Das Glück saß auf der Mauer

Heißes Treffen

„Es gibt Tage, da sollte man einfach im Bett bleiben“, murmelte Lea, ihren Coffee to Go und ein Stück ofenfrischer Pizza über die Straße jonglierend. Nun saß sie auf einer kleinen Mauer neben einem der jahrhundertealten Häuser, um zu essen und zu überlegen, wie es weitergehen solle.

Ein paar Stockwerke über ihr schien gerade jemand denselben Gedanken, bezüglich des im Bett Bleibens, zu hegen, denn eine weibliche Stimme zeterte in typisch italienischer Manier. Die männliche Stimme wagte es, hin und wieder einen sehr viel leiseren und langsameren Satz zu erwidern. Dann ein erschreckter Ausruf, dem ein Krachen und Scherbeln folgte. Eine Tür flog krachend ins Schloss und Sekunden später rannte eine Frau aus dem Haus, noch immer wie ein Rohrspatz schimpfend. Sie sprang in einen klapprigen Fiat Cinquecento und fuhr mit kreischenden Reifen davon.

Noch einmal eilige Schritte auf der Treppe, dann stand ein schwarzhaariger, schlanker Mann auf dem Gehweg, der sich ein blutbesudeltes Handtuch an die Stirn presste. „Accidenti!“, brummte er, der Staubfahne, die das davonrasende Auto hinter sich herzog, mit den Augen folgend. Er taumelte drei Schritte rückwärts.

Ehe Lea einen klaren Gedanken fassen konnte, drehte er sich um, stolperte über ihre Beine und stieß sie im Fallen von der Mauer. Pizza und heißer Espresso verteilten sich über ihre und seine Kleidung, denn er landete mit tiefstem Entsetzen in den Augen direkt auf ihr. Schmerz und Schreck raubten ihr fast den Atem.

„Oh mio Dio! Come è terribile! Per favore perdona!“ (Oh, mein Gott! Wie furchtbar! Verzeihen Sie bitte!), hauchte er, sich mühsam aufrappelnd, um sofort auch ihr aufzuhelfen.

Lea zitterte am ganzen Körper. Dann brach sie zusammen. Es war einfach zu viel, was ihr das Schicksal an einem einzigen Tag um die Ohren schlug.

Als sie langsam wieder zu Bewusstsein kam, hörte sie zwei Stimmen wispernd eine Unterhaltung in geschäftsmäßigem Ton führen. Ganz vorsichtig öffnete sie die Augen, die schon beim ersten Blick tellergroß wurden. Statt des postkartenblauen Himmels mit strahlendem Sonnenschein, gewahrte sie eine meisterhaft gearbeitete Stuckdecke in einem wohltemperierten Raum. Das von der Hitze verdorrte Gras war einem weichen Untergrund gewichen. Wie ein Krankenhaus sah es jedenfalls nicht aus, auch wenn der eine Mann am Fenster einen weißen Kittel und ein Stethoskop um den Hals trug.

„Ah, sie ist aufgewacht!“, hörte sie den anderen auf Englisch sagen, worauf sich ihr beide zuwandten. „Wie fühlen Sie sich?“

„Wie zwischen Mühlsteine geraten“, flüsterte Lea matt.

„Es war nicht meine Absicht, Sie zu verletzen“, versuchte der Schwarzhaarige, leise zu erklären. Er trug einen dicken Verband um den Kopf und sah ziemlich mitgenommen aus.

Lea erinnerte sich. „Ich weiß. Es war ein unglücklicher Zufall. Wo bin ich hier?“, fügte sie fragend hinzu, weil die Wände wappengeschmückt waren und auch das Mobiliar sehr edel wirkte.

„In meinem Haus“, erklärte der Fremde. „Ich bin Giovanni Conti. Ich konnte Sie doch nicht verletzt auf der Wiese liegen lassen! In der Hitze hätten Sie sterben können, ehe der Arzt eintraf.“

„Angenehm. Lea Minnich.“ Sie versuchte, in seinen Augen zu lesen, aus denen echte Sorge sprach.

„Doktor Ricci hat Ihren Kreislauf stabilisiert und die Verbrühungen mit kühlendem Gel behandelt. Er meint, in zwei oder drei Tagen sollten die Schmerzen nachlassen. Er kommt morgen noch einmal nach Ihnen schauen.“

Der Arzt nickte und verabschiedete sich. In Leas Kopf herrschte das totale Chaos. Gedanken blitzten auf und erloschen wieder.

Giovanni setzte sich auf einen Stuhl neben dem breiten Sofa. „Es tut mir aufrichtig leid, Ihnen den Tag verdorben zu haben.“

Lea lachte auf. „Wenn Sie wüssten! Ach, was soll es! Ihnen hat man ja nicht viel besser mitgespielt.“ Sie deutete auf seinen Verband.

„Unübersehbar und wahrscheinlich auch unüberhörbar“, gab er zu, ahnend, dass sie auf der Mauer praktisch Beobachterin in vorderster Reihe gewesen war. „Außer einer Platzwunde mit Gehirnerschütterung hat der Spaß knapp 10000 Euro Schaden verursacht. Behandlungskosten gar nicht mit eingerechnet.“

„Sie hat doch nicht etwa mit einer chinesischen Porzellanvase nach Ihnen geworfen?!“, platzte Lea heraus.

„Doch. Hat sie.“ Giovanni schaute Lea erstaunt-neugierig an. „Bevorzugen Sie etwa die gleichen Waffen?“

Lea schmunzelte. „Ich war noch nie in so einer Lage. Wenn ich mich wehren müsste, würde ich aber sicher auch alles verwenden, was ich zwischen die Finger bekäme.“

„Ich habe Romina weder angefasst noch mit Worten bedroht“, erklärte Giovanni, fast hilflos abwinkend.

Lea versuchte, sich aufzusetzen. Giovanni schob ihr fürsorglich ein Kissen unter, wobei er die dünne Decke festhielt, mit der Lea zugedeckt war. „Vorsichtig! Ihre Kleidung habe ich in die Schnellreinigung bringen lassen.“

Sie lächelte dankbar. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie handgreiflich werden. Sie haben ihr gegenüber mit völlig ruhiger Stimme gesprochen.“

„Normalerweise beherrsche ich auch schwierige Situationen. Keine Ahnung, warum sie derart aggressiv geworden ist“, überlegte Giovanni laut. „Apropos Situation – ich habe in Ihrem Hotel angerufen, damit man Sie nicht vermisst.“

„Und Sie haben vermutlich herausgefunden, dass ich allein eingecheckt habe, sonst hätten Sie mich in ein Krankenhaus bringen lassen“, erwiderte Lea.

„Sagen wir so: Es hat mich in dem Entschluss bestärkt, Sie hier behandeln zu lassen“, gab er lächelnd bekannt. „Ich kann kein weiteres Aufsehen gebrauchen. Der Streit und was ich Ihnen zugefügt habe, werden morgen sowieso schon Tagesthemen sein.“

Leas Blick streifte die Wappen, worauf Giovanni kaum merklich nickte. Dann erschrak er. „Ich texte Sie hier zu und vergesse völlig, dass Sie Durst und Hunger haben werden.“ Er stemmte sich etwas unsicher auf die Beine, öffnete einen kleinen Barschrank, dem er eine gut gekühlte Saftflasche entnahm. Aus dem Fach darüber zog er Glas, welches er sofort füllte. Dann zückte er das Handy. „Essen Sie Pasta mit Pilzen?“

„Sehr gern sogar“, gab Lea bekannt.

„Hervorragend!“ Dem Gespräch entnahm sie, dass er Tagliatelle ai funghi porcini bestellte, was man als ihr absolutes Lieblingsessen bezeichnen konnte.

„Sie scheinen ein wenig Italienisch zu verstehen“, mutmaßte er, ihren Blick deutend.

„Ein wenig“, lachte Lea. „Und wohl nur, wenn es ums Essen geht.“

Giovanni schloss für zwei Sekunden die Augen. Offenbar rumorte die Gehirnerschütterung schlimmer, als er zugeben mochte.

„Wollen Sie sich nicht lieber etwas ausruhen?“, fragte sie besorgt.

„Und Sie ganz allein lassen? Keinesfalls!“ Mit einer Handbewegung wischte er weitere Einwände vom Tisch.

Das Läuten an der Haustür beendete für den Moment die Diskussion. Giovanni drückte den Türöffner.

„Mamma Mia! Was ist denn mit Ihnen passiert?“, fragte eine Männerstimme völlig perplex.

Lea nutzte die Gelegenheit, unter ihre Decke zu spähen. Aufatmend stellte sie fest, dass sie zumindest Unterwäsche trug, wenn auch vom Espresso völlig verfärbt. Die stark geröteten Hautpartien zogen sich vom Dekolletee über den Bauch bis fast zu den Knien. Auf einem Sideboard lag das hilfreiche Kühlgel.

Giovanni kam mit zwei großen, aufeinander gestapelten Styroporboxen zurück. Er stellte sie auf dem Tisch ab und wandte sich Lea zu. „Was halten Sie davon, einstweilen eins meiner langen T-Shirt überzuziehen?“

„Ziemlich viel“, blinzelte sie.

Sie erhielt sofort ein blütenweißes Shirt, streifte es über, um vorsichtig aufzustehen. Klar rebellierten die verbrühten Areale, aber das war durchaus erträglich, zumal der Stoff die Haut kaum berührte. Giovanni zeigte ihr den Weg zum Badezimmer, um sich schnell dem Auspacken der beiden Boxen zu widmen. Als Lea zurückkam, schaute er ihr sehr interessiert entgegen. Sie hatte mit wenigen Handgriffen ihr langes Haar hochgesteckt und den Schulterriemen der Stofftasche zum Gürtel umfunktioniert. Das viel zu große T-Shirt wirkte so wie ein kurzes Kleid. „Umwerfend. Einfach umwerfend“, murmelte er, Lea den Stuhl am Tisch zurechtrückend.

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