Präludien von oben im Theatrum Mundi
Vorspiele bei Thomas Mann und Brecht
Mit einem Vorspiel in den oberen Rängen hebt der letzte Teil der Josephs-Tetralogie Thomas Manns an,
unverkennbar anklingend an jenen anderen Prolog im Himmel, der Goethes Faust vorangeht.
Liefert Mann in seinem Vorspiel eine weit ausholende, metaphysische Phantasie über Theodicee, Theogonie und biblischer Theologie im mokanten Ton des schalkisch-scholastischen Rhapsoden, so kommt Brechts Vorspiel in den höheren Regionen seines Theaterstücks Schweyk im Zweiten Weltkrieg ganz nüchtern daher, indem er keine göttlichen Engel disputieren lässt über Man - eine nicht-heideggerische Chiffre für Gottvater -, wie der Autor des Josephromans, sondern Hitler, Göring, Goebbels und Himmler als eine Art chaplineskes Ensemble gefallener Engel auftreten lässt, deren größerer Teil dem einen Diktator katzbucklerisch zu Diensten gesonnen ist.
Ouverture, Präludium und Prolog dienen der Einführung, sie stimmen ihr Publikum ein, ohne es zu sättigen, im Gegenteil,
Horsd’œuvre regen den Appetit an.
Führt Thomas Mann in seine jüdische Geschichte um Joseph, den Ernährer ein, so Brecht in den Kampf der Klassen.
Den Heutigen ist das Hekuba, Manns faulig gewordene Prosa so gut wie Brechts noch fauliger gewordenes Agitprop-Theater.
-----------------------------------------------------------------------------
Ich bin lebendig
und faul und reich,
und ob du schon tot bist,
ist mir doch ganz gleich.
aus: Christine Nöstlinger, Auszählreime
"Die Positionen der Gestirne sind aber nicht die einzigen natürlichen Determinanten einer bestimmten Kalenderzeit."
Bernd W. Seiler:
Die leidigen Tatsachen. Von den Grenzen der Wahrscheinlichkeit in der deutschen Literatur seit dem 18. Jahrhundert
Stuttgart, 1983 (Kap. 14 Die Abstimmung von Datum und Wetter)
Der Held und sein Datum
Notiz zu einer allusiven Datumsangabe in Gustav Sacks expressionistischer Wertheriade* Ein verbummelter Student von 1918
(Nachdruck Stuttgart, 1987)
...;es ist in diesem Jahr alles so früh, die Sonnenuntergänge leuchten wie im Herbst, und wir schreiben den 20. Junius. -
So heisst es im Kapitel Der Dunkelblaue Enzian Zum Ersten Mal in Gustav Sacks expressionistischen Roman Ein verbummelter Student. (S. 53 ibid. 1987)
Die anachronistische Monatsangabe Junius lässt ebenso aufhorchen wie der ihr bald nachfolgende Gedankenstrich.
Beide verweisen den Leser an Goethes Werther.
In dessen erster und zweiter Fassung, jeweils im Ersten Teil bzw. Erstem Buch gibt es zwischen den Eintragungen Am 19. Juni
und Am 21. Juni bzw. Am 19. Junius und Am 21. Junius keinen unter dem Datum des dazwischen liegenden Tages.
Dass Sack seinen Sturm-und-Drang-Erzähler vom 20. Junius schreiben ließ und ihn damit diskret in der Werther-Welt zu kontextualisieren suchte, war alles andere als ein Zufall, auch und insbesondere vor dem Hintergrund der in seinem Roman an vielen Stellen auszumachenden kulturhistorischen Reminiszenzen, deren Verweise zu erkennen den heutigen Leser nicht selten hoffnungsls überforderte – läse er denn.
* Verf. „Eine jüdische Wertheriade“ in. Jüdische Rundschau Dezember 2014
https://www.academia.edu/43263867/J%C3%BCdische_Rundschau_Dezember_2014_Eine_j%C3%BCdische_Wertheriade