Willy, das Walross
Der durchdringende Schnarchton war in jedem Winkel des Bootes zu hören. Worauf die meisten Ausflügler belustigte Blicke wechselten. Der Eigner, Willy, das Walross, genannt, wegen seines Körperumfangs, hielt seinen wohlverdienten Mittagsschlaf. Den hatte er sich heute extra hart erkämpft. Eine der gutsituierten Damen Ende dreißig hatte seine Geduld arg strapaziert. Und genau die echauffierte sich nun auch, aber beinahe unbeachtet, über den etwas lauteren seligen Schlummer Willys, der das Gezeter selbst im Schlaf komplett ausblendete.
Willy lebte am und vom Meer, wusste bestens über Flora sowie Fauna an Land und unter Wasser Bescheid, und kannte jede Sorte Menschen. Meist ertrug er die Anwesenheit dünkelhafter Individuen mit erstaunlicher Gelassenheit. Selbst bei den übelsten Besserwissern wirkte der 1,90 Meter Riese äußerlich ganz ruhig, während innen ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch kochte. Sein Gesicht zierte immer ein Lächeln. Meist freundlich, oft vergnügt, aber manchmal auch als jene asiatische Fassade, hinter der sich finstere Gedanken verbargen.
Wenn er eines besonders hasste, dann die Klugscheißerei ebenjener Damen, die im ganzen Leben selten oder gar nie gearbeitet hatten. Die kannten sich bestenfalls hervorragend und ausschließlich mit den Eigenschaften von Make-up oder den Labels der Haute Couture aus und konnten stundenlang schwadronieren, in welcher Art Glas man Champagner zu kredenzen habe.
Willy verdrehte öfter innerlich die Augen. Er würde das edle Gesöff auch aus der Flasche nuckeln, wenn nichts anderes zur Verfügung stehe. So hatte er gleich am ersten Tag Madame Nörgel seine blecherne Henkeltasse hingehalten, als ihr der bruchfeste Sektkelch zu profan erschien, welchen ihr der Stewart reichte. Ihr entrüsteter Blick war ihm wie Öl runtergegangen. Die anderen, sowohl Crew als auch Ausflügler, hatten Mühe gehabt, nicht lauthals loszulachen.
Madame ahnte nicht, dass Willy der Besitzer zweier großer Boote war, denn der beleibte Seebär gab sich auch wie einer. Zur wilden schulterlangen schwarzbraunen Mähne trug er meist ein quergestreiftes T-Shirt, eine Dreiviertelhose in XXL Bequemweite und Jesuslatschen, sah also eher aus, wie ein angeheuerter Tagelöhner, als der Chef der kleinen Firma.
Er liebte es, seine gutbetuchten Tauch- und Schnorchelkunden persönlich zu den besten Tauchplätzen zu bringen. Wobei er immer wieder das schier Unmögliche möglich machte, Orte zu finden, an denen die Verschmutzung des Meeres kaum zu sehen war. Die meisten Teilnehmer der Events hatten sich den Schutz der Tauchgründe sowieso auf die Fahnen geschrieben, weil sie wussten, wie fragil die Welt unter Wasser war.
Madame Nörgel, wie er Frau Auriol schon seit dem ersten Tauchgang sarkastisch nannte, hatte allen Ernstes das Ansinnen gestellt, einer seiner Leute habe vor den gemeinsamen Ausflügen das Gebiet abzusuchen und jegliche Verschmutzung zu entfernen. Schließlich sei es eine Zumutung, wenn immer wieder leere Konservendosen oder Plastikflaschen im Sand steckten.
Im gleichen Atemzug hatte sie ihre Pralinenkapsel aus Papier einfach über Bord geschnippt, obwohl ein sogar windsicherer kleiner Abfallbehälter in einer Halterung auf dem Tisch befestigt war.
Der Blick zweier Tauchguides war mörderisch und hätte sie glatt wie Dolche in den Rücken treffen müssen.
„Dämliche Qualle“, raunte der eine.
Der andere begann zu lachen. „Das ist eine glatte Beleidigung für jedwede Wasserkreatur! Mögen Quallen auch kein Hirn haben, so haben sie allemal mehr Grips, als diese Person, der bisschen was, im Oberstübchen, zu fehlen scheint. Ich hätte richtig Lust, Willy für morgen die Kloaken-Tour vorzuschlagen. Vor allem, wenn er ihr genüsslich unter die Nase reibt, dass auch ihr eigener Müll dabei sein könnte. So sehr, wie ich die hirnlosen Idioten dort und den Gestank hasse, so lustig wird der Ausflug mit Madame werden.“
„Da gebe ich dir Brief und Siegel drauf!“, grinste der Erste. „Ich habe wegen des ungewöhnlichen Namens ein bisschen recherchiert ...“
„Und?“, fragte der andere irritiert, als sein Kollege plötzlich verstummte.
Der zog sein Handy hervor, tippte ein paar Befehle ein und hielt es ihm unter die Nase.
„Ach, du Scheiße! Hast du es Willy gesagt?“
„Nein, aber das lässt sich nachholen.“
...