Friedensprozess oder Verrat?
Wie kann der Ukrainekrieg enden?
29.05.2026
Friedensprozess oder Verrat?
Wie kann der Ukrainekrieg enden?
29.05.2026
(29.05.2026)
Seit vielen Monaten habe ich nichts mehr zum Krieg in der Ukraine geschrieben. Es gab viele sehr gute Beiträge zu dem Thema. Ich sah keine Veranlassung das zu wiederholen. Jetzt möchte ich wieder einmal Bestand aufnehmen.
In den nächsten Tagen dauert die russische Aggression gegen die Ukraine bereits länger als der Erste Weltkrieg 1914-1918 und ein Ende ist nicht absehbar. Donald Trump erinnert sich gar nicht mehr an seine Ankündigung, den Krieg in wenigen Tagen zu beenden. Trump schien das fü realistischzu halten: die Ukraine sollte kapitulieren, der ungeliebte Selensky abtreten, alles andere würde mit einem lukrativen Deal direkt zwischen Trump und Putin erledigt. Der Verrat an der Ukraine, der Verrat an allem, wofür der Westen stand, und nicht zuletzt der Verrat an den Interessen der USA selbst hätte nicht viel Zeit gekostet. Wie schon Clausewitz bemerkte, will ein Agressor ja nicht unbedingt den Krieg, er zieht in jedem Falle eine kampflose "friedliche" Unterwerfung vor. Erst wenn sich das Opfer der Aggression wehrt, kommt es zum Krieg. Wir sollten nicht vergessen: die USA, damals noch unter Präsident Biden, waren im Januar 2022 durchaus bereit gewesen, das Taxi zu bestellen, das Selensky dann schnöde ablehnte. Deutschland war bereit, ein paar Helme zu liefern, kaum jemand im Westen traute den Ukrainern zu, dass sie mehrere Wochen lang Widerstand leisten wollten und konnten. Ich auch nicht.
Kriegsverbrechen wie die Morde in Butcha und die Repression mit dem Ziel der Russifizierung in den von Russland besetzten Gebieten verstärkten den Willen der Ukrainer zum Widerstand. Die Entführung von Kindern zur Umerziehung zu Russen erinnert mich an die osmanische "Knabenlese" auf dem Balkan, wo christliche Kinder geraubt wurden, um sie zu fanatischen Janitscharen-Kriegern zu erziehen. Anders als 2014, als die Ukraine der Besetzung und Annexion der Krim machtlos zuschauen musste, war die ukrainische Armee 2022 vorbereitet und nach den Kämpfen mit den angeblichen Separatisten in der Ostukraine auch kampferfahren.
Nur durch ihren Willen zum Widerstand konnten die Ukrainer den schnellen Erfolg der "Sonderaktion" verhindern, die russischen Verbände zurückschlagen und ihre Stellungen halten oder sogar verbessern. Die Rückeroberung von Cherson sollte nicht vergessen werden.
Inzwischen ist aus dem Bewegungskrieg ein Stellungskrieg geworden. Allerdings eine neue Art von Stellungskrieg, der neu definiert, was eine Stellung ist: Todeszonen, in denen sich niemand aufhalten kann ohne von Drohnen erfasst und angegriffen zu werden. Wie in jedem Krieg kommt es zu einem Wettlauf der Innovationen von Waffen.
Die Behandlung Selenskys bei seinem Besuch im Weißen Haus war ein Wendepunkt. Die Ukrainer reagieren vorsichtig, sie wissen aber, dass Trump kein verlässlicher Partner ist - sie haben noch Freunde in den USA, auch im Kongress, aber die Administration und das Militär gehorchen einem Oberbefehlshaber, der Putin bewundert und Selensky nicht gerade schätzt. Der positive Effekt war, dass die Europäer erkannt haben, dass ihre Sicherheit in der Ukraine auf dem Spiel steht und inzwischen zum wichtigsten Helfer der Ukraine geworden sind. Die Ukraine ist an Bevölkerungszahl und damit an rekrutierbaren Soldaten unterlegen. Das führt dazu, dass mit dem Leben der Soldaten und dem Einsatz von Material sorgsamer umgegangen wird als das traditionell bei den Russen der Fall war.
Die Ukraine hat mit großem Erfolg neue Waffen entwickelt. Ihre Abwehr gegen Luftangriffe ist zwar nach wie vor auf Hilfe aus dem Westen angewiesen, aber deutlich besser geworden. Ihre Angriffswaffen hoher Reichweite können Russland inzwischen empfindlich treffen und den Nachschub stören. Die westlichen Partner können von der Ukraine lernen, auch die Russen müssen daraus lernen, wenn sie standhalten wollen. Dadurch entstehen immer kürzere Innovationszyklen. Ganz neue Waffen kommen ins Gefecht, eben noch moderne Waffen werden durch neue Formen der Abwehr obsolet.
Ich habe von Anfang an darauf bestanden, dass ich den Verlauf von Kriegen weitgehend für unvorhersagbar halte, zumal ich kein Militärexperte bin. Die Debatte darum, ob die Ukraine siegen müsse, oder nur nicht verlieren, hielt ich für müßig. Eine bedingungslose Kapitulation Russlands als Atommacht halte ich für kein realistisches Szenario. Einen Sieg Russlands durch die Eroberung der Ukraine war nie auszuschließen, wird aber nur möglich sein, wenn die Ukrainer ihren Willen zum Widerstand aufgeben - was ich nicht glaube - oder der Westen, vor allem die USA, sie schmählich verraten, was ich nicht hoffe. Wichtig ist, dass die Abhängigkeit der Ukraine von den USA auf vielen - nicht allen - Gebieten deutlich vermindert ist. Auch die zunehmende Aufrüstung der europäischen NATO trägt zu einem starken Rückhalt für die Ukraine bei. Die ukrainischen Erfolge bei Schlägen tausende von Kilometern innerhalb Russlands machen den Krieg für Putin immer kostspieliger.
Putin konnte den Krieg zu jeder Zeit beenden - er brauchte nur die Angriffe einstellen und seine Truppen aus der Ukraine zurückziehen. Ob er das innenpolitisch überstehen würde, steht auf einem anderen Blatt. Vielen - auch in Russland - würden ihn nicht vermissen.
Da offensichtlich diese einfache Lösung von Putin nicht gewünscht wird, da der russische Diktator offenbar an seinen Maximalforderungen festhält, scheint er ja zu glauben, den Krieg gewinnen zu können. Ein Friedensprozess, der diesen Namen verdient, müsste also Putin davon überzeugen, dass er nicht gewinnen kann, nicht gewinnen wird.
Nun hat Putin vor kurzem gesagt, der Krieg gehe seinem Ende entgegen. Er brachte den früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder ("oder einen anderen...") als Vermittler ins Spiel. Ich verstehe nicht, warum nicht gleich darauf reagiert wurde, indem die EU und die Ukraine gemeinsam einen Vermittler vorschlugen - der auch Schröder sein konnte - oder ein anderer. Putin wäre in erheblicher Verlegenheit, wenn er dann jemanden ablehnen würde.
Wichtig ist, dass es keinen Frieden gegen die Ukraine geben darf. Russland darf nicht in der Lage sein ihn militärisch zu erzwingen, Trump darf nicht freie Hand für eine verräterische Scheinlösung auf Kosten der Ukraine gegeben werden - hier hat der US-Kongress eine hohe Verantwortung.
Jeder Krieg, der nicht durch einen totalen Sieg endet, wird durch Verhandlungen beendet. Manche verwechseln Diplomatie mit Liebesbeziehungen. Das ist sie nicht - über Frieden verhandelt man mit Feinden, nicht mit Freunden. Öffentliche Verhandlungen gehören in das Fach Propaganda und psychologische Kriegführung. Ernsthafte Friedensgepräche müssen geheim bleiben. Ein Vermittler müsste äußerste Diskretion wahren - damit sind alle Personen, die sich öffentlich auf einen Nobelpreis kaprizieren, disqualifiziert.
Wenn einmal ein Friedensprozess beginnt, läuft der Krieg weiter. Beide Seiten werden versuchen ihre Ausgangspunkte für die Verhandlungen zu verbessern. Es kann also durchaus erst einmal zu einer Verschärfung der militäischen Lage kommen. Wenn dann der Eindruck entsteht, dass die Gesprächsbereitschaft nicht ernstgemeint ist, werden die Gespräche unfruchtbar - dann ruht die Diplomatie. Dank der russischen Haltung ist das der status quo - dennoch würde ich dafür plädieren, ständig neu zu testen, ob es eine Chance für einen Kompromiss gibt. Jeder Kompomiss wird auch die militärischen Kräfteverhältnisse reflektieren, jedes Angebot wird auch die Fehleinschätzungen der Parteien reflektieren, die mir gerade auf russischer Seite besonders fatal sind.
Der erste Schritt wird eine Waffenruhe sein, immer in Gefahr gebrochen zu werden, immer mit dem Misstrauen beobachtet, dass eine Seite einseitige Vorteile daraus zieht. Das macht eine Vermittlung und eine Kommunikation mit Hilfe Dritter, die von beiden gehört werden, zu einer langwierigen Aufgabe. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es nie zu einem Friedensvertrag, aber der Modus Vivendi hielt lange genug bis zu einem politischen Wandel. Das Vertrauen starb zuerst, die Hoffnung stirbt zuletzt.