Wer von Freising aus ländliche Pfade nach Norden, hinauf die sandigen Teritiärhügel wandert, dann weiter auf deren windigen Rücken, der gelangt nach einer Stunde in das stille Ampertal, das durch den zerrissenen, von Altwässern ohne Zahl begleitenden Flusslauf und durch die schönen Auenwälder einen romantischen Eindruck macht. Haindlfing sieht er versteckt unten und gegenüber an einem Bühel (=Geländeerhöhung, Anhöhe), der gegen Norden das Tal beengt, heimisch an die Berge geschmiegt Palzing, einen alten ing-Ort. Erhöht steht droben auf dem Hügel das Kirchlein, dessen gegenwärtiger Bau heuer auf ein 300-jähriges Bestehen zurückblicken kann. Zu Füßen des Kirchleins breitet sich idyllisch die Ortschaft aus.
So beginnt Dr. Georg Völkl im Jahr 1927 mit dem Beitrag zur Ortsgeschichte von Palzing zum 300-jährigen Bestehen der Ortskirche. Heute, im Jahr 2007, ist es zwar mit der Stille im Ampertal vorbei - durch zahlreiche Verkehrsstraßen und den zunehmenden Fluglärm – dennoch hat sich Palzing seinen ländlichen Charakter bewahrt.
Die Palzinger Kirche steht mit ihren 380 Jahren noch genauso erhaben über der Ortschaft wie 1927. Palzing ist inzwischen viermal so groß wie damals und gehört zur Gemeinde Zolling, die Kinder gehen dort auch zur Schule. Sogar der Wirt schloß schon 1965 sein Wirtshaus zu. Trotzdem findet man in Palzing eine intakte Dorfgemeinschaft vor, hauptsächlich praktiziert von den Ortsvereinen, dem Sportverein, dem Schützenverein und der Feuerwehr in deren Vereinsheimen.
Vorwort: Mathias Westermair
Die Spuren früher Besiedelung reichen in Palzing weit zurück. Ausgrabungen und einzelne Funde geben Einblicke in diese Vergangenheit. Manche Fragen bleiben jedoch offen.
Entdeckungen beim Kiesabbau
1925 untersuchte der Historische Verein Freising das Gelände einer Kiesgrube, ungefähr 300 Meter von der Ortschaft entfernt, beim heutigen Sportplatz.
Beim Kiesabbau hatte der Vater von Dr. Georg Völkl dort Versteinerungen gefunden, darunter ein Stück der Schädeldecke eines fossilen Tieres. Ein Münchner Professor bestimmte es als Schädelknochen eines miozänen Rhinozerosses. Dieser Fund führt weit über die Geschichte menschlicher Besiedelung hinaus in die erdgeschichtliche Vergangenheit.
An der Südostecke der Kiesgrube entdeckte man eine Siedlung mit Befestigungsgraben aus der Hallstattzeit C, der beginnenden Eisenzeit. Sie bestand bereits mehr als 500 Jahre vor Christi Geburt.
Die Reihengräber
Westlich davon wurden 1925 neben der Straße neun noch vorhandene Reihengräber ausgegraben. In jedem Grab lag eine Person. Insgesamt ließen sich fünf Grabreihen feststellen.
Die Gräber stammten wahrscheinlich von einem Einzelhof. Für diesen nahm man eine Besiedelungsdauer von 150–200 Jahren und eine Gemeinschaft von 15–20 Hofinsassen an. Das Skelett eines damals ausgegrabenen Palzingers war in einer Vitrine des Freisinger Museums zu sehen.
Die Chronik beschreibt die Reihengräber als Friedhöfe der Bajuwaren, die etwa um 500–530 in unser Gebiet eingewandert seien. Etwa ab 800 bestatteten sie ihre Toten neben der Kirche. Palzing hatte wohl damals schon ein Kirchlein, das wie die Häuser aus Holz gebaut war.
Kostbare Funde auf der Müllerbreite
Auch beim Ackern kamen Zeugnisse der Vergangenheit ans Licht. Auf der Müllerbreite, etwa 400 Meter westlich von Palzing, fand der Vater von Georg Völkl zwei zunächst unscheinbare Metallstücke.
Eines erwies sich als Goldmünze aus dem Jahre 1678, kleiner als ein Pfennig. Ein gleiches Goldstück war im Garten des Freisinger Pallottinerseminars ausgegraben worden. Nach der Darstellung der Chronik war die Palzinger Münze der zweite solche Fund im Freisinger Land.
Das andere Stück entpuppte sich als Emailscheibenfibel aus der Karolingerzeit, die der Text mit 800–900 datiert. Nach dem damaligen Kenntnisstand existierten in ganz Bayern nur zwei solche Fibeln. Als Aufbewahrungsort nennt die Chronik das Prähistorische Museum in München.
Der Autor vermutet, dass Angehörige illustrer Jagdgesellschaften die Stücke verloren haben könnten.
Eine Anlage aus der Jungsteinzeit
1982 entdeckte man südöstlich von Palzing aus der Luft ein vorgeschichtliches Grabenwerk. Es lag auf einer Niederterrasse des Ampertales, im Bereich des heutigen Trainingsgeländes des SVA.
1993 wurde ein 86,5 Meter langer Schnittgraben durch die Anlage gelegt, um ihre Struktur und Zeitstellung zu klären. Die gefundenen Scherben ermöglichten es, den untersuchten Teil der Ringgrabenanlage der Chamer Gruppe zuzuordnen. Die Chronik beschreibt diese als Kulturgruppe der ausgehenden Jungsteinzeit und nennt den Zeitraum 2400–2200 v. Chr. Häuserbau, Ackerbau und Viehzucht weisen auf eine sesshafte Lebensweise hin.
Ob die Anlage der Verteidigung diente oder als Kultstätte genutzt wurde, blieb nach dem in der Chronik beschriebenen Forschungsstand ungeklärt. Eine wissenschaftliche Auswertung der Funde lag dem Autor noch nicht vor.
Bemerkenswert ist die Nähe zu der Grabungsstätte von 1925. Sie wirft die Frage auf, ob der Raum um Palzing über lange Zeit besiedelt war. Eine kontinuierliche Besiedelung lässt sich daraus allein jedoch nicht ableiten.
Ein Freistiftsbrief aus Palzing vom Jahre 1834
Der nachstehende Freistiftsbrief wurde durch Herrn Michael Völkl in Palzing zur Verfügung gestellt, dessen Großvater Joseph Völkl (geboren um 1804 in Haag a. d. A.) den Christlhof in Helfenbrunn erbte. Der Großvater verkaufte um 1864 das Anwesen in Helfenbrunn, lebte dann einige Jahre in Freising und erwarb 1866 oder 67 den jetzigenVölklhof in Palzing. Der Christlhof in Helfenbrunn wurde aufgeteilt; ein Gütl in Helfenbrunn heißt heute noch mit dem Hausnamen “beim Christl”. Das Wagenpfeil-Gut in Palzing besteht noch. Auf einem der in dem Freistiftsbrief erwähnten Grundstücke steht heute das neue Schulhaus und ein Privatanwesen in Palzing.
Zur Erklärung des Begriffes Hofmark: Die Hofmark (oder Hofmarch) ist der Inbegriff von Gütern, die zu einem adeligen Sitz oder Hof gehören und deren nutznießende Bebauer dem Grundeigner in Dingen der niederen Gerichtsbarkeit unterworfen sind. Man unterscheidet die geschlossene Hofmark und die ungeschlossene, in welch letzterer es auch Güter gibt, die nicht Eigentum des Hofmarksherren oder deren Bebauer ihm nicht mit der Jurisdiktion unterworfen sind. (Schm. I, 1643 f.) Das Institut der Hofmarken geht auf die Ottonische Handfeste vom Jahre 1311 zurück, durch welches Privileg den Grundherrn auf ihren Gütern die niedere Gerichtsbarkeit zugestanden wurde.
Übersetzung Freystiftsbrief Palzing
Freystiftsbrief ad 13 fl. dem Christl von helfenbrunn auf einen aus dem wagenpfeilgut zu Palzing erkauften wiesgrund ertheilt den 4ten Dezbr. 1834.
Ich Karl Theodor Graf von Holnstein aus Bayern, königlr. Kämmerer, und erblicher Reichs-Rath, dann Inhaber der Hofmarchen Palzing, und Thalhausen bekenne für mich, meine Erben und Nachkommen in kraft diess briefs, daß ich den
Christl von Helfenbrunn auf die von ihm aus den zu meiner Hofmarch Palzing freystiftsweise gehörigen Wagenpfeilgut daselbst, Kataster fol lit Hausnro 28, und Kataster nro 2159 erkaufte Wiese pr – Tagwerk, 26 Dezimalen um die behandelte Kaufsumme pr 13 f. seiner ghsten Bitte gemäss neue Freystiftsgerechtigkeit unter folgenden Bedingungen verleihen wolle, als 1tens hat der Käufer alle in dem ghrtlichen Kaufbrief enthaltenen verbindlichkeiten zu übernemmen, und getreulich zu erfüllen.
2tens hat derselbe die auf diesem freystiftsbaren Grunde mitl Repartition, und Umschreibung betreffenden Landes, ghrts, und grundherrl. Abgaben, so andern lasten zu berichtigen, und insbesondere zu meiner Hofmark Palzing alljährlich an herbststiftsgeld – f. 3 k. 6 pf. zu entrichten, und zwar um Galli auf Entbiethen mit persöhnlichen Erscheinen und ohne einen ausstand zu belassen.
3tens werden sich hinsichtlich dieser Abgaben mitls Hypotheken Umschreibung auch das Hypothekenvorzugs, wie auspfänd, und alle übrig gesetzlich zustehenden Rechte vorbehalten.
4tens hat der neue Freystifter dieses Grundstück stets im guten wirtschaftlichen Zustande zu erhalten, und hievon ohne bevor erhollt ausdrücklich grundherrlich Consens nichts zu trennen, zu tauschen, zu verkaufen, oder zu verpfänden, noch sonst etwas hievon entziehen zu lassen.
5tens so lange er Freystifter diesem allen getreulich nachkommen wird, so soll es auch bey der ihm verliehenen Freystifts-Gerechtigkeit sein verbleiben haben.
6tens wird sich hinsichtlich einer abschwendung seines Anwesens auch für diesen Grund alles rechtliche, und gesetzliche ausdrücklich vorbehalten.
Urkundlich dessen wurde dieser Freystiftsbrief errichtet, und mit meinem gräflichen Insigl gefertiget dem neuen Freystifter zu Handen gestellt.
Schloss Thalhausen den 4ten Dezember 1834.
(L. S.) Theodor Graf von Holnstein.
Vor einiger Zeit wurde auf einem Felde westlich von Palzing eine Emailscheibenfibel gefunden und durch Herrn Altbürgermeister Völkl an den Historischen Verein Freising übergeben. Dieser übermittelte sie zur genaueren Untersuchung an das Landesamt für Denkmalpflege in München und erhielt am 18. Februar folgenden Bescheid:
Die Emailscheibe von den Feldern westlich von Palzing gehört zu einer karolingischen Emailscheibenfibel. Die Elemente ihrer Verzierung, das Kreuzschema, die Efeublätter, die Zierdarstellung usw. kehren auf entsprechenden Denkmalen des karantanischen Kreises (Kärnten usw.) wieder. Das Vorkommen solcher Emails im Frankenreiche spricht für westliche und gegen slawische Herkunft dieser Stücke. Für Bayern handelt es sich hier um ein äußerst seltenes, wenn auch unansehnliches Stück. Unser Referent wird die Scheibe nach Reinigung und Anfertigung einer photographischen Aufnahme persönlich oder durch Vermittlung eines Freisinger Herrn zurückstellen.
Die Emailscheibenfibel befindet sich derzeit im Prähistorischen Museum in München.
(Frigisinga 2 1925)
Historiker und Heimatforscher aus Palzing
Schon als Gymnasiast verbrachte Georg Völkl Stunden in der Freisinger Dombibliothek. Alte Bücher, Geschichte und Brauchtum weckten seine Neugier – ein Interesse, das ihn sein Leben lang begleitete.
Geboren wurde er am 29. Januar 1907 als fünftes Kind der Bruckmaierbauern Michael und Anna Völkl, geb. Heinrich. Nach dem Gymnasialabschluss 1927 studierte er an der Münchner Universität. Bereits 1931 promovierte er mit einer Pfarreigeschichte, die mit „summa cum laude“ bewertet wurde. Nach der vorliegenden Darstellung war dies die erste Ortsgeschichte, die an einer bayerischen Universität als Doktorarbeit angenommen wurde.
Dr. Georg Völkl um 1950
Beruflicher Weg und Heimatforschung
1932 wurde Völkl Direktor des städtischen Schülerheims in Neuburg an der Donau. Wegen seiner offenen Gegnerschaft zum Nationalsozialismus wurde er 1933 fristlos entlassen. Anschließend arbeitete er einige Jahre als Privatsekretär und Vermögensverwalter einer wohlhabenden Amerikanerin in Höhenried bei Bernried.
Neben dieser Tätigkeit legte er das zweite Staatsexamen ab und wurde danach Studienpräfekt in Neuburg. Aufgrund seiner wirtschaftlichen Kenntnisse berief ihn das Kultusministerium 1939 zum Direktor des Studienseminars und der Malteserbrauerei in Amberg. Nach zehn Jahren wechselte er an das Albert-Magnus-Gymnasium in Regensburg. Eine schwere Lungenoperation führte dazu, dass er sich 1967 pensionieren ließ.
Neben seinem Beruf widmete sich Völkl intensiv der Geschichtsforschung. Über zehn Jahre leitete er als erster Vorsitzender den Historischen Verein für Oberpfalz und Regensburg. Er redigierte dessen umfangreiche Verhandlungsbände und betrieb in vielen Ortschaften Namensforschung.
Seine Veröffentlichungen
Völkls Arbeiten reichen von Orts- und Pfarreigeschichten über Namensforschung bis zur sorgfältigen Bearbeitung historischer Quellen. Für die Oberpfalz veröffentlichte er unter anderem:
- „Werden und Wirken des Hist. Vereins für Oberpfalz und Regensburg in 125 Jahren“ (1955)
- „Das älteste Leuchtenberger Lehenbuch“ (1955), eine 127 Seiten starke Ausgabe des Originaltextes mit 1225 Fußnoten
- „Das beste und größte Kapital Regensburgs ist das alte Stadtbild“ (1956)
- „Hohengebraching. Eine säkularisierte Stiftspropstei“ (1973)
- den historischen Teil von „Großberg, Geschichte und Gegenwart“ (1976)
- „Dieterskirchen. Geschichte und kulturelle Entwicklung einer oberpfälzischen Pfarrei und Gemeinde“ (1980)
Auch seiner engeren Heimat blieb er als Forscher verbunden. Zu seinen Veröffentlichungen gehören:
- „Die Pfarrei Jarzt“ (1929)
- „Kirchdorf. Eine Pfarreigeschichte aus dem Ampertal“ (1932)
- „Die Geschichte der Pfarrei Wippenhausen“ (1933)
- „Die Ortsnamen des Freisinger Landes“ (1962/63)
- „Palzing. Seine 2500 Jahre alte Geschichte“ (1977)
Hinzu kamen die Festschriften „Isaria. Katholische Studentenverbindungen in Weihenstephan 1921–1931“ (1931), „Das Werden unserer Zeitung. 130 Jahre Freisinger Tagblatt“ (1934) und „Zum 300jährigen Jubiläum des Studienseminars in Neuburg/D“ (1938).
In zahlreichen weiteren Aufsätzen beschrieb Völkl auch Bauernhöfe, die seit mehr als 250 Jahren im Familienbesitz waren. Manche dieser Arbeiten enthalten Ahnentafeln, die bis zum Dreißigjährigen Krieg und teilweise noch weiter zurückreichen.
Dr. Georg Völkl starb am 20. Oktober 1988. Seine Forschungen erschließen die Geschichte Palzings, des Freisinger Landes und der Oberpfalz bis heute.
Aus dem
Bürgermagazin Zollo
Bürgermagazin Zollo
Quelle: Chronik "Palzing 807 - 2007", Völkl sen., Völkl jun. und Westermeier,
Bearbeitung: Manuela Flohr