ausgetretenen Pfaden geht’s durch den Busch. Ein merk-würdig stampfendes Geräusch. Auf einer kleinen Lichtung eine strohgedeckte kreis-runde Lehmhütte und davor eine junge Negerin – nur im Rock und ohne Oberteil – steht da vor einem hohen hölzernen Mörser und lässt rhythmisch den dicken mannshohen Stößel da reinsausen. Als sie uns zu Gesicht bekommt, greift sie sich blitzschnell ein Hemd und streift es über. „Mein Gott, ist die prüde“ äußern wir bedauernd. Dasselbe erleben wir noch mehrmals und meistens flitzen die unterschied-lich mehr oder weniger gut gebauten Weiber verschreckt in die Hütten rein. Über einen verfallenen Zaun erreichen wir ein großes verwildertes Anwesen und darauf befindet sich die Ruine eines ehemals großzügigen Hauses, zweistöckig und mit Veranda. Donnerwetter! Fragen unsere Führer, was es damit auf sich hat. Die lachen ein bisschen verlegen, erzählen unverständliches von „Madame“ und deuten die Geste des Halsabschneidens an. Und dann zeigen sie uns einen Mangobaum und schütteln mehrere Früchte für uns runter. Mango? Nie gehört. Schmecken aber verdammt gut, die Dinger… Na ja, später kommen wir doch noch zu unseren Foto-motiven – ein alter Mann wird von den Neger-Halbstarken einfach dazu vergattert. Muss sich in Positur stellen, die Jungs sammeln von uns ein paar Kleinmünzen zu-sammen, die Kameras klicken und Opa kuckt in die Röhre. Von den Cents kriegt er nur auf Druck von uns was ab. Und dann treffen wir noch auf drei Frauen, zwei davon sind mindestens gestandene Großmütter und ziemlich beleibt dazu. Egal, sie sind echt topless und gegen Entgelt zu einem Gruppenbild bereit. Die eine davon wäre leicht dazu imstande, ihre schlappen, unterschiedlich langen Brüste sich kreuzweise über die Schulter zu werfen, aber das möchte sie nun leider doch nicht.
Heiß ist es und schwül in der Nachmittagshitze und man sehnt sich nach der Klimaanlage an Bord. Ohnehin glauben wir alles Wesentliche von Benty gesehen zu haben und machen uns auf den Rückweg. Die Boys platzen mit der Neuigkeit her-aus, heute Abend fände eine große Party statt mit Dancing und Getränken und vor allem mit Girls. Na bitte, wer sagt‘s denn - ist doch was.
 Nach Einbruch der Dunkelheit macht sich also eine größere Gruppe von der VALIENTE aus auf den Weg zum Nachtleben von Benty. Die wartenden Boys an der Pier führen uns über dunkle Pfade so gute zwanzig Minuten lang durch die westafri-kanische Walachei – Armeen von Grillen zirpen nervtötend, dazu steigern noch wei-tere nie gehörte Buschgeräusche das einsetzende Nackenkribbeln. Die Ochsenfrö-sche hier müssen dem Krach nach wahre Monster sein. Das Licht der Taschenlampen verliert sich zwischen Büschen und hohem Gras. Endlich sind wir am Ziel; inmitten von einigen wenigen Rundhütten eine Art Dorfplatz aus fest getrampeltem Lehm, eine große mit Palmblättern überdachte Veranda. Aus Brettern zusammen genagelte Tische, Bänke, eine Art Tresen. Ein paar Ölfunzeln blaken vor sich hin. Noch keine Musik, die kommt noch. Girls? Nichts, was man in etwa so bezeichnen könnte. Drinks? Undefinierbares trübes Zeug in verkorkten Flaschen unterschiedlichster Größe und Form. Das soll Bier sein und das da Cola? Na ich weiß nich… Und nun? 
Die Musiker treffen ein. Hölzerne Bongotrommeln und solche aus Blech, ein Saiteninstrument ähnlich einer Mandoline, eine Art Xylophon und so was wie eine reich-lich verbeulte Tuba. Es geht los und so wie die spielen, das ist schon gewöhnungsbedürftig. Der Blitz hatte den richtigen Riecher gehabt und war so schlau gewesen, ne Buddel Charlie Peng von Bord mitzunehmen. Und dazu ein paar Lilly Cups. Und so mischen wir uns einen an mit dieser so genannten Cola. Wenn man die nur stark genug verdünnt mit dem Sprit, dann kriegt man’s runter. So nach und nach tauchen ein paar Frauen auf. Barfüßig, die wolligen Haare unter bunten Wickeltüchern ver-steckt. Trotzdem wir unserem mitgebrachten Brandy zusprechen, werden die nicht hübscher und die Musik nicht besser. Die herum hängenden schwarzen Macker wir-ken plötzlich bedrohlich, auch wenn sie sich mit eindeutigen Gesten in Richtung der schwarzen Mammas irgendwie bei uns anbiedern wollen. Also schön sind die ja nun gar nicht und so lassen wir das mal lieber und – wer weiß, was einem hier im Kral sonst noch so blüht. Skorpione, Tausendfüßler, Milliarden von Moskitos, die einem Malaria, Schlafkrankheit und was sonst noch so übertragen… An Schlangen mag man gar nicht denken. Unsere schwarzen Führer kriegen dezent ein paar von den verschwitzten CFA-Lappen in die Hand und wir sehen zu, möglichst schnell Richtung Dampfer zu entschwinden.
Am nächsten Nachmittag laufen wir aus, fahren wieder nach Conakry, wo wir vier lange Tage nur tröpfelweise mit Bananen beliefert werden. Ich habe vom Landgang in Afrika die Nase voll, bin sparsam und bleibe an Bord. Neun Tage dauert die Reise nach Rostock – via Kiel-Kanal – und an einem Freitagmorgen um neun sind wir fest an der Pier in Warnemünde. Und gleich gibt es Knaatsch. Der Scheich hat Ede be-fohlen, auf keinen Fall die „Spalterflagge“, die der Lotse mit an Bord gebracht hat, als Gastlandflagge an der Gaffel hochzuziehen. Schwarzrotgold mit Hammer und Zirkel drauf ist ja seit kurzem erst von der DDR offiziell als Handelsflagge eingeführt worden und da die die Spal¬tung der beiden deutschen Staaten sehr deutlich doku-mentiert, wird sie von der west¬deutschen Schifffahrt boykottiert.
Order von Bumski: „E-e-ede, z-zieh das Di-ding hoch“! Ede: „Darf ich nicht – sacht der Scheich“. – „De-de-der Scheich hat garnix zu-zu sagen, lo-los hoch mit dem La-la-lappen!“ Ede setzt die Flagge. Fünf Minuten später holt Richard sie eigenhändig von der Gaffel wieder runter. Keine zwei Minuten drauf ruht die Arbeit der Schauer-leute, und zwar vollständig. Der Stevedore erscheint beim Alten und droht an, dass die Löscharbeiten auf Kosten des Schiffes für einen ganzen Tag eingestellt werden, wenn nicht binnen kurzem… Bumski holt sich den Scheich auf Kammer und fragt ihn ganz freundlich, wie lange er – „Bo-bo-bootsmann, deine va-vaterländische Gesinnung ganz in Ehren“ – das denn finanziell durchhalten könne. Ritchie macht große Augen und eine Minute später flattert die Flagge endgültig an ihrem Platz oben unter der Gaffel. Die Löscharbeiten nehmen ihren Fortgang. Die in Afrika so sorgsam in Papier und Stroh verpackten Bananen werden ausgepackt und nachgesehen, ob keine gelben dazwischen sind. Sind aber jede Menge. Wir von Deck sehen stau-nend, wie die ostdeutschen Schauerleute die Bananen nur so in sich reinstopfen, wie nix gutes. Wobei ich die Gelegenheit nutze kund zu tun, dass wir – die Crew – grundsätzlich überhaupt keine Bananen von der Ladung essen. Wer je erlebt hat, wie in Guayaquil die Schauerleute mal kurz ihre volle Blase über die Ladung entlee-ren, der weiß auch warum…
Wenig später wird nach mir verlangt: „Timmermann, der Wassermann ist da…“ Zwei Wasserleute waren‘s sogar. Einer scheint mir ein ausgemachter Fiesling zu sein und seine Aufgabe besteht offensichtlich darin, den anderen zu überwachen. Die Schläuche sind schnell angeschlagen und das Frischwasser strömt in die Achterpiek. Dem freundlicheren von den beiden gelingt es irgendwann sich abzusetzen und so lade ich ihn zu einem Bier ein in meine Kammer. Und erfahre, wie das hier so läuft. So was wie Kühlzüge oder Kühlhäuser – unbekannt. Die gelben Bananen wer-den hier raussortiert und gehen in Rostock direkt in den Handel – sprich in die HO-Läden. Und dann fahren die Waggons weiter von Stadt zu Stadt und überall gehen nur die gelben raus. Und irgendwann auf dem Weg nach dem fernen Karl-Marx-Stadt sind die letzten grünen Bananen auch gelb und raus und die nächsten Städte auf der Strecke gucken in die Röhre. Der Wassermann sieht in meinem Fensterkas-ten zwei vergessene, schon reichlich schrumpelige Orangen liegen; fasst sich ein Herz und fragt, ob er die haben kann. „Klar doch, steck ein…“ Mein Gott, geht’s de-nen hier aber schlecht. Und dann ruft schon sein Kollege im Gang nach ihm und er kriegt es sichtlich mit der Angst und hat es eilig, raus zu kommen. „Bei dem musste aufpassen – is’ ein Spitzel - und sag bloß nix, dass wir privat miteinander geredet haben…“
Hoch zu Funker Hohmann, Geld holen. „Ham Sie denn was aufgeschrieben?“ „Nee, ich hab mirs erst jetzt überlegt“. „Tjaaa –, da hamse aber Pech gehabt dies-mal; das geht hier bei denen streng nach Bestell-Liste. Ich kriege nur genau das an Ostmark, was vorher bestellt wurde und die Vorschussliste geht nachher ans Tor und da wird alles penibel kontrolliert. Und jede Ausgabe muss man sich an Land quittieren lassen und die Quittungen müssen vor Auslaufen vorlegt werden. Und, glaub man ja nich, dass Ihr hier mit D-Mark bezahlen könnt, das ist ausdrücklich und bei Strafe verboten. Devisenvergehen …“ – „Jaaa, dann kann ich ja gleich an Bord bleiben…“ – „Genau das!“
Nun sitz ich also da und muss zusehen, wie ich den Abend rumkriege. Selbst der Scheich – Ritchie – ist an Land. Bleibt nur der Koch – der muss sparen, weil er – 22 Jahre – junger Familienvater ist. Meschede heißt er, so wie die Stadt im Sauerland. „Besaufen darfste dich zur Not“, hat seine Frau ihm auf den Weg gegeben, „aber Fremdgehen is nich!“. Er liebt seine junge hübsche Frau sehr und das zweijährige Söhnchen. Ein netter Kerl, der Chef und ein lustiges Haus dazu. Seit der in Hamburg an Bord kam, ist immer beste Stimmung in der Kombüse. So fängt es dann auch an, mit dem Feierabendeinläuten. Flasche Bier. Der Backmann scheuert die Bodenflie-sen, spritzt mit dem Schlauch die Brühe ins Speigatt. Das Kombüsentelefon klingelt. Der Backmann – auch der ist einer mit leichtem Sprachfehler –  geht ran. „We-we-wer is da?“ Muss lachen, sagt okay und hängt auf. –
??? – „Da-das war Bu-bumski un der sacht, we-we-wenn hier einer stott-hotter-tert, dann is er das… Un-und außerdem mo-morgen kommt der Schiffshändler” – „Alles klar“, sagt der Chef und dann verziehen wir uns in die Messe, kloppen ein paar Döntjes und leichtern ne Schachtel Holsten. Es kommen noch ein paar Zurückgebliebene dazu – der Story, der Wach-Assi und Oskar, unser Nachtwachmann. Als die Kiste alle ist, startet wieder mal eine dieser endlosen Zippel-Parties. „Erste Holzpflicht, ohne bluffen…“. Und so weiter… Womit für weitere Bierrunden gesorgt ist. Bis ge-gen Mitternacht. Da kommen die Landgänger zurück. Sauer, weil sie aufhören muss-ten. Für Westdeutsche ist Landgang nur bis 24 Uhr. Getränke gab es reichlich und billig, aber keine Stimmung. „Kannste vergessen hier…“
Am nächsten Morgen beim Frühstück. Kupries hat sichtlich einen dicken Kopf. Sein Gesicht sieht noch zerknautschter aus als sonst. Hat sich zu viel Klare reinge-kippt. Sagt zum Moses: „Junge, brauchst heute mäine Kammer näch aufzuräu-men…“ Nanu, hat er in seinem Suff seine Kammer so runter gewohnt, dass ihm das jetzt peinlich ist? So kenne ich ihn nun gar nicht. Nachmittags kriege ich mit, wie er nebenan seine Kammer aufschließt und gehe gleich hinterher, weil ich von ihm ei-nen Mann in der Luke zu Hilfe brauche. Ich fasse es nicht! Sitzt da ein völlig fremder junger Kerl in Unterwäsche bei ihm auf der Heizerbank. Richard drängt mich raus und sagt: „Gläich – Timmärmann…“
 Eine Minute später kommt er rüber. Druckst rum. Ist ihm wahn-sinns-peinlich das! „Nein! Is nich das was du denkst…“
Ich hab überhaupt nichts gesagt.
„Näin Timmärmann, die Sache ist die – also ich hab den an Bord jeschmuggelt und will ihn rüber in den Westen bringen“.
Mein Gott, das ist ja noch weitaus schlimmer, als ich ursprünglich von ihm gedacht habe… „Sachma, biste total bescheuert?“
“Ja, ich wäiß. Ich war ziemlich besoffen und jetzt isser da un nu kriegste ihn ja auch nich mehr runter vom Dampfer, ohne, dasses rauskommt. Und die Folgen kannste dir ja vorstellen, wennse ihn zu fassen kriejen…“
Ja, kann ich und ich weiß, no Schangs! Gleich gegenüber von uns im gleichen Hafenbecken liegen fünf Dampfer an der Pier; zwei sind Iwans und drei von den Ostzonalen. Und landseitig – da steht an der Gangway unten ein Posten, Tag und Nacht. Und wer weiß, wer sonst noch in Zivil an Bord rumspitzelt. Das Thema ‚Flucht aus der DDR‘ ist während der letzten Tage das Hauptgesprächsthema in der Messe gewesen. Steht ja laufend was von drin in der Funkpresse. Da erfährt man von ei-nem fett gemachten Kümo, den sie vor drei Wochen erwischt haben. Der hat trick-reich in einen Bodentank für Gasöl einen geheimen, festen trockenen Raum eingebaut. Da kommt normalerweise kein Aas drauf. Und in dem haben sie paar Mal mit Erfolg Leute rausgeschmuggelt. Ein totsicheres Versteck. Bis sie ihn doch erwischt haben. Kann eigentlich nur durch Verrat rausgekommen sein. Dreieinhalb Jahre ha-ben sie denen aufgebrummt, die da mit beteiligt waren. In erster Linie dem Alten. Und die Flüchtlinge kriegten fünfzehn Jahre. Auf einem anderen Dampfer hat sich einer ganz oben auf dem Schornstein versteckt. Einfach flach hingelegt. Da ist ja immer noch eine mehr oder weniger hohe Brüstung ringsrum, hinter der man sich ganz flach hinlegen kann. Bloß konnte der es nicht lassen, beim Auslaufen noch einen letzten Blick zurück auf seine alte Heimat zu werfen. Dachte er. Aber – dass in dem kleinen Leuchtturm am Ende des Warnemünder Molenkopfes der Wachposten ein besonderes Auge auf auslaufende Schiffe hält, das hatte der nicht geahnt. Und das war’s denn…
„Ja“, sag ich, „und wie haste dir das nun gedacht, wo willste den denn hin verstecken? Und – wie haste den denn überhaupt an Bord gekriegt?“
Also, er war in einer gemütlichen Kneipe und schluckte sich so ganz genüsslich ein rein und da setzte sich der zu ihm an den Tisch. Und dann kamen sie ins Schna-cken. Der junge Mann erzählte ihm er wäre auch zur See gefahren, zuletzt als Assi auf der LEUNA ZWEI. Das ist ein ostzonaler Tanker.  Sein Vater ist ein ganz hohes Tier bei der Deutschen Reichsbahn – Präsident – sagt er. Aber irgendwann ist er als politisch unzuverlässig eingestuft worden und dann durfte er nicht mehr fahren. Nur noch im Hafen arbeiten auf einem Bagger. Und nun wollte er weg. Ob ihm der Bootsmann dabei helfen könnte. „Na klar“, sagte der in seinem Du-nas. Und dann haben sie ausgeheckt, wie sie es machen wollten, ja, und dann machten sie’s. Der Scheich ging an Bord zurück und um Punkt zwei Uhr schmiss er eine Knüppelleiter auf der Wasserseite über die Kante.
„Und“, sag ich „das, wo wir ein schneeweißes Schiff sind und wo auch in stockdunk-ler Nacht selbst ein besoffener Iwan von da gegenüber einen empor kletternden Menschen an unserer Bordwand gar nicht übersehen kann?! Mann, ich glaubs ja nich…“
 Egal. Der junge Mann ist zum Strand gegangen, hat dort seine Klamotten verbud-delt und ist dann in der Unterhose los geschwommen. Und war pünktlich an der Leiter. Hoch an Deck und dann hat ihn der Scheich in seine Kammer gebracht.
„Ja – und nun? Die machen doch vor Auslaufen die ganz große Schiffsdurchsuchung hier, wo willst du den denn dann verstecken?! Schornstein? Maschine? Kabelgatt? Oder irgendwelche Schapps? Kennen die doch alles.“
„Ich hab gedacht Timmärmann,  ich lege ihn in Luk Zwäi da so einfach zwischen de Sommerdeckel…“
Zur Erklärung: Sommerdeckel sind eine Besonderheit, die es praktisch nur auf Bananendampfern gibt. Wo im Zwischendeck im Lukenschacht zwischen getrennten Kühldecks die großen Eisdeckel eingesetzt werden – die sind auf hohen, ebenfalls isolierten Kammscherstöcken gelagert – da kommt obendrauf eine Lage Sommerdeckel. Weil man ja die Eisdeckel nicht direkt mit normaler Ladung belasten kann. Die bestehen ja eigentlich nur aus einer 20 cm dicken Korkisolierung, die zwischen dün-ne Bretter eingepackt ist. Dagegen die Sommerdeckel haben die gleiche Funktion wie normale Holzlukendeckel, sind neun Zentimeter stark, dafür nur zwanzig breit. Über den Sommerdeckeln liegen wie auch sonst in dem gesamten Kühldeck die höl-zernen Grätings, so dass so ein normaler Vopo da kaum drauf kommen sollte, dass da noch irgendwas drunter sein könnte. Zwischen den Sommerdeckeln und den da-runter liegenden Eisdeckeln bleibt aber ein gut zwanzig Zentimeter hoher Hohlraum.
 Und in diesen Freiraum hinein, da wollte der Scheich den Mann einfach so dazwischen packen. Ohne im Geringsten zu bedenken, ob der da wirklich zwischen passt, und wenn überhaupt, wie lange der da aushalten muss, ohne sich rühren zu können. Ich sage „Nee, das kannste nich machen, Scheich! Das geht irgendwie schief und wenn der dabei zu Schaden kommt, dann sind wir dran und wenn wir dann mit dreieinhalb Jahren davon kommen, dann könn’ wir von Glück sagen…“ Wir? Ich habe mich damit schon – automatisch und unbewusst – vom Gefühl her mit in die Sache rein gehängt. „Also, ich hab ne bessere Idee. Wir packen ihn inne Bilsch!“
„Inne Bilsch?“ fragt Richard? Maschine oder…“
“Nee, in Luk eins“ sag ich. „Was Besseres gibt’s gar nicht. Die sind absolut sicher und sauber und da kommt keine Sau drauf von denen“.
„Meinste wirklich?“
„Ja, mein ich. Ist unsere einzige Schangs. Die Arschlöcher hier ham doch mit ihren paar alten Scheißdampfern keine Ahnung, wie ein modernes Kühlschiff konstruiert ist oder? Denen ihre sind doch uralte Zossen!“
 Die Bedingungen sind der reinste Glücksfall. Luke eins ist fertig mit Löschen und sogar schon sauber gemacht. Die MacGregors sind dicht. Die Laderaumbilgen von ‚eins’ befinden sich beiderseits im hinteren Teil des Unterraums. Sie sind verborgen unter den Grätings und ebenfalls mit einem kleinen Eisdeckel abgedeckt. Schließlich müssen die Unterräume besonders gut isoliert sein, weil darunter auch geheizte Brennstofftanks verlaufen. Unter dem kleinen Eisdeckel an Backbord befindet sich ein mit Hutmuttern aus Messing verschraubter Mannlochdeckel. (Bei uns ist eben alles nur vom Feinsten). Die Bilge darunter hat Stehhöhe und ist geräumig. Zur Schiffsmitte hin steigt sie steil schräg an; dahinter beziehungsweise darunter ist der Tank. Aber – oben über den Tank kann man rüberkriechen zur anderen Bilge an Steuerbordseite. Die Werft hat da ganz bewusst die Tankoberseite von dem darüber liegenden isolierten Ladungsdeck getrennt gehalten.
„Okay!“ sagt Ritchie, ja, das ist die Idee überhaupt! Das müssen wir dann alles bestens organisieren“. Und dann entwickeln wir unseren Plan. Wen müssen wir oder wen dürfen wir höchstens einweihen? Also so wenig wie möglich. Von der Schiffsleitung möglichst gar keinen; wer weiß, wie die reagieren… Aber den Nachtwachmann, den brauchen wir dazu. Die Nachtwache, das ist Oskar und auf den könn’ wir uns verlassen, denk ich.
Abends um sieben regnet es. Die Arbeiter machen Pause und sind an Land in ihre Halle gegangen. Die Gelegenheit ist günstig. Ich schnappe mir meine Schraubenschlüssel und bewege mich schnell und möglichst unauffällig zum Niedergang von Luke eins. Der ist Achterkante vom vorderen Deckshaus. Rein da, schnell dicht das Schott, die Lukenbeleuchtung an und runter. Gräting weg an Backbord, Eisdeckel hoch und eilig die Muttern losgeschraubt. Als ich fast fertig bin damit, geht das Licht plötzlich aus, dann wieder an. Irgendjemand schreit runter: „Timmermann!“ Und dann noch mal. Schaltet das Licht endgültig aus. Ede war das wohl. Zum Glück habe ich meine Taschenlampe mit. Wer weiß, was da los ist. Besser, ich geh mal nach oben. Schleiche unauffällig nach mittschiffs. Richard sagt, es wäre während des Regens einer von den Schauerleuten oben in der Kranführerkabine sitzen geblieben und hätte gemeldet, es wäre da vielleicht ein Republikflüchtling – mit Bart – in der Luke verschwunden. Denunziantenpack, verfluchtes! Wir genehmigen uns auf den Schreck hin erst mal zwei Charlie Peng und dann kommt der Zweite rein. Was ich denn so spät noch in der Luke gesucht hätte. „Hab Geschirr da liegen lassen… Aber jetzt hab ich Feierabend!“. Später meint Ritchie: „Ich glaub, das is ein janz mieser Vogel, ich hab das Gefühl, der will dir was anhängen… Egal, jetzt geh pennen, ich hab mit Oskar geredet, der macht das klar heut Nacht…“
Morgens werde ich kurz vor sechs geweckt. Wir sollen vormittags auslaufen. Der Scheich murmelt mir zu „ Alles klar, er ist unten in der Luke, Oskar hat den Rest klar gemacht und er hat ihn vor einer Stunde runter gebracht, es ist nichts zu sehen un-ten“. Na, Gott sei Dank!
Nach dem Frühstück kommt der Zweite zu mir – W.-R. – „Ja, Zimmermann, dann kommen Sie mal mit, wir wollen schon mal die Luken vorbesichtigen, damit nachher alles glatt geht“. Ich hab sofort ein ganz mieses Gefühl, mir wird schlagartig kalt und heiß. Scheiße!
Wir fangen gleich an im Unterraum von Luke eins. Der Kerl geht mit mir zielstrebig direkt in die hintere Ecke an Backbordseite. „So, Zimmermann, und jetzt sagen Sie mir auf der Stelle, was ist hier los! Was haben Sie gestern Abend spät noch in der Luke gemacht! Als ich gestern nach Ihnen hier unten war, da war die Gräting hoch, da war der Mannlochdeckel bis auf wenige Muttern fast komplett aufgeschraubt!“ Damit geht er zu der Gräting, nimmt die hoch und den Eisdeckel auch und… „So! Und jetzt ist der Mannlochdeckel ganz abgeschraubt und liegt lose auf den Bolzen! Werden Sie mir das gefälligst erklären!?“ – „Tut mir leid, keine Ahnung…“ Er nimmt den Mannlochdeckel weg, und leuchtet mit der Taschenlampe vorsichtig in das Dun-kel hinein. Hütet sich aber, mit dem Kopf allzu dicht an das Loch ran zu gehen. Hat Schiss, die Sau, denk ich, dass er von dem da unten irgendwie ein’ übern Brägen kriegt… Ich will sofort wissen, was hier vor sich geht!“ – „Ich weiß wirklich nicht…“ W-R. lässt den Deckel so wie er ist, lässt auch die Gräting daneben liegen. „Kommen Sie mit, wir gehen zum Ersten!“. ‚Oh, Scheiße’, denk ich, ‚jetzt geht das los…’
Als wir an Deck kommen, steht da der Scheich rum wie unbeteiligt. Ich raune ihm zu „Du, der hat alles aufgerissen da unten, sieh mal zu, dass das dicht kommt!“ Er nickt. Kapiert. Der Zweite im Sturmschritt zum Chief Mate. Und platzt raus: „Herr Küver, ich habe den Verdacht, der Zimmermann hat einen Flüchtling an Bord geschmuggelt!“
„Waaas?! Mann – bist du bekloppt?“ Das gilt mir. „Ja, und der Bootsmann steckt da auch mit drin, denk ich…“ ergänzt. W-R. Bumski schickt Oase los: „Hol mir sofort den Scheich her!“. Und als der kommt, hilft es nichts und wir müssen beichten. „Wer weiß noch davon?“ Oskar muss auch ran. „Ja, dann geht kein Weg vorbei, da-da-dann muss das d-d-der Alte erfahren“. Kurz drauf in der Kammer von Kapitän Sche-ringer. Der lässt sich kurz berichten. Stellt eine einzige Frage: „Kriegt der Mann denn Luft da unten?“ Ich beschreibe knapp den Zustand der Bilge und dann ergänzt Oskar: „Ich habe heute Nacht noch einen Schlauch durch den Schwanenhals an Deck bis runter gesteckt, da kann er im Notfall Luft direkt ansaugen“ – „Ja“, sagt der Alte „dann müssen wir das ja wohl so laufen lassen, wir können schließlich unmöglich den Mann an die Behörden hier ausliefern. Klar?!“ Lässt nachdenklich den Blick über uns wandern, nimmt dann den Zweiten scharf ins Visier und sagt „Und es wird nicht die geringste Andeutung von unserer Seite an die ergehen – ich kann mich darauf verlassen?!“ Alles nickt und sagt „Jawoll, Herr Kaptään!“. Und damit sind wir entlas-sen.
Kurz drauf ergeht die Order: „Alle Mann ins Foyer!“. Auf dem Weg dahin sagt mir Ritchie leise, dass Oskar unten in der Luke schnell alles wieder okay gemacht hat. Na, dann - Puhhh! Fast die gesamte Crew hat sich im Foyer versammelt. Groß genug isses ja. Der Erste und der Dritte (Keil) und der Zweite von der Maschine begleiten die Suchmannschaft durch das Schiff. Zwei von den Vopos sind bei uns zurück geblieben. Behalten uns stetig im Blick. Die Crew steht rum, sitzt – wer sich einen Sitzplatz hat sichern können. Es kommt nichts von der sonst üblich guten Stimmung auf, wenn alle mal versammelt sind. Wie beim Vorschuss fassen etwa oder wenn die Post eingetroffen ist. Mir klopft das Herz bis oben hin. Hab noch nie so viel Schiss gehabt. Unsere Bewacher gehören zu der ganz kaltschnäuzigen Sorte. Fixieren nach und nach jeden einzelnen intensiv. Ich schiele zum Scheich. Der hockt auf sei-nem Stuhl, stützt das Kinn auf und hat in sein verschrumpeltes Gesicht noch ein paar mehr Falten reingeknautscht. Bild. Macht auf mürrisch – abweisend. Oskar nutzt seinen Status als Nachtwächter und sitzt zusammen gesunken auf der Treppe nach oben, täuscht tiefe Müdigkeit vor. Mir ist bewusst, dass mich meine Aufregung – mein gerötetes Gesicht – verraten könnte. Also mime ich einen auf besoffen, ganz so, als ob ich mit einem schweren Kater von letzter Nacht zu kämpfen habe. Ich glotze einfach mit schwiemeligen Augen durch den durch. Bis er sich – mit kaum verhohlener Verachtung – einen anderen aussucht. Niemand sagt was. Alle stieren unbehaglich vor sich hin. Auch diejenigen, die keine Ahnung haben, was uns inner-lich so schwer bedrückt. Ich vermeide es, zu W-R. zu blicken. Muss den aufkommenden Hass verdrängen, gar nicht dran denken. Es nähern sich Schritte im Gang, Stimmen. Ist nur eine der Suchgangs mit dem Ersten, die vom Achterschiff kommen und nun Richtung Brücke hoch sich durch uns hindurch drängeln. Die Zeit zieht sich hin wie Pattex am Pinsel. Einer versucht zu flaxen. Macht den Max an. „Na Max, du auch an Land gewesen?“ Max schüttelt den Kopf. „I nee – i kenne Geld, musse spaahn…“ Das war’s auch wieder. Die Minuten, die Viertelstunden ziehen sich hin. Der Koch haut die Vopos an, macht auf lustig. „Was ist, ich muss mich ums Essen kümmern, sonst gibt’s heut Mittag nix – die Leute müssen was zu essen haben!“ Der Ranghöhere von den beiden guckt kalt und giftig, überlegt; schickt seinen Kollegen los – Verstärkung ranholen. Der dazu geholte Vopo muss den Koch in die Kombüse begleiten.
Endlich! Fast drei Stunden sind vergangen, erscheint der Erste mit „Klar vorn und achtern, wollen auslaufen!“ Ohhh – whau – whau – whau… Ob es wirklich vorbei ist? Die Blaugrauen gehen von Bord. Schnell die Gangway hochgefahren und dann auf die Back. Wir hieven die ersten Leinen ein, die Spring. Dann aus dem Lautsprecher: „Alles los!“. Die Maschine bullert auf, wir setzen uns langsam in Bewegung. „Schlepper los!“ Wir fahren langsam die Warnow runter. Aber noch ist es nicht überstanden. Wir machen seeklar, setzen die Bäume fest, schalken die MacGregors. Noch haben wir ja den Warnemünder Lotsen an Bord. Wir durchfahren einen kleinen See. Dann wird es wieder eng. Jetzt passieren wir das Leuchtfeuer am Molenkopf. Es ist dort kein Mensch zu sehen, aber bestimmt lauert da einer hinter einer dunklen Scheibe. Bloß nicht auffällig dahin gaffen. Du verrätst dich sonst noch. Der Lotse wird abgeholt. Grüßt noch mal kurz zur Nock hoch und dann dreht das Boot ab. Order von der Brücke. „Anker fest anziehen, aber ohne laschen. Sind nur vier Stunden bis zum Kiel-Kanal! Zimmermann genug vorne“. Aber noch sind wir in der Drei-Meilen-Zone. Und der Alte hat ausdrücklich befohlen: Keiner gibt auch nur einen Mucks von sich, bis wir Fehmarn querab haben!
Schnell das Mittagessen runter. Es ist Sonntag und es gibt Steaks. Aber noch will mir das überhaupt nicht schmecken wie sonst. Mir ist schlecht. Ich trinke einen Schnaps und noch ein’ und hau mich auf die Bank. Eine Stunde später werde ich geweckt. Günter kommt rein. Es hat sich inzwischen schon herum gesprochen, dass wir einen brisanten Passagier an Bord haben. Aber jetzt ist landseitig aus dem Dunst ein Vorpostenboot aufgetaucht. Kann nur ein DDR-Boot sein. Hält eine halbe Meile Abstand zu uns, aber läuft mit. Ich verspüre schon wieder dieses Scheiß-Gefühl im Magenbereich. Endlich – nach einer halben Stunde dreht er ab. Endgültig.
Und dann ist er da, unser Flüchtling. Es gibt einen regelrechten Jubel, als er vom Bootsmann abgeholt, aus der Luke auftaucht. Erstmal hoch zum Alten. Von dem bekommt er ein paar wichtige Instruktionen mit auf den Weg. Also, dass er später nicht groß rumtrommelt, mit welchem Schiff und Reederei und so weiter. Schließlich will ‚die Süd’ sich später keine Unannehmlichkeiten einhandeln. Wenig später dann in der Bootsmannskammer. Kiste Bier auf die Back und einen Schluck auf die Freiheit. Was auch wir direkt Beteiligten uns zugute halten. Dreieinhalb Jahre in Bautzen für Beihilfe zur Republikflucht – kaum auszudenken. Die halbe Decksgang drängelt sich rein. Die Jungs schleppen Klamotten ran aus entbehrlichem Privatbestand; schließlich ist unser Flüchtling mit nichts am Leib außer seiner Unterhose an Bord geklettert. Seinen Ausweis hatte er in die rein gesteckt, aber natürlich der ist beim Schwimmen verloren gegangen. Inzwischen erzählt er bereitwillig seine Story runter, die ich schon vom Scheich gehört habe. Vor allem, dass er wegen unsozialistischen Verhaltens in Ungnade gefallen ist, was dann einen völligen Abbruch seiner Karriere zur Folge hatte. Trotz seines einflussreichen Vaters! Irgendetwas irritiert mich an dem Mann. Der wirkt so ungemein clever, macht auf mich einen hochintelligenten Eindruck, und – der hat eine „eins A“ sportgestählte Figur.
Kreuzer kommt rein. „Wir haben gleich den Lotsen und inner halben Stunde sind wir vor der Schleuse in Holtenau. Zeit zum Fertigmachen. Unser Flüchtling sieht gut aus in seinem fast neuen Khakipäckchen. Er verspricht hoch und heilig, dass er sich meldet, sobald er Fuß gefasst hat in der BRD. In der Schleuse wird er von zwei Poli-zisten abgeholt. Ein letztes Winken. Es ist Sonntag, der 20. September 1964. So gegen 16.00 Uhr. Seinen Namen habe ich gar nicht erst behalten. Keiner auf der CAP VALIENTE hat je wieder was von ihm gehört. Viel später mal kommt mir die Sache mit dem verratenen Tankversteck auf dem Kümo in den Sinn. Wie zum Hen-ker haben die das bloß rausgekriegt? Ja, und dann noch dieses rätselhafte Verhal-ten unseres Zweiten Offiziers da in der Luke . . . Ob der Flüchtling überhaupt echt war? – Oder vielleicht nur ein lausiger Spitzel, der die Fluchtwege auskundschaften sollte.

 

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