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Geschichtensplitter


Glück mit Hindernissen

„Sie hatten verdammt viel Glück“, sagte der Mann im weißen Kittel, als er vorsichtig die Verbände kontrollierte. Fast neugierig betrachtete er die zierliche Gestalt, die in dem Krankenhausbett fast verschwand.
„Meinen Sie, dass das wirklich Glück ist?“, fragte die Patientin mit einem bitteren Unterton in der Stimme.
Erstaunt hob der Arzt den Kopf. „Sie haben überlebt. Das grenzt schon an ein ziemlich großes Wunder.“
Die Frau zog die Augenbrauen zusammen. Für sie wäre es eher ein Wunder gewesen, wenn ihr Erdendasein mit diesem Autounfall geendet hätte. Was der Körper von diesem Crash zurück behalten würde stand vorerst noch nicht zur Diskussion. Sie war nicht einmal erschrocken, als plötzlich auf ihrer Seite der Fahrbahn genau vor ihrem Wagen ein Scheinwerferpaar auftauchte. „Und tschüß“, war der einzige Gedanke, der ihr in diesem Augenblick durch den Kopf schoss, da knallte es auch schon ohrenbetäubend, der Airbag löste aus, Blech- und Kunststoffteile flogen durch die Luft, dann es wurde dunkel. Nachfolgende Fahrer riefen den Notarzt, die Polizei und die Feuerwehr begann sie schließlich aus dem Wrack zu schneiden.
„Das gibt es doch nicht! Die Frau lebt! Macht Platz für den Doktor!“
„Bist du sicher?“, fragte eine andere Stimme.
„Ganz sicher.“
Der Mediziner beugte sich, so gut es ging, über die Reste des Fahrzeuges. Tatsächlich, die Verunglückte atmete kaum merklich. Schnell und präzise setzte er den Venenzugang, der das Unfallopfer mit Schmerzmittel und dem Medikament zur Kreislaufstabilisierung versorgen sollte. Erst dann ließ er die Kameraden der Feuerwehr weiterarbeiten. Wenig später brachte ein Hubschrauber die Verletzte ins Krankenhaus, wo sie mehrere Tage zwischen Leben und Tod schwebte.
Der Unfallverursacher hatte den Zusammenstoss glimpflicher überstanden. Mit ein paar harmlosen Schnittverletzungen und leichten Prellungen, war er nach zwei Tagen aus der Klinik nachhause entlassen worden.
Die Gedanken der Frau kreisten immer wieder um das Geschehene. Wie eine Außenstehende hatte sie die Augenblicke nach dem Aufprall erlebt – eine Beobachterin, die über dem Ort des Geschehens aus der Vogelperspektive den Akteuren zusah. Sich selbst sah sie, blutüberströmt zwischen Sitz und Lenkrad eingeklemmt, den dunklen BMW, der quer über ihrem Fiat lag und der sie fast geköpft hätte. Sie schaute zu, wie dessen Fahrer aus den Trümmern kroch, sich geschockt und desorientiert an den Rand des Straßengrabens setzte. Dann kamen die vielen Helfer. „Ich bin hier, hier draußen!“, wollte sie ihnen zurufen. Aber Alina war nicht draußen. Ihr Körper klemmte verkrümmt in einem Knäuel aus Blech, das einmal ihr Auto gewesen war. Sie fühlte keine Schmerzen, keine Angst, gar nichts – noch nicht. Erst als der Notarzt dem leblosen Körper die Infusion verabreichte, riss es sie in einen schwarzen Strudel, unsagbare Schmerzen bohrten sich in ihr Hirn, dann setzte ihr Erinnerungsvermögen aus. Nun lag sie hier, bandagiert wie eine Mumie und wartete. Worauf eigentlich?
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