Im Garten des Waldhauserhofes zu Palzing stand früher ein altes Gebäude, das Mühlschusterhäusl. Vor rund fünfzig Jahren wurde es abgebrochen. Es war ein niedriges Häuschen mit einem dicken Strohdach. Im Giebel an der Straßenseite war ein Heutürl eingesetzt. In dieser Hütte wohnte vor vielen Jahren ein altes Weib. Groß und hager war sie von Gestalt, Runzeln durchfurchten die harten, fremden Gesichtszüge, und graue Haarsträhnen umflogen meistens ungeordnet das fahlbraune Gesicht. Unfreundlich, scheu und zurückhaltend war auch das Wesen dieser Frau. Jedermann mied das Gebäude am Straßeneck und seine verschlossene, raue Inwohnerin.
Wenn ein Bauer Unglück im Stall hatte oder Frau und Kinder von schwerer Krankheit befallen waren, dann konnte man nach Gebetläuten noch die Türe des Mühlschusterhäusls knarren hören, denn der Schwergeprüfte holte sich heimlich Rat bei der Alten. Bald darauf wurde dann auf dem Dreifuß am offenen Herdefeuer ein heilsames Tränklein gebraut. In der Totenstille der rußigen Stube hörte man nur das Prasseln und Knistern der brennenden Scheiter. Während die Alte unverständliche Sprüche murmelte, mischte sie Mehl aus Totenschädeln unter die Säfte heilsamer Kräuter, die ihre kundige Hand gesammelt hatte. War dann der Gesundtrank fertig, wurde er mit umständlichen Verhaltensmaßregeln den Wartenden ausgehändigt. Ein klingendes Goldstück war der Lohn für diese Arbeit. Mit gierigen Blicken nahm es die Alte in Empfang und legte es zu den übrigen Schätzen in einem geheimen Mauerfach.
Kirchgang und sonstige Christenpflichten waren der Hexe seltene Dinge. Die Leute erzählten einander, daß sie nachts manchmal unheimlichen Besuch erhielt von Gästen mit Bocksfüßen. Ein Nachbar wollte die Alte einmal gesehen haben, wie sie auf einem Besen zum Kamin hinausritt.
Eines Tages ging im Dorfe ein eigentümliches Gefrage von Mund zu Mund. Mehrere Tage schon hatte niemand mehr das Teufelsweib gesehen. Aus dem Schlot ihrer Hütte war kein Rauch mehr gestiegen, der bewiesen hätte, daß die verrufene Einsiedlerin noch am Leben wäre. Tags darauf drangen beherzte Männer in das Häuschen ein. Auf dem Herd fanden sie ausgeglühte Kohlen, das Mauerwerk stand offen, und im goldenen Schatz blinkte es daraus hervor. In der Schlafstube fand man das unsaubere Bett leer vor. Doch droben auf dem Dachboden bot sich ihnen ein erschütternder Anblick: An einem Balken fanden sie die alte Frau, die sich das Leben genommen hatte. Die Kunde von diesem Vorfall verbreitete sich rasch und brachte Unruhe in das stille Amperdorf. Da ihr Tod schon einige Zeit zurückgelegen haben mochte, beeilte man sich, die Beisetzung vorzubereiten.
Auch darüber wird ein eigentümlicher Vorgang berichtet: Von dem Heutürl am Giebel wollte man ein breites Brett auf die Straße hinab legen und die Tote darauf auf die Erde herunterlassen. Ernste Männer hatten beschlossen: Nach der Zwerch, der Quere nach, wird sie auf den Laden gelegt, so daß sie von selbst denselben entlang auf die Straße rutsche. Berührt der leblose Körper mit den Füßen zuerst den Boden, so soll er nach Christenbrauch im Friedhof dem jüngsten Tag entgegenschlummern. Gelangt aber der Kopf zuerst unten an, wird die Tote als Selbstmörderin im Walde begraben.
Jung und alt stand neugierig um den Heuladen und das Heutürl. Nachdem die Verstorbene der Quere nach auf dem Lande lag, ließen die Männerhände los und alle schauten, welches Urteil das Gottesgericht sprechen würde. Da entsetzten sich auf einmal die weiter unten Stehenden und brachen in Kreischen aus. Der Kopf der Toten war zuerst heruntergerutscht. Die Tote war gerichtet. Selbstmörderin! Das Gerücht lief mit fliegender Hast von Mund zu Mund: Die Hex vom Mühlschusterhäusl ist verflucht, sie muß im Walde verscharrt werden!
Wenige Minuten später war ein Wagen zum Hofe gerollt. Die darauf herbeigeschaffte Alte wurde von den Männern aufgeladen, und der Zug rollte langsam dem Walde zu. Dort begrub man die Unselige. Keine Priesterhand hatte die Ruhestätte gesegnet. Einige Flüche mögen als letzter Gruß gegolten haben.
Die Hexe von Palzing
Das Häuschen der "Hexe von Palzing", einst Saghias, stand früher im Garten des Waldhauser (heute Mühlbachstraße) und war von Tagwerkern der Mühle bewohnt. Das hölzerne Haus wurde um ca. 1888 in einem Heustadl umgewandelt und einige Jahre später erfolgte der Abbruch. In historischen Karten kann man den Standort noch erkennen.
1695 wurde es erstmals verkauft an Balthasar Widmann und wurde in der Folgezeit öfter verkauft. Aber auch durch Einheirat wechselte der Name der Besitzer. 1873 war Johann Schmid der Besitzer, der dann 1888 Hagl wurde und das Haus wurde in den obigen Stadl umgewandelt.
Aus heutiger Sicht zeigt die Sage, wie stark früheres Dorfleben von Vorstellungen über Zugehörigkeit und Ordnung geprägt war. Wer sich zurückzog oder nicht dem gewohnten Bild entsprach, rückte leicht an den Rand der Gemeinschaft. Zugleich spürt man zwischen den Zeilen, dass auch heimliche Anerkennung vorhanden war – besonders dann, wenn Hilfe gesucht wurde. Die Härte, mit der über die Frau gesprochen und entschieden wurde, lässt ahnen, wie belastend Ausgeschlossenheit für einen einzelnen Menschen gewesen sein kann. Man weiß nicht, weshalb sie sich das Leben nahm, doch der Gedanke liegt nahe, dass Einsamkeit und Ablehnung ihren Anteil hatten. Solche Erzählungen bewahren daher nicht nur das Fantastische, sondern geben auch Einblick in die seelischen Spannungen, die früher im dörflichen Zusammenleben wirken konnten.
Es war vor vielen Jahren bei einem Bauern in Kollersdorf die Hexe im Stall. Wenn die Mägde zum Melken kamen, waren die Kühe schon immer ausgemolken und gaben keine Milch mehr. Da klagte die Bäuerin einmal einer alten Frau ihr Leid und bat sie um Rat, was sie da machen müsse, um die Hexe zu vertreiben oder zu fangen.
Die alte Frau gab ihr nun den Rat, einmal beim Melken den Melkeimer umzudrehen und statt zu melken mit zwei Kochlöffeln oder zwei Holzscheitln fest drauf zu schlagen. Die Frau ging nun nach Hause und beim nächsten Melken schlug sie nun mit zwei Holzstücken tüchtig auf den umgedrehten Melkeimer. Nun war sie neugierig, was das zu bedeuten hätte, und sie ging zur Nachbarin um nachzusehen. Da sah sie nun, daß die Nachbarin mit stark verbundenem Kopf herumlief und sich vor ihr zu verbergen suchte. Von dieser Zeit an war die Hexe im Stall verschwunden.
Anmerkung: Kollersdorf bei Gründl, Markt Nandlstadt
Der Glaube an den sogenannten Milchzauber war in vielen Regionen Altbayerns verbreitet. Man stellte sich vor, dass eine Person – meist als „Milchhexe“ oder „Butterhexe“ bezeichnet – die Milchleistung fremder Kühe durch Zauberkraft mindern oder zu sich umleiten konnte. Oft genügte in der Vorstellung bereits ein Tuch, ein Melkeimer oder ein Zauberspruch, um die Milch „herüberzumelken“.
In Überlieferungen aus Oberbayern, dem Freisinger Raum und der Hallertau wird berichtet, dass plötzlich versiegende Milch nicht nur als natürliches Problem, sondern als gezielter Schadenzauber gedeutet wurde. Zur Abwehr nutzte man Rituale, etwa das Umdrehen des Melkeimers, das Schlagen auf Holz oder Metall oder das Berühren des Stalls mit geweihtem Wasser. Lärm und symbolische Gegenwehr galten als Mittel, den Zauber „zurückzuschlagen“ – wie in der hier erzählten Geschichte.
Solche Vorstellungen zeigen auch, wie eng Alltag, Sorge und Aberglaube miteinander verbunden waren. Wo Milch knapp war und ein Hof wirtschaftlich unter Druck stand, lagen Verdacht und Misstrauen oft näher als nüchterne Erklärung – der Volksglaube bot dafür eine greifbare Deutung.
Wenn einem in der Nacht die Drud gedrückt hat, dann soll man versuchen, bevor sie geht, zu ihr zu sagen: "Morgen kommst zur Suppe!" Dann muß die Drud am anderen Morgen, ob sie will oder nicht, zur Tür hereinkommen, stillschwei
gend denjenigen anschauen, den sie gedrückt hat und dann wieder gehen. So erkennt man sie!
Wie man die Drud vertreiben kann
Es gibt kleine Kinder, die jede Nacht durchein schreien und nicht schlafen wollen. Daran sind natürlich die Druden schuld, die die Kinder drücken. Aber es gibt ein unfelhabres Mittel gegen so eine Drud. Man muß nur ein Messer in die Tür stecken, dann erschrickt die Drud, flieht und kommt auch nicht mehr wieder.
Der Knecht und die Drud
Ein Knecht wurde fast jede Nacht von einer Drud geplagt. Da riet ihm sein Bauer, er solle in der nächsten Nacht ein Messer mit der Schneide nach unten auf seinen Bauch legen. Davor würde die Drud erschrecken und nicht mehr kommen. Der Knecht befolgte den Rat, aber klugerweise legte er das Messer mit der Schneide nach oben auf seinen Bauch. Am anderen Morgen fand man aber die Bäuerin tot am Boden liegen.
Bei einem Bauern war eine brave und fleißige Magd. Doch mit der Zeit kam heraus, dass sie eine Drud war und jeden Tag beim Drücken fort war. Weil sie aber sonst so anständig und arbeitsam war, durfte sie bleiben.
An einem Abend im Spätherbst, als ein richtiges Sauwetter herrschte, da trieb es die Magd von der Tür zum Fenster und zurück. Der Bauer hatte sie schon eine Weile beobachtet und fragte sie: „Musst du denn heut auch noch fort?“
Da bat ihn die Dirn: „Lass mich schnell in den Stall hinaus und das Roß drücken, dann brauche ich nicht fort und erlöst bin ich auch!“
Der Bauer war ganz erleichtert, als er ihr – aus Mitleid – die Erlaubnis gab. Aber am nächsten Morgen fand er sein bestes Pferd tot am Boden liegen.
Das Wort „Drud“ (mundartlich auch Drudn, Druad, Trud) stammt aus dem altbairischen Sprachgebrauch und bezeichnet in vielen Regionen Altbayerns – besonders im Raum zwischen Amper, Isar und Inn – ein nächtliches Wesen, das Menschen im Schlaf „drückt“. Überliefert ist der Satz: „Die Drud hat mi gedrückt“, wenn jemand nachts mit Atemnot, Angstgefühl oder Lähmung erwachte. Solche nächtlichen Erlebnisse wurden früher nicht medizinisch erklärt, sondern als Wirkung eines unsichtbaren, meist weiblich gedachten Nachtwesens gedeutet.
In den Dorferzählungen heißt es oft, eine ganz gewöhnliche Frau aus dem Ort könne nachts zur Drud werden, ohne dass sie sich am Tage davon etwas anmerken ließe. Damit gehört die Drud nicht in den Bereich des Gespensterglaubens, sondern in die Volksvorstellung von Menschen, die zeitweise eine andere, unheimliche Gestalt annehmen – ein Motiv, das im Alpen- und Voralpenraum vielfach belegt ist. Die Vorstellung diente dazu, unerklärliche nächtliche Angstzustände mit einem Bild zu versehen, das man benennen konnte. Wer die Drud ansprach oder ihr ein Versprechen abverlangte, glaubte, sie damit zu binden und unschädlich zu machen. So entstanden Sätze wie: „Morgen kommst zur Suppe“, die als Schutzformel galten und die Drud zwangen, sich bei Tageslicht zu zeigen.
In älteren Volkskundesammlungen wird der Drudenglaube ausdrücklich für Altbayern, das Bayerische Oberland, den Ampertalraum und das Freisinger Land erwähnt. Er gehört damit zum festen Bestand der ländlichen Vorstellungswelt, wie sie auch in alten Heimatkalendern und Dorfchroniken weitergegeben wurde.
Texte: Sagensammlung des HL Alois Huber, um 1990, Haag
Überlieferte Sage „Die Hexe von Palzing“: Der Text wurde für die Veröffentlichung auf dieser Seite in Orthographie und Ausdruck behutsam überarbeitet; eine Passage mit sensibler Thematik wurde gekürzt und sprachlich angepasst.
Recherche: Elisabeth Obermeier
Bearbeitung: Manuela Flohr
Wikipedia (Eintrag „Butterhexe“ / „Milchhexe“) – Übersichtsdarstellung zum Volksglauben um Milch- und Butterzauber im süddeutschen Raum.
https://de.wikipedia.org/wiki/Butterhexe
Beiträge zur Erklärung des volkstümlichen Hexenglaubens. Historische volkskundliche Sammlung, digitalisiert über Archive.org. Enthält zahlreiche Belege zu Milchzauber, Schadenzauber und magischen Abwehrhandlungen in bäuerlichen Regionen.
Digitaler Zugriff: https://archive.org/details/beitrgezurerkl00kurtuoft
Haus der Bayerischen Geschichte (Online-Archiv / Suchfunktion „Milchzauber“, „Schadenszauber“) https://hdbg.eu
Palzing:
Überlieferte Sage „Die Hexe von Palzing“, aufgezeichnet in einer lokalen Sagensammlung (vermutlich frühes 20. Jahrhundert), Autor: Alois Huber,Kreis Freising (Maschinenschrift-Überlieferung).
Heimatkundliche Einordnung angelehnt an regionale Darstellungen in: Brückl, Josef / Widmann, Adolf (1994): Zolling. Eine Gemeinde im Ampertal. Freisinger Druck- und Verlags-GmbH.
Vergleichende Betrachtung dörflicher Erzähltraditionen nach: Völkel, Georg (Hrsg.): Palzing 807. Dorfgemeinschaft Palzing. (Heimatkundliche Darstellung zur lokalen Überlieferungskultur).
Drudenglaube:
Etymologisches Wörterbuch (Engl. Wikisource), Lemma „Drude/Trude“ – mit Hinweis auf mhd. trute:
https://en.wikisource.org/wiki/An_Etymological_Dictionary_of_the_German_Language/Drude
Mare (folklore) – Etymology & germanische Kognaten:
https://en.wikipedia.org/wiki/Mare_(folklore)#Etymology
Drude (deutsche Übersicht, knapper Einstieg):