Oft merkt man es gar nicht, wenn man einen tief sinkenden Weg hinuntergeht – dass man in einem historisch gewachsenen Hohlweg unterwegs ist: in einer Art „Rinne“, die nicht geplant ausgehoben wurde, sondern sich über sehr lange Zeit ganz von selbst gebildet hat.
Hohlweg in Hartshausen
Viele Hohlwege sind über einen sehr langen Zeitraum entstanden – oft unbemerkt und ohne bewusste Planung. Nach dem Ende des Römischen Reiches bis weit in das 18. Jahrhundert hinein bestanden Wege und Straßen meist aus unbefestigten Erdflächen. Sie wurden täglich genutzt: von Fuhrwerken, von Zug- und Lasttieren, von Menschen zu Fuß.
Durch das ständige Befahren und Begehen verdichtete sich der Boden in der Wegmitte immer stärker. Wagenräder und Hufe pressten die obere Bodenschicht zusammen, feines Erdmaterial wurde zermahlen. Bei Regen konnte das Wasser nicht mehr versickern, sondern floss oberflächlich ab – und nahm das lockere Material mit sich.
So senkte sich der Weg allmählich immer tiefer ein. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte verstärkten sich diese Erosionsprozesse, bis aus einem einfachen Pfad eine deutlich eingetiefte Wegspur wurde: ein Hohlweg. Entscheidend war dabei weniger ein einzelnes Ereignis als vielmehr die lange, kontinuierliche Nutzung.
Nur selten wurden solche Wege gezielt ausgehoben. Meist entstanden sie im Zusammenspiel von natürlichen Gegebenheiten – etwa Bodenart, Hanglage oder Wasserabfluss – und der menschlichen Nutzung. Genau diese Verbindung von Landschaft und Alltag macht Hohlwege heute zu besonders anschaulichen Zeugen früherer Mobilität.
Die Weinkreppe an der Hopfenstraße
Hohlwege werden in Teilen Bayerns auch „Kreppen“ genannt. Solche Bezeichnungen haben sich oft in Flur- und Ortsnamen erhalten.
Ein Beispiel hierfür ist die Weinkreppe an der B 301 im Norden von Zolling. Auch wenn der eigentliche Hohlweg der Neugestaltung der Bundesstraße weichen musste, erkennt man anhand der historischen Karte noch deutlich seinen Verlauf entlang der südlichen Hügelkuppe herab, in Richtung des Ortskerns.
Heute verläuft in diesem unteren Bereich der jetzige Buchenweg, dann weiterführend die Heilmaierstraße.
Der Straßenname "Weinkreppe" westlich der Bundestraße erinnert weiterhin an das Bestehen dieses ehemaligen Hohlwegs in der Zollinger Kulturlandschaft.
Ausgebaute Bundesstraße Richtung Norden
Seitenweg westlich der Bundesstraße
Woher kommt der Ausdruck „Kreppe“?
Sprachlich lässt sich das Wort auf das lateinische crepido zurückführen, das Begriffe wie Rand, Ufer oder Böschung bezeichnet.
Dieses Wort gehört zu den lateinischen Sprachspuren, die sich seit der Römerzeit in Bayern erhalten haben. Crepido wurde damals bei den Römern für Einfassungen oder steile Geländeränder verwendet.
Im Laufe der Zeit übernahmen die Menschen den Begriff in ihre Alltagssprache und passten ihn an. So entwickelte sich im Dialekt die Bezeichnung „Kreppe“ für Wege, die tief im Gelände liegen und von deutlichen Böschungen begleitet werden.
Kreppen in Palzing
Heutige Wirtsbergstraße Palzing - Wolfersdorf
Wenn der Name passt
Die Hofstelle „Beim Wirt“ in Palzing, unterhalb der Wirtskreppe, war historisch eine Ehehaftstafern. Um 1870 erwarb ein Kaspar Grepmair aus Rupprechtszell die Hofstelle. Der Name Grepmair ist damit nicht ursprünglich aus dem Wohnort erwachsen und lässt sich nicht direkt auf die Wirtskreppe zurückführen. Dennoch ist er in diesem Zusammenhang erwähnenswert:
Familiennamen entstanden im bayerischen Raum häufig aus Wohnsitz, Lage oder auffälligen Landschaftsmerkmalen. Der Namensbestandteil –mair verweist dabei auf den Meier, also einen Hofbewirtschafter oder Hofinhaber, während "Grepp" - sprachlich auf eine Kreppe, also einen Hohlweg, zurückgeht.
Im diesem Fall ergibt sich dadurch eine besonders stimmige Verbindung, da der heutige Wohnsitz der Familie unmittelbar an der Wirtskreppe liegt.
Alter Hohlweg von Palzing nach Jägersdorf hinunter
Die Schindkreppe
Der Wortbestandteil „Schind-“ wird hier vermutlich vom Verb "schinden" her verstanden, also vom Abziehen von Tierhäuten. In diesem Sinn könnte der Name auf einen Weg verweisen, der zu einem außerhalb des Ortes gelegenen Platz führte, an dem mit Tierhäuten gearbeitet oder diese gelagert wurden. Eine solche Deutung passt zur allgemeinen Beobachtung, dass entsprechende Tätigkeiten häufig ausgelagert wurden. Vergleichbare archäologische Hinweise finden sich auch in Flitzing, wo im Umfeld eines historischen Weges Grubenbefunde im Zusammenhang mit der Verarbeitung von Tierhäuten diskutiert werden.
(siehe unten)
Mit der Motorisierung der Landwirtschaft ab den 1950er Jahren änderten sich die Anforderungen an das Wegenetz grundlegend. Breite, befestigte Fahrwege wurden notwendig, während die schmalen Hohlwege zunehmend als Hindernis galten. Im Zuge der Flurbereinigung wurden viele dieser alten Wege aufgegeben, verfüllt oder eingeebnet. Damit verschwanden sie aus dem Landschaftsbild – oft unbemerkt. Moderne geteerte Straßen verbergen nun ihren ursprünglichen Charakter.
Erhalten geblieben sind Hohlwege vor allem dort, wo sie nicht im direkten Nutzungsdruck standen: in Wäldern, an Böschungen oder abseits moderner Verkehrsachsen. Dort sind sie bis heute als Relikte früherer Mobilität erkennbar und gehören teilweise, wegen ihrer historischen Bedeutung und frühen Ursprünge, zu den Bodendenkmälern unserer Heimat.
Solange ein Hohlweg begangen wird, bleibt er Teil des Alltags – verschwindet ein Weg jedoch aus der Nutzung, wird er eingeebnet, aufgekiest oder ganz überpflügt. Mit der Zeit geht damit auch die sichtbare Spur verloren.
Genau das ist bei Flitzing geschehen.
Im Zuge einer Grabung 2016 wurde erstmals auch der alte Weg vom ehemaligen Hofmarkschloss nach Norden archäologisch erfasst. Nach Angaben des Grundeigentümers wurde dieser Feldweg erst im Rahmen der Flurbereinigung aufgegeben. Historische Karten aus dem 19. Jahrhundert zeigen noch deutlich, dass sich die damalige Flureinteilung an seinem Verlauf orientierte. Selbst heute lässt sich der frühere Weg im Luftbild noch erkennen – obwohl er im Gelände längst verschwunden ist.
Feldweg zum Flitzinger Schloss in der Aufzeichnung des 19. Jahrhunderts und im Luftbild (Denkmalatlas Bayern)
Bei den Grabungen trat unter der jüngeren Aufkiesung eines späteren Feldwegs eine ältere, humose Schicht zutage: der verfüllte Vorgängerweg, der ursprünglich als ausgeprägter Hohlweg genutzt worden war. Besonders anschaulich sind dabei die schmalen Fahrrinnen, die sich tief in den Untergrund eingegraben hatten. Sie erlauben sogar Rückschlüsse auf die Spurbreite der damaligen Fuhrwerke von 1,1m.
Hohlwege sind nicht nur stille Zeugen der Geschichte, sondern auch wertvolle Lebensräume. Liegen sie nicht im Wald, sind ihre Ränder häufig wie schmale Hecken ausgebildet: mit Sträuchern, einzelnen Bäumen und artenreichen Böschungen. In diesen strukturreichen Bereichen finden viele Tiere Schutz, Nahrung und Rückzugsorte.
Besonders die Seitenwände eines Hohlwegs bieten zahlreiche Verstecke – kleine Hohlräume, lockere Erdschichten und bewachsene Nischen. Dort überwintern beispielsweise Erdkröten, andere Tiere nutzen die geschützten Bereiche als Tagesversteck oder Brutplatz.
Wenn Wege geschützt werden müssen
Der Hohlweg am östlichen Ortsrand von Hartshausen ist bis heute deutlich im Gelände erhalten. In den 1990er-Jahren geriet er durch zunehmenden Schwerverkehr unter Druck. Nach örtlicher Beschreibung formierte sich damals ein starkes Engagement aus der Bevölkerung, um den Weg auch zukünftig als Landschaftselement in seiner Urform zu erhalten. In diesem Zusammenhang wurde der Hohlweg unter dem Bundestagsabgeordneten Dr. Christian Magerl in die naturschutzfachliche Bewertung einbezogen und vor weiteren Eingriffen geschützt.
Die damaligen Initiative steht beispielhaft für den bewussten Umgang mit historisch gewachsenen Wegen in der Kulturlandschaft.
Text: Manuela Flohr
Quellennachweis:
Fotos Hartshausen: Manuela Flohr; Fotos Palzing: Franz Schmid; Foto Weinkreppe Zolling: Elisabeth Obermaier, Bildcollage Tiere: Flohr;
Fotos Flitzing: Stefan Biermeier & Axel Kowalski GbR · SingulArch Grabungen · Hübnerstr. 17 · 80637 München, www.singularch.com · kontakt@singularch.com, Auftraggeber: Gemeinde Zolling.
Kartenmaterial: Bayernatlas, https://atlas.bayern.de/
Landratsamt Aichach-Friedberg (2021): Kulturlandschaftselemente im Wittelsbacher Land – Hohlwege. Informationsflyer (PDF). Begriff "Kreppe"
KuLaDig – Kultur.Landschaft.Digital: Hohlwege. Dokumentation zur historischen Kulturlandschaft., https://www.kuladig.de/Objektansicht/SWB-245888
Lucyda: Was ist ein Hohlweg? Einführung in Entstehung und Bedeutung historischer Wege., https://www.lucyda.de/real-life/historisches-uni/geschichte-entdecken/was-ist-ein-hohlweg/
Amperland: Flurnamen "Kreppe", https://www.zeitschrift-amperland.de/wp-content/uploads/2025/08/2001-37_358_Bauer_Herkunft_und_Bedeutung_von_Flurnamen_am_.pdf
Wikipedia: Hohlweg. Allgemeiner Überblick zu Begriff, Entstehung und Nutzung., https://de.wikipedia.org/wiki/Hohlweg