Der Nixen-Clan (Band 4)

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Während die jungen Krieger die Umgebung beobachteten, sammelten die halbwüchsigen Nixen erstaunlich schnell einen ganzen Sack voll Mollusken ein, den sie gemeinsam zur Gruppe schleppten.

„Da sind noch mehr, falls es nicht reicht“, erklärte Lina, die Tochter von Ilka und Tamik.

Tiku brachte Siria, die mit gesenktem Kopf dahockte, eine besonders große nahrhafte Muschel. „Du musst essen, damit du bei Kräften bleibst!“

Siria nickte mechanisch. Tiku schwamm erst fort, als sie ihr Tauchermesser zog, und die Schalen zu öffnen begann. Ein kurzer Wink zu seinem Sohn Ammon, der sich so niedersetzte, dass er Siria immer im Auge hatte. Die Nixe war dankbar dafür, dass man sie ansonsten in Ruhe ließ. Der Tod ihres Mannes Mario, des letzten menschlichen Mitglieds des Clans, war noch zu frisch.

„Die Dunkelheit ist belastend“, klagte Tessa.

„Wir werden Stellen finden, wo Bioluminiszens die Umgebung erhellt“, versprachen Kami und Tiku. „Es wird erträglicher werden. Wir müssen nur Geduld haben.“

„Da drüben sind Fische!“, raunte Ammon.

„Wo??? Ich kann nichts sehen!“ Kirk spähte vergeblich in die Dunkelheit.

Ammon schüttelte belustigt den Kopf. Die Menschen hätten es sicher Tomaten auf den Augen genannt. Er ließ sich unter den neugierigen Blicken des Clans lautlos von der Felskante sinken und verschwand in der Finsternis. Sekunden später schien das Wasser zu kochen. Dann herrschte plötzlich Ruhe.

Ehe Lynn dazu kam, sich Sorgen um ihren Sohn zu machen, war er wieder zurück, sechs halbmetergroße Fische in seinem Netz hinter sich her zerrend. Tiku schwamm ihm entgegen, um das schwere Netz sicher zum Lagerplatz zu bringen.

„Unser Retter!“, jubelte Ilka. „Endlich etwas anders, als immer nur Muscheln!“

„Wir sollten die drei unverletzten Fische am Leben erhalten“, überlegte Kami.

Ammon nickte. „Ich habe mir gedacht, man könnte sie in einem größeren Netz hältern, das man längs an einen Speer steckt. Dann wäre es oben gleich zu. Nur müsste man es dann eben zu zweit tragen.“

„Perfekt“, lobte Kami und Auan erbot sich, Ammon beim Tragen zu helfen.

Jetzt fassten erst einmal vier Männer mit an, um die begehrten Fische nicht entkommen zu lassen. Die Frauen schnitten die getöteten Tiere in dünne Streifen und teilten sie gerecht an alle aus.

„Deine Augen möchte ich haben!“, staunte Tamik, als Ammon berichtete, wo er die Fische erblickt hatte.

„Es war mehr ein Fühlen, als ein Sehen“, berichtigte Ammon. „Das muss wohl ein Urinstinkt der Meervölker sein, der bei mir zum Vorschein kommt, weil wir in einer lebensbedrohlichen Notsituation sind.“

Kami und Tiku nickten. Ammons Worte trafen genau ins Schwarze. Die drei Nixen aus der Ostsee, die immer in sehr trübem Wasser gelebt hatten, kamen ähnlich gut zurecht, wie Ammon. Und auch Lynn, die Nordseenixe konnte sich auf ihre angeborenen Fähigkeiten verlassen.

Die Hälfte der Krieger bettete sich nach dem Essen zum Schlaf, währen die anderen die Gruppe bewachten. Auf der nächsten Rast werde man wechseln.

„Du wirst jetzt schlafen“, legte Kami fest, als Ammon Wachdienst übernehmen wollte. „Deine scharfen Sinne nutzen uns auf der Wanderung mehr, als mit einem relativ sicheren Felsen im Rücken.“

Das Gleiche bekamen auch Tiku, Amar und Tamik zu hören, während Auan, Kirk und Kami die Gruppe sicherten. Lynn, die einzige Nixe, die perfekt mit dem Speer umgehen konnte, sahen die Männern als willkommene Verstärkung. Für Lynn war es eine Sache der Ehre, denn Gefährte und Sohn schliefen zur gleichen Zeit und wären im Fall eines Angriffs leichte Beute gewesen.

Das kleine Volk konnte sich keine Verluste leisten, wenn es diese harte Zeit überleben wollte. Die Aussichten standen mit gerade mal 17 Personen nicht übermäßig hoch. Ob nach dem letzten Paarungstanz, bevor die Welt ins Chaos stürzte, überhaupt eine der fünf Nixen, die es betraf, schwanger wurde, war unbekannt. Alle wussten, dass sich in Notzeiten die Embryonen auch zurückbilden und vom Körper der Mutter absorbiert werden konnten. Die recht einseitige Ernährung der letzten Tage war der Entwicklung neuen Lebens auch nicht gerade förderlich gewesen. Zumindest bestand eine winzige Chance, solange die Meeresströmungen nicht durch irgendwelche Widrigkeiten der globalen Katastrophe zum Erliegen kamen.

„Wir sollten weiterschwimmen“, hörte Lynn Liana hinter sich zu Kami sagen und drehte sich erstaunt um.

Das ernste Gesicht der Seherin, wie alle Liana nannten, verhieß nichts Gutes. Kami schwamm sogar persönlich zu den schlafenden Wächtern, während Liana die anderen weckte. Tiku schaute sich beunruhigt um und fasste sich in den Nacken, was die ganze Gruppe als deutliches Warnsignal aufschreckte. Wenn Tiku diese Bewegung machte, stand immer handfester Ärger bevor.

„Gib Nicki und mir das Netz mit den Fischen“, schlug Lynn vor, damit die Männer jederzeit kampfbereit waren.

Ammon zögerte auch keinen Augenblick. Er wusste, dass sich seine Mutter das mühsam erjagte Essen von niemandem kampflos abnehmen lassen werde.

Siria schüttelte ihre Lethargie ab, als sie bemerkte, dass Lilly, die Tochter ihrer kleinen Schwester Liana, das Tempo nicht mithalten konnte. Liana hatte Lilly eine Hand gereicht, um sie zu ziehen. Siria nahm die andere Hand und gemeinsam schafften sie es, in die Mitte des Schwarms zu schwimmen, wo der Schutz durch die Gruppe am größten war.

„Gibt es Probleme?“, fragte Auan besorgt.

„Im Augenblick nicht“, erwiderte Liana. „Sicher nur ein Durchhänger wegen zu wenig Schlaf.“

Auf der nächsten Rast ließ sich Lilly einfach fallen und schlummerte auf der Stelle ein.

„Jetzt mache ich mir aber ernsthafte Sorgen!“, rief Liana und versuchte herauszufinden, was Lilly so zu schaffen machte. Alle Hautpartien im sichtbaren Bereich wirkten unverdächtig. Kami hob ebenfalls die Schultern. Lilly hatte auch nichts Verdächtiges gegessen. Das konnte Liana ganz sicher sagen, denn beide hatten sich alles geteilt.

Tiku hatte Zeige- und Mittelfinger an beide Schläfen gelegt und schien intensiv nachzudenken. Plötzlich ging ein Ruck durch seine Gestalt, er schwamm langsam näher, ließ sich neben Lilly nieder, um das lange dichte Haar so weit wegzuschieben, dass er bis zum Haaransatz schauen konnte.

„Ich hab´s befürchtet“, brummte er, Liana und Kami einen blauroten Striemen zeigend, der sich über Lillys halben Rücken bis ans Genick schlängelte.

„Ein Quallenmal!“, rief Liana erbleichend. „Und wir haben keine Ahnung, welche Art es gewesen sein könnte!“

„Nein, haben wir nicht“, bestätigte Tiku. „Es muss ein abgerissenes Stück gewesen sein, das irgendwo in der Landschaft herumschwamm. Denn Quallen sind uns heute definitiv nicht begegnet. Wir können nur hoffen, dass sie es übersteht.“ Er streichelte sanft das bleiche Gesicht seiner schlafenden Enkelin.

Jetzt, wo es die menschlichen Zwänge nicht mehr gab, galten die biologischen Familienverhältnisse und nach denen war Liana seine jüngste Tochter, wie Mario herausgefunden hatte. Dass deren Ziehmutter Siria sein Kind war, wusste von Anfang an jeder. Ammon war unglaublich stolz auf seine älteren Schwestern, die so lange unerkannt an Land unter Menschen gelebt hatten. Nun schwebte er mit betretenem Gesicht neben seiner Nichte im Wasser und ballte hilflos die Fäuste.

Tiku legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Diesmal kannst du ihr nicht helfen. Nur Liana und Kami haben die Fähigkeit, ihr jetzt Kraft zu geben.“

Und das versuchten die beiden Heiler, wobei sie sich stündlich abwechselten.

„Wir müssen hierbleiben, bis Lilly gesund ist“, bat Kami die Clanmitglieder.

Niemand hatte Einwände, obwohl man praktisch auf dem Präsentierteller saß, denn es hätte jeden aus der Gemeinschaft treffen können. Nur waren die letzten Fische schnell verspeist und guter Rat teuer, woher man Nahrung für 17 Personen nehmen sollte …

„Ich gehe auf die Pirsch“, erklärte Ammon, als man nicht einmal Schnecken oder Muscheln fand. „Und ich gehe allein!“, fügte er hinzu, als Kirk nach seinen Waffen griff. „Kümmere du dich um den Schutz der Gemeinschaft!“

Tiku und Lynn ließen ihn schweren Herzens ziehen. Er hatte ja recht, jeder gute Krieger wurde am Lagerplatz benötigt.

Pass auf dich auf, bat Lynn und Ammon versuchte, zu lächeln.

Nach drei Stunden tauchte in der Ferne, genau da, wohin Ammon verschwunden war, etwas auf, das alle für den jungen Krieger hielten. In freudiger Erwartung schaute man ihm entgegen, nur Tiku massierte unbewusst seinen Nacken. Kami war das nicht entgangen. Er griff nach seinem Speer. Ein paar Wimpernschläge später tobte ein Kampf, wie ihn die Clanmitglieder schon lange nicht mehr erlebt hatten. Das, was da auf sie zugeschwommen kam, war ein gigantischer Krake, der sicher schon manchen Pottwal das Fürchten gelehrt hatte.

„Frauen in die Mitte!“, schrie Tiku, mit ganzer Kraft auf das gigantische Tier einstechend. Und zu den Männern: „Passt auf, wenn er euch packt, dass ihr nicht in seinen scharfen Schnabel geratet, das wäre euer Tod!“

Lynn erkannte schnell, dass die Krieger auf verlorenem Posten standen. Der Kopffüßler zog ihnen einfach die Waffen aus den Händen und machte sich dann über die schreienden Meermänner her. Die Nixe öffnete mit fliegenden Fingern Tikus Rucksack, riss einen Haischocker hervor und rammte ihn in die elastische Haut des Kraken.

Der Gigant erzitterte, dann wanden sich seine Fangarme völlig unkontrolliert in Krämpfen. Lynn stieß noch einmal zu, bekam einen der Speere zu fassen, drückte ihn Tiku in die Hand und zog ihr Tauchermesser. Gemeinsam erlegten sie den Angreifer.

„Das war knapp“, krächzte Auan, den der Krake am Hals gepackt und ihm die Luft abgedrückt hatte. Er pumpte schwer atmend Wasser durch seine Kiemen. „Hast was gut bei mir“, versprach er Lynn.

„Bist nicht der Einzige“, stöhnte Tamik, sich ebenfalls wie ein Walross schnaufend auf den Boden setzend. Ihm hing die Haut des Rückens in Fetzen herunter, genau wie bei Amar, der unter Schock stand, weil er bereits den Schnabel genau vor Augen gehabt hatte. Kirk und Kami hatten Schuppen lassen müssen. Kami hatten gleich zwei Fangarme gepackt gehabt. Tiku bemerkte erst jetzt, dass ihm ein Streifen Haut in voller Länge seines linken Armes fehlte. Er war noch so voller Adrenalin, dass er nicht einmal den Schmerz spürte.

„Hoffentlich ist ihm Ammon nicht in die Quere gekommen“, flüsterte Lynn mit zitternder Stimme. „Allein hätte er keine Chance.“ Sie begann, sich um Tikus Wunden zu kümmern.

Als alle Männer notdürftig versorgt waren, nahm Lynn ihren Speer, hängte sich den Haischocker um und sagte: „So Mädels, jetzt sind wir die Hoffnung eines ganzen Volkes!“

Die Frauen griffen zu den Waffen.

„Da kommt was!“, meldete Lynn nach einiger Zeit, dahin zeigend, woher auch der Krake erschienen war.

„Lass es bitte Ammon sein!“, rief Ilka ängstlich.

„Es sieht komisch aus“, stellte Nicki schließlich fest, „und scheint auch Fangarme zu haben.“

„Oh nein, bitte nicht!“ Tessa biss sich auf die Unterlippe.

„Aber es hat einen Fischschwanz“, lachte Tiku. „Das ist Ammon mit einem Packen Tang um den Hals, der sich wie Fangarme in der Strömung schlängelt.“

„Ach, du lieber Gott! Was ist denn mit euch passiert?“, staunte der junge Krieger beim Anblick der lädierten Männer.

„Unliebsamer Besuch“, erwiderte Tiku, auf den zerhackten Fleischberg deutend. „Wir hegten schon die Befürchtung, er habe dich als Vorspeise vernascht.“

„Nein, dem bin ich nicht begegnet.“ Ammon lud den Tang und ein Netz voller Muscheln ab.

Amar strahlte über das ganze Gesicht. „Das schmeckt bestimmt besser, als das zähe Krakenvieh.“

...