Wenn man von Zolling kommend in den Ort Kratzerimbach fährt, stößt man gleich beim ersten Hof rechts auf ein prächtiges Gutshaus.
Das stattliche, gelb getünchte Gebäude besitzt 5 Fensterachsen auf der Giebel- und sogar 12 auf der langen, gegen Süden gerichteten Hofseite. Auf der Westfront sind 4 Stockwerke erkennbar, auf der Hauptseite 2 Etagen.
Das Besondere dieses Gutshauses stellen die Ausschmückungen der Hausfassaden dar. Die Westfassade schmückt ein ausgezeichneter Ziergiebel, aufsteigend und abwechselnd in eckigen und runden Elementen geformt und als zusätzlicher Schmuck mit 5 Kugelaufsätzen versehen. In die oberste, aufwändig geformte „Zinne“ ist ein weißes Stuckkreuz eingearbeitet. Ganz besonders qualitätsvoll sind auch die in historischen Formen gehaltenen und stockwerkweise unterschiedlichen, weißen Fensterrahmungen.
Auf der Giebelseite fallen ganz oben drei abweichende, gotisierte Fenster in Spitzbogenform auf. Umlaufende Stuckbänder betonen die einzelnen Stockwerksebenen.
Früher war im hinteren Teil des Gebäudes der Pferdestall untergebracht und die Ostseite ebenfalls mit einem Ziergiebel geschmückt
Nach der Bauernbefreiung 1848 waren die Leibeigenschaft und das Untertanwesen, denen die Bauern ausgesetzt waren, vorbei. Das verlieh dem Landvolk einen enormen Aufschwung.
Die Heimatforscher Brückl und Widmann(1994) kommentieren dies folgendermaßen: “Nach der Bauernbefreiung (1848) erlebte der Bauernstand eine Blütezeit, in deren Folge der Bauer seine Gebäude aus Stein erbaute.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte eine zweite Welle der Erneuerung bäuerlicher Wohnhäuser ein. Ein großer Bauer konnte es sich leisten, ein schönes, großes Haus zu bauen. Viele Zeugen dieser Zeit stehen entlang der Bundesstraße B 301.“ So auch das 1905 erbaute Gutshaus in Kratzerimbach. Es drückt den Stolz, die Unabhängigkeit, den Reichtum, aber auch die Tüchtigkeit der Bauern aus. Es erinnert aber auch an die Gebäudefronten, wie man sie auf den Marktplätzen im Innviertel findet.
Und tatsächlich, der Kratzer in Kratzerimbach und auch andere Gutsbesitzer in der hiesigen Gegend, leisteten sich italienische Spezialkräfte für die Gestaltung und Ausschmückung der Fassaden ihrer Gutshäuser.
F. Keydel, 2017
Bild nachempfunden - Originalbild in Recherche
Zum Kratzerhof gehören nicht nur Gebäude und Baugeschichte, sondern auch die Menschen, die hier gelebt und gearbeitet haben. Einen besonders anschaulichen Einblick in den Alltag auf dem Anwesen geben die überlieferten Erinnerungen von Walburga Kraft. Sie war in ihrer Jugend als Magd auf dem Hof tätig und erlebte die Arbeit, die Ordnung des Dienstbotenwesens und das Leben auf einem großen bäuerlichen Anwesen aus nächster Nähe.
Ihre Erinnerungen ermöglichen es, den Kratzerhof nicht nur als Bauwerk, sondern auch als Lebens- und Arbeitsort zu verstehen. Walburga Kraft war bereits als junges Mädchen beim Kratzerbauern in Dienst. Sie kam im Alter von etwa zwölf bis dreizehn Jahren auf den Hof und besuchte zu dieser Zeit noch die Sonntagsschule. Nach Hause konnte sie nur am Sonntagnachmittag gehen, und auch das nicht regelmäßig. Die meiste Zeit verbrachte sie daher auf dem Anwesen.
Sie war für zahlreiche Arbeiten im Haus und außerhalb zuständig. Dazu zählten das Waschen der Kartoffeln, das Füttern und Ausmisten der Schweine, das Schöpfen von Wasser sowie das Putzen der Schuhe. Auch bei der Feldarbeit half sie mit. Beim Mähen des Getreides arbeitete sie hinter dem Schnitter und ordnete mit der Sense das gemähte Korn. Diese erste Zeit empfand sie als besonders schwer. Die körperlich anstrengende Arbeit und das Heimweh führten oft dazu, dass sie weinte.
In späteren Jahren arbeitete Walburga Kraft mehrfach für längere Zeit auf dem Hof. Insgesamt war sie dort dreimal jeweils zwei Jahre tätig. Entsprechend der damaligen Ordnung der Dienstboten begann sie als „Drittlerin“, arbeitete anschließend als „Mitteldirn“ und zuletzt als „Dirn“. In der Umgebung war sie für ihren großen Arbeitseifer und ihre Leistungsfähigkeit bekannt.
Für ihre Arbeit erhielt sie einen vergleichsweise hohen Lohn. Dieser betrug über 220 Mark im Jahr. Zusätzlich bekam sie ein Kleid, ein Paar Schuhe und ein Hemd. Weitere Unterwäsche war zu dieser Zeit nicht üblich. Der Kratzerbauer äußerte ausdrücklich, dass sie diesen Lohn auch verdiene.
An die großen Festtage der Dienstboten erinnerte sich Walburga Kraft besonders lebhaft. Die Kirchweih war für sie ein fröhliches Ereignis. An diesen Tagen erhielten die Dienstboten, was sie sich wünschten: Fleisch, Gans, Kirtanudeln und Bier. Bereits am Samstag vor der Kirchweih wurde im Haus getanzt. Sie selbst tanzte gern und freute sich darauf. Getanzt wurde in der Stube, begleitet von Musik auf der Mundharmonika. Es spielte jeweils derjenige, der es gerade konnte. Am Kirchweihtag forderte auch der Bauer selbst zum Tanz auf. Zu den Festlichkeiten gehörte außerdem eine große Schaukel. Der Montag verlief ähnlich festlich. Am Dienstag erhielten die Dienstboten das Übriggebliebene ("Überbliebne"); dieser Tag galt noch als halber Feiertag. Walburga Kraft erinnerte sich auch daran, dass es Bauern gab, die an der Kirchweih weniger freigiebig ("hungrig") waren.
Auch ihr weiteres Leben war von schwerer Arbeit geprägt. Nachdem ihr Mann im Ersten Weltkrieg gefallen war, musste sie über mehrere Jahre hinweg den Hof allein bewirtschaften. Ein Beispiel für die Belastungen jener Zeit war die Bewirtschaftung einer Wiese an der Amper. Schon ihre Eltern hatten – wie auch andere Bauern aus Gerlhausen – wegen Heumangels eine zusätzliche Mooswiese bei Palzing in Nutzung. Der einfache Anfahrtsweg dorthin dauerte etwa zwei Stunden. Um rechtzeitig mit der Arbeit beginnen zu können, machte sie sich bereits gegen zwei Uhr morgens auf den Weg. Dabei musste sie darauf achten, in der Dämmerung auch die richtige Wiese zu erreichen. Häufig stand diese unter Wasser, wenn es zuvor Überschwemmungen gegeben hatte.
Erschwert wurde die Arbeit zudem dadurch, dass sie mit Kühen fahren musste. Die kleine Wirtschaft verfügte über keinen eigenen Zugochsen; solche Tiere hatten nur größere Anwesen.
Walburga Kraft brachte vier Kinder zur Welt. Eine ihrer Töchter kam später auf eigenen Wunsch ebenfalls als junges Mädchen auf den Kratzerhof. Sie arbeitete dort zweimal jeweils für ein halbes Jahr, von Dezember bis Mai, als Kindsmagd und betreute die jüngeren Kinder des Hofes.
Eine weitere persönliche Erinnerung stammt von Katharina Hannrieder, einer Tante des Kratzerbauern, die in einem Gespräch aus ihrem Erleben berichtete und dabei den Alltag, die Arbeit und besondere Ereignisse auf dem Anwesen schilderte.
Katharina Hannrieder wuchs in einem Haushalt auf, der von einer großen Zahl an Menschen geprägt war. Zum Hof gehörten neben der Bauernfamilie mehrere Kinder sowie zahlreiche Dienstboten. Knechte und Mägde lebten und arbeiteten gemeinsam auf dem Anwesen und waren in die täglichen Abläufe eingebunden.
Auf dem Hof wurden mehrere Pferde gehalten, darunter auch Hengste, die zum Decken eingesetzt wurden. Der Kratzerbauer galt als besonders pferdebegeistert. An den Wochenenden unternahm er regelmäßig weite Fahrten, zunächst mit dem Fahrrad nach Freising, von dort mit der Bahn weiter nach München und ins Oberland. Dort setzte er seine Wege erneut mit dem Fahrrad fort, um sich bei anderen Roßbauern umzusehen. Diese Fahrten dienten dem Austausch von Informationen und dem Erwerb geeigneter Tiere. Bei Bedarf kaufte er Fohlen, um sie selbst aufzuziehen.
Durch diese Leidenschaft entwickelte sich der Hof zu einer Beschälstation für die Umgebung. Für die eigene Landwirtschaft brachte dies jedoch auch Schwierigkeiten mit sich. Die Arbeit mit den Hengsten war beschwerlich, da sie durch die Nähe und den Geruch von Stuten immer wieder unruhig und schwer zu handhaben waren. Zudem kam es vor, dass die Arbeit auf dem Feld unterbrochen werden musste, wenn eine Stute zum Decken auf den Hof gebracht wurde und die Pferde deshalb zurückgeführt werden mussten.
Die Pferde wurden stets gut versorgt und erhielten hochwertiges Futter. Nach einer Erinnerung von Katharina Hannrieder führte übermäßige Fütterung jedoch einmal zu schweren gesundheitlichen Problemen. Anlässlich einer Primizfeier wollte der Fuhrknecht mit den Pferden einen besonders guten Eindruck machen und fütterte sie so reichlich, dass beide Tiere erkrankten. Sie litten an einer schweren Nierenkrankheit, die als lebensbedrohlich galt. Als die erkrankten Pferde vom Feld heimgebracht wurden, versuchte man, den Vorfall vor der Bäuerin zu verbergen, da diese sich im Wochenbett befand und man Mutter und Kind nicht beunruhigen wollte.
Ein weiteres Ereignis, das Katharina Hannrieder in Erinnerung blieb, betraf die zum Hof gehörende Ziegelei auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Diese befand sich zu jener Zeit noch in den Anfängen. Die Maschinen wurden mithilfe eines mobilen Dampfkessels betrieben, der ein erhebliches Gewicht hatte. Bei einem Standortwechsel gerieten die vorgespannten Pferde in Schwierigkeiten, da sie durch die Last kaum noch Luft bekamen. Sie scheuten, brachen durch die hölzerne Abdeckung eines Ziegeleibrunnens und stürzten hinein. Erst nach einiger Zeit gelang es, mit Hilfe einer Seilwinde, die Tiere unversehrt wieder aus dem Brunnen zu ziehen. Das Ereignis erregte damals großes Aufsehen in der gesamten Umgebung. Später ließ sich der genaue Ablauf nicht mehr eindeutig klären, da sich Erinnerung und Erzählung miteinander vermischten.
Auch Brände gehörten zu den prägenden Erfahrungen auf dem Anwesen. Zweimal ging der Stadel durch Feuer verloren. Ein Brand wurde durch einen Blitzschlag im Jahr 1902 verursacht, ein weiterer ereignete sich am 4. September 1930, als bei Reinigungsarbeiten am Kamin ein Feuer entfacht wurde, das nicht ausreichend überwacht wurde. Der Kamin befand sich in unmittelbarer Nähe des Heustocks. Ein weiterer Blitzschlag führte im Jahr 1977 beinahe erneut zu einem Brand des Stadels, konnte jedoch rechtzeitig gelöscht werden.
Literatur und Quellen:
Der Kratzerhof ist ein geschütztes Baudenkmal mit der Aktennummer D-1-78-157-10
Brückl J. und Widmann A. (1994): Zolling eine Gemeinde im Ampertal. Zolling
Text und Fotos Gutshaus farbig: F. Keydel
Foto Kratzerhof: Familie Hanrieder; Recherche: Elisabeth Obermaier
Text Walburga Kraft: M. Flohr, Nacherzählung nach Bernhard Müller-Wirthmann: Alte Häuser und ihre Bewohner, Landkreis Freising, 1988, auf Basis der schriftlichen Aufzeichnungen der Enkelin Walburga Hofstetter.
Text Katharina Hanrieder: M.Flohr, Nacherzählung Gespräch mit Katharina Hannrieder (*1893–1986) aus Bernhard Müller-Wirthmann: Alte Häuser und ihre Bewohner, Landkreis Freising, 1988.