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Claire



... Von Sam war noch immer nichts zu sehen und zu hören. Claire hatte es sich im Lauf der Jahre abgewöhnt, nach ihm zu fragen. Mit ihren düsteren Vermutungen im Hinterkopf fiel ihr das nun besonders leicht. Am liebsten wäre sie erst in London, bei der Testamentseröffnung, wieder mit ihm zusammengetroffen. Jetzt streifte sie über den Basar, ganz in der Nähe, um sich wenigstens mit den nötigsten Dingen einzudecken. Sie ahnte nicht, dass sich wenige Minuten vorher, an genau dieser Stelle, ein Drama abgespielt hatte, das beinahe unbeachtet geblieben war, sonst hätte sie sicher in panischer Angst sofort den Platz verlassen.

Omar war, auf der Suche nach Trockenobst für die überstürzte Heimreise, hier gewesen. Den beiden Jeeps vor dem kleinen Café maß er keinerlei Bedeutung bei. Nicht einmal der Tatsache, dass die fünf Insassen Tarnkleidung trugen. Erst als drei der Männer ausstiegen und sich neben ihn an den Stand des Händlers stellten, wurde ihm unbehaglich zumute. Da fühlte er auch schon ein Messer im Rücken, links und rechts Hände wie Stahlklammern an seinen Handgelenken, wobei ein Stimme zischte: „Eine falsche Bewegung und du bist tot.“
Man zerrte ihn in eines der Fahrzeuge, das, eskortiert von dem Zweiten, langsam die Gasse hinunterrollte.
Der Gemüsemann kannte Omar vom Sehen her. Er wusste, dass dieser immer nur mit den Karawanen von Mahmud hier auftauchte und auch, dass selbiger oft brisante Fracht geladen hatte. Also schickte er seinen siebenjährigen Sohn in die Karawanenstation zu Mahmud, um ihn zu warnen. Das findige Bürschlein rannte davon, damit die Nachricht sofort ihren Empfänger erreichen konnte. Es fand den Gesuchten damit beschäftigt, die bereits gefüllten Wasserbehälter auf die Kamele zu laden.
„Mahmud! Mahmud!“
„Was ist denn los? Hast du was ausgefressen?“
Der Kleine pumpte in vollen Zügen Luft in die Lungen, schüttelte wild den Kopf und sprudelte heraus: „Mein Papa schickt mich. Fremde Männer haben Omar mitgenommen.“
Mahmud zuckte zusammen, Ali und Farid kamen hinzu. „Hast du sie gesehen?“
„Hab ich. Die hatten so komische Anzüge an, wie Soldaten, die in die Wüste ziehen.“
„Und Omar ist einfach so mitgegangen, ohne sich zu wehren?“
Der Junge schüttelte den Kopf. „Mm, mm, das waren so viele.“ Er hielt die fünf gespreizten Finger einer Hand hoch. „Die haben ihn in ein Auto gezerrt. Der eine Mann hat ihm sogar ein Messer in den Rücken gedrückt! Ich habe Blut an Omars Galabiya gesehen. Papa sagt, du sollst ganz schnell hier verschwinden.“ Er drehte sich um und tauchte selbst wie der Blitz zwischen den anderen Gästen der Station unter.
Mit fliegenden Fingern luden Mahmuds Männer das restliche Gepäck auf die Tiere, Mahmud zahlte für Wasser und Futter, dann zogen sie eilig davon, immer wieder argwöhnisch in alle Himmelsrichtungen lauschend. Keiner sprach ein Wort, aber alle dachten dasselbe – Nightingale. Vielleicht hatte man sie ja schon seit ihrer Ankunft beobachtet? Immerhin waren mehrere Männer in der Station gewesen, die zu keiner der Karawanen gehörten. Mahmud brütete finster vor sich hin. Omar hatte wohl zufällig das Schicksal ereilt, wie es jeden von ihnen hätte treffen können, wenn er auf dem Basar gewesen wäre.
„Ich schätze, wir werden Omar nicht mehr lebend wiedersehen“, murmelte Ali, als sie die erste Rast einlegten.
Mahmud nickte düster. „Und wenn er einen Ton verrät, dass ich mit Claire geschlafen habe, dann lässt Nightingale Jagd auf mich machen und er wird mich finden, egal, wo ich mich verstecke.“
„Und Claire?“, fragte Ali.
Mahmuds Mundwinkel zuckten. Er wollte sich lieber nicht detailliert ausmalen, was sich ihr rachsüchtiger, überaus brutaler Gatte für sie ausdenken würde. Dann wäre wohl eine Kugel im Kopf, wie Claire das ausgedrückt hatte, das wünschenswertere Ende. Farid schwieg. Omar hatte ihn regelrecht gedrängt, die Wasserkanister zu befüllen, damit er selbst auf den Markt gehen konnte. Missmutig hatte er dessen Job übernommen und nun dies. Farid ahnte nicht, dass sich Omar das Schweigegeld geholt hatte, sonst würde er alles glatt für die Strafe Allahs gehalten haben.
„Wohin reiten wir eigentlich?“, wollte Ali schließlich wissen. „In Siwa und auf dem Weg dorthin, sucht Nightingale garantiert zuerst nach uns.“
„Wir folgen Ibrahim an die Küste nach Bardiyah. Dort vermutet uns keiner“, legte Mahmud fest. „Wenn irgendwann die Luft rein ist, können wir ja nach Ägypten zurück kehren. Im Augenblick sind wir hier besser aufgehoben. Euern Lohn werdet ihr, wie abgemacht, bekommen.“
„Soll Recht sein“, brummte Farid. Ihm war es völlig egal, wo er sein Geld verdiente, solange es nur weit außerhalb der Gefahrenzone war.

Claire kehrte nach einer Stunde ziemlich zufrieden ins Haus zurück. Sie warf die Beutel auf das Bett, dann ließ sie sich in einen Sessel sinken. Der Tag war verdammt anstrengend gewesen. Sie freute sich darauf, endlich wieder einmal in einem richtigen Bett schlafen zu können.
Es klopfte. Claire fuhr erschreckt zusammen. Ein kurzer Blick auf die Uhr – Abendbrotzeit.
„Treten Sie ein!“, rief sie.
Eine junge Frau balancierte geschickt ein volles Tablett herein, deckte den Tisch und schenkte Tee ein. „Ich habe Ihnen einen Brief neben das Telefon gelegt“, sagte sie, als sie den ungeöffneten Umschlag liegen sah.
„Danke. Ich bin erst vor wenigen Minuten vom Basar zurück gekommen“, entgegnete Claire. „Ich werde ihn aber sofort lesen.“
Kaum hatte sich die Tür wieder geschlossen, riss sie den Umschlag auf, den sie sonst wohl erst sehr viel später entdeckt hätte. Er enthielt ein Flugticket und einen Zettel mit zwei Zeilen, ohne Anrede und ohne Unterschrift – typisch Sam.
Morgen Flug nach London. Treffen uns übermorgen im Gerichtsgebäude.
Claire atmete tief durch, dann steckte sie beides in ihre Handtasche. Kein Privatflug. Eine große Passagiermaschine würde Sam wohl kaum vom Himmel holen, obwohl sie sich da auch nicht mehr ganz sicher war. Dass er nur Touristenklasse für sie gebucht hatte, obwohl er sonst doch immer so darauf bedacht war, seinen Wohlstand zur Schau zu stellen, hinterließ einen seltsamen Beigeschmack. Claire zitterte vor dem Gedanken, Sam könnte etwas über ihren Deal mit Mahmud erfahren haben. Sie drückte den Männern die Daumen für ihren Weg nachhause. Wie sollte sie auch wissen, was schon geschehen war?
In der Nacht plagten Claire wieder die gleichen Alpträume wie auf dem Weg nach Al Jaghbub. Sie hörte Schreie, sie roch das Blut und irgendwann fuhr sie entsetzt aus dem Schlaf auf. Nur diesmal ging der Alptraum in wachem Zustand weiter. Irgendwo hinter dem Haus, oder im Hof eines der Nachbarhäuser, sie konnte den Ort nicht genau lokalisieren, gab es wohl eine Prügelei. Zwei Männer brüllten Worte, die sie nicht verstand, sie hörte die Geräusche von Tritten und Schlägen, jemand stöhnte. Hin und wieder ein gemeines Lachen, schließlich ein ersticktes Röcheln, dann klang es, als würde jemand mit einem Metallgegenstand auf den sandigen Boden schlagen, schließlich Stille. Claire schlief wieder ein.

Kaum, dass die Autotüren zugefallen waren, verbanden die Männer Omar die Augen mit einem Tuch und fesselten ihm die Hände hinter seinem Rücken mit Draht. Ein paar Minuten fuhren sie kreuz und quer durch den Ort, um ihm die Orientierung zu nehmen, falls ihr Boss beabsichtigte, den Mann wieder laufen zu lassen. Omar versuchte die Finger zu bewegen, denn schon nach wenigen Augenblicken stellte sich ein taubes Gefühl ein, Blut sickerte aus den aufgescheuerten Stellen, rann seine Hände entlang und hinterließ deutlich sichtbare Spuren an seiner Galabiya. Er hatte zwar keine Ahnung, wem er hier in die Hände gefallen war, aber die Art, wie man ihn gekidnappt und gefesselt hatte, erstickte alle Illusionen, den nächsten Tag noch zu erleben. Mit jedem gefahrenen Meter schloss er mehr mit seinem Leben ab. Irgendwann stoppte der Wagen, mit einem Tritt in den Rücken wurde er hinaus befördert. Er stürzte neben den Fahrzeug auf die staubige Erde, wo er verkrümmt liegen blieb. Jemand packte seine Fesseln, riss ihn auf die Beine, ohne sich darum zu scheren, dass ihm der Draht ganze Fleischfetzen von den Gelenken riss. Der Schmerz raste durch Omars Körper. Wie durch Watte drang das Brüllen eines Befehls an sein Ohr. Als er nicht sofort reagierte, weil er durch das Tuch vor den Augen zudem völlig orientierungslos war, trat ihm jemand von hinten in die Kniekehlen. Omar ging wie ein gefällter Baum zu Boden, was einen anderen dazu veranlasste, ihn mit der Stiefelspitze brutal in die Seite zu treten. Um einen Schmerzensschrei zu unterdrückten, presste Omar das Gesicht auf den Boden, atmete Sand ein und begann zu husten, weil die staubigen Partikel die Lunge reizten. Er hatte nicht damit gerechnet, dass das für seine Peiniger Anlass sein könnte, ihn noch tiefer in den Sand zu drücken. Omar begann zu würgen, da prasselten auch schon unzählige Schläge und Tritte auf ihn ein. Als er besinnungslos liegen blieb, unterbrachen die Männer das makabere Spiel.
„Wasser!“, befahl der Anführer.
Omar kam zu sich, als man einen ganzen Eimer schmutzigen Wassers über ihn entleerte. Jemand richtete ihn in sitzende Stellung auf und nahm ihm das Tuch ab. Zum ersten Mal konnte er in die völlig gleichgültigen Gesichter der Männer schauen. Alle drei trugen Tarnanzüge und waren bis an die Zähne bewaffnet.
„Du hast bis Sonnenuntergang Zeit, dir zu überlegen, ob du mir etwas über die Reise hierher und Claire Nightingale erzählen willst“, zischte der Wortführer.
Er winkte seinen Männern, die daraufhin den Hof verließen, ohne ihren Gefangenen noch einmal zu misshandeln. Seine Häscher waren offensichtlich bestens informiert. Omar schloss resigniert die Augen. Die nächsten Stunden würden auch so die Hölle werden. Das Karree des Hinterhofes lag in der vollen Sonne, ihn plagte schon jetzt wahnsinniger Durst und außerdem waren seine Hände noch immer auf dem Rücken gefesselt. Es dauerte auch nicht lange, bis er immer wieder in kurze Phasen der Bewusstseinstrübung hinein glitt. Er spürte Claires Körper, hörte ihr lustvolles Seufzen, vernahm ihre Stimme … Omar lächelte glücklich.
Ein brutaler Stiefeltritt in die Nieren weckte ihn. Mühsam versuchte er die Augen zu öffnen, die zugeschwollen waren und fürchterlich brannten.
„Ich höre!“, blaffte eine Stimme.
Omar versuchte zu sprechen, was mit dem ausgetrockneten Mund und aufgesprungenen Lippen nur schwer möglich war.
Ein Wink, dann kippte ihm jemand ein Glas Wasser ins Gesicht. Omar sog jeden Tropfen auf, den er mit der Zunge in seinem Gesicht erreichen konnte.
„Von wo seid ihr aufgebrochen?“, lautete die erste Frage.
„Von Siwa“, presste Omar mit kratziger Stimme hervor.
„Mit der Frau?“
„Ja.“
„Wo ist ihr Gepäck abgeblieben?“
Omar schluckte. „Sie hatte keins.“
Die drei Männer wechselten beredte Blicke.
„Was hat sie für die Reise bezahlt?“
„Ich weiß es nicht. Der Boss handelt den Preis immer selber aus“, versuchte Omar zu erklären.
„Womit hat sie bezahlt?“, zischte der Wortführer, Omar am Kragen packend und diesen zusammendrehend, bis Omar kaum noch Luft bekam.
„Ich … ich … ich weiß es nicht“, brachte Omar mühsam hervor.
Ein Schlag mit einer Eisenkette in den Rücken zwang Omar in die Knie.
„Ich warte“, sagte der Anführer mit gefährlichem Unterton.
Noch ein Schlag.
„Ich weiß es nicht.“ Sicher, sein Leben in jedem Fall verwirkt zu haben, versuchte er wenigstens Claire zu schützen, falls man ihr nicht schon ähnliches angetan hatte. Claire. Omars Herz begann zu rasen. Vielleicht hatte man aus ihr heraus gepresst, dass er mit ihr geschlafen hatte und dies hier war nun die Quittung? Andererseits hätte man ihm dann sicher andere Fragen gestellt …
Der Boss der Dreiergruppe zog seine Pistole, entsicherte sie genüsslich, ehe er sie Omar an die Schläfe drückte. In Erwartung des Schusses hielt Omar den Atem an.
„Womit hat sie bezahlt?“, brüllte der Mann, jede einzelne Silbe langsam aussprechend.
„Ich weiß es nicht“, wiederholte Omar stereotyp.
Der Druck an der Schläfe nahm ab, dafür schlug ihm Nightingales Scherge die Waffe ins Gesicht. Blut quoll aus der tiefen Platzwunde.
„Ihr hattet nur zwei Zelte dabei“, führte ihm sein Peiniger vor Augen. „In einem schliefen drei Personen im anderen zwei.“
Der Hubschrauber! Infrarot oder was auch immer! Omar versuchte mit der Zunge die Lippen zu befeuchten.
„Hat sie mit Sex bezahlt?“, zischte der Anführer und drehte Omars Kragen noch fester zusammen.
Omar versuchte mit dem Kopf zu schütteln. Plötzlich stieß ihn sein Peiniger von sich. Omar stürzte rücklings genau vor die Füße der beiden anderen. Er spürte eine Stiefelsohle in seinem Gesicht, dann wurde es dunkel.
„Hat sie mit Sex bezahlt?“, war das nächste, was er hörte, als er irgendwann wieder zu sich kam.
Omar antwortete nicht.
„Vermutlich also doch“, grinste der Mann vor ihm dreckig. „Bringt es zu Ende!“
Omar sah eine Machete im Mondlicht aufblitzen, ehe sich sein Schmerz in einem markerschütternden Schrei entlud, der in einem Röcheln endete. ...


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Unter diesem Link ist eine Hörprobe der Literaturinterpretin Rena Larf zu meinem Buch zu finden.
Einfach mal reinschnuppern!
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