Wer heute nach Ölpersberg kommt, sieht einen kleinen Ort, ruhig gelegen, fast unscheinbar. Kaum etwas deutet darauf hin, wie weit seine Geschichte zurückreicht. In den frühen Urkunden erscheint der Name noch ganz anders. Aus „apud Ellenpoldingen“ wird im Lauf der Jahrhunderte Schritt für Schritt das heutige Ölpersberg. Die überlieferten Formen zeigen diese Entwicklung deutlich:
1182 Ellenpolberch,
1275 Elenbulding,
1291 Ellenspoltpge,
1403 Ellenpoldingen,
1465 Ellpersberg,
und schließlich im 19. Jahrhundert Oelpersberg.
Auch die Größe des Ortes hat sich im Laufe der Zeit verändert. Für das Jahr 1465 sind drei Höfe belegt – mehrere eigenständige Hofstellen, die das Leben an diesem Ort getragen haben. Im 19. Jahrhundert wird Ölpersberg dagegen nur noch als kleiner Weiler mit zwei Häusern beschrieben. Eine der früheren Hofstellen war zu diesem Zeitpunkt also bereits verschwunden. Heute steht noch der Hof des "Moar" mit seinem prächtigen Haupthaus.
Der Hof des Moar von Ölpersberg zählt zu den hervorgehobenen Bauernhäusern im Landkreis Freising und wurde in der regionalen Presse als besonders gelungenes Beispiel bäuerlicher Baukultur beschrieben.
Errichtet wurde das Wohnhaus im Jahr 1923 durch Andreas Finkenzeller, der als langjähriger Bürgermeister der ehemaligen Gemeinde Wimpasing wirkte.
Bereits die äußere Gestaltung weist über das Übliche hinaus. Eine plastische Ausformung an der Südfassade sowie ein erkerartiger Turmanbau verleihen dem Gebäude einen deutlich repräsentativen Charakter, der für bäuerliche Anwesen dieser Zeit nicht selbstverständlich ist.
In der zeitgenössischen Beschreibung wird besonders hervorgehoben, dass der Hof in seiner Lage „perfekt in die Umgebung eingepasst“ sei. Damit steht er beispielhaft für eine Bauphase des frühen 20. Jahrhunderts, in der traditionelle Hofstrukturen mit architektonischen Gestaltungselementen verbunden wurden, die sonst eher dem bürgerlichen Wohnbau zuzurechnen sind.
Im März 2009 kam es auf dem Hof der Familie Finkenzeller in Ölpersberg zu einem Vorfall, der zunächst ganz unspektakulär begann und sich erst im Nachhinein als historischer Glücksfall erwies. Andreas Finkenzeller war mit landwirtschaftlichen Arbeiten beschäftigt und auf der Zufahrt zu seinem Schweinestall unterwegs, als der Boden unter ihm einbrach. Die Stelle gab plötzlich nach und es entstand ein Loch von etwa eineinhalb Metern Durchmesser.
Beim Blick in die Tiefe zeigte sich, dass es sich nicht um eine einfache Senke oder einen Hohlraum handelte. Unter der eingebrochenen Stelle lag ein schmaler Gang mit rundbogigem Profil. Die Form war gleichmäßig und klar erkennbar, sodass rasch deutlich wurde, dass dieser Gang nicht zufällig entstanden sein konnte. Es musste sich um einen sogenannten Erdstall handeln.
Die Form und Bauweise der Anlage entsprechen den sogenannten Erdställen, wie sie in Bayern mehrfach nachgewiesen sind. Solche unterirdischen Gangsysteme werden nach dem aktuellen Forschungsstand überwiegend in das hohe Mittelalter datiert, etwa in die Zeit zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert.
Für Ölpersberg ist darüber hinaus ein früherer Nachweis gesichert: Bereits im Jahr 1924 wurde hier vom Hauptlehrer Rister ein Erdstall gemeldet und von Rudolf Birkner beschrieben. Der Heimatforscher Rudolf Birkner berichtete bereits in der Zeitschrift Frigisinga: „Der Gang war 1 m breit, 1 m hoch und führte in den Lehmschichten offensichtlich in größere Tiefen. Man ist bis jetzt nur 25 m in den Gang vorgedrungen, da in dieser Tiefe das mitgenommene Licht erlosch.“
Nach der ersten Sicherung der Stelle wurde der Fund weitergegeben und fachlich begutachtet. Belegt ist, dass sich mit dem Fund der Archäologische Verein Freising befasste. In diesem Zusammenhang werden der damalige Vorsitzende Erwin Neumair sowie die Erdstallforscher Hilde Macha und Peter Forster genannt, die den Befund einordneten. In den folgenden Tagen begann die Freilegung. Das eingestürzte Material wurde vorsichtig entfernt, der Zugang gesichert und der Gang Stück für Stück freigelegt. Dabei zeigte sich, dass die Anlage nicht nur aus einem einzelnen Abschnitt bestand. Der Gang verlief sowohl nach Süden als auch nach Norden weiter, war jedoch in Teilen bereits eingestürzt oder verfüllt.
Im südlichen Bereich konnte der Gang über etwa 2,6 Meter Länge freigelegt werden. Die Anlage war niedrig und eng angelegt und direkt in den gewachsenen Boden gearbeitet. Eine Ausmauerung war nicht vorhanden. In den freigelegten Bereichen fanden sich keine Gegenstände, die auf eine Nutzung oder eine genaue Datierung schließen lassen. Stattdessen lagen im Gang Sand, Lehm, Humus sowie einzelne Ziegelreste, die auf spätere Verfüllungen und Einbrüche hinweisen.
Der Ölpersberg gehört zu diesen frühen Siedlungsbereichen. Die Besiedlung lässt sich bis ins 9. Jahrhundert zurückverfolgen. Der Hof der Familie Finkenzeller, auch als Moarhof bezeichnet, liegt innerhalb dieser gewachsenen Struktur. Der unterirdische Gang befindet sich damit genau dort, wo über lange Zeit hinweg gearbeitet und gelebt wurde. Im Erdstallkataster Bayern wird die Anlage unter der Kennung FS-ZO-01 geführt und als Bodendenkmal des hohen Mittelalters erfasst.
Der Ausdruck „Erdschratzl“ (auch: Schratzl, Schrazl, Schratzl-Loch) stammt aus dem bairischen Sprachraum.
Das Wort „Schratzl“ bezeichnet in der Volksvorstellung ein kleines, oft unsichtbares Wesen – verwandt mit Zwergen oder Hausgeistern. Bekannt ist oft auch noch der "Waldschrat".
Sprachlich wird es auf althochdeutsche und mittelhochdeutsche Wortformen wie "scrato" oder "scrat" zurückgeführt. Diese Begriffe meinten ebenfalls dämonische oder koboldartige Wesen, die im Verborgenen leben. Daraus entwickelte sich im Bairischen die verkleinernde Form „Schratzl“.
Der Name „Erdschratzl“ bedeutet also wörtlich:
ein kleines Wesen aus der Erde
ein Ort, an dem solche Wesen wohnen
Eine solche Überlieferung ist aus Baumgarten belegt. In der Sagensammlung von Emmi Böck wird berichtet, dass sogenannte Wichtelmännchen nachts aus einem Erdloch kamen und den Bewohnern eines Hofes bei der Arbeit halfen. Sie verrichteten Stall- und Hausarbeiten und verschwanden vor Tagesanbruch wieder in ihrem unterirdischen Gang.
„Nackte Wichtelmännchen kamen oft bei Nacht aus dem Erdloch bei unserem Hof heraus … Sie halfen fleißig.“
Als man ihnen schließlich Kleidung schenkte – aus rotem Stoff –, blieben sie aus und wurden nie wieder gesehen. Die Sage verbindet damit die Vorstellung unterirdischer Gänge mit der Idee verborgener, im Erdreich lebender Wesen.
Unter der Bezeichnung „Erdschratzlloch“ verbirgt sich also ein volkstümliches Wort, das bis heute nicht zuverlässig zugeordnet werden kann. Gemeint sind damit sogenannte Erdställe – künstlich angelegte, unterirdische Gangsysteme, wie sie in Bayern vielfach nachgewiesen sind. Diese Anlagen bestehen aus schmalen, meist sehr niedrigen Gängen mit rundbogigem Profil, die oft nur kriechend passierbar sind. Sie wurden ohne aufwendige Ausbauten direkt in den gewachsenen Boden gegraben und liegen in der Regel im unmittelbaren Umfeld von Höfen oder Siedlungen. Heute sind in Bayern mehrere hundert solcher Anlagen bekannt.
Nach dem derzeitigen Forschungsstand entstanden Erdställe überwiegend im Hochmittelalter, etwa zwischen dem 11. und 13. Jahrhundert. Eine genaue Datierung einzelner Anlagen ist jedoch häufig nicht möglich, da in den meisten Fällen keine Funde vorliegen, die eine eindeutige zeitliche Einordnung erlauben würden. Gerade diese Fundarmut ist ein typisches Merkmal solcher Anlagen und erschwert ihre Interpretation.
Auch ihre ursprüngliche Nutzung ist bis heute nicht abschließend geklärt. Als wahrscheinlich gilt, dass sie kurzfristig als Versteck- oder Schutzräume dienten, also Orte, an die sich Menschen in Gefahr zurückziehen konnten. Daneben werden in der Forschung weitere Deutungen diskutiert, etwa eine Nutzung als Vorratsraum oder im religiösen beziehungsweise kultischen Zusammenhang. Auch symbolische Vorstellungen, etwa im Zusammenhang mit Jenseitsbildern, werden in Betracht gezogen. Sicher belegen lässt sich jedoch keine dieser Deutungen in allen Fällen. Die extreme Enge vieler Gänge spricht jedenfalls gegen eine dauerhafte Nutzung als Wohn- oder Lagerräume.
Im Landkreis Freising sind solche Anlagen mehrfach nachgewiesen. Der Befund am Ölpersberg steht damit nicht allein, sondern gehört zu einer ganzen Reihe vergleichbarer Funde im Ampertal. Auch im Bereich von Haag an der Amper sind entsprechende Anlagen bekannt. Diese Verteilung zeigt, dass es sich nicht um einzelne Zufallsfunde handelt, sondern um ein Phänomen, das mit der mittelalterlichen Besiedlung unserer Region zusammenhängt.
Der Zweck von Erdställen - weiterhin ein Rätsel
Auffällig ist zunächst die Konstruktion der Gänge. Sie sind eng, niedrig und oft nur kriechend passierbar. Charakteristisch sind sogenannte Schlupfe – besonders enge Durchgänge, die den Gang abschnittsweise verengen. Diese Bauweise lässt sich aus funktionaler Sicht gut erklären. Die engen, winkeligen Gänge zwingen jeden, der sich darin bewegt, in eine langsame und ungeschützte Haltung. Während Ortskundige die Anlage kannten, wären Eindringlinge in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt gewesen. Solche Anlagen konnten daher als Versteck dienen, in dem Menschen im Ernstfall „wie vom Erdboden verschluckt“ verschwanden. Schriftlich belegt ist diese Nutzung durch eine Quelle aus dem 13. Jahrhundert: In den Gedichten des Seifried Helbling wird ein solcher Ort als „sloufluoc“, also als Schlupfloch, bezeichnet – ein Versteck, in das sich Menschen bei Gefahr zurückziehen konnten. Diese Deutung wird zusätzlich durch bauliche Details gestützt, etwa durch von innen bedienbare Verschlüsse, Nischen oder Luftlöcher.
Gleichzeitig stößt diese Erklärung an Grenzen. Erdställe sind für einen längeren Aufenthalt kaum geeignet. Die Gänge sind beengt, feucht und kalt, eine ausreichende Belüftung ist nicht gewährleistet, und es fehlen Möglichkeiten zur Versorgung oder zur Entsorgung. Auch der nahezu vollständige Mangel an Fundmaterial spricht dagegen, dass sich Menschen regelmäßig oder über längere Zeit darin aufgehalten haben. Die Anlagen waren daher, wenn überhaupt, nur für einen kurzfristigen Aufenthalt geeignet.
Neben dieser funktionalen Deutung steht eine zweite, die stärker auf die symbolische Bedeutung der Anlagen eingeht. Hier wird die besondere Bauform selbst zum Ausgangspunkt der Überlegung. Das Durchkriechen enger, dunkler Gänge und das bewusste Überwinden von Schlupfen wird nicht nur als technische Notwendigkeit verstanden, sondern als möglicher Bestandteil eines rituellen Vorgangs. Vergleichbare Bräuche sind aus anderen Zusammenhängen bekannt: Das Durchzwängen durch enge Spalten oder Öffnungen wurde mit Reinigung, Heilung oder einem Übergang in einen neuen Zustand verbunden. Ein Beispiel hierfür ist der Durchschlupf an der Kirche St. Petrus bei Marienstein im Bayerischen Wald, wo Gläubige noch in späterer Zeit durch einen engen Felsspalt krochen, um Leiden „abzustreifen“.
Vor diesem Hintergrund wird auch diskutiert, ob Erdställe als symbolische Räume dienten, etwa im Zusammenhang mit Jenseitsvorstellungen. Eine These geht davon aus, dass es sich um sogenannte Leergräber handeln könnte, die von Siedlern angelegt wurden, um den Seelen ihrer Ahnen am neuen Ort einen Platz zu geben. Eine andere spricht von „Seelenkammern“, also Orten, an denen die Seelen Verstorbener bis zum Jüngsten Gericht verweilen sollten. Solche Vorstellungen lassen sich in den geistigen Kontext des Hochmittelalters einordnen, in dem Fragen nach Tod, Jenseits und Erlösung eine zentrale Rolle spielten.
Birkner, Rudolf (1924): Unterirdische Gänge im Freisinger Gebiet. In: Frigisinga, Zeitschrift des Historischen Vereins Freising, 8/1924
Macha, Hilde (2003): Der Erdstall. Heft 24. Beiträge zur Erdstallforschung.
Macha, Hilde (2015): Der Erdstall. Heft 36. Beiträge zur Erdstallforschung.
Hofbeschreibung Moar: https://www.merkur.de/lokales/freising/stattliche-bauernhaeuser-572487.html
Sagen aus der Halltertau, Emmi Bock: https://dokumen.pub/sagen-aus-der-hallertau.html
Arbeitskreis Erdstallforschung: https://erdstall.de/erdstall/
Süddeutsche Zeitung: https://www.sueddeutsche.de/muenchen/freising/freising-landkreis-freising-archaeologischer-verein-freising-erdstaelle-erdmaennlein
Erdstallkataster Bayern (o. J.): Ölpersberg (Zolling), FS-ZO-01.
https://www.erdstall-kataster-bayern.com/oberbayern/landkreis-freising/oelpersberg-zolling/
Münchner Merkur (o. J.): Erdstall – Speisekammer oder Seelen-Warteraum?
https://www.merkur.de/lokales/freising/erdstall-speisekammer-oder-seelen-warteraum-3348432.html
Süddeutsche Zeitung (2024): Erdmännlein im Landkreis Freising – Erdställe und ihre Erforschung.
https://www.sueddeutsche.de/muenchen/freising/freising-landkreis-freising-archaeologischer-verein-freising-erdstaelle-erdmaennlein-1.6332543
Zweck der Erdställe: Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Erdstall