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Die Magier von Tarronn



Die Magier von Tarronn


Spät in der Nacht ging das Begrüßungsfest für Horus und Darina zu Ende, ohne dass Sami eine passende Gelegenheit gefunden hatte, mit Leon über Lauras Sorgen zu sprechen. Er nahm sich vor, am nächsten Morgen die Augen und Ohren weit offen zu halten. Hilfe holte er sich bei Chima.
„Gibst du mir bitte sofort Bescheid, wenn irgendein neuer Gleiter hier landet?“, flüsterte er ihr zu.
„Versprochen!“
Drei Tage später war es so weit. Gleiter im Anflug, hörte Sami die telepathische Stimme des Drachenweibchens.
Danke! Ich revanchiere mich, gab er zurück, sich sofort auf den Weg zum Landeplatz machend. Hinter einem Felsblock beobachtete er ungesehen, was sich zutrug. Der Pilot, ein Mann aus Jamals Team im Palast, verriegelte von außen das Fluggerät.
Als Horus eintraf, übergab er es an Leon. „Alle Systeme gecheckt und flugbereit.“
Leon schaute ihn fragend an. Horus begann zu lachen.
„Reinkommen müsst ihr schon selber! Wie wollt ihr fliegen, wenn ihr nicht mal dazu in der Lage seid?“
Leon warf Ihi und Ariel verlegene Blicke zu.
Gib den telepathischen Code gelb-orange-blau-dreizehn an das System, hörte er plötzlich Samis Stimme in seinem Kopf.
Der Tipp funktionierte und Leon enterte die ausklappende Rampe. Seine Freunde folgten ihm mit Horus. Es dauerte nicht lange, da fragte Leon bei Sami nach dem Startcode an. Mit einem Kopfschütteln gab dieser Auskunft. Ein paar Minuten später hob der Gleiter im Normalflugmodus ab.
Sami schaute nachdenklich hinterher. Hier ging es wohl nicht mehr darum, mit Leon über Lauras Gedanken zu sprechen, sondern darum, zu verhindern, dass ihr ein Leid geschähe, wenn sie mit diesen drei Crashpiloten flöge. Bestärkt wurde er in dieser Annahme durch die vielen hilflosen Nachfragen ihres Bruders während des zwanzigminütigen Testfluges.
Sami gab Auskunft unter Anwendung jeglicher Abschirmung, sodass Horus zu der Überzeugung kommen musste und schließlich auch kam, dass Leon durchaus in der Lage sei, selbstständig diesen Gleiter zu fliegen. Soeben landete er wieder.
„Viel Spaß“, wünschte Horus, ehe er sich auf den Weg zu Darina machte.
„Ich hole Laura“, rief Ihi.
Ariel und Leon blieben neben dem Gleiter stehen, wobei Letzterer ziemlich nervös wirkte.
Ariel wandte sich ihm zu, kaum dass Horus außer Hörweite war. „Meine Güte! Du hast dir den ganzen Krempel gemerkt? Magier müsste man sein!“
„Eben nicht!“, gab Leon kleinlaut zu. „Sami war unser eigentlicher Pilot. Ich wäre weder in das Ding rein, noch damit klar gekommen. Wäre Sami nicht gewesen, dann hätte ich mich voll zum Idioten gemacht.“
„Dann sollten wir ihn bitten, mit uns zu fliegen“, riet Ariel.
„Geht nicht. Ist nur ein Viersitzer und Laura kann ich nicht hier lassen.“
„Pass auf! Klartext: Ich habe erstens das große Flattern, wenn keiner von uns den vollen Durchblick hat. Zweitens wollt ihr was aus der Vergangenheit eures Clans herausfinden, wo ich nicht unbedingt dabei sein muss. Drittens solltest du auf meinen Rat hören und auf der Stelle Sami als Pilot anheuern. Tust du es nicht, werde ich dich als Viertes bei Horus verpfeifen oder noch besser, bei deinem Vater. Alles klar?“
„Erpresser!“, grollte Leon, dabei klopfte er Ariel dankbar die Schulter.
Im nächsten Moment hörte Sami seine Bitte, sofort zum Landeplatz zu kommen. Solons Sohn hatte der gesamten Unterhaltung gelauscht. Nun ließ er sich Zeit. Nach zehn Minuten kam er gemächlich hinter seinem Felsem hervor, als wäre er gerade von der Schafweide über die Wiesen gelaufen.
„Wo brennt es denn?“, fragte er gespielt naiv.
Leon schluckte. „Ich brauche einen fähigen Piloten.“
„Und da kommst du zu mir?“ Sami setzte ein so ungläubig-staunendes Gesicht auf, dass ihm Leon das Theater problemlos abkaufte.
„Hast mir vorhin den Hintern gerettet“, gab der junge Magier unumwunden zu. „Würdest du bitte das Ding für uns fliegen?“
„Wenn es nicht zu vermeiden ist. Wo soll es denn hin gehen?“
„Zum Nordmeer.“
Sami blieb seiner Rolle treu. „Oh-ha!“
Leon winkte ab. „Mann! Ich bin ein Magier!“
Sich am Ohr kratzend, fragte Sami: „Mit Magie lässt sich der Silbervogel wohl nicht bedienen?“
Statt einer Antwort schnaufte Leon nur unwillig, denn Ihi tauchte soeben mit Laura auf.
Ariel klopfte Sami auf die Schulter. „Bring sie gut ans Ziel.“
„Ich werde mir Mühe geben.“ Sami betrat wortlos den Gleiter, um vor dem Start noch einmal die Instrumente zu checken.
„Habt ihr euch überworfen?“ Laura deutete auf den davoneilenden Ariel, der ihr im Vorbeihuschen zugewinkt hatte.
„Eigentlich nicht. Er wollte nur nicht mit Dilettanten fliegen und hat gemeint, ich solle lieber Sami mitnehmen, weil der etwas von der Sache versteht.“
„Horus hat euch doch aber sein Flugzeug gegeben, weil der Probeflug erfolgreich war“, murmelte Laura irritiert. Sie schaute unbewusst in die Richtung, in welche Ariel verschwunden war.
Leon grinste breit. „Wir hatten eine Fernsteuerung und die habe ich als Piloten angeheuert. Sami sitzt schon im Cockpit.“
„Wenigstens einer, der vernünftig ist“, seufzte die junge Frau, „Hoffentlich nimmt das hier ein gutes Ende.“
„Du immer mit deinen Befürchtungen. Vergiss nicht, ich bin ein Magier und nicht einmal ein schlechter.“
„Eindeutig größenwahnsinnig“, murmelte Laura und ging zu Sami hinein.
Ein kurzer Blickwechsel, dann wussten beide, dass Reden sinnlos war und man einfach das Beste aus der verfahrenen Situation machen musste.
„Es kann losgehen!“, rief Leon beim Betreten der kleinen Zentrale.
Sami nickte. „Systeme gecheckt, Luken geschlossen, Start in drei Sekunden.“
Sanft hob der Gleiter ab, drehte um 180 Grad und flog direkt auf das offene Meer hinaus.
„Genaue Zielkoordinaten…“
„Keine“, grinste Sami. „Geradeaus, dann links zum Nordmeer und einfach Spaß haben.“
„Sag mal, spinnst du?“ Laura funkelte Leon wütend an. „Wenn du einen Piloten brauchst, dann gib ihm gefälligst in ordentlichem Ton die nötigen Daten.“ Nach einem kurzen Blick auf den Monitor mit der Karte der nördlichen Regionen wandte sie sich an Sami. „Flieg bitte die Randsiedlung direkt an, dann fünf Grad nordwestlich, Kurs auf die letzte Messstation im Eis.“
„Danke.“ Sami programmierte um. „Automatisches Positionssignal alle fünf Minuten“, gab er bekannt.
„Warum denn das?“, fragte Leon überrascht und ziemlich unangenehm berührt.
„Weil das so Vorschrift ist.“ Sami drehte sich nicht einmal zu ihm um. „Hier gelten die Regeln für gesperrte und extrem gefährliche Gebiete.“ Seine Miene blieb völlig reglos und auch sein Energielevel auf kompletter Abschottung, seit er die Flugmaschine betreten hatte.
Laura versuchte, von der Seite in seinem Gesicht zu lesen – ohne Erfolg, was sie noch mehr erstaunte. Solche Beherrschung der Energien war eigentlich nur einem Magier möglich. Sami war bisher durch keinerlei besondere Fähigkeiten hervorgetreten. Sie beschloss, später mit ihm darüber zu reden.
„Wir erreichen die letzte Station in zehn Sekunden“, gab Sami bekannt.
Alle schauten aus dem gepanzerten Panoramafenster. Der Gleiter überflog das Nordmeer, genau an der Stelle, wo Zaids Mutter vor tausenden Jahren den tödlichen Unfall erlitten hatte.
„Keine Anomalien“, gab Ihi, nach einem kurzen Blick auf die Instrumente, bekannt.
„Mag sein, hier lauert trotzdem was“, murmelte Leon. „Ich kann es fühlen.“
Sami warf Laura einen schnellen Blick zu. Sie, die Enkelin Neris und mit fast den gleichen Gaben ausgestattet, hatte nur ihm von ihrer Vision erzählt, die sie für einen banalen Traum gehalten hatte. Sie war auf den letzten Kilometern immer stiller und in sich gekehrter geworden.
„Und ich wette, Laura geht es ebenso“, fügte Leon gerade noch hinzu.
„Zweifellos“, pflichtete ihm Sami bei. „Sie sie dir nur an! Wenn es nach ihr gegangen wäre, dann hätten wir eine andere Flugroute eingeschlagen oder wenigstens einen der Drakonat gebeten, uns auf dem ersten eigenständigen Abenteuer zu begleiten.“
Ihi versuchte abzuwiegeln. „Noch ist ja nichts passiert.“
„Noch. Genau, wie du sagst.“ Sami ließ die Finger rasch über die Tasten des Steuerpultes gleiten. Tausende zusätzliche Scanns erstellten ein genaues Bild des Untergrundes, der hier löchrig wie Käse zu sein schien. Dabei drangen diese Öffnungen mehrere hundert Meter tief in den Boden des Planeten ein.
„Weiß eigentlich jemand, wie diese Kanäle entstanden sind?“, fragte Ihi plötzlich.
Allgemeines Kopfschütteln antwortete ihm.
„Wisst ihr es nicht oder weiß es keiner?“, präzisierte er grinsend.
Laura verdrehte die Augen. „Männer!“, schnaufte sie. „Ich schau einfach mal nach. Irgendwo in den Speichern muss es ja geologische und geschichtliche Daten geben.“ Ein paar Minuten verstrichen, in denen sie die Texte äußerst intensiv zu studieren schien. Dann hob sie langsam den Kopf. „Caiphas!“
„Oh, oh!“, die jungen Männer umringten sie, um mitzulesen. Ein unangenehmes Kribbeln im Nacken ließ Leon plötzlich herumkreiseln.
„Achtung! Hinlegen!“, schrie er und riss Laura zu Boden. Ob die anderen schnell genug waren, konnte er nicht sehen. Kunststoff splitterte, der Antrieb setzte immer wieder aus und das Geräusch zerreißenden Metalls malträtierte die Ohren.
„Aufschlag in etwa drei Sekunden“, schrie Sami und zählte an: „Eins – zwei…“
Bei drei bohrte sich der Rumpf des Fluggerätes in die Eisdecke des Ozeans. Die Abenteurer wurden wie Stoffpuppen herumgeschleudert, knallten gegen die Reste des Steuerpultes und rissen sich an den unzähligen Splittern der Panzerglasscheibe tiefe Wunden. Einer fluchte, der andere stöhnte. Sami biss die Zähne zusammen und robbte bäuchlings zu Laura, die mit geschlossenen Augen verkrümmt in der Ecke lag und keinerlei Lebenszeichen von sich gab.





Band 4

...
Osiris war aufgestanden, um den kleinen neuen Bürger noch einmal ganz in Ruhe zu betrachten, als wieder einmal etwas Seltsames geschah. Merit-Amun, die ihm gerade Platz machen wollte, blieb mit einem unterdrückten Stöhnen stehen, während sich die Gestalt der Uräus’ über sie legte.
Osiris, der zwar von diesem Phänomen gehört, aber das selbst noch nie erlebt hatte, stoppte mitten in der Bewegung. Die Versammelten erstarrten. Uräus hatte selten gute Nachrichten, wenn sie so erschien. Neri drückte Ihi schützend an sich.
„Ich bin erfreut, dich gesund zu sehen“, sprach die Kobra-Göttin Osiris an, den sofort ein ungutes Gefühl beschlich. „Ich komme, um euch den Willen der Schicksalsgöttinnen zu überbringen.“ Ihr Blick glitt über die Menge, dann fixierte sie mit ihren senkrechten Pupillen Danaë, die Mühe hatte, nicht ohnmächtig zu werden.
„Es ist seit langer Zeit beschlossen, die unglücklichen Geschöpfe der alten Genexperimente aussterben zu lassen. Daran werdet auch ihr nichts ändern. Sollte der kleine Zentaur tatsächlich lebend das Licht von Tarronn erblicken, dann werde ich ihn persönlich Anubis übergeben.“
Im gleichen Augenblick zog sich die Kobra zurück, Merit-Amun fiel Osiris bewusstlos in die Arme. Danaë brach weinend neben Cheiron zusammen, der sich selbst kaum noch auf den Beinen halten konnte.
„Aus, vorbei“, hämmerte es in seinem Kopf. Lähmendes Entsetzen machte sich breit.
Osiris fing sich als Erster. Er trug Merit-Amun zu Safi, dann nahm er Danaës Hände. „Sie wird euer Baby nicht bekommen, so wahr ich hier stehe.“
Er wandte sich zu Jamal um. „Dein Urlaub ist bis auf Weiteres verschoben. Komm, uns läuft die Zeit davon.“ Gemeinsam verschwanden sie in Richtung der Häuser.
Isis legte Tana tröstend den Arm um die Schulter. „Sei nicht traurig, aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Du bleibst natürlich hier. Ich beauftrage dich für diese Zeit mit Studien über die Erdenpflanzen, die wir in Bälde mit zum Palast nehmen wollen.“
„Vielen, vielen Dank.“ Tana lächelte unter Tränen. Sie hatte schon Angst gehabt, man werde sie allein nach Alba zurückschicken.
Imset schaute in die Runde, in betretene Gesichter. „Haben wir jemals getan, was das Schicksal wollte? Sie wird Danaës Baby nicht bekommen, egal wie, aber sie bekommt es nicht.“ Ein gefährliches Funkeln glomm in seinen Augen. Sobek und die Drakon nickten.
Thor staunte. Was er hier erlebte, war Meuterei auf der höchsten Ebene. Gab es überhaupt eine Chance, das Kind vor der Göttin zu verstecken, die unvermutet und buchstäblich überall erscheinen konnte?
Andererseits kannte er die Atlan inzwischen gut genug, um zu wissen, dass sie niemals aufgaben und die allerunmöglichsten Dinge fertigbrachten. Nun lag es wohl zuerst daran, ob Danaë stark genug war, die seelische Folter zu ertragen, die ihr Uräus auferlegt hatte.
„Ich bin nur ein wertloser Mensch“, hatte die junge Frau zu Jamal gesagt. In Thor regte sich der Widerspruch – gegen diese Worte und gegen das Verlangen der Uräus. Er würde für Danaë kämpfen, selbst wenn er sie mit nach Asgard nehmen müsse, damit das Baby eine Chance auf Leben habe.
„Ich danke dir.“ Imset drückte dem verblüfften Asen ganz fest die Hand. Langsam begriff Thor, dass er seine Gedanken nicht abgeschirmt hatte und jeder in ihnen, wie in einem offenen Buch, gelesen hatte. Die vielen dankbaren Blicke quittierte er mit einem kampflustigen Lächeln.
Maris hatte sich neben Danaë auf die Bank gesetzt. Er sprach intensiv auf die werdende Mutter ein. Cheiron nickte zu seinen Worten. Isis nahm Kontakt zu Anubis auf, um ihn über die unschöne Begegnung mit Uräus zu informieren.
„Jetzt reicht es“, gab Anubis telepathisch zurück.
Cheiron brachte seine verzweifelte Gefährtin nach Hause. Sie vergrub ihr Gesicht in den Kissen und weinte hemmungslos. Dem Zentauren blieb nichts anderes übrig, als ihr einen Beruhigungstrunk zu mischen, der sie sanft ins Reich der Träume schickte. Dann ließ er sich neben ihrem Bett nieder und hätte am liebsten selber Rotz und Wasser geheult.
Am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück erschien Maris, um nach Mutter und Kind zu sehen, ein Besuch, den er von nun an täglich wiederholte.
Thor avancierte zu ihrem Leibwächter, wofür ihm Cheiron unendlich dankbar war. In der Zeit, wo er sich um die Ausbildung der Pferde kümmerte, wäre seine Liebste schutzlos ausgeliefert gewesen.
Er ahnte nicht einmal, dass alle Magier, ohne darüber zu reden, rund um die Uhr ein Überwachungsnetz über Dafa spannten, um sofort über jegliche magische Anomalie unterrichtet zu werden, so auch über das Auftauchen der gefürchteten Kobra. Osiris und Jamal nahmen die Schriftrolle kurzerhand mit an den Strand.
Horus hatte sie in seinem Gleiter mehrfach kopiert. Selbst wenn Uräus das Original vernichten sollte, man werde trotzdem nicht hilflos dastehen. Talos und Lara unterwiesen Tana ebenfalls am Strand über die Besonderheiten der Erdenpflanzen.
So konnten Isis und Osiris, genau wie Tana und Jamal ein wenig Zeit gemeinsam verbringen, selbst wenn es nur die kurzen Pausen für Essen und notwendigste Erholung waren. Drei Wochen später schienen die beiden Männer gefunden zu haben, wonach sie so intensiv gesucht hatten.
Ohne ein Wort darüber zu verlieren, machten sie einen überaus zufriedenen Eindruck. Osiris beugte sich zu Jamal hinüber. „Ehe ich es vergesse: Ihr habt, ab sofort, zwei Wochen Urlaub.“
Tanas Jubelschrei lockte die Drakon herbei. „Du hast gerufen“, kicherte Siri, als sie Tanas verdutztes Gesicht sah.
„Ach du Schreck!“ Tana wurde rot.
„Steigt schon auf. Ich weiß doch, was ihr beide euch schon so lange wünscht.“ Siri legte ihren Kopf auf den Boden. Mit Jamal und Tana auf dem Rücken flog sie auf das Meer hinaus. Zwei Stunden später brachte sie sie wohlbehalten wieder an den Strand.
„Mit euch zu fliegen, ist immer wieder beeindruckend.“ Tana streichelte die riesige Drakon. „Heute ist mein allergeheimster Kindheitsraum in Erfüllung gegangen, auf dem Rücken eines Drakon zu fliegen, unter mir das weite lavendelfarbene Meer und über mir nur der grüne, weite Himmel.“
Jamals strahlende Augen sagten dasselbe. „Das ist Märchenbuchurlaub“, fügte er hinzu.
Thor seufzte. „Mein Urlaub wird wohl auch in einigen Wochen zu Ende sein. Taris hat heute Horus Bescheid gegeben, dass unser Transporter morgen starten wird.“ Er seufzte noch einmal.
„Oh je, ich glaube, der Ärmste hat sich infiziert“, stellte Jani mit todernster Miene fest.
„Womit?“ Isis schaute sie erschrocken an.
Jani blinzelte harmlos. „Mit dem unheilbaren Atla-Virus.“
„Stimmt. Genau so geht das los.“ Kebechsenef wiegte bedächtig den Kopf. „Da hilft nur eine jährliche Kur auf Dafa, bis man gegen den Virus resistent ist oder bis er einen hoffnungslos infiltriert hat.“
„Stellst du meinen Kurantrag bei Odin?“ Thor schaute ihn treuherzig an. „Dir glaubt er sicher eher als mir, dass das für mein Seelenheil unbedingt erforderlich ist.“
„Aber gern. Maris kann das Ganze sogar mit einem Attest untermauern.“
Das einsetzende Gelächter war ohrenbetäubend. Es lockte den ganzen Magischen Club, der inzwischen riesig geworden war, an den Strand.
„Hat eine Bestimmte dein Herz erobert oder ist es die Allgemeinheit, die dich lockt“, fragte Imset wie nebenbei.
Thor wurde unbehaglich. Er wand sich förmlich. „Eine Bestimmte. Aber ich werde keinen Namen nennen, sonst kratzt ihr Sif womöglich die Augen aus, wenn sie zufällig zusammentreffen sollten.“
„Und sie?“
Jetzt lächelte der Ase. „Sie genießt und schweigt.“
Imset klopfte ihm auf die Schulter. „Wir werden sehen, was wir für dich tun können.“
Thor atmete erleichtert auf. Er hatte sich schon auf bittere Vorwürfe gefasst gemacht. Natürlich genoss Riva, dass einer der hochrangigsten Asen so offensichtliches Interesse an ihr zeigte. Aber genau so heimlich traf sie sich mit ihm.
Sie wusste ziemlich gut, dass er in fester Bindung lebte und konnte sich ausmalen, wie rigoros seine Frau jedes weitere Treffen unterbinden würde, wenn sie mitbekäme, dass mehr als eine der üblichen Kurzromanzen dahinter steckte.
Thor rieb nachdenklich seine Nasenspitze. Der Atla-Virus … Wahrscheinlich war es das. Er war fast süchtig nach dieser zierlichen Brünetten vom geheimnisvollen Volk der Atlan. Dabei beschränkte sich sein Interesse nicht vorwiegend auf die körperliche Nähe.
Mit ihr konnte er stundenlang durch den Wald wandern, ohne dass ihnen die Gesprächsthemen ausgingen. Sich mit ihr über Blüten und wohlschmeckende Früchte freuen, aber auch einfach nur schweigend neben ihr im heißen Sand liegen und die Sonne genießen. Infiziert. Unheilbar.
Thor hatte aufgehört, seine Seufzer zu zählen. Dafür zählte er voller Sorge die Wochen, bis der Transporter Dafa erreichen werde.
Die anderen zählten ebenfalls die Wochen, aber die, bis Danaë hoffentlich ohne Komplikationen, ihr Zentauren-Baby zur Welt bringen werde. Je näher der Termin rückte, umso schlechter ging es ihr. Die Ungewissheit fraß an ihr, wie eine Bestie, die ihrem Opfer bei lebendigem Leibe Stück für Stück aus dem Körper reißt.
Maris beendete schließlich das Martyrium. „Wir können nicht länger zusehen, wie sie dahin siecht. In ein paar Tagen besteht keine Hoffnung mehr, dass wenigstens eine der beiden überlebt. Wenn Osiris bereit ist, beginnen wir.“
„Ich bin bereit. Ich werde jetzt mit Imset, Sobek und den Drakon die Perle holen. In genau einer Stunde werden wir in Cheirons Haus eintreffen.“ Zu fünft machten sie sich auf den Weg.
Maris übernahm es, die völlig ahnungslosen werdenden Eltern vom Entschluss der Magier zu unterrichten. Danaë begann wieder zu weinen, obwohl ihr selbst hierfür schon fast die Kraft fehlte. Cheiron wurde leichenblass.
„Tut, was getan werden muss“, sagte er schließlich mit tonloser Stimme. „Rettet wenigstens Danaë.“
In den nächsten Minuten trafen alle Magier, Isis, Neri und sogar Thor ein, um irgendwie die Schicksalsgöttin fernzuhalten. Ein lautes Rauschen verriet die Ankunft der Drakon. Gleichzeitig flimmerte die Luft, Osiris und die Drakonat materialisierten sich.
Ihren Gesichtern war nicht zu entnehmen, was in der letzten Stunde geschehen war. Wie ein Schutzwall umringten die Magier und Magierinnen Danaës Bett, das in wenigen Augenblicken Maris als Operationstisch dienen sollte. Cheiron zog sich in eine Ecke des Zimmers zurück. Er, der sonst immer die Ruhe bewahrte, war nicht mehr fähig, auch nur einen einzigen klaren Gedanken zu fassen. Danaë zitterte am ganzen Körper.
Maris wandte sich ihr zu, legte beide Hände an ihre Schläfen. Sie schloss die Augen und sank Osiris in die Arme, der sie vorsichtig zum Bett trug.
Bevor Maris sich seiner Patientin widmen konnte, erschien eine leuchtende Wolke mitten im Zimmer, die sich zu Uräus verdichtete. Die Anwesenden hielten den Atem an.
„Ich hatte euch gewarnt“, zischte die Göttin, deren Gesicht vor Aufregung die Züge einer Kobra annahm. „Wir dulden keine weiteren Zentauren.“
Der Herr der Tarronn wandte sich beinahe unbeeindruckt Danaë zu, die Maris in einen magischen Tiefschlaf versetzt hatte, um ungestört die Schnittentbindung durchführen zu können.
Er hatte jetzt keine Zeit für Erklärungen. Er riss ihr mit einem Ruck das Gewand vom Körper, egal, wer alles zusehen konnte. Legte beide Hände an ihren hoch aufgewölbten Bauch und begann, Bewegungen zu machen, als sortiere er etwas.
Dabei setzte sich ein unübersehbares Lächeln in seinen Mundwinkeln fest. Die Magier und selbst Isis wagten nicht, einen Laut von sich zu geben.
„Was tust du?“ Uräus funkelte Osiris wütend an. „Ich bin hier um diesen kleinen Zentauren zu töten, daran wirst auch du mich nicht hindern.“
Die einzigen Antworten waren ein Schulterzucken und ein breites Grinsen.
Die Schlangengöttin zog das Schwert, dem Baby sofort das Leben zu nehmen, um welches hier so viele kämpften.
Cheiron stand wie gebannt in seiner Ecke, schaute unverwandt zwischen Danaë, Maris, Uräus und Osiris hin und her. Alles lief wie in Zeitlupe ab.
Der mächtige Tarronn zog langsam seine Hände vom Bauch der werdenden Mutter zurück. „Du kannst beginnen“, wandte er sich an Maris, der augenblicklich das Skalpell ansetzte.
Osiris drehte sich zu Cheiron um, fasste ihm vor aller Augen zwischen die Hinterbeine, wobei der lange Pferdeschweif den Ort seiner fieberhaften Tätigkeit verdeckte.
Cheiron gab einen leisen Schreckenslaut von sich, blieb aber, wenn auch heftig zitternd, stehen, um Osiris nicht zu stören, der zielstrebig und ziemlich schmerzhaft zu Werke ging.
Schließlich klopfte er dem Zentauren aufs Hinterteil, zwinkerte ihm verschwörerisch mit einem Auge zu, um im Bruchteil einer Sekunde wieder neben Danaë zu erscheinen.
„So, nun gebe ich ihr die Unsterblichkeit, damit sie noch auf das bedauernswerte, dem Tode geweihte Baby übergehen kann“, sagte er in einem Tonfall, welcher alle aufhorchen ließ.
Uräus zuckte zusammen. Ihr war der spöttische Unterton nicht entgangen. Sie ließ sogar das Schwert sinken, mit dem sie Cheirons Nachwuchs enthaupten wollte.
Stattdessen beugte sie sich neugierig zur Seite, bis sie genau sehen konnte, wie fieberhaft und präzise Maris arbeitete. Die Versammelten würden es nicht wagen, ihr das Baby vorzuenthalten.
Osiris hatte tief Luft geholt, seine Lippen auf die Danaës gepresst und hauchte ihr buchstäblich die Unsterblichkeit ein. Dann nickte er zufrieden, stellte sich neben Maris, von wo aus er ziemlich ungeniert diesen nackten Frauenkörper betrachtete.
Und gleichzeitig mit Adlerblick beobachtete, wie der Heiler ein Beinchen mit einem Huf ans Licht beförderte, welchem ein haariger Schweif, drei andere Beinchen und schließlich ein Menschenkopf folgten. Cheiron brach fast in die Knie, als Uräus das Schwert wieder hob.
Er schaute flehend zu ihr hinüber und bemerkte, wie sich ihr Gesichtsausdruck von konzentriert, zu namenlos überrascht ändert. Sie war nicht einmal in der Lage ihr Schwert sinken zu lassen. Es fiel ihr einfach hintenüber aus der Hand.
Ungläubig starrte sie an, was Maris vorsichtig auf dem nackten Bauch der Mutter abgelegt hatte, bevor Neri und Isis rasch zufassten. Mit einem matten Seufzer rutschte Cheiron, der ebenfalls gesehen hatte, was da lag, ohnmächtig in sich zusammen.
Maris, Solon, Talos und die Drakonat heilten inzwischen voll konzentriert die Verletzungen der jungen Mutter. Osiris kniete währenddessen neben Isis und Neri auf dem Boden, wo er mit sichtlichem Stolz sein Werk bestaunte.
Leiser, unsicherer Hufschlag ließ ihn aufschauen. „Ah, Cheiron, ich gratuliere zu etwas ungewöhnlichen Zwillingen.“ Er stand auf und gab den Blick auf ein neu geborenes Fohlen und ein Menschenbaby frei.
Jetzt löste sich die Anspannung aller in unbeschreiblichem Jubel. Sie lachten und weinten vor Glück, lagen sich in den Armen, gratulierten Osiris, Maris, aber vor allem dem überglücklichen Vater.
Uräus hatte beide Hände vor das Gesicht geschlagen. Durch die gespreizten Finger beobachtete sie die ausgelassene Gesellschaft und auch, wie die beiden Drakonat Lebensenergie an die beiden, viel zu früh geborenen, Kinder übertrugen.
Osiris kam kichernd auf sie zu. „Ich lade dich für heute Abend zu unserer Baby-Ankunfts-Party ein. Die solltest du nicht verpassen.“
Uräus nickte. „Ich werde sie mir keinesfalls entgehen lassen.“ Dann verschwand sie rasch in einem grünen Nebel, wobei sie sogar noch ihr Schwert liegen ließ.
Neri half Maris Danaë anzukleiden, bevor er sie vorsichtig aus ihrem unnatürlichen Schlaf weckte. Cheiron hatte schließlich mit seinem Nachwuchs alle Hände voll zu tun.
Er wiegte das eine Töchterchen im Arm, streichelte mit der freien Hand das andere Baby, das ihm schon auf wackligen Beinchen folgte. Danaës völlig ungläubigen Blick beantwortete er mit einem befreiten Lachen. „Zwei wunderschöne Töchter hast du mir geschenkt.“
Horus, praktisch veranlagt wie immer, und mit mindestens soviel Neugeborenenerfahrung ausgestattet wie Neri, verschwand unbemerkt zum Raumgleiter, wo er im Labor fand, was er suchte.
Als er zurückkehrte, überlegte Danaë gerade angestrengt, wie sie wohl das hungrige Pferdchen stillen solle. Horus drückte ihr die mitgebrachte Kunststoffflasche mit dem Saugerverschluss in die Hand. „Versuchs auf einem Umweg.“
Isis lehnte lächelnd an Osiris’ Schulter. Er hatte Uräus gezeigt, dass auch mit ihm wieder voll zu rechnen war. Das, was er für Danaë und Cheiron getan hatte, war eine deutliche Kampfansage an die Adresse der Urmütter.
Sie konnten sich ausrechnen, was geschähe, wenn sie nicht umgehend Horus’ Clan, der auch der seine war, in Ruhe ließen. Uräus’ schnelle Zusage für den Abend klang danach, das Friedensangebot anzunehmen.
Im Augenblick saßen alle am und um das Bett von Danaë. Osiris begann zu erzählen, wie er mit Jamal die Textstelle gefunden hatte, in der von drei Wünschen die Rede war, die die Perle erfüllen könne, wenn man auf die unbegrenzte Macht verzichtete, die sie im Allgemeinen verleihen konnte.
Dazu musste das wertvolle Gebilde zerrieben und mit etwas Flüssigkeit getrunken werden. So gerüstet blieben genau zehn Stunden Zeit, die Wünsche auszusprechen, die niemals rückgängig gemacht werden könnten.
„Was hast du vor?“, hatte Jamal gefragt.
Osiris hatte ihn lange nachdenklich angeschaut. „Ich weiß es nicht. Ich werde die Perle zu mir nehmen und vor Ort entscheiden, was ich tun muss.“
„Ich wusste davon, dass keine neuen Zentauren geboren werden sollten“, berichtete Osiris weiter. „Ich habe also gleich zwei Wünsche auf genau diesen einen Punkt ausgerichtet.“
Cheiron zog die Augenbrauen zusammen. „Dann hast du mich also sterilisiert.“
Der König der Tarronn begann, schallend zu lachen. „Unsinn mein Lieber, ich habe nur die Pferdegene aus deinem Erbgut entfernt. Den Triumph, dich steril zu sehen, habe ich den Urmüttern nun wirklich nicht gegönnt.“
Er klopfte Cheiron auf die Schulter. „Ach, übrigens, viel Spaß beim Sex, nun kannst du es ganz beruhigt auch mit anderen Frauen tun.“ Er ließ den heftig errötenden Zentauren einfach stehen.
Der schüttelte den Kopf und murmelte: „Verrückter Kerl.“
Die Magier amüsierten sich über das Wechselbad der Gefühle, das der Pferdemann soeben durchlebte und welches seinem Mienenspiel überdeutlich anzusehen war.
„Dann werde ich zukünftig also menschliche Nachkommen haben“, murmelte er kopfschüttelnd.
„Unsterbliche menschliche Nachkommen, wenn du sie mit ihr zeugst.“ Osiris strich Danaë sacht eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Und sogar ausgesprochen Gutaussehende, wenn die Mädchen nach der Mama geraten.“
Er blinzelte ihr zu, dann rief er fröhlich: „Freunde, ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich fühle mich heute wie ein Gott.“
Isis lachte übermütig, die anderen fielen ein. Sogar die beiden Drakon vor den Fenstern kicherten.
...

Band 3

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Am Morgen des Tribunals machten sich die Drakon unsichtbar auf den Weg nach Alba. Die ausgewählten Atlan und Tarronn bestiegen den Gleiter, unter ihnen Maris und Darina, die sich wirklich freute, Tamu vertreten zu dürfen.
Die Technik bereitete ihr keinerlei Schwierigkeiten und der Start klappte reibungslos. Ron, Tim und Jako warfen sich anerkennende Blicke zu. Darina fügte sich nahtlos in ihr Team ein.
Drei Stunden später landete der Gleiter in der Hauptstadt, wo sich die kleine Gruppe sofort auf den Weg in den Heiligen Hain machte.
Unterwegs stieß Anubis zu ihnen.
Mit großen Augen betrachteten die Atlan und Sobek die schneeweißen Marmortempel und –säulen im heiligen Bezirk der Tarronn. Dann öffnete sich der Blick auf den großen Haupttempel.
„Das ist ein wundervoller Anblick“, flüsterte Neri überwältigt.
Auf einem anderen Weg näherte sich eine große Gruppe von Personen, die die Atlan neugierig musterten.
Schweigend nickten sich Anwesenden zu und ebenso schweigend schritten sie gemeinsam auf den Platz vor dem Eingang des Haupttempels zu, wo sie sich im Halbrund nach Volksgruppen ordneten.
Horus begann mit der Vorstellung der Versammelten.
„Um ein Urteil zu erbitten, sind erschienen: Neri, die Seherin vom Volk der Atlan, auch Hathor genannt; Anubis, der Herr der Unterwelt, vom Volk der Tarronn; ich – Horus – Oberbefehlshaber dieser Galaxie, vom Volk der Tarronn.
Um ein Urteil zu fällen, sind erschienen: vom Planeten Helion: Zeus, König von Helion, vom Volk der Olympier; Athene, Herrin des Wissens und der Weisheit, vom Volk der Olympier; der weise Cheiron vom Volke der Zentauren.“
Er wandte sich der nächsten Gruppe zu.
„Vom Planeten Asgard die Asen Odin, Frigg und Forseti. In ihrer Begleitung als Berater, der Ase Thor.
Zu meiner Rechten: Solon, der Magier, vom Volk der Atlan; Maris der Heiler der Atlan; Imset und Sobek, die Drakonat, vom Volk der Atlan.“
Augenblicklich verwandelten sich die beiden Angesprochenen. Ungläubiges Staunen und Gemurmel gingen durch die Menge.
Horus, unbeeindruckt davon, sprach weiter: „Weiterhin sind erschienen“, worauf sich alle kopfschüttelnd umdrehten, weil niemand zu sehen war, „Siri und Drakos vom Volk der Drakon.“
Die beiden magischen Wächter materialisierten sich. Mit vor Staunen offenem Mund betrachteten die Versammelten die ausgestorben geglaubten Wesen. Horus nickte ihnen dankend zu.
„Den Vorsitz werden führen: Maat, die Göttin der Wahrheit und Gerechtigkeit vom Volk der Tarronn; Chnum, der Schöpfergott, vom Volk der Tarronn und Isis, die Herrin des Lebens, stellvertretend für Osiris, vom Volk der Tarronn; sowie Uräus, die Verkünderin, vom Volk der Tarronn.“
Mit gemischten Gefühlen musterte Isis Horus, Imset und Sobek. Ein Gefühl zwischen Sehnsucht und Angst machte sich in ihr breit.
Maat bat um die Anklagen. Horus übergab sie jedem der Richter und Richterinnen. Alle vertieften sich in die Unterlagen.
Maat hob schließlich den Kopf. „Das sind schwerwiegende Anschuldigungen.“ Sie schaute Neri, Horus und Anubis an. „Ich bin sicher, dass ihr die Beweise habt, aber ich muss euch trotzdem fragen, weil es Riten so verlangen: Könnt ihr es beweisen?“
„Ja.“ Horus legte ihr eine Hologrammpyramide in die Hand. „Das können wir beweisen.“
„Dann werden wir uns nun zurückziehen und die Hologramme auswerten“, sprach Maat. „Gibt es noch zu klärende Punkte für das Protokoll?“
Horus trat vor. Er legte den Kopf in den Nacken und nahm die Gestalt an, die seinem Rang entsprach. Er legte seinen Umgang ab und stand vor ihnen mit schneeweißen Schwingen, die auf seinem Rücken zusammengefaltet waren.
Neri und die ihren zuckten erstaunt zusammen. Einzig Imset nickte wissend.
„Ich habe eine Bitte“, sprach Horus dann. „Erspart es Neri die schlimmen Dinge noch einmal zu durchleben. Sie trägt ein Kind unter dem Herzen.“
Isis nickte. „Ich bin dafür den Antrag anzunehmen. Nur weshalb spricht der Vater nicht für seine Gefährtin und sein Kind?“ Sie schaute Imset an.
Horus hob den Kopf. „Er hat es getan. Ich bin der Vater ihres Kindes.“
Sobek, Solon und sogar Anubis zuckten zusammen. Einzig Maris rührte keinen Muskel.
Isis wurde blass. „Dann möchte ich auch einen Antrag stellen. Ich ziehe mich von meinem Amt zurück. Unter diesen Umständen kann ich nicht objektiv urteilen.“ Sie legte ebenfalls ihren Umhang ab und gab den Blick auf genau so strahlend weiße Flügel frei.
„Ich spreche dich von deinem Amt frei“, sagte Maat. „Folgt mir nun in die große Halle.
Zurück blieben Maris, Neri, Siri, Isis und Thor.
Siri bot Neri ihre Schwinge an. Die Seherin war ungewöhnlich bleich und ließ sich mit einem unterdrückten Stöhnen in die Schwinge sinken. Thor stand auf seinen Schild gestützt und schaute unverwandt die Drakon an, die sich so liebevoll um die Atlan kümmerte.
Was er in den letzten Minuten erfahren hatte, war so beinahe das Grandioseste, was es in der Caiphas-Galaxie geben konnte.
„Genau genommen hat euch die liebe Verwandtschaft ordentlich in die Pfanne gehauen“, sagte er schließlich leise zu Neri.
„Wie meinst du das?“, fragte sie und richtete sich auf. Sie deutete auf Siris Schwinge. „Willst du nicht Platz nehmen und es mir erklären?“
Thor näherte sich langsam, erstaunt darüber, wie riesig die Drakon aus der Nähe betrachtet war.
„Welche Verwandtschaft meinst du?“, fragte Neri noch einmal, als Thor neben ihr und Maris saß.
Er deutete hinter ihre Schultern. Neri schüttelte fragend den Kopf. Isis, die mit dem Rücken an einer der schneeweißen Marmorsäulen gelehnt hatte und dabei die Augen geschlossen hielt, wandte sich langsam um.
„Thor, bitte, sie kann es nicht sehen und sie kann es auch nicht wissen. Sie hat auf der Erde gelebt.“
Siri und Neri warfen sich einen schnellen Blick zu.
„Sie weiß nicht, dass sie Flügel hat?“, rutschte es Thor heraus.
Isis warf ihm mörderische Blicke zu. „Du bist ein Seelentrampel“, schimpfte sie.
Neri lächelte. „Ich weiß sehr wohl, dass ich Flügel habe. Horus hat sie mir gezeigt.“
Der Ase und die Tarronn schauten sie ungläubig an, genau wie Siri und Maris.
„Ja, es ist wahr. Horus hat meine Flügel für einen kurzen Moment sichtbar gemacht. Aber er hat mich auch gefragt, von welchem Elternteil sie wohl stammen“, erklärte Neri und streichelte Siris Nase.
„Und er hat es dir nicht gesagt?“, fragte Isis und näherte sich ebenfalls langsam.
Neri schüttelte den Kopf. „Vielleicht war die Zeit noch nicht reif?“ Sie musterte die einflussreiche Göttin der Tarronn, die sowohl Horus’ Mutter, als auch seine Gefährtin gewesen war.
Neri dachte daran, was sie in Bezug auf Imset über sie gehört hatte. Erstaunlichweise blieb ihr Gefühl der Göttin gegenüber völlig neutral.
Isis hingegen musterte Neri, die vorhin als Gefährtin von Imset vorgestellt worden war, mit eindeutigem Interesse. Das war also die Frau, die das Unmögliche möglich gemacht hatte. Dabei war der Blick der Göttin fast liebevoll zu nennen.
Maris beobachtete beide Frauen neugierig. Erstaunt stellte er eine gewisse Ähnlichkeit der Gesichtszüge fest. Auch Thor schien das Gleiche bemerkt zu haben. Er richtete sich sogar auf, um besser sehen zu können.
Isis war inzwischen herangekommen, sie beugte sich zu Neri hinunter, als ob sie so besser in Neris Gesicht sehen könne.
Plötzlich nahm sie die Atlan in die Arme. Maris sah deutlich die Tränen, die in Isis’ Augen standen. Die Tarronn ließ die verblüffte Neri los und hockte sich vor ihr auf die Fersen, dabei ruhten ihre Hände auf Neris Händen.
„Meine kleine Schwester“, flüsterte sie. „Ich soll dich von Vater grüßen.“
Neri schüttelte verständnislos den Kopf. „Warum sollst du mich von deinem Vater grüßen? Er kennt mich doch gar nicht.“
Isis lächelte und streichelte Neris Hände. „Re ist auch dein Vater.“ Sie deutete, wie Thor kurz vorher, auf Neris Rücken.
Neri sprang mit einem Satz aus Siris Schwinge. Sie fasste nach Isis’ Schulter. „Was???“
„Ob du es glaubst oder nicht, Re ist auch dein Vater“, sagte Isis leise.
Thor und Maris wechselten einen langen Blick mit Siri, die wie eine Statue wirkte.
„Dann wiegt das, was geschehen ist, doppelt schwer“, murmelte Maris. „Nur warum hat ihr niemand geholfen? Re hätte sicher die Macht gehabt.“
Thor nickte zustimmend. Dabei wusste er nur um die Entführung, nicht um den Grund der Freilassung.
Neri war nicht fähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Es dauerte eine Weile, bis sie sich von diesem Schock erholte. „Warum hat mich Mi-Kel verraten?“, fragte sie Isis übergangslos.
Aber auch darauf wusste die Tarronn sofort die Antwort. „Er hat dich nicht verraten. Er hat sich nur zurückgezogen, als ein Stärkerer als er, deinen Schutz übernehmen konnte.“
„Imset als Drakonat?“, hauchte Neri.
Isis nickte. „So ist es. Als sicher war, dass Atlan und Tarronn genetisch kombiniert werden können, zog er sich von dir zurück.“
„Aber Imset wusste nicht, dass er der Stärkere war“, sagte Neri bitter.
„Das wiederum konnten Mi-Kel und seine Brüder nicht ahnen“, entgegnete Isis. „Es ist so vieles anders gekommen, als es die Schicksalsgötter geplant hatten. Aber du siehst an dir selbst“, sie deutete auf Neris Babybauch, „dass man niemals ganz dem Schicksal entfliehen kann.
Du trägst das Kind in dir, welches dir und Horus als Gefährten zugedacht gewesen war. Vergiss nicht, dass du Hathor bist, die Tochter des Re.“
„Neri! Schau!“, Maris fasste hinter ihren Rücken und zog vorsichtig eine weiße Schwinge hervor.
„Nun ist sie wirklich Hathor. Jetzt akzeptiert sie diese Tatsache endlich“, erklärte Siri leise. „Imset wird sich freuen.“
Isis wandte sich zum Gehen.
„Willst du nicht bleiben, bis die Männer wiederkommen?“, fragte Neri.
Isis schüttelte traurig den Kopf. „Glaub mir, im tiefsten Inneren werden sie mir niemals verzeihen.“
Neri begann zu lachen. „Jetzt weiß ich genau, dass auch du nicht unfehlbar bist. Bleib schon hier. Was hast du zu verlieren?“
„Ja, was habe ich zu verlieren“, murmelte Isis. Dabei dachte sie an Osiris, dessen Zustand seit Jahrtausenden unverändert dramatisch geblieben war. Er konnte weder leben noch sterben.
Das Portal des Tempels öffnete sich. Allen voran kamen Imset, Horus, Sobek, Anubis und Solon heraus. Die beiden Ersteren wirkten erleichtert und zufrieden, die drei anderen zutiefst erschüttert.
Isis blieb mit klopfendem Herzen bei Neri und schaute den Männern mit flehendem Blick entgegen. Noch bevor sie Siri erreichten, breitete Neri ihre Flügel aus. Imset blieb stehen und fasste überrascht nach Horus und Sobek.
„Ihr habt euch etwas näher bekannt gemacht, wie ich sehe“, sagte Horus leichthin und nickte Isis freundlich zu, ehe er Neri fragte, wie es ihr gehe. Dabei streichelte er mit den Fingerspitzen über das glatte Gefieder ihrer wundervollen Flügel.
Wehmütig schaute Isis zu. Ihr wurde bewusst, was sie alles verloren hatte.
Imset tippte ihr leicht auf die Schulter. „Du siehst traurig aus – alles in Ordnung?“
Erstaunt schaute sie auf. Diese Zuwendung von Imset hätte sie niemals erwartet. „Es geht schon“, murmelte sie.
„Brauchst du Hilfe?“, fragte Sobek.
Isis nahm seine Hand und presste sie an ihre Wange. „Es ist schön, dass ich dich sehen darf“, flüsterte sie. „Imset und Neri können stolz auf dich sein.“
„Wie geht es Osiris?“, wollte Horus wissen.
„Schlecht.“ Isis schluckte und wieder glitzerte eine Träne in ihrem Auge.
„Vielleicht sollte Maris schauen, was er für ihn tun kann“, schlug Imset der überraschten Isis vor. „Sobald wir wieder etwas zur Ruhe gekommen sind, werde ich Horus bitten, uns zu euch zu bringen. Es muss doch irgendeine befriedigende Lösung für euch geben.“
„Das würdest du machen, nach allem, was ich dir angetan habe?“, fragte sie zweifelnd.
„Ich bin ein Atlan, auch wenn ich als Tarronn geboren wurde“, gab Imset zur Antwort und diese Worte sagten Isis wirklich alles, was sie wissen musste. „Außerdem habe ich aus deinen Fehlern gelernt.“ Liebevoll streichelte er Neris Bauch.
Isis nickte stumm.
Inzwischen hatten auch die Vertreter aller anderen Völker die Gruppe aus Atlan und Tarronn umringt. Drakos und Siri genossen es sichtlich, ungläubig angefasst und betrachtet zu werden.
Solon stand mit Cheiron und Maris etwas abseits. Die drei Heiler fachsimpelten offensichtlich.
„Was haltet ihr davon, ein paar Tage bei uns auf Dafa zu verbringen?“, fragte Solon schließlich Zeus, um noch etwas von Cheirons Wissen profitieren zu können.
Der nickte freudig. „Na gut, drei Tage können wir schon dranhängen, schließlich sind die Asen ja auch bei euch. Das könnte richtig lustig werden. Außerdem bin ich neugierig auf euer Volk geworden.“
Auf dem Heimflug informierte Horus Neri und Maris über den Ausgang der Verhandlungen.
Das hohe Gericht hatte Seth und Apophis für vogelfrei erklärt und sogar offiziell die Jagd auf die beiden eröffnet. Natürlich hofften die Drakonat inständig, der beiden zuerst habhaft zu werden.
Neri und Maris berichteten ihrerseits, was sie von Isis erfahren hatten.
Die Drakon, die es nun nicht mehr nötig hatten, sich zu verstecken, zogen im Tiefflug über Kantar hinweg, wo ihnen unzählige Tarronn zuwinkten.
„Man hat uns nicht vergessen“, sagte Drakos glücklich. „Vielleicht wird Tarronn wieder das Paradies, das es einmal war.“ Dann erklärte er Siri in Ruhe das Land, das sich unter ihnen erstreckte.
Auf Dafa warteten schon alle auf die Rückkehr ihrer Freunde. Alle Magier hatten sich versammelt und starrten in die Richtung, aus der der Gleiter kommen musste. Sie wurden nicht enttäuscht. Nach einer halben Stunde landete die Maschine sicher auf Dafa.
Auch Neri war froh, endlich das Versteckspiel endgültig aufgeben zu können. So verließ sie den Gleiter an Imsets Seite ohne den Umhang, den sie letzter Zeit immer getragen hatte, dafür mit unübersehbarem Babybauch und schneeweißen Flügeln.
Darina und Horus folgten ihnen. Der Tarronn ebenfalls im vollen Staate seiner wundervollen Schwingen.
Solon, Maris und Sobek kamen zuletzt, dafür aber mit einem strahlenden Siegerlächeln. Fast ehrfürchtig begrüßten die Magier ihre Rückkehrer.
„Dann habe ich mich also doch nicht getäuscht“, stellte Safi zufrieden fest. „Ich weiß doch, was ich sehe. Aber warum diese Heimlichkeiten?“ Damit schaute er Imset fragend an.
„Vielleicht, weil ich nicht der Vater bin?“, entgegnete Imset lächelnd und deutete in Horus’ Richtung.
Safi verstummte und zeigte von Horus auf Neri und zurück, ungläubig mit dem Kopf schüttelnd.
Solon klopfte ihm auf die Schulter. „Die aufgezwungene Wahl war nur zwischen Horus und Apophis möglich. Wie hättest du dich entschieden?“
Imset ergriff das Wort. „Ehe wir jetzt lange herumdiskutieren, die wichtigsten Neuigkeiten im Überblick:
Erstens – die Jagd auf Seth und Apophis ist eröffnet. Das heißt: Findet und bringt sie tot oder lebendig. Mir persönlich und Sobek wäre das Letztere lieber.
Zweitens – morgen früh kommen die Asen und die Helion zu uns zu Besuch. Es wird also wieder ein Feiermarathon der besonderen Art.
Drittens – für alle, die es jetzt nicht mitbekommen haben – Neri erwartet Nachwuchs von Horus und wir zwei Pärchen freuen uns, das Kleine gemeinsam aufzuziehen. Das wieso und warum erzählen wir euch heute Abend in gemütlicher Runde.“
Merit-Amun hatte sich endlich zu Neri durchgedrängt. Mit großen Augen betrachtete sie die stolzen Schwingen, deren Spitzen in gefaltetem Zustand fast bis auf den Boden reichten.
„Bleiben die jetzt für immer?“, fragte sie.
„Sie waren schon immer da, man konnte sie nur nicht sehen“, antwortete Neri. „Ich habe heute von Isis erfahren, dass Re mein Vater ist und nun weiß ich auch, dass ich wirklich Hathor bin.“
Sie schaute Merit in die Augen. „Es ist wie bei Horus, die Flügel werde ich nur bei besonderen Anlässen sichtbar tragen.“ Mit diesen Worten wurden die Schwingen durchsichtig und schließlich verschwanden sie ganz. Auch Horus hatte inzwischen die seinen wieder verschwinden lassen.
Merit nahm Neri in die Arme. „Dieses Kind wird anders sein, als alle deine Kinder.“
Erstaunt hob Neri den Kopf. „Woher weißt du das?“
„Ich fühle es. Es wird ein fröhliches Kind werden, das dir genau so sehr verbunden ist, wie ich. Vielleicht sogar noch mehr.“
Merit-Amun lächelte glücklich. „Du weißt doch, manchmal lässt mich Uräus Dinge sehen, die in der Zukunft liegen.“
„Na, wenn das keine gute Nachricht ist“, sagten Horus und Imset gleichzeitig und mussten lachen.
Sara zeigte in den Himmel. „Die Drakon sind zurück!“
Die beiden Riesen zogen eine weite Schleife, um am Rande der Gruppe zu landen.
„Wie war der Rundflug?“, fragte Imset.
„Einfach wunderschön“, schwärmte Siri.
Drakos fügte hinzu: „Für mich sind so viele alte Erinnerungen wach geworden. Im Grunde genommen hat sich auch Kantar optisch seit Zehntausenden von Jahren kaum verändert. Es war, wie nach Hause kommen.“
Solon informierte im Kurzdurchlauf den Senat über die bevorstehenden Ereignisse. Minuten später strömten Atlan herbei, die die Wiese vor dem Landeplatz für die Gäste vorbereiteten.
Arko war in den letzten Wochen und Monaten nicht untätig geblieben. Kaum hatte er die Arbeiten am Drachenaltar abgeschlossen, begann er rustikale Tische und Bänke aus Holz zu fertigen.
Offensichtlich wurden große Volksfeste wieder zur Gewohnheit. Die Atlan knüpfte neue Kontakte untereinander und der Zusammenhalt der Gemeinschaft festigte sich immer mehr. Und jeder Gast, der Atla einmal besucht hatte, versprach wiederzukommen.
„Was machen wir mit Cheiron?“, fragte Horus, als der Magische Club am Abend zusammensaß.
„Das könnte in der Tat ein Problem werden“, murmelte Imset.
„Bitte mal Klartext für alle“, rief Safi. „Was könnte ein Problem mit Cheiron werden? Dass er wie ein halbes Pferd aussieht?“
Imset lachte. „Ach Unsinn! Die Zentauren haben nur ein ernsthaftes Problem mit dem Alkohol. Sie brauchen ihn nur riechen, schon drehen sie komplett durch. Meist vergreifen sie zuerst an den Frauen, bevor sie alles kurz und klein schlagen.
Dabei sind sie sonst die besten Freunde, die man sich vorstellen kann. Es täte mir wirklich leid, wenn der weise Cheiron wegen uns ein Problem mit Zeus bekäme.“
Maris überlegte laut: „Es gibt da ein paar Pflanzen, die die Geruchssinne für ein paar Stunden komplett ausschalten. Ich müsste mit ihm sprechen, ob er sich dieser Prozedur wirklich unterziehen will.
Sonst sitzt der Arme ja dauerhaft im Raumschiff und schaut zu, wie alle anderen feiern. Früh ist er dann wieder ganz Nase und kann mit uns auf Kräutertour gehen. Er müsste nur die Tinktur bei sich tragen, falls doch ein Ase heimlich am Honigwein nascht.“
„Gute Idee. Die Entscheidung muss er selber treffen“, lobte Horus.
„Wolltet ihr nicht über das Tribunal berichten?“, fragte Aron zu vorgerückter Stunde.
Sobek warf einen Blick auf die Kinder, die in den Schwingen der Drakon schliefen. Die magischen Wächter nickten kurz und trugen die Kleinen außerhalb der Hörweite.
Sara wollte ebenfalls den Garten verlassen, als Solon sie zurückhielt. „Bleib. Du bist zwar noch keine Frau, aber auch schon lange kein Kind mehr. Du hast das Recht an dieser Versammlung teilzunehmen.“
Dann erzählte Horus alles, was sich seit dem Beginn der Entführung im Verlies zugetragen hatte und worauf die Richter des Tribunals ihr Urteil stützten.
Sobek, Imset und Solon nickten ab und zu, wenn die Zuhörer die Fassung verloren.
„Wir haben Horus’ Hologramm gesehen, und auch das, was Seth Imset zukommen ließ“, sprach Solon leise. „Der Urteilsspruch ist der Schwere der vielen Vergehen gegen das interstellare Recht angemessen.“
„Das erinnert mich an mein Versprechen.“ Imset zog den bewussten Hologrammbehälter aus den Falten seines Gewandes hervor.
Er zerquetschte ihn mit bloßen Händen zu einem unförmigen Klumpen Metall. Horus atmete auf, während Neri die Augen schloss und sich an Imset schmiegte.
Solon wandte sich Neri zu. „Isis hat dir also gesagt, wer du wirklich bist?“
Neri nickte. „Jetzt weiß ich endlich auch, woher ich die Gabe habe, körperlich in die Zukunft zu gehen.“
„Jedenfalls wundere ich mich nun auch nicht mehr, weshalb du die Seherin bist – als eines der Augen des Re, eine deiner leichtesten Übungen“, schmunzelte Solon.
„Und du“, sprach Kebechsenef zu Imset, „hast also heute zum ersten Mal unsere Mutter gesehen.“
„Das ist wohl war. Nur wird sie für mich eine Fremde bleiben. Selbst dann, wenn wir alles daran setzen werden, Hilfe für Osiris zu finden“, entgegnete Imset.
Die Magier horchten auf.
„Ist das dein Ernst mit Osiris?“, fragte Safi.
„Sicher. Und es wäre mir lieb, wenn wir Seth vorher in der Gewalt hätten, sodass er dabei zusehen muss.“ Imsets bernsteingelbe Augen funkelten gefährlich.
„Irgendwann kriegen wir ihn“, versprach Sobek. „Anubis ist bereits auf der Suche nach der Falle. Die kann in den nächsten Monaten erst mal nicht neu aktiviert werden. Soviel haben wir von Chnum erfahren.“
Zaid saß neben Darina und streichelte ihre Hand. „Dann wirst du also wieder einmal ein Kind aufziehen, das nicht das deine ist.“
Darina lächelte. „Du weißt doch am besten, dass ich es deswegen nicht weniger lieben werde. Ich halte es in dieser Beziehung wie Imset: Lieber ein geschenktes Kinderlachen, als gar keins.“
„Das ist es also das Geheimnis, das euch so stark macht!“, rief Kebechsenef. „Damit hätte schon keiner von uns gerechnet, geschweige denn Seth.“
„Genau so ist es“, antwortete Imset. „Statt, dass wir uns gegenseitig umbringen, wie Seth es geplant hatte, freuen wir uns ehrlichen Herzens auf das Kleine.“
„Einen Wermutstropfen gibt es trotzdem“, sagte Horus. „Solange wir die beiden Verbrecher nicht dingfest haben, ist das Kleine nur auf Dafa sicher. Wer weiß, was diesen kranken Hirnen noch alles einfällt.“
Auf Kantar betrat Isis die Gemächer, in denen Osiris sein Dasein fristete. Ein wacher Geist, seit Jahrtausenden in einem verstümmelten Körper gefangen.
Sie setzte sich neben das Lager, das eher einer Totenbahre glich und schwieg.
„Du bist zurückgekehrt“, sagte Osiris’ Stimme emotionslos in ihren Gedanken.
„Ja“, entgegnete sie telepathisch, obwohl es auch akustisch möglich gewesen wäre.
„Du hast Horus wiedergesehen“, sagte Osiris und Isis war sich nicht sicher, ob es eine Feststellung oder eine Frage sein sollte.
„Ihn und Imset und Sobek habe ich gesehen“, antwortete sie diesmal laut. „Ich habe die Drakonat gesehen, die Drakon und Vertreter eines Volkes, das zusammenhält, was immer auch geschieht. Auch Hathor habe ich kennengelernt.“
Isis seufzte. „Sie ist die Gefährtin des einen und die Mutter des anderen Drakonat. In wenigen Wochen wird ihr Sohn geboren werden, den sie von Horus empfangen hat.“
„Ich weiß“, sagte Osiris kurz.
Isis hob den Kopf und schaute ihm erstaunt in die Augen.
„Maat hat mir alle Daten übermittelt.“ Osiris versuchte seinerseits, in Isis’ Augen zu lesen.
„Ich glaube, einen Funken Hoffnung zu sehen. Willst du es mir nicht sagen? Wirst du mich wieder einmal verlassen, um dich anderweitig zu trösten? Ich könnte es dir nicht einmal übel nehmen“, sprach Osiris. Dabei verdrehte er mühsam die Augen, um seinen bandagierten Körper zu betrachten.
„Ich hoffe, dass dieser Spuk bald ein Ende hat“, murmelte Isis.
Osiris versuchte zu lachen. „Dann willst du mich wohl nun doch für immer vernichten?“
„Dummer Kerl“, sagte Isis. Allerdings mit so viel Liebe in der Stimme, dass Osiris verstummte. Sie streichelte sein Gesicht.
„Imset wird mit Maris, dem Heiler, zu uns kommen und sehen, was sich machen lässt. Vergiss nicht, Maris ist ein Materiewandler.“
„Verzeih, dass ich Böses dachte“, entschuldigte sich Osiris. „Dann hat dir Imset vergeben?“
Isis zuckte mit den Schultern. „Er ist ein Atlan und ich bin für ihn eine Fremde, die Hilfe braucht.“
„Interessante Konstellation“, murmelte Osiris.
Isis schwieg eine Weile. Dann hob sie plötzlich den Kopf. „Kann man Horus und die seinen denn nicht einfach in Ruhe lassen? Er wird mit einem Hass verfolgt, der schon seinesgleichen sucht“, sagte sie in einer heftigen Gemütsaufwallung. „Was hat er denn Schlimmes getan? Seine kleine Freundin auf die Erde gebracht? Lachhaft! Andere haben bei so etwas Schaden angerichtet, er nicht!
Sich deinetwegen an Seth vergriffen? Besser wäre es gewesen, er hätte dieses Monster gleich zur Strecke gebracht! Am Ende ist man auch noch beleidigt, wenn er alle Widrigkeiten meistert!“ Isis hatte sich so in Zorn geredet, dass selbst Osiris nicht zu widersprechen wagte. Im Grunde genommen hatte sie in allen Punkten recht.
„Isis?“
„Was??!!!“ Mit vor Zorn funkelnden Augen fuhr sie herum.
Osiris’ halb belustigter Blick ließ sie zögern. „Ich wollte dir ein Angebot machen.“
„So?!“ Sie setzte sich zu ihm auf das Lager.
„Die Atlan suchen doch noch immer diese kleine Hüterin, Kira ist wohl ihr Name. Was hältst du davon, wenn ich mich an der Suche beteilige. Ich bin schließlich in beiden Welten zu Hause“, erklärte Osiris.
„Das tätest du? Der große Osiris sucht eine unbedeutende Seele.“ Isis glaubte sich verhört zu haben.
„Das ist mir deine Liebe wert“, flüsterte er. „Und die Hoffnung auf ein normales Leben an deiner Seite.“
Über Isis’ verbittertes Gesicht huschte ein Lächeln, dann beugte sie sich über den Liegenden und küsste ihn so zärtlich, wie schon seit vielen Jahrhunderten nicht mehr.
Als sie seine Gemächer verließ, schaute Osiris lange hinterher. „Na, dann wollen wir mal.“ Er schloss die Augen, mit dem Willen in tiefe Trance zu sinken.
...

...

Arko saß im Strom der Quelle. Er berichtete Kira über das Tribunal und den bevorstehenden Besuch der anderen Völker. Er sprach von dem Kind, das Neri von Horus erwartete, und von tausend kleinen Dingen. Irgendwie fühlte er sich heute unwohl.
Das Gefühl, beobachtet zu werden, beschlich ihn. Vorsichtig schaute er sich um. Im pulsierenden Licht glaubte er, einen Schatten zu sehen. Er schaute genauer hin. Verwundert rieb er sich die Augen.
Deutlich sah er einen Mann stehen, der auf dem Kopf eine Art hoher Krone trug. Ehe er eine Frage stellen konnte, verschwand der Fremde. Arko nahm vorsichtig Kiras Hand und legte sie an seine Brust.
„Wenn doch nur bald dein Herz wieder schlagen könnte“, seufzte er. „Ich sehne mich nach dir. Jeder Abschied fällt mir schwerer.“ Traurig wandte er sich zum Gehen.
Atla glich einem Ameisenhaufen. Alles, was Beine hatte, wuselte durcheinander. Der Versammlungsplatz war festlich geschmückt und immer wieder huschten die Blicke zum Himmel. Dann tauchte endlich ein dunkler Punkt am Himmel auf.
Nein – vier dunkle Punkte. Die Drakon begleiteten gleich zwei Raumschiffe zum Landeplatz. Links und rechts vom Gleiter der Tarronn setzten sie lautlos auf. Gespannt warteten die Atlan darauf, dass sich die Einstiegsluken öffneten.
Die Helion ließen den Asen den Vortritt. Odin schritt an der Spitze seiner Leute auf die Atlan und Tarronn zu. Herzlich umarmte er Horus, Sobek und Maris, ehe er den anderen Magiern die Hände reichte.
„Dich hatte ich doch gerade“, sagte er, als er sich Imset näherte.
„Falsch.“ Kicherte es hinter ihm. „Mich hattest du gerade.“
Odin kreiselte herum. „Ach, ich konnte euch schon gestern nur an euren Gewändern auseinanderhalten.“ Er lachte. „Nichts für ungut, Imset. Trotzdem schön dich wiederzusehen, wenigstens heute unter fröhlicheren Umständen.“
Zeus und seine Mannschaft erregte durch Cheirons Anwesenheit Aufsehen. Die Atlan hatten niemals zuvor einen Zentauren gesehen.
Cheiron nahm es gelassen. „Das ist wie mit euren Drakon. Die habe ich gestern auch erst einmal anfassen müssen, ehe ich glauben konnte, was ich gesehen habe.“
Bevor die Begrüßungszeremonie abgeschlossen war, nahm Maris Cheiron zur Seite. Ein paar Mal schüttelte Cheiron den Kopf, um dann zu nicken.
Maris übergab ihm das Fläschchen mit der hilfreichen Mixtur, welches der Pferdemann dankend annahm. Im Schatten der Drakon träufelte er es sich sofort in die Nase. Maris nickte ihm aufmunternd zu.
Thor war nach wenigen Augenblicken Sara ins Auge gefallen. Er zog die Augenbrauen zusammen.
Telepathisch wandte er sich an seine Männer: „Von der süßen Blonden mit dem bunten Saum am Kleid lasst ihr die Finger. Nicht nur, weil sie bereits vergeben ist. Auch wenn sie auf den ersten Blick zum Anbeißen aussieht, sie ist noch keine Frau.“
„Danke für die Warnung“, kam es von mehreren Seiten telepathisch zurück.
„Achtet einfach auf die Gürtel“, riet er den Männern. „Knoten hinten heißt bei den Atlan: Finger weg.“
„Ich bin dir ebenfalls für die Warnung dankbar“, sagte eine Stimme neben Thor.
Erstaunt drehte sich der Ase um. „Du musst Talos sein. Dann ist sie wohl deine Tochter.“
Die beiden Männer reichten sich die Hände.
Odin hatte es sich inzwischen mit Sobek und Maris auf einer der Bänke bequem gemacht. Zaid und Jani kamen in sein Blickfeld. Erstaunt richtete er sich auf. Beide führten kleine Kinder an der Hand. Sobek war seiner Blickrichtung gefolgt und winkte die Frauen heran.
„Dürfen wir dir unsere Kinder vorstellen?“, schmunzelte er. „Der aufgeweckte Junge bei Jani ist Maris’ Sohn Ariel und die beiden Kinder bei Zaid sind mein Sohn Leon und meine Tochter Laura.“
„Zwillinge?“, fragte Odin ungläubig.
„Hm, hm“, machte Zaid. „Kleine Mitbringsel von der Reise nach Asgard.“ Mit vor Glück strahlenden Augen schaute sie Odin an.
Der begann zu lachen. „Jetzt verstehe ich! Idun hat sich angemessen bei euch bedankt. Aber Zwillinge sind einmalig.“
Sobek setzte eine Unschuldsmine auf. „Ich habe nur ihre Anweisung peinlich genau befolgt und den Kern, der übrig war, in der Mitte geteilt.“
„Der Apfel hatte wirklich eine ungerade Anzahl Kerne? Das ist doch fast unmöglich!“, rief der Ase erstaunt.
„So wahr die beiden meine Kinder sind“, nickte Sobek.
Odin winkte lachend ab. „Bei euch ist sowieso irgendwie alles anders. Hätte ich auf Asgard geahnt, dass du ein Drakonat bist, wäre ich nicht mal auf den Gedanken gekommen, Kräftemessen zu spielen. Du hast dich sicher mächtig amüsiert.“
„Das kannst du aber annehmen“, kicherte Sobek.
„Dann beherrscht ihr doch auch die Drachenflamme …“, sinnierte Odin laut.
„Ja, was sonst“, entgegnete Sobek. „Willst du sie sehen?“
Odin nickte.
„Moment.“ Sobek telepathierte mit Imset und den Drakon. „Na, dann bieten wir euch eben mal ein kleines Feuerspektakel. Unsere Atlan haben die Flamme schließlich auch noch nie gesehen.“
An den vier Ecken postierten sich über die Diagonalen des Festplatzes die beiden Drakon und die Drakonat. Auf ein Kommando von Imset hin, loderten die Drachenflammen mit voller Kraft, trafen sich genau über dem Zentrum der Wiese und stiegen zu einer wirbelnden Spirale auf.
Begeistert klatschten die Zuschauer Beifall. Dann spien die vier Akteure die Flammen abwechselnd in kurzen Intervallen, sodass sich die wirbelnde Spirale in einen großen Trichter verwandelte, der von Weiß bis Dunkelrot ständig seine Farbe wechselte. Dann beendeten die Vier die kleine Vorführung unter dem Jubel ihrer Atlan.
„Zufrieden?“, fragte Sobek lachend, als er sich wieder neben Odin und Thor niederließ.
„Beeindruckend. Wirklich beeindruckend.“ Den Asen fehlten fast die Worte.
Nicht anders sah es in Zeus’ Helion aus.
„Dagegen sind meine Blitze ein lauer Furz“, stellte Zeus erschrocken fest. „Ich bin dankbar, dass ihr das Tribunal angerufen und nicht zur Selbstjustiz gegriffen habt.“
„Hast du überhaupt eine Ahnung, was geschähe, wenn die beiden Männer Gesetzlose wären?“, schmunzelte Athene.
„Ich will es lieber gar nicht wissen“, murmelte Zeus. „Die stecken doch eine ganze Galaxie in den Sack.“
Darina hatte an Horus’ Schulter gelehnt die Vorführung genossen. „Es war wundervoll“, seufzte sie. „Die alten Legenden sind nicht annähernd so schön, wie die Gegenwart, die ich mit dir erleben darf.“
Horus nahm sie in die Arme. Dann küsste er sie überaus zärtlich. Athene stieß Zeus an, der die beiden Turteltauben ungeniert und mit Interesse beobachtete.
„Sie scheinen ganz frisch verliebt zu sein. So habe ich Horus noch nie erlebt“, flüsterte die Göttin.
„Ich muss trotzdem mit ihm über Seschat reden. Es ist besser, wenn er es weiß“, entgegnete Zeus.
„Das ist deine Entscheidung“, sagte Athene.
Horus kam soeben mit Darina zurück an den Tisch. Der Olympier räusperte sich, was den Tarronn aufmerksam werden ließ.
„Ich müsste ein paar private Worte mit dir wechseln“, sagte Zeus mit Seitenblick auf Darina.
„Du kannst in ihrem Beisein sprechen“, erklärte Horus mit fester Stimme. „Sie ist die Frau, die für mich da war, als es mir wirklich schlecht ging. Ich habe keine Geheimnisse vor ihr.“
„Na gut, auf eure Verantwortung.“ Zeus atmete tief durch. „Es geht um Seschat.“
„Das habe ich schon vermutet“, murmelte Horus. Darina nahm seine Hand und drückte sie ganz fest.
„Inzwischen bin ich der Ansicht, dass dich meine Worte kaum noch aus der Ruhe bringen werden“, fuhr Zeus fort. „Sie hat in den ganzen Monaten bei uns nicht ein Wort über dich verloren und ihre Nächte stets mit anderen Männern verbracht.“
Horus zog Darina an seine Brust. „Ich habe mit dem Thema Seschat seit meiner Rückkehr nach Taris abgeschlossen. Sie hat ganze zwei Mal nach mir gefragt.
Während diese Frau, hier an meiner Seite, die mich erst kurz vor der Entführung das erste Mal auf Dafa gesehen hatte, ständig nach mir fragte. Du kannst dir sicher vorstellen, dass ich die erste Gelegenheit genutzt habe, sie zu besuchen und dass ich überglücklich bin, dass sie meine Gefährtin geworden ist.“
Zeus nickte. „Sie scheint wirklich eine bewundernswert starke Frau zu sein, nachdem was wir heute vor Gericht erfahren haben.“
„Das ist sie“, sagte Horus dankbar. „Übrigens ist sie auch die Groß- und gleichzeitig Ziehmutter von Sobeks Gefährtin Zaid.“
Zeus beugte sich zu Darina hinüber, um ihr beide Hände zu reichen. „Dann wünsche ich dir alles Glück dieser Welt. Du hast es dir verdient. Und pass gut auf ihn auf.“ Der Olympier deutete zwinkernd in Horus’ Richtung.
„Danke.“ Darina lächelte. „Was immer in meiner Macht steht, werde ich für ihn tun.“
Merit-Amun war mit Cheiron und Maris unterwegs. Sie erwischte sich immer wieder dabei, Cheirons glänzendes rotbraunes Fell streicheln zu wollen.
Der Zentaur erinnerte sie an Imsets Rappen Binti, den sie über alles geliebt hatte. Nach einer Weile wurde sogar Safi aufmerksam. Er ahnte, was in Merit-Amun vorging.
Genau in diesem Augenblick sagte Cheiron: „Dann tu es doch einfach. Ich kann es nicht ertragen, wenn eine Frau so leidet.“
Safi nickte Merit zu, die sofort ihre Hand über den Pferderücken gleiten ließ. „Alles, was mir von Binti geblieben ist, ist ein Armband aus den Haaren seines Schweifes und die vielen wundervollen Erinnerungen“, sagte sie traurig.
Dann erzählte sie Cheiron alles über Imsets treues Streitross – wie sie es aus der Zukunft von Ägypten nach Atla auf der Erde geholt hatten und wie sie endlich Freunde geworden waren.
Der Zentaur sah Merit überrascht an. „Dann bist du Prinzessin Merit-Amun, die Tochter von Königin Nefertari?“
„Ja. Die bin ich.“ Merit nickte.
Cheiron war stehen geblieben. Er musterte die Frau neben sich neugierig. „Man sagt, du seiest die Tochter von Neri.“
Merit lachte glockenhell. „Das ist doch genau dasselbe. Neri ist sowohl Hathor als auch Nefertari in einer Person.“
„Oh, das wusste ich nicht“, sagte Cheiron erstaunt. Er warf einen scheuen Blick hinüber zu Imsets starker Gefährtin, über die er vor Gericht so viel erfahren hatte.
Neri hatte Merits herzliches Lachen gehört und kam zu ihnen herüber. Sie reichte Cheiron beide Hände.
„Schön, dich kennenzulernen.“ Mit strahlenden Augen sah sie ihn an. „Ich habe in Ägypten so viel über dein Volk gehört, dass es mir eine wirkliche Freude ist, dich auf Dafa begrüßen zu dürfen.“
Cheiron erwiderte ihren Händedruck. „Die Freude ist ganz meinerseits, habe ich doch gestern erst erfahren, dass es sowohl noch Atlan, als auch Drakonat und sogar Drakon gibt.
Und nun mit all jenen hier feiern zu dürfen, ist wohl der schönste Abschluss einer Reise, die aus einem unschönen Grund erfolgt ist. Außerdem habe ich festgestellt, dass euer Heiler ein wirklicher Könner ist.“ Der Zentaur deutete auf seine Nase.
Tanit kam mit ihrem hölzernen Chepri auf die kleine Gruppe zu. Sie drückte ihrer Mama den Käfer in die Hand und betrachtete mit großen Augen von allen Seiten den Bärtigen, der halb Mann und halb Pferd war. Neugierig warteten alle auf einen Kommentar der Kleinen.
„Du siehst aus wie ein Schaf, nur ganz anders“, sprudelte sie plötzlich heraus.
„Wie ein Schaf?“, fragte Cheiron lachend.
„Sie hat keinen anderen Vergleich“, erklärte Merit. „Von vierbeinigen Tieren gibt es bei uns nur Hunde und Schafe.“
„Dann tauscht doch einfach zwei Schafe gegen ein Pferd ein“, schlug Cheiron vor. „Die Asen leben nicht so weit weg. Vielleicht haben sie ja sogar echtes Interesse an so einem Handel? Dann bekommst du endlich wieder ein Pferd.“
Maris nickte. „Die Idee ist gut. Die Pferde der Asen sind kräftig und ausdauernd, dabei aber genügsam. Du solltest mit Imset darüber reden.“
„Wird mein Typ verlangt?“, fragte jemand hinter Maris.
„Imset! Du kommst wie gerufen. Merit möchte gern zwei Schafe gegen ein Pferd eintauschen“, erklärte Maris ohne Umschweife.
Imset schmunzelte und blinzelte Cheiron zu. „Ich habe geahnt, dass sie bei deinem Anblick an alte Zeiten erinnert wird. Sie und mein altes Streitross waren ja auch fast unzertrennlich.“
„Sprichst du mit Odin?“, fragte Merit zaghaft. „Bitte!“
Imset lachte. „Warum machst du das nicht einfach selber? Diesem Augenaufschlag wird er kaum widerstehen können.“
„Recht hat er“, kicherte Cheiron. „Ich begleite dich auch zu ihm, wenn du möchtest.“
Merit nickte und machte sich mit dem Zentauren auf den Weg. Odin saß noch immer mit Sobek und Solon beisammen. Die drei Männer hatten wohl ein Thema gefunden, das ihnen sehr am Herzen lag.
Merit verlangsamte ihren Schritt. Kurz vor dem Ziel, schien sie ihr Mut zu verlassen. Odin wurde trotzdem aufmerksam. Er hatte den leisen Hufschlag Cheirons gehört.
„Na frag schon“, sagte der Zentaur. „Odin beißt nicht.“
Die beiden Atlan amüsierten sich, wie sie Sobek Hilfe suchend anschaute. Odin stand auf, um die schwarzhaarige Schönheit erst einmal zu begrüßen. Als sie ihren Namen nannte, stutzte er kurz.
„Dann bist du also Sobeks Schwester, wenn ich mich nicht irre und du bist genau so hübsch, wie die Mama.“ Odin schmunzelte, als er sagte: „Cheiron hat recht, ich beiße wirklich nicht. Wie lautet denn nun die Frage?“
Merit atmete tief ein. „Ich wollte dich bitten, mir eines eurer Pferde gegen zwei Schafe einzutauschen. Wenn ihr das nächste Mal nach Tarronn kommt“, setzte sie schnell hinzu.
Odin schaute die verschüchterte Frau erstaunt an. „Eine ungewöhnliche Bitte für eine Atlan. Aber ein durchaus überlegenswerter Handel. Was sind es denn für Schafe?“
„Ägyptische Wüstenschafe mit langer, kräftiger Wolle. Die sind nicht wählerisch, was das Futter angeht“, erklärte Sobek. „Wir haben sie vor einiger Zeit direkt von der Erde geholt und sie haben sich prächtig vermehrt. Ein paar überzählige Böcke sind auch dabei, die wir gern an andere Interessenten abgeben möchten.“
„Dann sollten wir uns wohl gleich einmal die Tiere ansehen?“, fragte Odin Merit, in deren Augen ein Funke Hoffnung glomm.
Alle Fünf schlenderten langsam durch die Siedlung. Die Gäste schauten sich verwundert um.
„Mit den alten Atlan habt ihr wohl nur die Magie gemein“, stellte Odin schließlich fest.
„Stimmt“, antwortete Solon lächelnd. „Wir leben von und mit der Natur. Anders hätten wir auf der Erde nicht existieren können. Not macht schließlich erfinderisch. Brauchen wir jetzt einen interstellaren Transfer, dann bitten wir die Tarronn um Hilfe.“
„Aber wie es aussieht, habt ihr hier gute Chancen als Volk zu überleben.“ Cheiron deutete mit der Hand die Größe eines Kindes an.
„Wir geben uns Mühe“, erwiderte Sobek zweideutig.
„Das ist auch nicht zu übersehen“, antwortete Cheiron ebenso, während sich Odin köstlich amüsierte, dass Merit wieder einen leichten Anflug von Röte bekam.
Endlich tauchte die Schafkoppel in der Ferne auf. Mit lautem Gebell stürzten die Hunde auf die kleine Gruppe zu.
„Hütehunde?“, fragte Cheiron erstaunt.
„Ach was! Kuscheltiere, die sich nur gern bei den Schafen herumdrücken“, entgegnete Merit und nahm ihre Hündin Tina auf den Arm, während die drei anderen Hunde aufgeregt Cheirons Beine beschnüffelten.
„Weg!“, befahl Sobek und die Rasselbande verschwand wieder zwischen den Schafen auf der Koppel.
Merit und Cheiron blieben am Zaun stehen, während Odin, Solon und Sobek zu den Schafen hineingingen. Der Ase teilte mit den Händen das Fell des erstbesten Tieres und staunte über die Dichte und Länge.
„Gute Wolle“, murmelte er zufrieden. „Über den Geschmack des Fleisches brauch ich euch ja nicht befragen.“
„Daran hat sich nichts geändert. Säugetiere kommen bei uns nach wie vor nicht auf den Tisch“, bestätigte Solon Odins Vermutung.
„Wie stehen die Chancen?“, fragte Merit zaghaft, als die Männer nach ein paar Minuten zurückkamen.
„Einen Bock und drei weibliche Tiere gegen zwei Fohlen? Oder hättest du lieber ausgewachsene Pferde?“, fragte Odin.
„Fohlen“, antwortete Merit, ohne zu zögern.
„Und du kennst dich mit Pferden aus?“, bohrte Odin weiter.
„Aber sicher“, lachte die Atlan. „Was ich nicht weiß, das wissen Imset und Safi allemal. Schließlich sind die beiden unter dem Befehl meines Vaters, Ramses II., mit ihren Streitrössern ein halbes Menschenleben lang in die Schlacht gezogen. Oder sie werden es tun, wenn du es ganz korrekt nehmen willst.“
„Ich habe davon gehört, dass du die Frau aus der Zukunft bist“, sagte Odin. „Euer Volk ist wohl das Erstaunlichste, was mir bis jetzt begegnet ist und ich bin bestimmt kein heuriger Hase.
So wie es aussieht, habt ihr die Haustierhaltung auch aus der Zukunft mitgebracht. Ich könnte mich nicht erinnern, jemals Tiere bei den alten Atlan gesehen zu haben.“
„Ich bin mit Tieren aufgewachsen“, erzählte Merit-Amun. „Da ist es doch sicher nicht verwunderlich, dass ich lieb gewonnene Dinge auch hier, in meinem neuen Leben um mich haben möchte.“
„Solange alle anderen Atlan problemlos damit leben können und, wie bei den Schafen, sogar einen eindeutigen Vorteil davon haben, wird das auch niemand verbieten“, fügte Solon hinzu.
„Sogar mit dem Dreck der Hühner haben wir uns arrangiert, weil wir so gern Eier essen. Ohne Imset, Safi und Merit bettelten wir wohl ständig die Drakon an, uns ein paar Eier aus dem Urwald zu holen.“
Odin und Cheiron sahen Solon verständnislos an. Es dauerte eine Weile, ehe er ihre Blicke deuten konnten.
„Völlig falscher Gedankengang!“, kicherte er. „Die Drakon dienen uns nicht, sie sind gleichberechtigte Partner. „Sie sind unserem Volk sogar durch das Blut verbunden. Alle hier auf Dafa haben die gleichen Rechte und Pflichten.“
„Ich glaube, Odin, wir müssen uns völlig neu orientieren, was die Atlan betrifft“, stellte Cheiron fest.
„Wir sollten uns wohl auch lieber Atlaronn nennen“, schmunzelte Solon. „Er ist der erste Atlaronn“, sagte er, auf Sobek deutend. „Seine, Kebechsenefs und Maris’ Kinder ebenfalls.
Das Kleine, das Horus und Neri erwarten, wird auch ein Atlaronn sein. Tamu, der Tarronn, hat Sara, die Atlan, als zukünftige Gefährtin ausersehen und so wird es wohl weitergehen.
Es ist doch auch so völlig egal, welchem der beiden Völker man angehört, Hauptsache, man versteht sich und ist füreinander da. Merit glaubte zum Beispiel immer, ein Mensch zu sein. Selbst das wäre für uns nie ein Problem gewesen.“
Sobek wandte sich an Cheiron. „Ihr seid aber auch nicht gerade viele von eurem Volk, habe ich mir von Neri sagen lassen.“
Der weise Zentaur nickte bekümmert. „Zwei Hände voll auf Helion, um es einfach auszudrücken. Das liegt wohl am Fluch unserer Vermehrung.“ Er warf einen scheuen Blick auf Merit. „Darüber möchte ich wirklich nicht in ihrem Beisein sprechen.“
„Willst du mit Maris darüber reden?“, fragte Sobek telepathisch mit unbewegter Miene.
„Ich weiß nicht“, gab Cheiron unsicher zurück.
Am Abend entschloss er sich dann doch noch, Maris um Rat zu fragen. Die beiden ungleichen Männer standen am Rande der Klippen, um ungestört zu sein. Trotz der einsetzenden Dunkelheit bemerkte Sobek von Weitem, wie sein Freund sichtlich blass wurde.
...

Band 2

...
Der Magische Rat ließ trotz allem auch an diesem Tag das Training nicht ausfallen. Nur kam es etwas anders, als geplant. Die Damen von Taris hatten angefragt, das Training beobachten zu dürfen. Imset und die Atlan stimmten dem zu. Horus ließ im Eiltempo den großen Meteoritenraum der Taris-Basis zur Arena umrüsten. Die große Wand zum Gang wurde komplett durch unzerstörbares Panzerglas ersetzt und tribünenartige Bankreihen installiert. Dabei blieb es nicht. Immer mehr Neugierige kamen hinzu. Schließlich schufen die Techniker Platz für mehrere hundert Personen. Auch Horus, Hapi und Duamutef hatten sich eingefunden. Für die beiden Brüder war es die erste Möglichkeit Imset in Aktion zu sehen. Hapi schaute auf die Kampffläche, dann rüttelte er erschrocken Duamutef am Arm. „Aber das ist doch Kebechsenef! Der wird doch nicht etwa…?“ Gebannt, wie die vielen anderen Tarronn, schaute er durch das Panzerglas. Mit fast zwei Stunden Verzögerung konnten die sieben Kämpfer mit dem üblichen Ritual beginnen. Rücken zu Rücken standen Mara, Aron, Safi, Solon, Talos, Imset und Kebechsenef, um auf das Kommando hin gegeneinander anzutreten. Solon und Talos versuchten Mara in die Zange zu nehmen, die sich blitzschnell, mit akrobatischen Einlagen aus der Schusslinie brachte. Kebechsenef, Aron und Safi versuchten Imset in Schach zu halten, der es noch nicht einmal für nötig hielt, sich in den Drakonat zu verwandeln. Mara griff wieder auf ihre Technik mit der Energiekugel und dem Abwehrschild zurück. Solon gelang es mehrmals den Schild zu durchdringen. Die Zuschauer schrien entsetzt auf, als die Energiestrahlen wie glühende Messer in Maras Haut schnitten. Sie zuckte zusammen, begann dann aber völlig unbeeindruckt die Energien zu sammeln, ließ die Kugel rotieren, dass alle auftreffenden Energien abgelenkt wurden. Dann sprengte sie die Kugel. Die Druckwelle holte die Männer, mit Ausnahme von Imset, von den Beinen. Endlich verwandelte sich Imset. Sofort drangen alle anderen auf ihn ein. Diesmal wehrte er sich nicht energetisch. Er stand wie ein Fels in der Brandung und holte mit purer Muskelkraft die Kämpfer aus dem Rennen. Unter seinen Prankenhieben flogen vier der Angreifer, die gemeinsam vorgingen, einfach in die Ecken. Seine messerscharfen Krallen rissen tiefe Wunden, wenn sie zufällig in die Haut einhakten. Alle wussten, was die Zuschauer erwarteten. Imset errichtete eine Aura aus Licht um sich, die weder körperlich noch mit Energie durchdrungen werden konnte. Dann begann er die Angreifer zu jagen, die wirklich alle Register ziehen mussten, um ohne größere Verletzungen davon zu kommen. Für die Tarronn, aber auch die uneingeweihten Atlan, war es faszinierend, den muskulösen durchtrainierten Männern und der geschmeidigen, fast zierlichen, aber nicht minder kraftvollen Mara zuzuschauen. Nach fast zwei Stunden beendeten die sieben ihren Kampf. Erst jetzt bot sich den Beobachtern wirklich ein Bild des Schreckens, als sie die tiefen Fleisch- und Brandwunden gewahrten. Solon, Talos und Imset behandelten unter den Augen der erstaunten Zuschauer die Verletzungen ihrer Freunde, bevor sie sich selbst heilten. Nur die blutdurchtränkte, versengte Kampfkleidung kündete noch von den spektakulären Duellen. Unter dem Applaus von der Tribüne verließen die sieben Freunde den Meteoritenraum. Atlan und Tarronn zollten ihren Kämpfern Respekt. Hapi und Duamutef passten Kebechsenef ab.
„Wir wussten noch gar nicht, dass du Ambitionen in diese Richtung hast! Erstaunlich, was du so drauf hast.“
„Ich hatte auch einen guten Lehrer und verdammt harte Trainingspartner“, lachte er und zeigte auf seine sechs Freunde. „Mara ist wohl auch die einzige Frau, die einen Mann ordentlich verprügeln kann, wenn er sich nicht vorsieht.“
„Es ist tatsächlich erstaunlich, was in diesem zarten Körper steckt“, stellte Duamutef fest. „Wer hat bei euch beiden die Hosen an?“, fragte er lachend Aron.
„Wir kämpfen es ständig neu aus“, antwortete er im Brustton der Überzeugung unter dem Gelächter seiner Freunde.
„Komm du nur nach Hause…“, drohte Mara scherzhaft.
„Seht ihr – es geht schon wieder los…“, rief Aron in gespieltem Schreck.
„Ach du Armer, ich krieg ja gleich Mitleid“, seufzte Safi.
„Na wenigstens einer.“ Aron lachte, dann zog er Mara in seine Arme und küsste sie zärtlich.
„Und wie kommt ihr müden Krieger wieder auf die Beine?“, wollte Hapi wissen.
„Ein heißes Bad, ein paar Streicheleinheiten und schon sind wir wieder fit.“ Safi zwinkerte verschmitzt.
„Eins weiß ich genau. Spätestens seit dieser Vorstellung hat sich die Meinung verzogen, Atlan wären Langweiler.“ Horus hatte sich ebenfalls eingefunden. „Solon wird als Junggeselle heute Abend wohl das ultimative Objekt der Begierde sein.“
„Wie viele Frauen gibt es auf Taris?“, fragte der Magier vorsichtig.
„Siebenundneunzig – minus einer, die ich nicht hergebe.“ Horus klopfte Solon auf die Schulter. „Viel Spaß!“
„Oh.“ Solon schlug in komischer Verzweiflung die Hände vor das Gesicht. Dann begann er zu lachen. „Ich kann mich ja auf dem Weg nach Tarronn von den Strapazen erholen.“ Mit diesen Worten drehte er sich um, winkte den Freunden über die Schulter zu und ging in sein Quartier.
Horus sah ihm belustigt nach. „Ich glaube, wir werden noch richtig was erleben…“
...

Sobek zeigte sich nach Rückkehr aus der Stadt sehr beeindruckt. „Dies ist ein erstaunlicher Planet. Die Sonne strahlt, wie ich es noch nie gesehen habe, der Himmel hat so eine wundervolle Farbe und das Grün der Pflanzen ist herrlich. Endlich kann ich verstehen, weshalb unsere Leute auf die mitgebrachten Pflanzen so besonders stolz sind. Eigentlich müssten die Menschen die glücklichsten Geschöpfe sein …“
„Ja, eigentlich …“ Horus nickte bekümmert. „Die Magier und deine Familie haben es dir ja erzählt, was es mit den Menschen auf sich hat. Und du selbst hast es bei Siris Rettung gesehen, dass sie sich nicht verändert haben, trotz der vielen Jahrtausende dazwischen.
Sie werden es nie schaffen, dass alle glücklich sind. Immer muss einer mehr haben, als der andere und immer sind sie neidisch und missgünstig. Und schon allein von der Magie her ist die Erde ein schnell sterbendes Paradies.“
Sobek schwieg betroffen.
Horus legte ihm die Hand auf die Schulter. „Ich möchte dir noch in dieser Nacht die große Pyramide zeigen, die deinem Vater zum Verhängnis, aber auch zum Segen geworden ist. Vielleicht bringt dich das auf andere Gedanken.“
Der Commander gab einige Anweisungen an die Crew, dann verschwand er mit Sobek nach Gizeh. Im allerletzten Schein der Abendsonne konnte Sobek die mächtige Energiezentrale der Tarronn bestaunen. Die hellen, absolut glatten Seitenflächen schimmerten matt im Abendrot. Horus ließ ihm Zeit, die Eindrücke in sich aufzunehmen.
„Sie wird viele zehntausend Jahre in diesem Klima überdauern können. Sie wird dann nicht mehr so makellos erscheinen, aber allemal imposant und majestätisch wirken“, erklärte Horus leise, während er Sobek einen Geheimgang entlang führte, der zu einer winzigen verborgenen Pforte führte.
Er gab einen Zahlencode in seinen Kommunikator ein. Mit leisem Knirschen rückte ein Stück der schrägen Seitenwand nach innen, um den Männern den Weg in die Tiefe der Pyramide freizugeben. Sie konnten nur hintereinander gehen, so schmal war der Gang zwischen den gewaltigen Steinblöcken, aus denen das Bauwerk bestand. Horus berührte einen versteckten Kontakt in der Wand, worauf ein grünliches Leuchten die Wände überzog.
„Wir haben die Hauptzentrale gegen den Zugriff der Menschen mit einer speziellen Falltür abgesichert. Die Kupferklammern können nur mittels Zahlenkombination eines unserer Kommunikatoren in der Steinplatte versenkt werden.
Daran werden sie noch etliche Tausend Jahre knobeln, selbst wenn sie eines Tages noch so hoch technisiert sein mögen“, berichtete Horus. „Wenn sie es mit Gewalt versuchen, wird die ganze Zentrale im Bruchteil einer Sekunde in einzelne Atome zerlegt. Es wäre fatal, wenn ihnen auch nur ein Stück unserer Technologien in die Hände fiele. Nicht auszudenken, was derart kriegslüsterne Geschöpfe damit anrichten könnten.“
„Und was ist mit Seth und den Dämonen?“, fragte Sobek leise.
Horus drehte sich zu ihm um. „Das weiß leider keiner zu sagen. Er hatte Zugang zu allen geheimen Daten dieser Zentrale. Wir wissen nicht einmal, ob er noch im Besitz eines Kommunikators oder ähnlichen Gerätes ist.“
Horus drehte sich um und ging schweigend vor Sobek her. Die Frage, die der junge Mann gestellt hatte, beunruhigte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte. Die alten Wunden brachen bei jedem Besuch in Ägypten wieder auf.
„Wir sollten nicht zu lange hier verweilen“, sagte er schließlich. „Möglicherweise kann er uns mithilfe der Pyramide orten, dann hätten wir vielleicht ein ernsthaftes Problem.“
Kurz bevor sie sich zurück zum Raumschiff teleportierten gab Horus der Crew Bescheid, um den Energieschild kurzzeitig abschalten zu lassen. Wohlbehalten erreichten sie ihr Ziel. Die Besatzung hatte mit dem Abendessen auf die beiden Männer gewartet, die ihnen dafür sehr dankbar waren. Sobek war an diesem Abend ungewöhnlich schweigsam.
Nach einer Weile fragte Zaid Horus leise: „Was ist mit ihm passiert? Es macht mir Angst, ihn so zu sehen.“
Sobek hatte die Frage auch gehört. „Seit dem Betreten der Pyramide und während der ganzen Zeit darin, habe ich Fetzen von Bildern empfangen, die ich einfach nicht deuten kann.“
Horus hob überrascht den Kopf und wurde bleich. „Was für Bilder?“, fragte er mit belegter Stimme.
Sobek wiegte den Kopf. „Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, was ich gesehen habe. Es war überaus bedrohlich und es betraf unsere Familie.“
Horus wurde noch einen Schein blasser. „Versuche dich zu erinnern“, bat er mit flehender Stimme.
Sobeks Blick glitt in weite Ferne. „Ich habe meine Mutter Neri gesehen und einen Mann. Ich könnte nicht sagen, wer es war, wir aus dem Hause Horus sehen uns ja alle verblüffend ähnlich.“ Sobek hob den Kopf.
Er schaute Horus mit leidvollem Blick an. „Ich weiß nur, es wird etwas Schreckliches geschehen.“ Dann wandte er sich seinem Abendbrot zu und sagte den ganzen Abend kaum noch ein Wort. Auch Horus war nach Sobeks Worten sehr schweigsam geworden.
„Was soll nun geschehen?“, fragte Maris.
Horus hob den Kopf, schaute an die Decke, als stünde dort die Antwort. „Ich weiß es nicht. Hätte ich auch nur ansatzweise geahnt, dass der Besuch in der Pyramide so enden würde, ich hätte Sobek nie hingeführt.
Die Energie der Pyramide zeigt sensitiven Personen Bilder aus der Zukunft. So glücklich, wie er mit Zaid ist, war ich voll überzeugt, dass er etwas Wundervolles sehen werde. Ich konnte nicht wissen, dass die finsteren Geheimnisse um unsere Familie auch in der Zukunft weiter Bestand haben und wir wohl nie zur Ruhe kommen werden.“
Die kleine Küche leerte sich. Maris stellte noch das restliche Geschirr in den Spüler, dann folgte er Jani in ihre gemeinsame Unterkunft.
Sobek saß noch immer und versuchte sich an Einzelheiten zu erinnern. Vergeblich. Zaid war leise aufgestanden. Sie wandte sich zum Gehen, um ihn nicht zu stören.
Sobek fasst nach ihrer Hand. „Lass mich jetzt nicht allein“, bat er. „Ich will einfach nur weg von diesen finsteren Ahnungen.“ Er zog sie auf seinen Schoß, hielt sie einfach nur ganz fest im Arm. Ihre Nähe tat ihm gut. Sie fühlte, wie er sich langsam wieder beruhigte.
„Sollten wir nicht auch schlafen gehen?“, fragte sie vorsichtig.
„Ja, das sollten wir wohl.“ Sobek hob sie hoch, als sei sie leicht wie eine Feder. Er trug sie in ihr kleines Reich am Ende des Ganges. Schützend legte er den Arm um sie. Noch lange lag er wach und lauschte ihren ruhigen Atemzügen.
Für den kommenden Tag hatte Horus Untersuchungen an der Tier- und Pflanzenwelt der Wüste angeordnet. Zwei Dreierteams sollten sich dasselbe Areal teilen, um kein Detail zu übersehen. Den beiden Atlan kam dabei die Schutzfunktion für die Teams zu.
Sobek freute sich auf die Außenarbeiten. Die Wüste schien auf den zweiten Blick nicht so steril zu sein, wie er geglaubt hatte. Irgendwann schlief er ein.
Der Weckton am Morgen war kaum zu überhören. Sobek öffnete die Augen, tastete nach Zaid. Sie lag noch immer in seinem Arm und schlief. Erst als seine warmen Lippen ihre Stirn berührten erwachte sie.
„Hast du wenigstens geschlafen?“, fragte sie besorgt.
„Doch, doch – ein wenig. Mach dir um mich keine Sorgen. Ich komme mehrere Tage ohne Schlaf aus, wenn es sein muss.“ Sobek streichelte ihr Haar.
„Ich weiß, dass du ein stahlharter Kerl bist, trotzdem habe ich Angst um dich“, dachte sie, ohne zu ahnen, dass er es fühlen konnte.
Er lächelte. Ihre ruhige Art und ihre Fürsorge, die niemals aufdringlich wirkte, gefielen ihm. Sie war einfach nur da, wenn er sie brauchte.
„Woran denkst du?“, fragte sie.
„Daran, dass ich dich liebe und dass ich dich mit niemandem teilen möchte“, antwortete er.
„Das ist zwar völlig unüblich für Tarronn, aber diesen Wunsch erfülle ich dir, ohne mich anstrengen zu müssen. Du bist der erste Mann, der mich auch außerhalb des Schlafzimmers als Frau wahrnimmt.“
„Ich bin eben ein stiller Genießer.“ Sobek schaute ihr interessiert beim Anziehen zu. Dieser Körper konnte sich durchaus sehen lassen. Nur hatte sie ihn bisher eher versteckt, statt ihn zur Schau zu stellen, wie etwa Sachmet. Sie fühlte seinen Blick und hob den Kopf. Lächelnd schüttelte sie den Kopf.
Ihm seine Kleidung zuwerfend, sagte sie: „Los, raus aus dem Bett, sonst genießen die anderen das Frühstück und wir gehen leer aus.“
Sie hakte sich bei ihm unter, als sie zur Küche liefen. Horus schaute Sobek forschend entgegen. Mit ihm schien wieder alles in Ordnung zu sein. Zaid sei Dank. Diese Frau war wirklich eines Drakonat würdig.
Maris hatte wieder einmal das Unmögliche möglich gemacht. Der Automat spuckte Erdbeergelee und Honig in zwei Variationen aus, dazu Fruchtsaft, der nach Maracuja und Vanille schmeckte. Die Tarronn langten zu, als hätten sie tagelang hungern müssen. Maris und Sobek lächelten sich amüsiert an.
„Schade, dass ich die Vogeleier für Solon nicht erzeugen konnte“, sagte Maris mit echtem Bedauern in der Stimme. „Aber ich war noch zu klein, als ich das letzte Mal Eier gegessen habe. Ich kann mich nicht wirklich an den Geschmack erinnern.“
Jani sah ihn fragend an. „Ist es ein sehr großes Geheimnis, wie alt ihr beide seid? Sobek hat nur einmal kurz erwähnt, dass er für die Drachenflamme zu jung wäre.“
Maris schüttelte den Kopf. „Ich bin zwanzig Jahre alt. Nur bei Sobek wird es kompliziert.“
„Bist du wirklich erst zwanzig? Aber das ist doch fast nicht möglich. Du hast mehr Erfahrung und Gespür als mancher Tarronn, der Jahrhunderte alt ist“, sagte Jani im Ton höchster Verwunderung.
„Ich bin ein Atlan“, antwortete Maris mit sichtlichem Stolz.
„Bist du etwa auch erst zwanzig?“, fragte Zaid ungläubig.
„Schlimmer, viel schlimmer“, entgegnete Sobek bekümmert. „Kannst du dich an das Baby erinnern, das vor rund sieben Jahren auf Taris für Aufsehen sorgte?“, fragte er.
„Ach, du meinst den süßen Sohn von Imset …“, Zaid stoppte plötzlich, hielt sich die Hand vor den Mund. „Das – das – das ist aber jetzt nicht wahr?“, stotterte sie.
Sobek nickte. „Es ist wahr. Ich bin es wirklich. Ich bin ein Atlaronn, aber eben auch ein Drakonat. Für mich hat es eigentlich keine Kindheit gegeben. Es ist ein Fluch und ein Segen gleichzeitig.“
Unendliche Trauer lag in Sobeks Blick, als er Zaid anschaute. Vielleicht hatte er in diesem Augenblick die Liebe seines Lebens für immer verloren. Atemlos beobachtete Horus diese Szene. Zaid schüttelte immer wieder den Kopf. Sie hatte die Augen geschlossen und presste die Hände an ihre Schläfen.
„Das ist doch alles so scheißegal!“, platzte sie impulsiv und völlig undamenhaft heraus. „Wichtig ist, wer du heute bist, nicht wer du noch vor zwei, drei Jahren warst. Du bist ein Mann, der immer weiß, wo und wie es langgeht. Ich liebe dich. Punkt.“
Unter dem Beifall der gesamten Crew warf sie sich in Sobeks Arme. Horus atmete mehrfach tief durch.
Sobek, der überglückliche Atlaronn, drückte sie an seine Brust. „Und ich schwöre dir, wenn mich nicht widrige Umstände wirklich dazu zwingen sollten, dass ich kein Kind als Drakonat mit dir zeugen werde. Ich möchte unseren Nachwuchs in Ruhe aufwachsen sehen.“
„Legst du immer so ein Tempo vor?“, fragte sie mit hintergründigem Lächeln.
„Nein, das ist eine Option auf die Zukunft“, entgegnete er sehr bestimmt und küsste sie zärtlich.
Jani stieß geräuschvoll die Luft aus, die sie vor Aufregung fast die ganze Zeit angehalten hatte. „Eins muss man euch Atlan wirklich lassen, mit euch wird es nie langweilig.“
Horus lachte. „Sachmet, war vor einigen Jahren ganz anderer Meinung.“ Er gab, den Spruch von den gähnenden Langweilern zum Besten.
Jani begann zu kichern. „Du glaubst ja gar nicht, wie sehr sie ihre Meinung geändert hat. Nur hat es ihr nichts mehr genutzt.“ Dann erzählte sie die kleine Begebenheit aus der Wasserwelt, die sie schließlich in Maris´ Arme stolpern ließ.
„Ach, jetzt bin ich im Bilde, weshalb sie sich vehement dagegen gewehrt hat, die beiden Herren in ihr Technikerteam aufzunehmen, während alle anderen fast auf Knien darum bettelten, mit ihnen arbeiten zu dürfen.“ Horus lachte Tränen.
„Das hat doch sicher einen älteren Hintergrund?“, mutmaßte Maris.
„Aber ja!“, schmunzelte Horus. „Ich habe ihr einen Korb gegeben, weil sie mich mit ihrer aufdringlichen Anmache auf Dauer einfach nur nervte. Kurz darauf habe ich mich öffentlich zu Seschat bekannt. Imset war, als er nach Taris kam, in festen Händen und gerade ganz frisch zum ersten Mal Vater geworden.
Kebechsenef kam ebenfalls mit einer Atlan nach Hause, meine beiden anderen Söhne haben nie Interesse an ihr gehabt und Sobek hat sich vor ihren Augen sehr intensiv um Zaid bemüht. Kein Wunder, dass sie nun Gift und Galle spuckt.“
Die beiden Frauen sahen sich amüsiert an.
„Horus, es ist interessant mit dir zu plaudern, zumal du äußerst selten etwas von deinem Privatleben preisgibst“, bemerkte Jani hoch erfreut. „Mit diesem Hintergrundwissen gehen mir ganze Kronleuchter auf. Ich schäme mich nicht einmal, zu gestehen, dass eine gehörige Portion echter Schadenfreude ihr gegenüber dabei ist.“
Zaid lehnte mit halb geschlossenen Augen an Sobeks Schulter. Sie genoss einfach seine Nähe. Schließlich gab sie sich einen Ruck. „Stimmen eigentlich die Gerüchte, dass du am Begrüßungsabend der beiden Atlan Schicksal gespielt hast?“, fragte sie Horus, auf die fast leere Wasserwelt anspielend.
„Das gebe ich gern zu“, sagte Horus ernst. „Ich wollte nicht, dass die beiden als billiges Spielzeug herumgereicht werden. Außer meinen Söhnen und Seschat hat es niemand gewusst, dass sie so jung und völlig unerfahren waren.
Sie sind aber, und das habt ihr ja buchstäblich am eigenen Leibe gespürt, durch ihre besonderen Fähigkeiten in der Lage, sich augenblicklich in jeder Situation zurecht zu finden.
Es lag mir sehr viel daran, alle die Damen in die Freizeitanlagen zu schicken, die nie mit Skandalen und Gerüchten auf sich aufmerksam gemacht haben. Jetzt kann ich nur hoffen, dass ihr mir die kleine Vorauswahl nicht übel nehmt.“
Zaid nahm Horus Hand. „Dann möchte ich dir von ganzem Herzen für diese Chance danken. Ich hätte es von mir aus nie gewagt, mit den anderen in Konkurrenz zu treten.“
„Und ich habe, wie wohl jeder sehen kann, den allerwenigsten Grund zur Beschwerde“, sagte Sobek.
„Für mich war der erste Abend eine interessante und ziemlich brauchbare Lektion“, lächelte Maris. „Sonst hätte ich es nie gewagt, dieses etwas temperamentvollere Exemplar hier neben mir anzusprechen.“ Er legte Jani einen Arm um die Schulter.
Von der Kommandobrücke ertönte ein Signal.
„Ah, da ist ja endlich die Außentemperatur dort angekommen, wo ich sie für die heutigen Untersuchungen mindestens hin haben wollte“, sagte Horus zufrieden. „Dann sollten wir uns an die Arbeit machen.“ An der Tür drehte er sich noch einmal um. „Für diesen Tag hatte ich schon genug Aufregung – tut mir den Gefallen und passt gut auf euch auf.“
„Zu Befehl, Commander!“, riefen die sechs Mitglieder der Außenteams.
Horus winkte ab und ging schmunzelnd hinaus. Die Crew in der kleinen Kommandozentrale öffnete den Schutzschild, die beiden Gruppen zogen schwer bepackt in die Wüste.
Das heißt, je einer des Teams war schwer bepackt – Sobek und Maris hatten sich ohne Mühe das gesamte Marschgepäck aufgeladen und waren als Rückendeckung für die Mitarbeiter unterwegs.
Nach etwa vier Kilometern ging die Sand- in eine Geröllwüste über. Jani ließ anhalten und die benötigten Gerätschaften auspacken. „Seid bitte vorsichtig. Hier soll es, neben mehreren Gecko-Arten, massenhaft hochgiftige Vipern geben. Ich weiß nicht, ob wir gegen jedes Gift ein passendes Serum haben.“ Dann machte sie sich mit Maris und Ron auf die Pirsch.
Zaid wandte sich an ihr Team. „Die Warnung gilt auch für uns. Da wir gezwungen sind, auch blindlings im Sand und Geröll zu suchen, bleibt bitte in Ruf- und Sichtweite.“ Sie teilte Siebbehälter in verschiedenen Größen aus und bat die beiden Männer diese recht schweißtreibende Arbeit zu übernehmen.
Sie hatte sich im Schatten einer Zeltplane einen Multi-Scanner aufgebaut, der die zu erwartenden Samenkörner erfassen, vermessen und im Idealfall schon bestimmten Arten zuordnen sollte.
Mit einer starken Lupe suchte sie das Gestein direkt an ihrem Arbeitsplatz nach Spuren von Flechten ab. Sobek und Tamu machten sich an die Arbeit. Sie steckten sich ein Areal von einem mal einem Meter ab, welches sie systematisch bis in eine Tiefe von einem Meter durchchecken wollten.
Schaufel für Schaufel schüttelten sie das lose Material durch die Siebsätze unterschiedlicher Körnung. Sobek, dem die sengende Hitze in der Wüste nichts auszumachen schien, arbeitete fast wie ein Roboter. Tamus Bewegungen wurden schon nach der dritten Ladung Sand sichtlich langsamer. Der Schweiß drang ihm aus allen Poren.
„Komm, wir machen eine Pause“, schlug Sobek vor, dem der Zustand seines Mitstreiters keinesfalls gefiel. Tamu schwankte hinter ihm her, um sich im Schatten der Zeltplane etwas zu erholen. Der Atlaronn hatte vorsorglich Kräutertee eingepackt, von dem er jetzt einen Becher Tamu in die Hand drückte. „Trink! Das wird dich wieder auf die Beine bringen.“
„Was ist passiert?“ Zaid war herangekommen.
„Die Hitze ist einfach mörderisch“, stöhnte Tamu. „Keine Ahnung, wie Sobek das aushalten kann.“
Der lachte. „Ich bin ein Drakonat – schon vergessen?“
„Und ich bin völlig fertig.“ Tamu ließ den Kopf hängen.
Zaid wollte gerade fragen, ob es nicht besser wäre, Tamu zum Raumschiff zurück zu bringen, als sie Sobeks angedeutetes Kopfschütteln sah. Er hatte sich vor Tamu gehockt, ihm beide Hände an die Schläfen gelegt und sprach: „Schließ bitte die Augen und konzentriere dich auf meine Hände.“
Einige Sekunden später ließ er ihn wieder los. „Du kannst jetzt die Augen vorsichtig öffnen.“
Tamu sah sich um, als sei er aus einem langen Schlaf erwacht. Sein Gesicht hatte einen gesunden Farbton angenommen, er hätte Bäume ausreißen können.
„Was war denn das?“, fragte er erstaunt.
„Ein harmloser kleiner Energietransfer“, sagte Sobek leichthin, goss für sich und Zaid ebenfalls Tee ein.
„Aber hast du denn dann selber noch genug?“, fragte Tamu zweifelnd.
„Aber sicher!“ Sobek lachte. „Im Notfall mache ich diesen …“ Er verwandelte sich ohne Vorwarnung in einen Drakonat.
Die beiden Tarronn zuckten zusammen.
„Tut mir leid, ich wollte euch nicht erschrecken“, sagte er.
Zaid lauschte dieser fremd klingenden, vibrierenden Stimme, die sich anhörte, als sprächen mehrere Personen den gleichen Satz. Sobek schickte sich an, seinen Drachenpanzer wieder abzulegen.
„Bitte warte einen Moment.“ Zaid streckte vorsichtig die Hand aus, um wenigstens einmal diese stählern glänzenden Schuppen zu berühren. Sie streichelte seine Hand, mit den kräftigen und gefährlichen Raubtierkrallen.
Fasziniert schaute sie in seine gelben Echsenaugen, die nun eine ovale senkrechte Pupille hatten und sie voll in ihren Bann zogen. Sie schloss die Augen, legte ihren Kopf an seine Brust, in der das Herz stark und gleichmäßig schlug, ihr tiefes Vertrauen und Geborgenheit einflößte.
Sobek verwandelte sich zurück.
Bis zum Mittag hatten beide Gruppen ein paar Erfolge zu verbuchen. Zaids Team fand große Mengen Samen von Pflanzen, die viele Jahre warten konnten, bis endlich wieder einmal Regen in der Wüste fiel, dann eine kurze heftige Vegetationsphase durchliefen und deren Samen wieder viele Jahre auf die Rückkehr des Leben spendenden Regen warten konnten.
Ganz nebenbei erbeuteten sie einen Klopfkäfer und diverse andere Krabbler. Jani präsentierte zwei Vipern, einen Gecko und einen Skarabäus, den sie mitsamt seiner Mistkugel eingesammelt hatte.
„Und was sagt uns dieser Fund?“, fragte sie triumphierend.
Schulterzucken.
„Dass es hier vielleicht auch Säugetiere gibt. Wo sollte der Käfer sonst den Dung herhaben?“ Jani war in ihrem Element.
So schnell es die Hitze zuließ, packten alle gemeinsam die Gerätschaften wieder ein. Diesmal mussten auch Ron und Tamu mit tragen helfen, die Ausbeute des Tages war ansehnlich.
Sobek meldete ihre Rückkehr an und nach ihrem Eintreffen wurde der Schutzschild wieder aktiviert. Bevor alle zur wohlverdienten Mittagsruhe übergingen, traf Tamu Sobek auf dem Gang.
„Ich habe dir noch nicht einmal für die Hilfe gedankt“, sagte er leise.
„Das musst du auch nicht“, entgegnete Sobek. „Bei uns Atlan ist es üblich, dass man immer füreinander da ist, egal in welcher Situation.“
„Bei uns leider nicht“, entgegnete Tamu betrübt. Dann hellten sich seine Züge auf. „Lass mich wenigstens deinen Nachmittagsdienst in der Zentrale übernehmen. Dann beruhige ich mein Gewissen und du hast ein paar Stunden Zeit mit Zaid für die schönen Dinge des Lebens.
Ganz nebenbei wäre ich dir noch einmal zu wirklich großem Dank verpflichtet, weil ich heute Abend mit den drei anderen Männern in die Stadt gehen könnte. Vor dem Viehmarkt ist immer etwas los und die Frauen zeigen Fremden gern etwas mehr, bloß nicht die Stadt, wenn du verstehst, was ich meine.“
Sobek lachte. „Das ist das einzige Argument, das ich gelten lasse. Na, dann ab, auf die Kommandobrücke!“
„Danke, danke, danke! Du bist der Größte!“, rief Tamu im Davoneilen.
„Hast du wirklich erst heute Abend Dienst?“, fragte Zaid erfreut, als Sobek plötzlich in der Tür stand.
„Sieht ganz so aus. Hast du einen speziellen Wunsch?“
„Ja. Ich möchte so gern diese wundervolle goldene Sonne genießen“, sagte Zaid.
„Die ist aber jetzt verdammt heiß“, warf Sobek ein.
„Ich meine, im Schatten liegen und mich erfreuen, wie ringsum die Luft vor Hitze flimmert“, erklärte Zaid. „Bitte, bitte.“
Sobek seufzte. „Diesem Augenaufschlag kann ich nicht widerstehen. Also her mit dem Schatten.“
„Was hältst du von dem kleinen Dünental kurz vor dem Schild? Da, wo wir vorhin auf dem Rückweg durchgewandert sind“, fragte sie.
„Du gibst ja doch nicht eher Ruhe“, lachte Sobek, griff nach einer Decke und zwei großen Flaschen Wasser. Vorsichtshalber informierte er Horus über ihren Aufenthaltsort. Dann teleportierte er sich mit ihr direkt an den Zielort.
Augenblicke später lagen sie Hand in Hand im Schatten, lauschten den Geräuschen der Wüste, dem Rieseln des Sandes, dem Singen des Windes, schauten in diesen strahlend blauen Himmel, der Sobek vom ersten Augenblick an so beeindruckt hatte.
Zaid kuschelte sich eng an Sobek, sie dachte an seine Verwandlung vom Vormittag und wie gern sie diese Berührung genossen hatte. Plötzlich fühlte sie eine Veränderung. Sobek hatte in ihren Gedanken gelesen und erfüllte ihr den harmlosen Wunsch, ihn als Drakonat neben sich zu fühlen. Sie streichelte zärtlich diesen knochenharten und doch elastischen Panzer. Als er sich unvermittelt zurück verwandelte, schaute sie ihn fragend an.
„Es ist nicht gut, in dieser Situation die Gefühle so hoch zu peitschen. Wenn einem Drakonat die Sicherungen durchbrennen, ist alles zu spät. Ich liebe dich zu sehr, um alle Versprechen einfach über Bord zu werfen.“
Verzeihung heischend legte sie ihm die Arme und den Hals.
„So habe ich nichts dagegen“, flüsterte er und erfüllte gern ihre Wünsche.
Horus verhielt den Schritt vor der Tür zur Brücke. Die Diensthabenden mussten eigentlich da sein, nur war es totenstill. Kopfschüttelnd zog er die Tür auf. Die vier Männer waren tatsächlich auf der Brücke und schauten interessiert auf die Überwachungsmonitore.
„Gibt es da draußen ein Problem?“, fragte er beunruhigt.
Die Männer fuhren erschreckt herum.
„Da draußen ganz bestimmt nicht, Commander. Eher hier drin“, antwortete Ron schmunzelnd.
„Wie denn das?“ Horus trat an den Monitor und hatte augenblicklich Mühe ernst zu bleiben.
„Man fühlt sich ja bloß noch als halber Mann. Das geht schon seit fast drei Stunden so“, erklärte Ron.
„Und die beiden haben keine Ahnung, dass gerade wegen dieses Tals, mehrere Kameras genau dorthin gerichtet sind“, murmelte Horus. „Kleiner Tipp am Rande: Sollte es an einem anderen Punkt tatsächlich ein Problem geben, greife ich mit aller Härte durch. Den Befehl, der jetzt von mir kommen müsste, verkneife ich mir.“ Horus verließ die Brücke. Dumm gelaufen, für die einen und für die anderen, dachte er.
Kaum hatte er die Tür geschlossen, fragte Ron: „Welchen Befehl meint er?“
„Weiter machen! – Du Schafkopf!“, fauchte Tim. „Ausgang heute Abend ade.“
Und trotzdem konnte keiner von ihnen auch nur ein Auge von dem äußerst abwechslungsreichen Programm lassen, dass die Außenkameras übertrugen.
Horus hatte auf dem ganzen Weg zu seiner Unterkunft überlegt, ob er die beiden Turteltauben warnen sollte oder nicht. Schließlich nahm er zu Sobek Kontakt auf.
„Was ist passiert?“, fragte Zaid, als sie Sobeks abwesenden Gesichtsausdruck bemerkte, der in ein breites Grinsen überging.
„Nichts Besonderes.“ Sobek machte da weiter, wo er soeben unterbrochen worden war, nämlich Zaids Körper mit heißen Küssen zu bedecken. „Horus hat mir nur gerade mitgeteilt, dass wir wahrscheinlich schon die ganze Zeit unter den Überwachungskameras liegen.“
„Was???“ Zaid zuckte zusammen.
Sobek machte ungeniert weiter. „Die Blöße geben wir uns jetzt nicht, verschämt in unsere Kleidung zu steigen und mit hochrotem Kopf zu verschwinden.“
„Eigentlich hast du Recht. Was soll es nach fast drei Stunden auch zu entdecken geben, was sie noch nicht gesehen haben.“ Zaid schloss die Augen, um Sobeks Liebkosungen voll und ganz genießen zu können. Mit diesem Mann an ihrer Seite war buchstäblich nichts unmöglich.
Das gemeinsame Abendbrot der Besatzung verlief in sehr entspannter Atmosphäre. Zaid und Sobek wirkten völlig unbefangen, Jani und Maris konnten es nicht wissen und die vier Männer hatten keine Ahnung, dass Horus die Information brühwarm weiter gegeben hatte. Schließlich deutete nichts, aber auch gar nichts darauf hin.
Erst als Zaid wie beiläufig sagte: „Der Lehrfilm von heute Nachmittag ist nicht zur Nachahmung empfohlen – dazu fehlt euch einfach das Format“, bekamen die vier Spanner rote Ohren und wurden sichtlich nervös. Sobek und Horus tauschten einen schnellen Blick.
„Das hätte ich ihr jetzt echt nicht zugetraut“, hörte Horus Sobeks Stimme.
„Ich auch nicht, aber sie hat die Herren schwer an empfindlicher Stelle getroffen. Wer lässt sich schon gern unter die Nase reiben, dass ein anderer im Bett besser ist. Hut ab.“
Sobek zwinkerte Zaid zu. „Hast du gut gemacht“, hörte sie ihn in ihren Gedanken.
Jani und Maris sahen sich verständnislos an. „Haben wir etwa unentschuldigt gefehlt und etwas Wichtiges verpasst?“
„Das ist bei euch ganz und gar nicht zu befürchten“, antwortete Zaid lachend. „Wir hatten es uns unwissentlich nur genau dort für ein paar Stunden gemütlich gemacht, wo beinahe alle Kameras hingerichtet sind. Jetzt dürfte Horus Mühe haben, die etwas erregteren Herren bis zum Stadtbesuch ruhig zu halten.“
„Du zahlst aber mit guter Münze zurück“, amüsierte sich Maris.
Jani saß da und schüttelte nur den Kopf. Noch nie hatte sie ihre beste Freundin so ironisch-bissig erlebt. Niemals zuvor hätte diese überhaupt gewagt, gegen irgendetwas Einspruch zu erheben und nun zog sie recht kräftig vom Leder. Sobek tat ihr eindeutig gut.
„Wann habt ihr es denn gemerkt?“, fragte Maris neugierig.
„Gar nicht“, antwortete Sobek. „Als wir dann nach fast drei Stunden die freundliche Mitteilung erhielten, bestand natürlich kein ernsthaftes Bedürfnis das Feld zu räumen. Ob eine Stunde länger oder kürzer Liveübertragung, spielte nun schließlich auch keine Rolle mehr.“
„Ihr seid tatsächlich dort geblieben???“, rief Jani ungläubig.
Zaid zuckte mit den Schultern. „Die Aufzeichnungen existieren so oder so und jeder, der Dienst hat, kann sie abrufen, da ist es doch wirklich völlig egal gewesen, wo wir den Rest unseres freien Nachmittags verbracht haben. Und außerdem hätten der Einladung zum Spannen auch andere nicht widerstehen können.“
„Das ist wohl wahr“, antwortete Horus. „Deshalb habe ich, ehe ich Maßnahmen gegen die vier Herren ergreife, eure Reaktionen abgewartet. Hättet ihr ernsthaft unter dieser, für euch unschönen, Begebenheit gelitten, wäre ich kaum so ruhig hier am Tisch sitzen geblieben.“
Zaid hatte einige Worte mit Sobek gewechselt, ehe sie sich an Horus wandte. „Unser Pech, dass wir den falschen Platz gewählt hatten. Ich denke außerdem, diese nette Abendunterhaltung dürfte bereits eine angemessene Strafe gewesen sein.“
„Schon weil sie wirklich nicht das Format haben“, kicherte Jani los, während die vier Delinquenten vor Scham dunkelrot anliefen.
„Nun gut“, sprach Horus schließlich. „Auf diese seltsame Fürbitte hin, lasse ich Gnade vor Recht ergehen, was aber nicht automatisch heißt, dass der Besuch von Theben stattfindet.“
„Das wäre dann wohl die härtere Strafe“, stellte Sobek zu Horus’ Erstaunen fest.
Nach einer Weile ging der Ausdruck des Begreifens durch Horus’ Gesichtszüge. „War es wirklich so heftig?“, fragte er telepathisch.
Sobek nickte kurz.
Tamu und Ron hatten mitbekommen, dass Horus und Sobek soeben über den Fortgang des Abends gesprochen hatten. Mit flehendem Blick schauten sie Sobek an, was wiederum Horus merkte.
„Bedankt euch für den Stadtaufenthalt bei Sobek und Zaid. Ich hätte euch hier schmoren lassen, mit allen Konsequenzen“, sprach er schließlich.
Ron, Tamu, Tim und Jako sprangen auf und baten Zaid und Sobek um Verzeihung, bevor sie sich auch bei Horus in aller Form entschuldigten. Minuten später waren sie schon in Richtung Stadt unterwegs.
....

Band 1

...
Das gleißende Licht schien sie begleitet zu haben. Ringsum blendendes Weiß und klirrende Kälte. Selbst Imset fiel es schwer, sich zu orientieren. Mit dem furchtbaren Schneesturm hatten die Männer nicht gerechnet.

„Weg können wir nicht, und wenn wir hier bleiben erfrieren wir“, sprach Imset.
„Was willst du denn dann machen?“, fragte Safi missmutig.
„Als Kinder haben wir auf Tarronn im Winter Schneehäuser gebaut. Das könnten wir hier auch versuchen.“
„Ich kenne weder Winter noch Schneehäuser“, maulte Safi.
„Jetzt hör auf zu nörgeln und hilf einfach mit. Mir ist auch nicht gerade warm“, herrschte ihn Imset unwirsch an.
Aron hatte schon begonnen, die Handgriffe von Imset nachzuahmen. Bald war eine kleine Mauer aufgeschichtet, die wenigstens den Sturm abhielt. Am Ende saßen sie in einer kleinen Höhle, die sogar Temperaturen um den Nullpunkt zuließ.
„Tut mir leid, dass ich an deinen Worten gezweifelt habe“, sagte Safi und tippte Imset an.
„Ist schon vergessen. Ich habe dich ja auch ziemlich angeblafft.“
„Wie geht es denn nun weiter?“, wollte Aron wissen. „Die Eierschalen werden kaum von allein zu uns kommen.“
„Egal was kommt, ich versuche, die Schalen energetisch zu orten.“ Imset setzte sich in den Lotossitz und schloss die Augen. Nach einer Weile rutschte er unruhig hin und her. „Verdammter Mist, mir friert hier fast der Hintern fest.“ Er verwandelte sich in einen Drakonat. Jetzt schien der Energiefluss keine Störung mehr zu erfahren. Nach ein paar Minuten stand die Richtung fest. „Da lang geht es, wenn der Sturm nachgelassen hat. Die Reste stammen noch aus einer Zeit, wo hier kein Eis war. Hoffentlich liegen sie nicht zu tief im Boden.“
Fast zwei Tage mussten sie warten, ehe sie die Minihöhle verlassen konnten. Der Drakonat ging voran und räumte wie ein Bulldozer den Schnee beiseite und irgendwann hatten sie den richtigen Platz gefunden. Nun mussten sie in die Tiefe. Imset stieß ein genervtes Fauchen aus, wütend schickte er Druckwellen in den Schnee, dass sich riesige Wehen um sie herum auftürmten. Die beiden Atlan gingen in Deckung. Die Augen des Drakonat begannen bereits, gefährlich zu flackern. Die Freunde hofften inständig, dass er nicht die Beherrschung verlor.
„Ah, wer sagt es denn. Da ist schon der Untergrund zu sehen“, hörten sie nach einer Weile Imsets Stimme und kamen herbei.
„Und wo sind die Schalen?“, fragten beide gleichzeitig, nachdem sie einen Blick in die Grube geworfen hatten.
„Irgendwo da unten“, sprach Imset und stampfte mit dem Fuß auf.
Safi hatte gerade noch etwas sagen wollen, als es abwärts ging. Imset hatte versehentlich die Decke einer Höhle eingetreten. Die Landung kam unerwartet und war heftig. Imset hatte sein Panzer geschützt, die beiden anderen hielten sich diverse Körperteile und fluchten, wie die Kesselflicker.
„Tut mir Leid, Männer. Ich glaube, sogar mir frieren hier die Instinkte ein.“ Er half ihnen auf die Beine und begann, ihre Wunden zu heilen. So viel Zeit musste sein. Alles andere hätte tödlich für sie enden können. Endlich kamen sie dazu, sich genau umzuschauen. Es war ein ganzes Höhlensystem, in dem sie gelandet waren. Der Drakonat hob den Kopf und witterte. „Da lang.“
Ohne Kommentar folgten ihm die beiden. Sogar hier unten bedeckte eine glänzende Eisschicht die Wände und den Boden. Immer öfter blieb Imset stehen und peilte die Richtung. „Wir sind fast am Ziel.“ Seine Stimme hallte mit mehrfachem Echo durch das Tunnelsystem. Noch zwei, drei Kurven, dann standen sie vor einem schimmernden Berg zusammen gefrorener Eierschalen.
„Die sind ja riesig! Und viele sind das!“ Safi konnte es kaum fassen. „Gab es denn wirklich einmal solche Drachen?“ Er breite die Arme aus, um etwas unendlich Großes zu umreißen.
Imset nickte. „Im Gegensatz zu Letan, sind dieses hier wohl auch bloß Zwerge gewesen.“
„Du machst Witze!“
„Ich? Keineswegs. Ich habe ihn gesehen – dort im Kristall. Ich weiß genau, wovon ich rede.“ Der Drakonat hatte wieder dieses wilde Flackern in den Augen. Safi und Aron sahen sich an, ihnen wurde langsam unbehaglich zumute. Nie zuvor war ihnen Imset derart unheimlich gewesen. Imset hatte sich bereits dem Auftauen des Eises gewidmet. Er blies seinen heißen Atem über den Schalenberg. Es knisterte und klirrte zwischen den Schalen, dann hielt er den ersten Splitter in der Hand. Er hob ihn hoch über seinen Kopf und stieß ein tiefes Grollen aus. „Jaaa, das ist die Magie der Urdrachen! Damit muss das Werk gelingen!“
Aron und Safi hatten erschreckt die Köpfe eingezogen. Imset wandte sich zu ihnen um. „Legt mir eure Arme um den Hals, einer von vorn, einer von hinten. Na macht schon!“, trieb er sie an, als sie nicht sofort reagierten. Er spürte ihre Angst, nur konnte er darauf jetzt keine Rücksicht nehmen. „Gut festhalten.“ Sein anfängliches Fauchen steigerte sich bis zum Raubtiergebrüll, was den beiden Atlan schrecklich in den Ohren gellte. Der ganze Hügel aus Schalen wurde durcheinander gewirbelt. Safi erkannte bald, dass sich dieser spiralförmige Wirbel um Imset drehte, der mit ihnen genau im Zentrum stand. Plötzlich stieß Imset seinen gellenden Drachenschrei aus. Von da an wusste Safi nichts mehr.

Als er zu sich kam, lag er im Gras am See und neben ihm Aron, der ebenfalls in einem jämmerlichen Zustand war. Ihre Gefährtinnen knieten mit sorgenvollen Gesichtern neben ihnen. Deutlich sah man noch die Spuren der Tränen. Von Imset weit und breit keine Spur.

„Was ist passiert? Wo ist Imset?“ Safi versuchte, aufzustehen. Ihm war schwindlig und der Schädel brummte, wie ein Bienennest.
„Bleib liegen.“ Merit drückte ihn zurück. „Die Magier kümmern sich um ihn. Keiner weiß, was passiert ist …“ Sie kam nicht dazu, den Satz zu beenden. Aus der Grotte drang das Brüllen eines Raubtieres.
„Ich muss zu ihm!“ Safi wollte sich losreißen.
„Musst du nicht!“ Merit wurde energisch. „Außer Neri traut sich keiner in seine direkte Nähe.“ Leise setzte sie hinzu. „Er erkennt uns nicht einmal mehr.“
Safi und Aron sahen sie entsetzt an.
Solon und Talos standen am Rande der Grotte. Der tobende Drakonat ließ sie nicht einen Schritt näher an sich heran. Die blitzenden Reißzähne und die sichelscharfen Krallen hielten sie auf Distanz. Neri stand in wenigen Schritten Abstand und sprach leise auf den Tobenden ein. Ihre Stimme schien ihn etwas zu beruhigen. Immer wieder drang ein gefährliches Fauchen aus seinem Rachen, wenn sein Blick auf die beiden ratlosen Männer fiel. Imsets Zustand wollte sich einfach nicht bessern. Langsam, ganz langsam, um ihn auf keinem Fall zu reizen, tastete Neri nach den Schulterspangen ihres Gewandes. Der Drakonat beobachtete sie dabei sehr genau. Sie öffnete die Verschlüsse und ließ das Gewand vorsichtig zu Boden gleiten. Dann ging sie langsam, mit ausgebreiteten Armen, die ihm zeigten, dass sie keine Waffen trug und völlig schutzlos war, auf ihn zu. Das grausame Leuchten in Imsets Augen verschwand. Sie drückten jetzt eher Neugier und Interesse aus. Dann gewahrte er den Lotos der Isis an ihrem Hals. Er schien plötzlich in sich hinein zu lauschen. Neri machte den letzten Schritt und legte mit klopfendem Herzen ihren Kopf an seine Brust. Das Udjat und der Lotos berührten sich und ein Funken des Erkennens huschte über seine Gesichtszüge. „Neri.“ Er hauchte zärtlich ihren Namen und schloss sie in die Arme. Leise verließen die Magier die Grotte.
Die Atlan am See erschraken bis ins Mark, als Talos und Solon allein zurückkamen.
„Können wir denn gar nicht helfen?“, fragte Aron verzweifelt.
Solon begann, herzhaft zu lachen. „Ab nach Hause! Ich glaube dabei brauchen die beiden keine Hilfe.“
Talos hielt sich ebenfalls den Bauch, als er die verstörten Gesichter der Freunde sah. „Solon hat Recht. Das bringen sie sicher ganz gut allein. Und der Rest hat Zeit bis morgen.“
Die beiden Magier wandten sich zum Gehen, ohne auch nur die geringste Erklärung abzugeben. Kopfschüttelnd folgten ihnen die anderen.

Horus bekam alle zwei Tage automatisch eine Meldung, in welchem Teil des Universums sich der Transporter gerade befand. Kebechsenef hatte wieder einmal alles zu seiner vollsten Zufriedenheit geregelt. Eigentlich kein Wunder, er hatte bereits in ganz jungen Jahren die Verwaltung des westlichen Sektors des Universums übertragen bekommen. Kebechsenef fand immer einen Weg. Der Kommunikator riss Horus aus seinen Gedanken. Duamutef meldete sich. „Ich habe Aker einen Teil der Südküsten abgehandelt. Um genau zu sein, den ganzen Dafa-Kontinent. Dort sind die Bedingungen etwa wie auf der Atla-Insel.“
„Prima. Ganze Arbeit. Wie hoch war der Preis? Du musstest doch nicht auch …“
Duamutef unterbrach ihn lachend. „Nein, nein. Ich hab von Kebechsenefs Pech gehört. Ich soll Aker nur bei Gelegenheit zwei Apisstiere mitbringen. Er will schauen, ob seine Versuche endlich Erfolg hatten. Wir hören uns später noch mal.“
„Scheiß Genversuche“, murmelte Horus unwillig. Seit der Sache mit Neri hatte er seine Meinung diesbezüglich gründlich geändert. Er trat an die Videowand. Der Computer hatte bereits alle Daten über den Dafa-Kontinent zusammengetragen und als Karte mit Legende an die Wand projiziert. „So, so – der gesamte Dafa…“ Horus vertiefte sich in die Geologie des Areals. Ein Gebirge, lange flache Küstenabschnitte, zwei große Flüsse, mehrere Süßwasserseen. Tektonische Aktivitäten – Null. Temperaturdurchschnitt fünfundzwanzig Grad, Plus-Minus fünf Grad Tagesschwankungen. Raubtiere – keine, Weidetiere – keine, Reptilien – auch keine. „Ziemlich steril, die Gegend“, flüsterte er besorgt. Wenigstens gab es massenhaft Vögel und Insekten. Gefährliche Krankheitserreger – nicht bekannt. Essbare Früchte und Pflanzen gab es jedenfalls in Hülle und Fülle, die noch dazu das ganze Jahr über reiften. Horus wusste genau, warum der Kontinent sich selbst überlassen geblieben war. Es gab dort einfach nichts zu holen. Keine Bodenschätze und nichts, was man nicht woanders hätte leichter bekommen können. Im Großen und Ganzen war er zufrieden, wie die Dinge sich entwickelten. Das Problem mit der Zwischenstation konnte er im Notfall auch anders lösen. Der Transporter konnte als Wohnschiff andocken und die Taris-Station die Notfall-Versorgung übernehmen. Ein paar Tage würde das schon gehen. Ein stechender Schmerz in der Brust ließ ihn jäh zusammenzucken. Die bewusste Stelle an seinem Ankh war derart heiß geworden, dass sie ihm die Haut verbrannte. Was war geschehen? Mühsam zwang er sich zur Ruhe. Jetzt nur nichts überstürzen. Dann legte er sich in seine Schlafnische, um zu meditieren. In tiefer Trance versuchte er, mit Imset oder Neri Kontakt aufzunehmen.

Die Einladung zum Frühstück bei Solon nahmen die Freunde gern an. Neri und Imset erschienen Hand in Hand und beide strahlten tiefe innere Ruhe aus. Der Hausherr drückte die beiden einfach fest an sich. „Es ist erstaunlich, was die Liebe alles vermag.“ Er zwinkerte Imset zu.

„Na das, was er geboten bekam, war ja auch nicht von schlechten Eltern“, witzelte Talos.
Solon knuffte ihn in die Seite. „Alter Lüstling!“
„Aber Recht hab ich doch.“
Die anderen Atlan tappten noch immer im Düstern. Niemand hatte überhaupt noch irgendeine Bemerkung zu ihrer Reise getan und dann so was. Neri und Imset schienen die anzüglichen Bemerkungen nicht im Mindesten zu stören.
„Hätte mal bitte jemand die Freundlichkeit, uns aufzuklären, was hier eigentlich läuft? Ich verstehe immer noch nichts.“ Safi suchte nach Zustimmung bei Aron.
Solon schaute ihn an. „Ich beginne am besten mit den Ergebnissen: Euch geht es wieder gut, wir haben alle überlebt, Imset ist wieder der Alte und Schalen für den großen Rest der Bevölkerung haben wir auch.“
„Und die Details?“, fragte Merit-Amun. „Das ist ein bisschen dürftig, als Erklärung für solche Probleme.“
„Wie weit könnt ihr euch erinnern?“, fragte Imset Safi und Aron.
„Bis zu dem Wirbel aus Energie und Eierschalen. Dann ist alles weg.“
„Könnt ihr euch an meine Worte erinnern, als ich die erste Schale in die Hand nahm.“
„Nicht genau, aber du sagtest etwas von Magie und Urdrachen“, kramte Aron aus seinem Gedächtnis hervor. „Und du warst die ganze Zeit nicht der Imset, den wir kennen. Wir hatten wahnsinnige Angst vor dir.“
„Ja, das habe ich sogar gefühlt. Diese Urdrachen sind die Abkömmlinge von Letan mit den irdischen Drachen.“ Imset kam nicht dazu, weiter zu sprechen. Alle waren aufgesprungen und redeten wild durcheinander. Nur er, Neri und Solon waren auf ihren Plätzen geblieben. Es dauerte lange, ehe wieder Ruhe einkehrte und Imset weiter sprechen konnte. „Diese Eierschalen stammen aus einer Zeit, in der Letan gerade auf die Erde verbannt wurde. Sie haben Spuren seines Kontaktes mit dem Caiphas-Splitter aufgenommen. Meine Magie als Drakonat hat so heftig mit ihnen reagiert, dass ich mich nicht mehr dagegen wehren konnte.“
„Aber warum sind so viele Schalen an einem Ort gewesen, es heißt doch, diese Nachkommen waren alle unfruchtbar?“
„Es ist das Gelege, das der Schwarze selber bewacht hat. Immer neue Weibchen haben immer neue Eier dazu gelegt. So ist dann diese Riesennisthöhle entstanden. Als eure Raumschiffe hier ankamen, hat er den Platz verlassen und ist nie wieder dahin zurückgekehrt. Aber das Böse blieb erhalten. Eis und Einsamkeit haben es konserviert.“ Imset schaute in die Runde. „Diese Urmagie hat auch bewirkt, dass es mir gelungen ist, den ganzen Haufen auf einmal mit in unsere Zeit zu nehmen. Sie ist in der Lage, meine Kräfte ins Grenzenlose zu treiben.“
„Lieber nicht. Mir ist jetzt noch ganz flau, wenn ich an deine Veränderungen denke.“ Safi schüttelte sich. „Aber wie hat Neri es denn nun geschafft, dich wieder zu zähmen?“
Solon erklärte es ihnen.
Safi hob die Augenbrauen. „Äh – ja – dabei hätte ich sicher gestört und ich kann mir durchaus auch Talos’ Begeisterung erklären.“
...



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