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Eine Materialfrage

Verblüfft blieb ich vor den Auslagen des Discounters stehen. Adventskalender mit nur 21 Türchen?
„Hallo Peer“, sagte jemand hinter mir. Tina, die einen übervollen Einkaufswagen vor sich her schob.
„Kriegst du Besuch?“
„Nee, das ist für die Endzeitparty?“
„Für was???“
„Endzeitparty.“
Ich begriff und machte den Scheibenwischer. Vorsichtig schaute ich mich im Kassenbereich um. Volle, übervolle und extrem übervolle Wagen. Man ließ mich vor, mit meinem Brot und der Packung Milch. Zuhause zückte ich meinen Mini-Kalender. Komisch! Da endete jedes Jahr am 31.12. und trotzdem ging die Welt nicht unter, nur weil ganz einfach nicht mehr Tage auf das Papier gepasst hatten. Dem Maya-Steinmetz war es offensichtlich auch nicht gelungen, einen größeren bearbeitbaren Stein für seinen Kalender zu finden. Mit Sicherheit lag der, für die nächsten Jahre, noch irgendwo unentdeckt im Urwald. Schließlich kaufte man sich auch heute im Normalfall keinen Kalender mit den Daten des nächsten Jahrhunderts. Die Medien schürten den Rummel. Am 24. Dezember feierte ich, wie die meisten Leute, friedliche Weihnachten. Leider nicht mit meinen Freunden, die hatten sich bei der Endzeitparty zu Tode gesoffen.



Falsch verbunden

Mitten in der Nacht schreckte Bernd schweißgebadet aus dem Schlaf. Mit einer fahrigen Bewegung strich er sich ein paar Haare aus der Stirn. Der Albtraum war ziemlich real gewesen. In ihm hatte er den schrecklichsten aller Schrecken gesehen, nämlich, dass er mitten auf einer belebten Straße seine Arbeitsmappe mit unzähligen Spickzetteln von Kundendaten fallen ließ. Die kleinen Blättchen hatten sich wie ein bunter Teppich auf dem Asphalt verteilt, ehe sie ein Windstoß in alle Richtungen davonwirbelte. Eine wahre Katastrophe für den erfolgreichsten Makler von Amrum. Nun atmete er ein paar Mal tief durch und schwang die Beine aus dem Bett, um in der Küche die trocken gewordene Kehle mit einem Schluck Mineralwasser zu befeuchten. Als er den Kühlschrank öffnete, hatte sich sein Herzschlag
schon wieder normalisiert.
»Vielleicht sollte ich ein paar Tage Urlaub machen, ausspannen, wegfahren, den Kopf freikriegen «, murmelte er nachdenklich. »Irgendwann falle ich tot um, überarbeitet, als Sklave
meiner selbst und der Karriere.«
Er stellte die halb volle Flasche in das Fach zurück.
»Verdammt peinlich wäre es, wenn mir meine wilde Zettelwirtschaft einmal so entgleiten würde«, sinnierte er, inzwischen schon wieder mit einem Grinsen auf den Lippen. Er löschte das
Licht. Den Weg von der Küche ins Schlafzimmer war er bestimmt schon tausend Mal gegangen, ohne an Flurgarderobe oder Schuhschrank anzuecken. Mitten auf dem Gang streifte ein kühler Luftzug seinen Nacken. Bernd blieb abrupt stehen. Seine Nackenhaare stellten sich unwillkürlich auf. Gefahr! Er lauschte. Außer dem ungewöhnlich lauten Rauschen der Brandung war kein Geräusch zu hören. Er wollte gerade weitergehen, als ihn noch ein Schwall Kaltluft traf, der eindeutig durch den Türspalt aus dem Arbeitszimmer gekommen war. Bernd knirschte mit den Zähnen. Dem Einbrecher würde er gleich das Laufen beibringen! Er schlich auf Zehenspitzen zum Haken, an dem sein Regenschirm mit dem dicken Holzgriff hing, nahm den Schirm behutsam an sich und huschte zurück, um mit einem Ruck die Tür aufzureißen und gleichzeitig das Licht anzuschalten. Ein kurzer Blick: Das Zimmer war leer. Bernd stieß die angehaltene Luft aus. Dann machte er sich daran, die Ursache der ganzen Aufregung zu beseitigen: Das Oberlicht des kleinen Fensters genau über seinem Schreibtisch war nicht richtig geschlossen, deshalb war auch die Brandung so laut zu hören gewesen. Den Haken des äußeren Fensters hätte er eigentlich von draußen einhängen müssen, nur hatte er keine Lust, mitten in der Nacht mit der Leiter um das Häuschen zu laufen. Bernd schob die Papiere auf dem Tisch etwas beiseite, ehe er die Fensterflügel öffnete, damit er auf dem Fensterbrett stehend den Haken von innen fassen konnte. Das war die Theorie, die Praxis sah ganz anders aus. Den Metallschaft der Verriegelung noch in der Hand, traf ihn ein Windstoß, Bernd
kippte nach hinten, den ganzen Bürokram auf der Tischkante mit sich reißend. Da lag er nun auf dem Rücken und sah einen Regen aus kleinen, bunten Zetteln auf sich niederrieseln.
»War ja klar«, stöhnte er, während ihm Tränen in die Augen traten, weniger vor Schmerz, als vielmehr aus Hilflosigkeit angesichts des Chaos in seinen Notizen und der Unvermeidlichkeit,
mit der sein Albtraum plötzlich Realität geworden war. Bernd quälte sich hoch und schloss die unteren Fensterflügel; dann begann er, auf den Knien kriechend, die Notizblättchen
in eine Folienhülle zu sammeln. Meist enthielten sie nur einzelne Zahlenfolgen – die Telefon- und Kundennummern seiner Klienten, deren Namen natürlich nicht mit vermerkt waren, um Missbrauch durch Fremde zu verhindern, falls er einen der Zettel verlöre. Sonst steckten die Gedankenstützen wohl geordnet zwischen den Seiten, zu jedem Kunden die richtige  Information, statt wie nun bunt gemischt auf dem Boden zu liegen. Bernd gestand sich ein, dass er nun alle Zettel verloren hatte, selbst wenn er sie rein physisch ausnahmslos  wiederfand: Die erneute Zuordnung kam schon zeitlich nicht für ihn infrage. Er schob die volle Hülle in eine Ablageschale, klaubte die A4-Seiten seines Kundenordners zusammen, um sie alphabetisch geordnet zu lochen und endlich wirklich abzuheften. Verzweifelt blätterte er hin und her, er fand die Telefonnummer des Klienten für den nächsten Morgen nicht; sie hatte wohl nur auf einem der farbigen Schnipsel gestanden. Selbst der Laptop konnte ihm keine sachdienlichen Hinweise geben. Irgendein winziges Nest bei München war es wohl gewesen, wo der Mann sein Geschäft betrieb. Bernd nahm Notiz für Notiz aus der Folienhülle, auf der Jagd nach der richtigen Vorwahl. Die Fehlversuche schob er durch den Schredder. Endlich! Da war die heiß begehrte Information! Mit Kugelschreiber notierte er die Zahlenfolge sofort auf den Bogen mit den restlichen Daten. Irgendwann schlurfte Bernd fix und fertig ins Schlafzimmer, um, noch auf der Bettkante sitzend, sofort einzuschlafen.
Der neue Morgen begann mit strahlendem Sonnenschein. Bernd frühstückte auf der Terrasse hinter dem Haus, unfähig den schmerzenden Rücken zu ignorieren. Auch unter der Schädeldecke hämmerte es. Sein Blick glitt wehmütig über das tiefblaue Meer, das zum Greifen nah fast vor seinem Grundstück wogte. Alles in ihm schrie nach ein paar Tagen Ruhe. Sein Milchhörnchen halb angebissen in der Hand, holte er sein Handy aus dem Haus. Mit dem Daumen tippte er die Nummer ein, die er in der Nacht so glücklich wiedergefunden hatte. Statt eines Freizeichens drang ein Gluckern, Blubbern und Rauschen aus dem kleinen Lautsprecher. Bernd schüttelte den Kopf.
»Okay, dann eben noch mal!« Wieder die seltsamen Töne. Irritiert verglich er die Zahlen: 1-4-1-9-1. Er hatte definitiv keinen Fehler gemacht; dass er vergessen hatte, die Vorwahl einzugeben, fiel im gar nicht auf. Da! Verbindung!
»Hallo Fremdling«, sagte eine Frauenstimme, deren Klang Bernd einen wohligen Schauer über den Rücken jagte.
»Ha-Hallo«, stammelte Bernd etwas unsicher, weil es im Hintergrund deutlich blubberte. »Spreche ich mit dem Büro von Anwalt Wiesenhuber?«
»Ganz bestimmt nicht.« Die Fremde lachte perlend. »Hier ist Adaia.«
»Adaia?«, echote Bernd fragend.
»Hmm, ja. Du hast schließlich meine Kennung gewählt.«
»Kennung?« Bernd beäugte argwöhnisch sein Handy.
»Bist du immer so einsilbig?«, fragte die faszinierende Stimme am anderen Ende mit spöttischem Unterton.
»N… nein, ich bin nur ein wenig irritiert, weil ich jemand anderen erwartet hatte.«
Wieder erklang das silberhelle Lachen. »Falsch verbunden?«
»Definitiv. Wohnst du in München?«, fragte Bernd, um ihrer Stimme noch ein wenig lauschen zu können.
»Nein.«
»Wo dann?«
»Ganz in deiner Nähe. Vor deiner Haustür, sozusagen.«
»Wirklich?« Bernd konnte sich nicht erinnern, diese wundervolle Stimme schon einmal gehört zu haben. »Ich möchte dich gern kennenlernen. Hast du Lust, auf ein Glas Wein zu mir zu kommen?«
Schweigen.
»Verzeih, ich wollte dir nicht zu nah treten «, sagte Bernd leise, während er erneut das Glucksen hörte. »Bist du noch da?«
»Ich bin da«, erwiderte die geheimnisvolle Frau, die auf einmal seltsam traurig klang.
»Wirst du kommen?«
Ein Seufzen. »Du wirst den Tag verfluchen, an dem ich zu dir komme. Es heißt, dass wir euch Menschen Unglück und Tod bringen.«
»Uns Menschen?« Bernd rann ein eiskalter Schauer über den Rücken. Aber selbst wenn er gewollt hätte, es gab kein Zurück mehr. Die Stimme hatte ihn in ihren Bann gezogen und
ließ ihn nicht mehr los. Er wollte die Fremde sehen, egal wer oder was sie war. »Bitte …«, murmelte er flehend.
»Dann fülle deinen Pool mit Meerwasser und komm nach Sonnenuntergang an den Strand«, wies sie ihn nach kurzem Zögern an.
»Wie erkenne ich dich?«, fragte Bernd.
»Ich werde dich finden und du wirst mich erkennen, wenn du mich wirklich sehen willst.« Sie unterbrach den Kontakt, womit sie Bernd vollends verwirrte. Minutenlang starrte er sein Telefon an, als wolle er es hypnotisieren.
Schließlich raffte er sich auf und wählte nochmals seinen Klienten an, diesmal aber ganz exakt, mit Vorwahl. Sekunden später hatte er seine Verbindung und sagte völlig emotionslos den Termin ab. Dann begann er, seinen Pool abzulassen, um ihn mit Wasser aus der Nordsee zu füllen, das er Eimer für Eimer heranschleppte – Stunde um Stunde, wie ein Roboter, der einem festen Programm folgt, ohne es eigenmächtig beenden zu können. Erst als die Arbeit getan war, legte er eine Pause ein.
Ganze Wolken von Schmetterlingen flatterten in seinem Bauch, wenn er an seine ungewöhnliche Gesprächspartnerin dachte. Vor seiner Haustür würde sie wohnen, hatte sie gesagt. Nun, Amrum war nicht groß, man kannte sich. Keine der hiesigen Frauen kam auch nur andeutungsweise in Betracht. Andererseits hatte er ohne Vorwahl telefoniert …
»Mein Gott!«, brauste er plötzlich ärgerlich über sich selbst auf. »Vielleicht ist sie zu Besuch hier! Ich werde es schon zeitig genug erfahren!«
Bei seiner Ungeduld verging der Nachmittag viel zu langsam. Immer wieder kontrollierte Bernd den kleinen Servierwagen darauf, dass sich ja kein Stäubchen an den umgedrehten Gläsern abgesetzt hatte und die Knabbereien bereitstanden, oder prüfte die vielen Weinflaschen auf die richtige Temperatur: Weißwein, Rotwein, trocken, lieblich – schließlich hatte er keine  Ahnung, auf welche Variante sein sehnlichst erwarteter Gast stand. Ab und zu warf er einen Blick zum Himmel, an dem die Sonne einfach nicht untergehen wollte. Endlich war es so weit. Der gleißende Feuerball stand nur noch eine Handbreit über dem spiegelglatten Meer am Horizont. Bernd zog sich um, eilte durch die hintere Gartenpforte an den Strand und wartete. Die Sonne zog die letzte rotgoldene Bahn durchs Wasser, ehe sie endgültig unterging. Forschend glitt sein Blick am Strand entlang: Weit und breit kein Mensch zu sehen. Immer wieder  schaute er sich nach allen Richtungen um – nichts und niemand.
Warum kommst du nicht?, stellte er der Unbekannten in Gedanken immer wieder die Frage.
»Weil ich nicht kann«, kam plötzlich wie ein Hauch an seinem Ohr die Antwort.
Bernd kreiselte herum. Er war allein. Mit beiden Händen rieb er sich übers Gesicht. »Ich drehe langsam durch. Nun höre ich auch schon Stimmen. Habe mir das Date wohl nur eingebildet.
Schade. Ich habe mich wirklich auf sie gefreut.
«»Warum so in Gedanken?«, erklang die ersehnte Stimme in diesem Moment genau vor ihm.
Bernd blieb überrascht stehen. In einem Priel, ein paar Meter entfernt, schwamm sorglos eine Frauengestalt, die fröhlich zu ihm herüberwinkte.
»Komm raus da!«, rief er ihr zu. »Das ist gefährlich! Besonders bei dieser Dunkelheit!«
Kopfschüttelnd machte er sich auf den Weg zum Priel. »So eine Unvernunft. Typisch Urlauber «, brummte er vor sich hin.
Sie streckte ihm beide Arme entgegen. Im fahlen Mondlicht konnte er ein fein geschnittenes Gesicht erkennen, aber auch, dass sie nackt war. Das kam ihm zwar seltsam vor, aber er dachte nicht weiter darüber nach. Zuerst einmal musste er sie vor der Flut retten. Er zog sie aus dem Wasser und erstarrte mit weit aufgerissen Augen.
»Hast du noch nie eine Nixe gesehen?«, kicherte die Schöne und schmiegte sich an ihn.
Bernd schüttelte stumm den Kopf; instinktiv fühlte er, dass er hier keinem dummen Scherz aufsaß. Nun verstand er auch die Sache mit dem Meerwasser im Pool.
»Kannst du an Land leben?«, fragte er besorgt, als er sich endlich etwas gefangen hatte.
»Nicht lange.«
Bernd eilte, seinen geheimnisvollen Gast auf den Armen, mit langen Schritten die Dünen hinauf. Vorsichtig ließ er das zarte Wesen in das Wasser seines Schwimmbeckens gleiten, wo es sofort für einige Sekunden untertauchte und langsam am Grund entlangglitt. Bernd beobachtete fasziniert die geschmeidigen Bewegungen dieses herrlichen Geschöpfes, welches es eigentlich nicht geben durfte.
»Adaia«, erinnerte er sich flüsternd an ihren Namen.
»Oder 1-4-1-9-1«, vernahm er ihre Stimme, obwohl sie noch nicht wieder aufgetaucht war.
»Wie?«, fragte er verblüfft.
Adaia kam an die Oberfläche. »1-4-1-9-1«, wiederholte sie lächelnd.
»Die Telefonnummer?«
»Wenn du so willst; ihr Menschen verschlüsselt doch alles so gern – jede Zahl ein Buchstabe.«
Bernd begriff. Allerdings nicht, wie es sein konnte, plötzlich eine Nixe am anderen Ende der Telefonleitung gehabt zu haben.
»Das kann ich dir auch nicht erklären«, schmunzelte Adaia. »Vielleicht Überreichweite?«
»Wo kommst du her? Wie lebst du? Gibt es viele von euch?«, sprudelte Bernd die vielen Fragen, die sich ihm aufdrängten, hervor.
Adaia lächelte hintergründig. »Soll ich es dir erzählen oder willst du es durch meine Augen sehen?«
»Ich will es sehen.«
»Dann komm ins Wasser!«
Bernd sprang sofort mit voller Bekleidung ins Becken. Adaia streichelte sein Gesicht und schlang ihre Arme um seinen Nacken; ihre weichen Lippen suchten die seinen, dann zog sie ihn unter Wasser. Im Bruchteil einer Sekunde zogen ganze Zeitalter an Bernd vorbei. Er sah weiße Paläste und leuchtende Kuppeln am Meeresgrund, ganze Schwärme von Wesen wie Adaia, die in weitläufigen Plantagen fremdartige Pflanzen kultivierten. Er näherte sich ihnen, nicht ahnend, dass sein Geist durch Adaias Meereskuss für immer den Körper verlassen würde.
Adaia ließ den Leblosen langsam zu Boden gleiten. »Meerumschlungen«, hauchte sie, noch einmal traurig zurückblickend, bevor sie sich mühsam durch den Sand an den Strand
schleppte, um ungesehen in der dunklen Tiefe der See zu verschwinden.
Vier Tage später fanden Freunde Bernds Leiche im Pool. Offensichtlich hatte der Makler Selbstmord begangen.
Burn-out-Syndrom.
Die Polizei rätselt bis heute, warum das Becken mit Salzwasser gefüllt war.
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