Der alte Getreidekasten in Anglberg zählt wohl zu den bekanntesten historischen Bauwerken im Freisinger Land, weil er gut sichtbar mit seinen „schönen“ Seiten unmittelbar an der viel frequentierten Staatsstraße Moosburg-Zolling-Allershausen steht. Er wurde immerhin schon 1716 erbaut, hat damit ein hohes Alter von über 300 Jahren und gehört zu den wenigen noch erhaltenen “Kästen“ , im Dialekt auch Troadkästen genannt, in unserer Gegend. Dazu zählen auch die beiden Kästen in Haun und Dürnseiboldsdorf.
Wegen seines historischen Wertes ist der Anglberger Getreidekasten in die Bayerische Denkmalliste aufgenommen worden.
Seit neuestem begleitet ihn auf seinem Standort ein moderner „Nachbar“.
Anglberg taucht erstmals 1256 urkundlich auf, wurde aber deutlich früher gegründet. Das Dorf war eine geschlossene Hofmark und gehörte über Jahrhunderte hinweg verschiedenen Besitzern, u.a. den Herrn von Flitzing und den Grafen Lodron von Haag. Die Hofmark bestand aus 17 Anwesen. Nach der Säkularisation 1803 bildete sich aus den Dörfern Anglberg, Flitzing und Thann die Gemeinde Anglberg, die 1972 in die Gemeinde Zolling überging.
Derzeit (2025) hat der Ort 171 Einwohner.
Der augenfällige Getreidekasten, ein reiner Holzbau (nur der Schlüssel ist aus Metall), gehört zum Hof der Familie Schwarz mit dem Hofnamen „Beim Baur“, die nachweislich seit dem 15. Jh. das Anwesen bewirtschaftet.
Der Troadkasten besticht durch seine Dachkonstruktion, mit Vollwalm als Wetterschutz auf der Wetterseite und dem auffälligen, sehr gefälligen Halbwalm im Osten, der dem Kasten sein besonderes Gesicht verleiht. Er ist in der sog. Blockbauweise erstellt. Das bedeutet, dass alle Wände des Gebäudekerns aus waagrecht liegenden, sorgfältig aufeinander geschlichteten Balken bestehen und nur die Türrahmen senkrecht verlaufen. Bei genauerer Betrachtung der Balkenkonstruktion kann man erkennen, wie exakt die Balken mit der Breitaxt behauen sind und wie gut und geschlossen sie aufeinander liegen. Im Untergeschoß des Gebäudes befindet sich eine Wagenremise. Das Obergeschoß, auf drei Seiten umgeben von einer Galerie, ein weiteres markantes Merkmal des Anglberger Getreidekastens, erreicht man über eine steile Holztreppe. Obwohl das Hauptdach zum Schutz gegen Feuchtigkeit weit hinunter geht, hat das Obergeschoß keine Mansarde. Auch die Brüstung und die Stützsäulen der Balkone lassen ein gediegenes Handwerk, das auch auf Verzierungen im Holz Wert gelegt hat, erkennen. Hier im Obergeschoß und darüber im Dachboden wurde das Getreide gelagert, selbstverständlich mit Muskelkraft hinauf geschleppt.
Die Getreidekästen erfuhren damals eine gute Pflege, nahmen sie doch - neben dem Stall - die wertvollsten Güter, nämlich die gesamte Getreideernte des Bauern auf. Die Getreidekörner wurden auf den Schüttböden nicht auf Haufen geschmissen, sondern in die Breite geschüttet, damit sie sicher trocknen können. Mehrmals in der Saison wurden sie mit einer Schaufel gewendet, um Nässeflecken auszuschalten. Das Korngut wurde zu Mehl gemahlen, verfüttert und, ganz wichtig, eine entsprechende Menge als Saatgut für die nächste Saat aufgehoben. Durch Nässe, Mäuse und andere Nager entstand auf dem Lager der größte Schaden, warum zur grundsätzlichen Sicherheit des hohen Gutes die Lagerung nicht im Erdgeschoß erfolgte. Die oberen Geschoße waren demgegenüber sicherer. In vielen Kästen waren früher wegen der guten Ausführung der Obergeschoße oft auch die Dienstboten untergebracht.
Die Kästen standen in der Regel ja im Hof des Bauern, damit sie gegen Diebstall gut beaufsichtigt werden konnten. Sie befanden sich damit auch im Revier der Hunde und Katzen, waren aber wegen der Feuergefahr separiert von anderen Gebäuden.
Der Anglberger Troadkasten ist gewandert! Wir finden ihn heute nicht mehr im unmittelbaren Hofgelände sondern ca. 100 m davon entfernt! Wie ist das zu erklären?
Wie man auf einem alten Bild aus der Zollinger Chronik von 1994 deutlich erkennen kann, stand der Kasten auf der Westseite des Hofes, wo heute ein Stallgebäude die relativ großzügige Hoffläche abschließt. Wir schreiben das Jahr 1954. Die Landwirtschaft sucht nach Intensivierungen ihrer Betriebe. Die Erweiterung des Viehbestandes und damit einhergehend der Neubau eines Viehstalls waren der Grund, warum „Beim Baur“ der Getreidekasten weg musste. Die Hofbesitzer haben lange um eine Lösung gerungen. Der Kasten war einfach über Jahrhunderte hinweg ein wichtiges und angesehenes Teil ihres Hofes. Abreißen und das Holz für den Ofen herrichten, kam nicht in Frage. Sie wollten ihn, wenn möglich, als altes, hervorragendes Zeugnis der früheren bäuerlichen Wirtschaftsweise und als ausgezeichnetes ländliches Kulturelement erhalten. Kunstgerecht abbauen und an anderer Stelle wieder aufbauen, war zu aufwändig. Da kam ein tüchtiger Zimmerermeister aus Appersdorf ins Gespräch, der sich zusammen mit seinen Gesellen zutraute, den schweren Kasten im Ganzen auf Baumstämmen (!) auf einen anderen Standplatz zu rollen. Die Hofbesitzer gingen auf das Risiko ein. Nachdem die Winkel und Ecken des Kastens versteift und die Fundamentplatte auf dem neuen Standplatz fertig waren, ging´s los! 10 bis 15 kräftige Männer haben mit den damals üblichen Seilzügen das Gebäude in Bewegung gebracht. Sie ließen nicht locker, Stück für Stück, Ruck für Ruck. Zusätzlich musste auch noch die Straße auf der Südseite des Hofes überquert werden! Nach 8 Tagen Schwerstarbeit stand der „Brocken“ da, wo er jetzt noch steht. Das waren satte 100 Meter. Eine Meisterleistung, um nicht zu sagen, eine Sensation, gemessen an den damaligen technischen Möglichkeiten. Wunderbar, jetzt steht er im „Schaufenster“, dort irrt er nicht, alle können das alte Kulturdenkmal, das noch bestens im Schuss ist, bestaunen. Der Familie Schwarz, Besitzer des Gutes „Bein Bauer“, gebührt ein besonderer Dank, ist doch ihr Troadkasten auf diese Weise zu einem heimatkundlich interessanten und bekannten Kulturgut geworden. Es ist zu hoffen, dass das populäre Aushängeschild von Anglberg noch lange erhalten bleibt.
F. Keydel, 2025
Fotos: F. Keydel und M. Flohr
Frühere Ansicht der Hofstelle „Beim Baur“ in Anglberg mit dem Getreidekasten am ursprünglichen Standort (aus Brückl und Widmann, 1994, Seite 89)
Text: F. Keydel, 2025
Quellen:
Brückl J. und Widmann A. (1994): Zolling - eine Gemeinde im Ampertal. Zolling 1994.
Seibold C. (1987): Bäuerliche Holzbauformen des 17. Und 18. Jahrhunderts im Landkreis Freising. Sonderdruck aus 31. Sammelblatt des Historischen Vereins Freising, 1987.
Familie Schwarz (2023): Persönliche Mitteilungen.