Eine ungewöhnliche Offerte
„Probleme?“, fragte Peter Tiede seine Tochter Hanna kurz. Er hatte gesehen, dass die Journalistin nach dem Interview offiziell Kamera und Mikrofon ausschaltete, bevor sie weitere Fragen stellte.
Hanna rieb sich mit beiden Händen das Gesicht. „Ja. Sie haben noch immer keine Spur von Andreas Winkler, dem Botaniker aus dem zweiten Team gefunden. Und nun quetschen sie natürlich alle aus, die in irgendeiner Weise in die Datenerhebungen involviert sind. Sie suchen seit vollen zwei Tagen per Hubschrauber mit Wärmebildkameras, lassen Drohnen fliegen und sind mit einer Hundestaffel unterwegs. Tim Meier, der Biologe, der wegen des Beinbruchs ausgeflogen werden musste, weshalb Andreas allein weiterging, ist völlig fertig. Nun geben alle hinter vorgehaltener Hand den beiden von der Einsatzleitung die Schuld, die Andreas die Genehmigung zum solo Weitergehen gegeben haben. Was in meinen Augen völliger Quatsch ist. Dort laufen täglich allein Wanderer herum. Wölfe und Bären hat man bisher auch noch nicht in diesem Gebiet gesehen, sodass es keinen ernsthaften Grund gegeben hätte, ihm das zu verbieten.“
Peter dirigierte Hanna am Arm ins erstbeste Café, um sie aus dem Blickfeld der Presse zu ziehen. „Ich sehe dir an, was du denkst.“
„Ist das ein Wunder?“, murmelte Hanna. „Du beißt dir doch genau so auf die Zunge.“
Dankend nahmen sie Eis und Kaffee entgegen, um eine Weile schweigend in den Tassen zu rühren.
„Du planst doch schon irgendwas?“, stellte Peter leise fest.
Hanna nickte. „Ich werde Dr. Bernhard Kreller fragen, ob er mit mir gemeinsam die Strecke abgeht.“
Peter verschluckte sich glatt. „Du willst was?!“, platzte er mit einigem Entsetzen heraus. Es störte ihn nicht mal, dass sich die Gäste am Nebentisch wegen seines doch recht lauten Ausrufs neugierig umwandten.
„Du hast richtig gehört“, erwiderte Hanna eindringlich. „Ich kann den Kerl als Mensch nicht ausstehen, aber fachlich ist er erste Sahne. Ich will ihn ja nicht heiraten. Ich brauche einen, wie ihn, der auch okkulte Aspekte oder Zeit- und Raum-Krümmungen nicht als Ulk abtut. Er ist Physiker, der Einzige, dem ich diesbezüglich komplett vertrauen würde, und der verrückt genug ist, überhaupt mitzugehen. Ich hoffe, dass ich ihn ködern kann.“
Peter schaute Hanna mit so undefinierbarer Miene an, dass sie glucksend zu lachen begann. „Am besten hältst du Mutter auch aus dieser Sache raus. Die dreht bloß durch.“
„Versprochen.“
Am nächsten Morgen rief Hanna gleich neun Uhr bei Dr. Bernhard Kreller an.
„Was verschafft mir die Ehre, Frau Diplom-Geologin?“, fragte Kreller in seinem üblichen herablassenden Ton, als Hanna nur ihren Familiennamen genannt hatte.
„Ein privates Forschungsprojekt, für das alle anderen nicht qualifiziert genug sind. Ihr angeborener Zynismus, der Sie aus der breiten Masse heraus hebt, macht Sie zu meinem Joker im Spiel.“
Weil einige Sekunden Stille herrschte, glaubte Hanna schon, Dr. Kreller, von Freunden wie Feinden Barny genannt, hätte aufgelegt, da sagte er plötzlich: „Zehn Uhr in meinem Büro.“
„Geht klar, großer Meister. Bis dahin.“ Hanna beendete mit breitem Grinsen das Gespräch, während Dr. Kreller verblüfft sein Telefon betrachtete.
Dass sich Hanna ausgerechnet an ihn wandte?! Das zweite Mal, dass sie ihn beeindruckte. Beim ersten Mal hatte sie einfach nur für alle hörbar „Fatzke“ gesagt, als er ihr die Glastür vor der Nase zuschlug, während sie einen ganzen Stapel Exponate-Kartons durch den Lichthof jonglierte. Der Hall im Lichtschacht hatte das Wort mehrfach verstärkt und einige Mitarbeiter schauten, wem es galt. Barny musste grinsen. Die süße Brünette hatte Stil, während sich andere tagelang keifend über ihn echauffierten.
Er setzte seinen Status kurz vor zehn auf unabkömmlich und drückte die Ruhetaste am Festnetztelefon. Auf die Sekunde genau klopfte Hanna an seiner Tür, er bat sie herein und zeigte auf die gemütliche Sitzecke, statt auf die Stühle am Schreibtisch.
Hanna dankte, nahm Platz und staunte, weil er zwei Tassen mit Espresso füllte und Gebäck auf den Tisch stellte. „Schau an, schau an, er kann also auch anders!“
Barny setzte sich ebenfalls und fragte: „Um welche Art Katastrophe geht es?“
„Um den Beweis einer Zeit-Raum-Anomalie“, brachte es Hanna sehr kurz auf den Punkt.
„Hä?!“, entfuhr es Barny, sie mit völliger Verblüffung musternd.
„Ich meine es ernst, Doktor Kreller. Ich habe so etwas am eigenen Leib erlebt und bin der Überzeugung, dass dem vermissten Botaniker Andreas Winkler Ähnliches widerfahren sein könnte. Ich habe vor, seine Tour mit dem gleichen Marschgepäck abzugehen, und möchte Sie als renommierten Physiker, der sich weder fachlich noch privat um das Gerede anderer schert, dabei haben.“
Barny schaute Hanna stumm forschend in die Augen. Die hielt dem Blick mit stoischer Ruhe stand.
„Ein interessantes Ansinnen, dem ich nicht abgeneigt bin“, murmelte er schließlich. „Sie werden sicher verstehen, wenn ich Hintergrundwissen haben möchte.“
„Voll und ganz“, bestätigte Hanna, ihr Erstaunen nicht zeigend, weil sie fest mit arroganten Sprüchen gerechnet hatte. „Ich erzähle Ihnen am besten die komplette, allerdings recht lange Geschichte, aus der Sicht des Kindes, das ich damals gewesen war.“
„Bitte. Ich bin ganz Ohr und habe Zeit.“
Hanna trank die Tasse leer und berichtete:
...
Hanna blieb stehen, stemmte die Hände in die Seiten, schüttelte den Kopf, zupfte sich am Ohr, sagte aber nichts.
„Was ist komisch?“, fasste es Barny in eine Frage.
„Die Bäume passen auf merkwürdige Weise nicht zusammen“, versuchte Hanna, es zu erklären. „Würde mich kein bisschen wundern, wenn wir wirklich Bananenpflanzen oder gar Bambus fänden. Ich fühle mich, wie in einem zu groß geratenen Gewächshaus. Da drinnen stehen sogar Pinien!“
„Die suchen wir auf dem Rückweg auf“, versprach Barny, um plötzlich in den Himmel zu zeigen. „Was fliegt denn dort?“
Hanna hob den Kopf. „Ein Condor? Ich bete, dass hier keine Saurier herumgeistern.“
Barny schaute sie verblüfft an. „Saurier, wenn wir Säugetierspuren gesehen haben?“
„Ginkgo neben Pinien und Fichten?“, stellte Hanna die Gegenfrage. „Das da drüben, gleich neben den Pinien, sind übrigens gigantisch große Schachtelhalme.“ Dann begann sie zu lachen. „Da haben wir ja auch schon Bananenpflanzen. Herzlich willkommen in der Klapsmühle. Ihr Psychiater erscheint in wenigen Minuten.“
Barny schaute ziemlich hilflos zwischen ihr und den Pflanzen hin und her. Ein Schwarm Vögel flatterte auf. „Is nich wahr“, begann er kicksend zu lachen. „Papageien!“
„Bei der Größe könnte auch ordentlich Fleisch dran sein“, rieb sich Hanna die Hände.
Barny zuckte erschreckt zusammen.
„Oder hast du vor, Veganer zu werden, weil sich eine Banane schneller erlegen lässt?“, grinste Hanna. Sie riss einige Stängel Minze ab, die sie sofort im Eimer deponierte. „Emmer!“
„Wer?“
„Nicht wer. Was. Emmer. Eine uralte Getreidesorte. Du hältst die Umgebung im Auge, ich ernte.“ Sie schnitt mehrere Garben des reifen Getreides ab. „Schade, muss wohl ein Lauffeuer gewesen sein, das hier alles auf der Ebene platt gemacht hat.“
„Wir sollten zurückgehen! Da hinten kommt es verdächtig finster“, drängte Barny.
„Im Laufschritt Marsch!“, witzelte Hanna. „Es wäre prima, trocken anzukommen. Die zwei Schritte bis zu den Pinien schaffen wir aber noch.“
Ja, die packten sie wirklich und Barny stopfte den Rucksack mit Zapfen voll, bis er kaum mehr zu schließen ging. Sie verspannten wegen des nahenden Unwetters das Zelt zwischen ihren hölzernen Grundmauern des zukünftigen Häuschens und lauschten angestrengt nach draußen. Erste Sturmböen ließen die Bäume ächzen. Barny hängte Hanna und sich einen Schlafsack um die Schultern, denn es kühlte sich auffallend ab. Dann prasselten schwere Tropfen auf das Zelt. Es hielt dicht, wie sie mit Erleichterung feststellten.
„Kleiner Snack gefällig?“, fragte Hanna, nach einem Pinienzapfen fassend.
„Ist echt lecker“, stellte Barny fest, mit dem gleichen Genuss wie sie die Samen knabbernd.
„Die werden leider schnell ranzig“, seufzte Hanna. „Na ja. Ich denke, wir werden trotz allem ausreichend zu essen finden. Wo Bananen gedeihen, dürfte es keine kalten Winter geben.“ Plötzlich hob sie den Zeigefinger. „Ich habe irgendwo in der kleinen Werkzeugtasche eine lange Spiralfeder, damit könnte man sich mit wenig Aufwand ein Bolzenschussgerät bauen, um auf Vogeljagd zu gehen. Wobei eine einfache Zwille auch ausreichen könnte, oder gar nur eine Steinschleuder. Das Problem ist das Gummiband für die Zwille“, sinnierte sie. „Ich habe nichts wirklich Haltbares.“
„Du hast ernsthaft vor, zu jagen?“, staunte Barny.
„Natürlich. Wer weiß, wie lange wir hier festsitzen. Trockenfleisch ist lecker.“ Hanna hielt sich den Kopf. „Wenn ich wieder klar denken kann, tu ich das auch bezüglich eines Bogens mit Pfeilen.“
„Leg dich hin. Du siehst richtig kalkig aus“, bat Barny. „Ich mache mir ernsthafte Sorgen.“
Hanna erfüllte die Bitte auf der Stelle. Sie dämmerte auch sofort weg.
„Wenn ich dir doch nur helfen könnte!“, wisperte Barny verzweifelt. Er hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie wirklich um andere gesorgt. Nun litt er stumm, weil die Liebe sein komplettes Denken und Fühlen auf den Kopf gestellt hatte.
Er nahm das Tablet aus dem Rucksack und begann zwei einfache Schussgeräte zu zeichnen, wie er sie als Kind aus den verrücktesten Dingen gebaut hatte. Zum Beispiel aus einer Streichholzschachtel, einer Wäscheklammer und einem Gummiring. Auch die andere Variante hatte er getestet. Natürlich nur im Kleinen mit der Feder aus einem Kugelschreiber. Verschossen wurden Papierkügelchen und Zweigstücke. Allemal trotzdem gefährlich, weil man jemandem die Augen verletzen konnte.
Und der zweiten Variante konnte man mit einer stärkeren Feder immense Durchschlagskraft verleihen. Vor allem, wenn man angespitzte Aststücke als Bolzen nutzte oder kleine Steine verschoss. Ja, Hanna hatte richtig was drauf. Irgendwelches Metall für den Abzug werde sich schon im mitgebrachten Fundus auftreiben lassen. Und wenn nicht, musste man mit Holz improvisieren.
Der Regen hörte langsam auf. Barny zog ein Stück den Reißverschluss des Zeltes auf, spähte hinaus und schloss ihn wieder. Matsch, wohin das Auge reichte. Er fuhr das Tablet herunter. Strom war kostbar. Ein merkwürdiges dumpfes Dröhnen, das deutlich über den Boden übertragen wurde, ließ ihn lauschen.
Hanna, auf der Isomatte liegend, hatte es natürlich intensiv gespürt. Sie öffnete die Augen. „Ist das ein Erdbeben?“
Barny hob hilflos die Schultern. „Keine Ahnung. Die Bäume schwanken nicht, aber der ganze Matsch draußen vibriert und bildet kleine Wellenringe.“
Das war der Spuk auch schon wieder vorbei.
„Ich müsste eigentlich mal hintern Busch“, murmelte Hanna, mit Unbehagen den Schlamm betrachtend.
„Ich denke, uns putzt keiner die Schuhe. Es dürfte auch keinen stören, wenn der Schlamm in den nächsten Stunden von allein abfällt“, grinste Barny. „Traben wir los.“ Er fasste nach der Machete.
„Ein bisschen pervers ist das schon, was wir hier treiben“, merkte Hanna an. „Sag nichts. Ich weiß doch auch, dass es unsere Lebensversicherung ist.“
Barny seufzte. „Ich habe noch gar nicht unter solchen Bedingungen agiert. Der Herr Doktor hatte selbst beim Zelten immer das Luxusprogramm. Wenn wir zurück sind, essen wir Abendbrot und fachsimpeln ein bisschen über brauchbare Waffen.“
„Abendbrot? So spät ist es schon?“, erschreckte sich Hanna.
„Ja, du hast tief und fest wie ein Murmeltier geschlafen. Es ist fast 20 Uhr.“
„Du lieber Himmel! Ich kümmere mich sofort, dass Essen auf den Tisch kommt.“
„Wir haben nicht mehr viel“, sagte Barny.
Hanna winkte ab. „Besser als gar nichts. Ich nehme heute ausnahmsweise den Spirituskocher.“
Ehe Barny fragen konnte, was sie denn heiß machen wolle, kramte sie eine Blechdose hervor. „Ich habe fünf Minuten Instantnahrung in kleinen Beuteln vakuumiert und auch noch ein paar Packungen zwei Minuten Blitzfutter eingepackt. Frische Minze für Tee haben wir und einen Haufen Pinienzapfen. Wir werden bestimmt satt werden.“
„Wow. Nudeln mit Käse-Sahne-Soße“, freute sich Barny.
Das Wasser siedete rasch, Hanna brühte Tee und übergoss in den großen Tassen die Instantnudeln.
„Glatte fünf Sterne!“, strahlte Barny, am Ende wie Hanna jede Nudel einzeln essend, um lange Genuss daran zu haben. Er musste schmunzeln, als sie am Ende die allerletzten Reste Soße mit dem Zeigefinger aus der Tasse putzte und diesen genüsslich ableckte. „Das hat mir meine gestrenge Frau Mama als Kind mit Ohrfeigen ausgetrieben“, erklärte er, es nun Hanna nachmachend.
„Ich hatte eine fantastische Kindheit, obwohl meine Ma auch den blanken Ordnungsfimmel zelebrierte. Deswegen war ich ja ständig mit meinem Pa im Wald, wo wir die tollsten Abenteuer erlebt haben. Mit Knüppelkuchen am Lagerfeuer, mit Schlamm bis in die Haare und mit Schatzsuche in jedem Bach und auf jedem abgeernteten Feld. Jetzt kann ich gut gebrauchen, was er mir beim harmlosen Überlebenstraining beigebracht hat.“
„Wenn wir irgendwann mal wieder zu Hause sind, werde ich mich bei ihm bedanken, dass er eine so coole und absolut pfiffige Tochter hat. Kannste glauben!“, fügte Barny mit einem vergnügten Blinzeln in Pittiplatschmanier mit fast der gleichen Koboldstimme hinzu. „Und ich werde ihm verraten, dass ich dich heiraten will. Kannste auch glauben. Falls ... falls du mir eine Chance dazu gibst. Tut ... tut mir leid, ich wollte dich nicht unter Druck setzen. Tut mir ganz sehr leid.“
„Hab wohl wieder zu skeptisch geschaut“, murmelte Hanna. „Ich mag dich doch genau so sehr. Oder ganz kurz in drei Worten: Ich liebe dich.“
Im selben Augenblick ertönte genau vor dem Zelt ein Jaulen.
„Ach, du Scheiße“, rief Barny, zusammenzuckend.
Hanna fasste zu Kochtopf und Machete, stürmte aus dem Zelt und kreischte mit Trickfilmstimme: „Ich reiß‘ dir den Arsch auf!“ Gleichzeitig schlug sie mit dem Griff der Machete an den Topf. Ein Getöse, das die empfindlichen Wolfsohren malträtierte. Zudem war das Tier dermaßen entsetzt, auf welche Weise es plötzlich angegriffen wurde, dass es mit eingezogenem Schwanz das Weite suchte.
Barny stand mit riesengroßen Augen daneben, einfach nicht fassend, was gerade geschah.
„Weg isser!“ Hanna stellte ihre Waffen ins Zelt zurück, zog Barny, offenbar zur Salzsäule erstarrt, an der Hand hinein und schloss den Eingang.
Barnys Schockstarre löste sich. Er fasste sich an den Kopf und hauchte: „Zum besseren Verständnis – du hast dich jetzt tatsächlich mit einem Timberwolf angelegt?!“
„Jepp. Keine Lust auf lange Diskussionen mit dem Pelztier. Wenn es seinen Pelz behalten will, sollte es mir besser ganz aus dem Weg gehen“, erwiderte Hanna, mit dem Daumen den Schliff der Machete prüfend. „Ich weiß nicht, ob Wolf schmeckt, aber in der Not ..., na du kennst den Spruch.“
Barny brach in wieherndes Lachen aus. Die Situation war zu verrückt gewesen. Und Hanna werde jagen. Nicht nur auf Papageien. Selbst alles, was bei drei auf dem Baum wäre, müsste gewärtig sein, von da runter geschossen zu werden.
...