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Nigel - Aschenputtel entdeckt das Paradies


Dunkelheit.
Der kleine ausgemergelte Körper zuckte manchmal und bewegte die Pfoten, als würde er durch den Wald laufen. Doch dort war er schon über ein Jahr nicht mehr gewesen. Manchmal schreckte er auf, wenn er von den Pfoten der anderen Hunde getroffen wurde. Wenigstens im Schlaf durfte er sich an sie kuscheln, so ein wenig Geborgenheit fühlend. Am Tag würden sie ihn wieder fortjagen, beißen und das wenige Futter wegnehmen, das er sich nur mühsam erkämpfte. Er hatte sich mit seinem Schicksal abgefunden, der schwächste Hund in einem fremden Rudel zu sein, selbst daran, auch von den Menschen keine Zuwendung mehr zu erfahren. Seit seine Jagdmeute verkauft, er aber krank und allein zurückgelassen worden war, hatte das Leben nur noch schwarze Seiten für ihn. Er war zu schwach, um sich eine bessere Position in seinem neuen Rudel zu erkämpfen. Doch Nigel gab nicht auf. So lange es ihm glückte, den Pferden ein Stück trockenes Brot zu stibitzen und auf dem Hundeplatz ein paar Halme Gras zu fressen, so lange würde auch ein Funken Leben in ihm sein. Seit Tagen hatte sich seiner eine ständig wachsende Unruhe bemächtigt. Irgendwie geheimnisvoll, gleichwohl doch beruhigend. Es war, als hätte er fremde Gedanken empfangen, die so gar nicht zu dem passen wollten, was er kannte. So lag der Hund auf dem kalten Steinboden und wartete auf den neuen Morgen.
Drei Autostunden entfernt, an einem Montagnachmittag im Oktober, stand Mary Nelson im Einkaufstempel. Sie sah gelangweilt zu, wie ihre fünfzehnjährige Tochter Dana Modemagazine durchstöberte. Das dauerte, wie immer, ewig. Als sie gerade zum Aufbruch drängen wollte, zog sie eine unsichtbare Gewalt direkt zu den Auslagen. Noch ehe ihr überhaupt ein klarer Gedanke kam, hielt sie eine aufgeschlagene Hundezeitschrift in der Hand. Zuerst, nahm sie eine winzige Annonce wahr, in der eigentlich nur eine Hunderasse mit einer Telefonnummer stand. Versonnen betrachtete sie die zwei Zeilen. Schon vor Wochen hatte der Familienrat den Kauf eines neuen Vierbeiners beschlossen. Ein kleiner Hund sollte es sein, als Ersatz für ihren Scottish Terrier namens Pips, der schon seit sechs Jahren nicht mehr bei ihnen war. Noch immer trauerte Mary ihrer Hündin nach. Sie vermisste die freudigen Begrüßungen, wenn sie von der Arbeit kam. Okay, Zufälle gibt es nicht, meinte sie, als sie das Heftchen in den Einkaufskorb legte. Stundenlang blätterte sie zu Hause die Seiten durch. Immer wieder blieb sie an der gleichen Stelle hängen, an zwei kurzen gedruckten Zeilen: „Beagle“, darunter die Telefonnummer. Nach zwei Tagen hielt sie es nicht mehr aus, wählte die Nummer und lauschte gespannt in den Hörer. Eine Frauenstimme am anderen Ende der Leitung erklärte, dass die Welpen jederzeit angesehen werden könnten, wobei nicht extra ein Termin nötig sei. In den folgenden Nächten träumte sie von ihrer Pips, die in jedem Traum einem neuen Hund hilfreich zur Seite stand, indem sie ihm alles beibrachte, was auch sie beherrscht hatte. Danach war jedes Erwachen beruhigend. Es fiel ihr immer der Satz ein „Zufälle gibt es nicht“. Außerdem glaubte Mary fest an ein Schicksal, welches jeder zu erfüllen hat.
Sonntag.
In der vergangenen Nacht hatte Nigel, der Jagdhund, besonders stark gespürt, dass etwas nach ihm rief. So lag das kleine Fellbündel, leise im Traum winselnd, am Rand seines Rudels auf dem gefliesten Boden. Am nächsten Vormittag war die ganze Jagdmeute in Aufruhr. Zwei fremde Personen waren eingetroffen und alles, was vier Beine hatte, begrüßte die beiden bellend oder wild durcheinander jaulend. Die beiden standen auf dem langen Gang der Hunde-Unterkunft. Sie waren irritiert von der eigenartigen Atmosphäre, die kein bisschen Wärme und Freundlichkeit auszustrahlen schien. Überall nur kahle, weiße Wände und Steinböden. Nach einiger Zeit erschien eine junge Frau, die nach dem Grund ihres Besuches fragte. Mary erklärte ihr, dass sie bereits angerufen hätte und nun gekommen sei, um sich die Beagle-Welpen anzusehen. Was sie zum Zeitpunkt des Telefonates nicht wusste war, dass nur noch ein einziger der kleinen Hunde keinen neuen Besitzer gefunden hatte. Das erfuhr sie erst jetzt vor Ort, aber auch, dass der letzte kleine Welpe ein Weibchen war. Mary war enttäuscht, sie hatte gehofft, einen Rüden zu finden. Ihr Mann meinte: „Die Kleine ist doch niedlich!“ Mary hob das Tierchen auf den Arm, aber es sprang einfach kein Funke über. Der Hund wollte nichts von ihr – sie nichts von dem Hund. „Niedlich“ war für sie kein Kriterium. Mit diesem Welpen würde sie einfach nicht „warm“ werden. Also war der lange Weg völlig umsonst, dabei war sie sich doch so sicher gewesen, dass hier ihr Hund warten würde. Nach der ersten Enttäuschung nahm sie alle ihre Sinne zusammen. Sie spürte tatsächlich wieder die gleiche Hoffnung, die ihr jeder Traum mitgebracht hatte. Unvermittelt, zu ihres Gatten blankem Entsetzen, entfuhr ihr der Satz: „Ich würde ja auch einen älteren Hund nehmen.“ Als die Besitzerin der Hunde erklärte, dass in der Jagdmeute einer sei, den sie ganz gern weggeben würde, war Mary sehr erstaunt. Sie beschloss, sich das Tier anzusehen. Nach einigen Augenblicken wurde ein Verschlag geöffnet. In Riesensprüngen hetzte ein schwarz-weiß-braun gefärbtes Etwas heran. Es war doppelt so groß wie ein Beagle, unterernährt und in erbärmlichem Zustand. Beide Ohren waren eingerissen, das Fell klebte vor Dreck, der klapperdürre Körper hatte unzählige Bisswunden. Trotz allem war nicht zu übersehen, dass das Fell eine wunderschöne Zeichnung trug und die Augen des Tieres in überschwänglicher Freude leuchteten. Mary überwand ihren Schreck. Sie rief den Hund zu sich. Schwanzwedelnd kam er auf sie zu, schmiegte sich an, schloss die Augen und begann ihr die Hände zu lecken. Alles an ihm schrie: „Hol mich bitte, bitte hier weg! Nimm mich mit!“
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