Eine Kindheitserinnerung von Elisabeth Obermeier
Fasching in einer Zeit, in der Schnee noch Schnee war
Ich wurde 1948 als erstes von vier Kindern geboren. Damals wusste ich noch nicht, dass das automatisch bedeutete, Verantwortung zu übernehmen – vor allem für Geschwister, die man eigentlich lieber irgendwo geparkt hätte, wo sie nicht ständig im Weg herumstanden und Fragen stellten.
1949 kam Gertrud, 1951 Adolf und 1954 Maria dazu, die von unserer Mutter liebevoll „Herzerl“ genannt wurde. Wir wuchsen auf dem Stettnerhof in Thann bei Zolling auf, einem Dorf, das so überschaubar war, dass man abends schon wusste, wem an diesem Tag eine Laus über die Leber gelaufen war.
Thann hatte ungefähr hundert Einwohner. Mal ein paar mehr, mal ein paar weniger. Das hing davon ab, ob gerade jemand geboren wurde, einheiratete oder beschloss, dass es jenseits der Dorfgrenze vielleicht doch auch noch ein Leben gab. Landwirtschaft war die Lebensgrundlage – für alle. Nur ein Einziger war zusätzlich Maurer. Der Hausname war beim Pfeiffer, er bewirtschaftete ein paar Tagwerk Grund und nannte sich stolz „Maurerpalier“.
Man kannte sich. Namen waren zweitrangig, Hofnamen waren entscheidend. Da gab es den Hoffna, den Wingemo, den Kopp, den Benimo, den Moar, den Stettner, den Sellmer usw.. Wer neu war, fiel sofort auf. Und wer dazugehörte, wusste genau, zu wem er gehörte – ob er wollte oder nicht.
Kinder gab es reichlich, in jeder Größe, in jeder Lautstärke und meistens dort, wo man sie gerade nicht brauchen konnte. Die Regel war einfach: Sobald die Kleinsten halbwegs stehen konnten – manche lagen noch in der Kinderchaise, der „Scheesn“ – wurden sie den älteren Geschwistern mitgegeben. Die hatten dann immer etwas dabei, das bremste, quengelte oder plötzlich spurlos verschwunden war. Wir Kinder vom unteren Dorfteil hielten uns meist an die jüngeren Wingemo-Kinder, die oben bei der Kirche wohnten.
Wir lebten in einer Freiheit, die heute vermutlich sofort eine Meldung beim Jugendamt auslösen würde. Das ganze Dorf war unser Spielplatz. Am Milchbankerl oder an der Kratzer-Schupfa traf man fast immer jemanden. Aufsicht im heutigen Sinn gab es nicht. Dafür ein Dorf voller Augen, Ohren und gut gemeinter Ratschläge. Erzogen wurde gemeinschaftlich – manchmal auch dann, wenn man gar nicht erzogen werden wollte.
Eine Regel galt für alle: Beim Gebetläuten musste man zu Hause sein. Im Winter früher, im Sommer später. Nur für uns Stettnerkinder galt diese Regel nicht immer ganz so streng. Vielleicht war man einfach froh, wenn wir während der Stallarbeit draußen waren und im Haus keine neuen Ideen entwickelten.
Spielplätze gab es keine. Dafür Fantasie. Und die war unerschöpflich – und manchmal auch ein bisschen gefährlich.
Haustüren waren nie abgesperrt. Man ging einfach hinein. Manchmal wurde man gleich wieder hinausgeschickt, manchmal geduldet. Nur bei der Wingemo Resi, Jahrgang 1947, schien alles erlaubt zu sein. Dort war Platz für Lachen, für Unordnung, für das Gefühl, dass nichts wirklich zählte. Adolf, mein Bruder, war kaum je dabei – wir waren ihm wohl zu viele Deandl. Wo er sich in jener Zeit aufhielt, das liegt heute im Dunkel der Erinnerung, Bei Resi durften wir uns frei bewegen – und fanden dabei in der hinteren Kammer eine Kiste mit alter Kleidung. Für uns war das kein Gerümpel, sondern ein Kostümfundus, von dem heutige Theater nur träumen könnten.
Stettner Kinder, 1957
Resis Kommunion
Thann von Südwest, ca. 1950
Es muss Februar 1957 oder 1958 gewesen sein. Fasching. Winter. Kalt. So kalt, dass die Kälte nicht nur biss, sondern sich regelrecht festklammerte. Resi hatte die zündende Idee: Wir könnten uns verkleiden. Resi, ihr kleiner Bruder Bernhard, Gertrud, das Herzerl und ich. Zuerst spielten wir im Haus, doch irgendwann wurde es langweilig. Dann sagte Resi diesen Satz, der rückblickend betrachtet vielleicht nicht ganz ungefährlich war:
„Mia gengan jetzt Maschkera.“
Ich wusste nicht, was das genau war. Aber es klang nach Abenteuer – und nach Ärger. Beides fand ich äußerst vielversprechend.
Resi wusste, wie es ging. Von Haus zu Haus ziehen und einen Spruch aufsagen:
Lustig ist die Fasenacht,
wenn die Muadda Kiache bacht.
Wenn sie aber koane bacht,
dann pfeif ich auf die Fasnacht.
Je nach Stimmung und Mut wurde dieses „pfeif“auch etwas deutlicher formuliert. Fasching war schließlich nur einmal im Jahr, und man musste die Gelegenheit nutzen.
Am späten Nachmittag zogen wir los. Viel zu dünn angezogen, mit kleinen Geschwistern im Schlepptau und ohne den leisesten Gedanken an mögliche Folgen. Offenbar bemerkte niemand unseren Abmarsch – oder man traute uns mehr zu, als gut für uns war.
Resi führte uns an, und bald konnten wir alle den Spruch auswendig. Wir begannen beim Moar in Ölpersberg. „Über die Felder, das ist kürzer“, bestimmte Resi. Also stapften wir durch Schnee und Verwehungen, der Wind blies uns ins Gesicht, aber wir fühlten uns großartig. Beim Moar war die Tür offen. Wir marschierten hinein und brüllten unseren Spruch, als hinge unser Ansehen davon ab. Die Bäuerin lachte – und wir bekamen Süßigkeiten. Ein voller Erfolg.
Mutig geworden beschlossen wir, auch noch nach Gerlhausen zu gehen. Zwei Kilometer weiter. Beim ersten Hof, dem Omer wieder der Spruch. Eine Frau kam heraus und fragte, woher wir seien. Leise sagte ich unseren Familiennamen. Sie kannte ihn nicht.
„Vom Stettner aus Thann“, erklärte ich.
Ihre Antwort kam trocken und ohne jede Faschingsstimmung: „Habt ihr das nötig, dass ihr so etwas macht?“
Inzwischen war es dunkel geworden. Der Wind wurde stärker, die Kälte unerträglich. Die kleinen Geschwister weinten, wir wollten nur noch nach Hause. Kurz vor Thann blieben wir in tiefen Schneewehen stecken. Wir kamen nicht mehr vor und nicht zurück. Die Fasenacht war endgültig vorbei – und der Ernst des Lebens überraschend früh da.
Plötzlich stand der Wingemo vor uns. Wortlos zog er uns aus dem Schnee. Er hatte uns gesucht – als Mesner war er fürs Gebetläuten zuständig, und weil seine Kinder nicht aufgetaucht waren, machte er sich auf den Weg.
Unsere Eltern waren am Ende einfach nur froh, dass wir wieder da waren. Ein Donnerwetter blieb aus.
Nur meine Zehen sahen das anders. Die Frostbeulen haben sich das Abenteuer gemerkt und melden sich bis heute gelegentlich zurück – offenbar, um sicherzugehen, dass ich es auch nicht vergesse.
Resi und Bernhard
Pfeiffer-Maurerpalier
Gedanken zur Omer-Szene und zum „Maschkera gehn“
Der Satz der Omerin – „Habts ihr des notwendig, dass ihr sowas machts?“ – hat mich lange begleitet. Als Kind konnte ich ihn nicht einordnen. Erst mit zeitlichem Abstand wurde mir klar, dass diese Frage weniger uns Kindern galt als vielmehr einem unausgesprochenen sozialen Verständnis, das in den dörflichen Strukturen der Nachkriegszeit fest verankert war.
Das „Maschkera gehn“ hatte im altbayerischen Raum rund um Freising nicht nur einen spielerischen, sondern auch einen sozialen Hintergrund. Vor allem Kinder aus kleineren Anwesen gingen zur Faschingszeit verkleidet und möglichst unerkannt von Haus zu Haus, um Kiachl, Gebäck oder kleine Gaben zu bekommen. Die Winter waren lang, die Lebensverhältnisse einfach, und solche Bräuche brachten ein wenig Abwechslung in den Alltag. Die Verkleidung diente dabei nicht nur dem Spaß, sondern auch dem zeitweiligen Verbergen der eigenen Herkunft.
Der alte Faschingsspruch macht diesen Zusammenhang deutlich: Lustig war die Fasenacht nur dann, wenn am Ende auch etwas zu essen dabei heraussprang. Was für uns Kinder ein Spiel war, hatte für viele Familien eine tiefere Bedeutung.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, was die Omerin meinte, als ich sagte, dass wir vom Stettner z’Thann kamen. Der Stettner gehörte zu den größeren Höfen. Dass wir Kinder in den Nachkriegsjahren nicht mehr hatten als andere, spielte dabei keine Rolle. Entscheidend war das Bild, das mit einem Hofnamen verbunden war, und die stillen Erwartungen, die damit einhergingen.
Thann war in jener Zeit ein kleines Dorf mit klaren, wenn auch selten ausgesprochenen sozialen Strukturen. Die Landwirtschaft bestimmte das Leben, jeder kannte jeden, und die Unterschiede zwischen den Anwesen waren allen bewusst. Kinder wuchsen ganz selbstverständlich in dieses Gefüge hinein, ohne es benennen zu können.
Erst heute, mit dem Abstand vieler Jahre, verstehe ich, dass dieser eine Satz mehr über die Zeit erzählt als über uns Kinder – und dass ich ihn genau deshalb nie vergessen habe.
Thann, ca. 1950
Sprachlich ist das Wort „heischen“ sehr alt. Es stammt aus dem Althoch- und Mittelhochdeutschen (eiscōn / eischen) und bedeutet fordern, ansprechen, erbitten, verwandt mit dem englischen „to ask“. Ursprünglich meinte es ein offenes, öffentliches Ansprechen, eingebettet in feste Regeln und Zeiten.
Volkskundlich ist gesichert, dass solche Heischegänge ritualisiert und an bestimmte Tage im Jahreslauf gebunden waren, etwa an die Faschingszeit oder an kirchliche Feste, und dass sie im dörflichen Zusammenleben als legitim galten. Das Erbitten war an Sprache, Formeln und Rituale gebunden und damit Teil einer gemeinsamen Ordnung. Über die Entstehung des Heischens geht die Forschung heute davon aus, dass mehrere Motive zusammenwirkten: einerseits praktische Notwendigkeiten in Zeiten knapper Ressourcen, andererseits aber auch der Wunsch nach Geselligkeit, nach Kontakt und nach einem gemeinsamen Erlebnis.
In dieser Verbindung von Nutzen und Begegnung liegt vermutlich die besondere Beständigkeit des Brauchs. In veränderter Form lassen sich solche Strukturen bei uns bis heute erkennen, etwa wenn Kinder als Sternsinger von Haus zu Haus gehen oder wenn die Christbaumsammlung der Feuerwehr organisiert wird.
Fasching 1957 in Oberappersdorf
Der früher übliche Faschingsumzug der Schulkinder in Appersdorf, da ist auf alle Fälle beim Bürgermeister „eingekehrt“ worden und bei den zwei Wirten, Oberwirt (jetzt Berta Forster) und Seumer-Wirt (jetzt: Landgasthof Obermeier).
Kindheitserinnerungen von Maria Westermeier aus Siechendorf
„Da Kiwe“ – Erinnerungen an den Maler Felix Kiby in Unterappersdorf
In meiner Kindheit lebte einige Jahre lang ein Maler in unserer Gegend: Felix Kiby. Für uns Kinder war er einfach „da Kiwe“. Viel wussten wir damals nicht über ihn. Nur dass er Bilder malte, eine Staffelei besaß und mit seiner Familie auf dem Huber-Hof in Unterappersdorf wohnte.
Seine Tochter Margot ging mit uns in die Volksschule in Appersdorf. Sie war etwa ein Jahr jünger als ich und eines der wenigen evangelischen Kinder in der Schule. Nach dem Krieg lebten zwar einige Flüchtlinge und Evakuierte im Dorf, aber evangelische Kinder waren dennoch selten.
Margot war ein stilles Mädchen. Sie hielt sich eher im Hintergrund. Aber sie zeichnete gern. Einmal brachte sie eine Zeichnung mit in die Schule und hängte sie im Klassenzimmer auf. Ich weiß heute nicht mehr, was darauf zu sehen war. Doch ich erinnere mich, dass mich das beeindruckte – so sehr, dass ich es ihr nachtat und ebenfalls eine Zeichnung aufhängte.
Ihr Vater war für uns Kinder keine leicht zugängliche Gestalt. In meiner Erinnerung erscheint er eher als ein Mann, der schnell schimpfen konnte, wenn ihm etwas missfiel – ein echter „Grantler“, wie man in Bayern sagt.
Einmal sollten wir in der Schule ein Gedicht lernen. Es war eines jener Kinderstücke mit vielen Lautspielereien, etwa in der Art von „Wi-Wa-Weihnachtsmann“. Kiby fand das offenbar so albern, dass er seiner Tochter verbot, es auswendig zu lernen. Margot berichtete das dem Lehrer, was für einige Verlegenheit sorgte.
Ein anderes Mal hatten mein Bruder und ich vor dem Huber-Anwesen einen toten Spatz gefunden und betrachteten ihn neugierig. Da rief Kiby aus dem Fenster herunter, wir sollten die Spatzen in Ruhe lassen – sie würden doch auch im Winter so schön zwitschern.
Und während er einmal im Saal des Wirts an den Kulissen für das Bauerntheater malte, tobten wir Kinder dort herum. Offenbar befürchtete er um seine Farben und Leinwände; jedenfalls wurden wir recht energisch hinausgeschimpft.
Ganz anders erinnere ich mich an seine Frau. Sie war ein ausgesprochen freundlicher Mensch und kam gelegentlich zu uns ins Haus. Nach dem Krieg verkaufte meine Mutter Milch von den Bauern an Dorfbewohner, die keine eigenen Kühe hatten – Flüchtlinge, Evakuierte oder Zugezogene. Ein kleiner Raum in unserem Haus diente dazu; lange Zeit wurde er einfach „der Milchladen“ genannt.
Einmal hatte ich im Wohnzimmer ein kleines Kasperltheater aufgebaut. Frau Kiby blieb stehen und schaute zu. Am Ende gab sie mir zehn Pfennig „Eintritt“. Für mich als Kind war das eine große Anerkennung.
Den Maler selbst sah ich einmal bei der Arbeit. Auf der Straße in der Nähe unseres Hauses, auf dem Weg zum Limmerschmid, hatte er seine Staffelei aufgebaut und malte eine Dorfansicht.
Besonders fiel mir damals auf, dass er auch die ganz unscheinbaren Dinge genau wiedergab – sogar die Pferdeäpfel auf der Straße. Für mich als Kind war das erstaunlich: Ein Maler ließ offenbar nichts weg von dem, was er vor sich sah.
Im Hauseingang des Huber-Hofes hing damals ein Bild von ihm: eine Ansicht des Hofes selbst. Dieses Bild blieb mir in Erinnerung.
Die Familie Kiby lebte noch einige Jahre im Dorf. Eine Zeitzeugin berichtete später, dass sie 1953 auf den Huber-Hof eingeheiratet habe und die Kibys damals noch dort wohnten – vielleicht noch zwei oder drei Jahre. Danach zog die Familie nach München. Für uns Kinder verschwand der Maler damit einfach aus unserem Leben.
Jetzt, viele Jahrzehnte später, tauchte sein Name in meinen Erinnerungen wieder auf. Ich suchte im Internet – und tatsächlich wurden dort Bilder von ihm gehandelt. Er war der Maler, den ich als Kind gekannt hatte. Einige seiner Bilder werden sogar in Amerika angeboten.
Das ist vielleicht weniger überraschend, als es zunächst scheint. Nach meiner Erinnerung verkaufte seine Frau damals Bilder ihres Mannes auch an amerikanische Soldaten, die in Erding stationiert waren.
Ich begann nachzuforschen. Ein Bekannter aus dem Dorf, der sich ebenfalls mit Ortsgeschichte beschäftigt, suchte nach weiteren Spuren. Dabei stellte sich etwas Erstaunliches heraus: Das Bild des Huber-Anwesens, das ich aus meiner Kindheit kannte, existiert noch immer. Es hängt heute im Wohnzimmer des Hofes, der inzwischen von der Familie Zeilhofer bewohnt wird. Sogar ein zweites Kiby-Bild ist dort noch vorhanden.
Und noch eine weitere Entdeckung kam hinzu. Unter den Bildern, die heute im Kunsthandel auftauchen, fand sich auch ein Gemälde, das mir sofort vertraut vorkam: eine Ansicht der alten Kirche von Oberappersdorf, jener Kirche, die in meiner Jugend noch stand und im Herbst 1962 abgebrochen wurde.
Auf diesem Bild erkennt man die Kirche noch so, wie sie damals war – mit der alten Friedhofsmauer, einigen Grabsteinen und der Umgebung des Dorfes. Für mich war es, als würde ein Stück der verlorenen Landschaft meiner Kindheit plötzlich wieder sichtbar.
So ist der Maler meiner Kindheit nach vielen Jahrzehnten noch einmal aufgetaucht – nicht mehr als der Mann, der uns Kinder ausschimpfte, sondern als eine Figur der Erinnerung: mit seiner Staffelei auf der Dorfstraße, mit seiner stillen Tochter Margot in der Schulbank und mit einer freundlichen Frau, die einem kleinen Kasperltheater-Direktor zehn Pfennig Eintritt zahlte.
Und irgendwo in Amerika steht noch immer auf einem seiner Bilder die alte Kirche unseres Dorfes – so, wie sie einmal gewesen ist.
Text Maschkera: Elisabeth Obermeier; Fotos Maschkera: Sammlung Elisabeth Obermeier
Text Heischebrauch: Manuela Flohr
Foto Fasching beim Bürgermeister: Sammlung Rita Schweiger
Text: "Da Kiwe", Alfred Lohr, 2026
Quellen:
Der Deutsche Wortschatz: https://www.dwds.de/wb/heischen
Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Heischebrauch