Zolling konnte 2024 ein ungewöhnliches und seltenes Jubiläum feiern: Seit 100 Jahren rufen die drei Glocken vom Turm unserer Pfarrkirche St. Johannes Baptist zum Gebet. Nach ihrer Überführung am 26. April 1924 mit drei prächtigen Pferdegespannen vom Bahnhof Freising nach Zolling kamen sie am 5. und 6. Mai in die neue Glockenstube. Am Mittwoch, dem 7. Mai 1924, erklangen sie dort zum ersten Mal im festlichen Gesamtgeläut – begleitet von gespannter und freudiger Erwartung der Bevölkerung. Warum dieses Jubiläum so besonders ist, soll dieser Artikel erzählen.
Seit etwa 1500 Jahren sind Glocken ein ständiger Begleiter des Menschen – und doch sehen wir sie nur selten. Sie laden zum Gebet und zum Gottesdienst, sie schlagen die Stunde, sie begrüßen besondere Gäste im Dorf, kündigen Feste an und begleiten auch traurige Ereignisse mit ihrem Klang. Bevor es Sirenen gab, dienten sie zudem als Warnsignal und riefen die Männer der Feuerwehr sowie andere Helfer zusammen. Glocken brachten also die Menschen zu allen Anlässen zusammen.
Auch auf Bauernhöfen waren Glocken allgegenwärtig. Auf meinem Lehrbetrieb, einem großen Einödhof im Landkreis Traunstein, ließ die Bäuerin vor allen Mahlzeiten die Hofglocke auf dem Dach des Wohnhauses erklingen. Das hieß: „Kommt alle, das Essen ist fertig und bereitet.“ Solche Hofglocken gab es früher auf vielen Bauernhöfen in Bayern.
Darüber hinaus haftet Glocken stets ein Hauch von Mystik an. Man denke nur an das Wetterläuten oder an die volkstümliche Vorstellung, dass die Kirchenglocken am Gründonnerstag nach Rom fliegen und in der Osternacht mit einem furiosen Geläut zurückkehren. Besonders die Kirchenglocken entwickelten sich zu einem wichtigen Kulturgut. Manche von ihnen erschallen seit mehreren Jahrhunderten, wie die beiden Glocken in Hartshausen, die bereits 1445 und 1455 gegossen wurden. Die meisten Glocken in unserem Land jedoch stammen erst aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.
Das Alter der Kirchenglocken in Deutschland ist stark durch die beiden Weltkriege geprägt. Die meisten ursprünglichen Glocken wurden eingezogen und für die Herstellung von Kriegsmaterial eingeschmolzen. Den Kirchen blieb in der Regel nur eine einzige Glocke, die sogenannte Läuteglocke, meist die leichteste. Nur wenn Glocken ein hohes Alter oder besonderen künstlerischen Wert besaßen, etwa durch Verzierungen, durften sie im Turm bleiben. So erklärt sich, warum viele Kirchen in den Nachkriegsjahren neue Glocken beschaffen mussten.
Das Institut für Zeitgeschichte München–Berlin schreibt dazu im Mai 2018: „Hitler ließ 102.000 Glocken abmontieren.“ Eine unvorstellbare Zahl, die den gewaltigen Verlust an Kulturgut verdeutlicht. Die abgelieferten Glocken wurden auf sogenannte Glockenfriedhöfe gebracht. Der größte von ihnen befand sich in Hamburg. Von dort aus gelangten sie in die Schmelzöfen und wurden zu Kriegsmaterial verarbeitet. Nur die Stahlgussglocken blieben verschont, da sie für die Rüstungsindustrie nicht geeignet waren.
Unsere Pfarrkirche St. Johannes Baptist entstand um 1450 in der Zeit der Gotik. Es ist anzunehmen, dass damals auch zwei Glocken auf den Turm mit Spitzhelm aufgezogen wurden. Doch im Jahr 1632, während des Dreißigjährigen Krieges, zerstörten die Schweden das Turmoberteil – der gotische Unterbau ist bis heute erhalten – und vernichteten dabei auch die Glocken.
Als der Turm später mit einem Satteldach neu errichtet wurde, erhielt er zwei neue Glocken. Sie wurden vom Münchner Gießer Bernhard Ernst geschaffen, der auch für die Frauenkirche in München Glocken gegossen hat. Verziert waren sie mit Reliefs, deren Hauptthemen die Muttergottes und Johannes der Täufer waren.
Im Jahr 1852 wurden aus diesen beiden Glocken von Josef Ferdinand Pascolini aus Ingolstadt drei neue Glocken gegossen. Doch schon im Frühjahr 1917 mussten die große und die kleine Glocke für Kriegszwecke abgeliefert werden. Lediglich die mittlere Glocke blieb der Pfarrgemeinde als Läuteglocke erhalten.
Schließlich erhielt die Kirche 1924 ein neues Geläut, das noch heute erklingt: drei Stahlgussglocken aus der weltbekannten Gießerei „Bochumer Verein“, die diese Glockenart erfunden und entwickelt hatte. Da die alte Läuteglocke aus Bronze bestand und klanglich nicht zu den neuen Stahlglocken passte, verkaufte man sie im selben Jahr an die Kirchengemeinde Langengeisling.
Dass sich Zolling für Glocken aus Stahlguss entschied, erwies sich später als Glücksfall. Denn Stahlgussglocken wurden in der Zeit des Zweiten Weltkriegs nicht eingezogen. So blieb das Geläut unversehrt, und nur deshalb können wir heute ein Glockenjubiläum feiern, wie es in Deutschland selten vorkommt: einhundert Jahre mit denselben Glocken.
Gespanne: Obermeier ( Abersberg), Schranner (Abersberg ), Wöhrl (Haidhof)
Fotos im Besitz von Josef Obermeier, Abersberg
Die drei Glocken und der auf sie abgestimmte eiserne Glockenstuhl kamen mit der Bahn von Bochum nach Freising und wurden von dort aus mit großer Feierlichkeit nach Zolling gebracht. Dort baute die Firma Perner aus Passau sie in den Kirchturm ein. Am oberen Rand der Glocken sind bis heute der Name des Herstellers – „Bochumer Verein“ – und die Jahreszahl „1924“ eingeprägt. Namen oder Bildnisse tragen die Glocken nicht, denn bei Stahlgussglocken wurden solche Elemente in der Regel nicht mitgegossen, sondern höchstens später aufgeschweißt.
Die Maße der drei Glocken zeigen ihre beeindruckende Größe: Die große Glocke misst 144 cm im Durchmesser, wiegt 1.687 kg und klingt im Ton „dis“. Die mittlere Glocke hat 123 cm Durchmesser, 1.164 kg Gewicht und erklingt in „fis“. Die kleine Glocke schließlich misst 101 cm, wiegt 642 kg und trägt den Ton „a“. Zusammen mit dem eisernen Glockenstuhl ergibt sich ein Gesamtgewicht von über fünf Tonnen, die hoch oben im Turm schwingen. Wer die vier großen, von einem Rokoko-Rahmen eingefassten Schallöffnungen des Turmes betrachtet, ahnt die gewaltige Last, die dort getragen wird. Diese Statik ist auch der Grund, warum der jahrhundertealte Wunsch der Zollinger nach einer vierten Glocke nie erfüllt werden konnte.
Ein kleiner Trost liegt in der Erkenntnis, dass die Zollinger immerhin eine der größten Glocken im Dekanat Moosburg besitzen. Wie der Glockenforscher Georg Brenninger 1993 herausfand, ist die große Zollinger Glocke mit ihren 144 cm Durchmesser die drittgrößte unter rund 200 Glocken des Dekanats – nur das Kastulusmünster in Moosburg (168 cm) und die Pfarrkirche von Nandlstadt (152 cm) verfügen über noch größere Glocken.
Über die Feierlichkeiten zum Einzug der neuen Glocken berichtet ein eindrucksvoller Artikel des Freisinger Tagblattes von 1924, den ich im Stadtarchiv Freising gefunden habe. Damit konnten für die Zollinger Archive wertvolle Informationen bewahrt werden, die lange verloren schienen.
Nach diesen Berichten wurden die drei neuen Glocken am 4. Mai 1924 von Pfarrer Bernhard Frosch in großer Festlichkeit geweiht. Schon ab dem 28. April begann die Firma Perner damit, den eisernen Glockenstuhl – ebenfalls aus dem Hause Bochumer Verein – im Turm einzubauen. Am 5. Mai folgte dann der Höhepunkt: der Aufzug der Glocken. Die Jungmänner des Dorfes packten mit so viel Geschick und Kraft an, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Die Amperwerke stellten dazu eine Aufzugsmaschine, Drahtseile und für die größte Glocke sogar zwei Mann Hilfspersonal bereit.
So konnte bereits am Mittwoch, den 7. Mai 1924, die gesamte, weit verstreute Pfarrgemeinde freudig das erste festliche Gesamtgeläut hören. Das Freisinger Tagblatt schrieb damals begeistert, der Klang mache „in Folge seiner weichen Tongebung und reinen Harmonie einen in jeder Beziehung vorzüglichen Eindruck“. Hundert Jahre später kann man diesen Eindruck nur bestätigen.
Aus diesen Ereignissen wird deutlich, dass Kirchenglocken nicht nur geachtete Begleiter religiöser Handlungen sind, sondern auch in der ganzen Bevölkerung hohes Ansehen als kulturelle Symbole genießen. Vielleicht hören Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Stimmen unserer Jubilare nun mit anderen Ohren, wenn Mesner Klaus Eisgruber sie zum Jubiläumsgottesdienst über unsere Heimat schallen lässt.
Text: Dr. Friedrich Keydel
Fotos:
Glockenfriedhof: Von Bundesarchiv, Bild 183-H26751 / Autor/-in unbekannt / CC-BY-SA 3.0,
CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5364055
Literatur:
Archiv der Stadt Freising (1924): „ Artikel aus dem Freisinger Tagblatt vom 28.4.1924 und 9.5.1924
Brenninger G. (1993): Die Glocken der Kirchen im Dekanat Moosburg. Amperland, 29. Jg.
Brückl J. und Widmann A. (1994): Zolling - eine Gemeinde im Ampertal. Zolling 1994.
Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (2018): Hitler ließ 102.000 Kirchenglocken abmontieren,
Internet vom 28.5.2018.
Keydel F. (2022): Ihr Ruf bringt Menschen zusammen. Zollo, Ausgabe 9, Zolling 2022
Wikipedia (2024): https://de.wikipedia.org/wiki/Glockenfriedhof
Wikipedia (2024): https://de.wikipedia.org/wiki/Kirchenglocke