Der Amperkanal - das größte Bauwerk in der Gemeinde Zolling
Das größte Bauwerk in der Gemeinde Zolling beging 2023 ein Jubiläum. Seit diesem Jahr ist es 100 Jahre in Betrieb und liefert dem Wasserkraftwerk in Haag an der Amper die Energie, die es zur Stromerzeugung braucht – gemeint ist der Zollinger Amperkanal. Über 6 km lang verläuft er ab dem Schleusenwerk in Oberzolling südlich der Dörfer Oberzolling, Zolling, Anglberg, Weihrinnen bis zum Kraftwerk in Haag an der Amper. Er begrenzt die genannten Orte in ihrer Ausdehnung Richtung Amper und schützt sie gleichzeitig vor deren Hochwasser. Er brachte zusammen mit dem Wasserkraftwerk den Strom in unsere Gegend, für damalige Verhältnisse eine unglaubliche Errungenschaft.
Ein Kurzporträt des Amperkanals
Der Werkkanal zweigt am großen Wehr oberhalb von Oberzolling von der Amper ab und erreicht nach 6,6 km das Wasserkraftwerk Haag. Sein Gefälle ist so „flach“ geführt, dass sein Ende ca. 10 Meter über dem natürlichen Geländeniveau, das die Amper in Haag aufweist, liegt. Sein Wasser kann deshalb ca. 9,5 m in die Tiefe stürzen, immerhin sind das 50 cbm oder 50000 Liter pro Sekunde(!). Mit dieser Energie treibt er die Turbinen an. Diese erzeugen 4,2 MW Strom, der heute über 5000 Haushalte mit elektrischer Energie versorgen kann. Früher waren es deutlich mehr Nutzer, weil in einem Haushalt erheblich weniger Strom verbraucht wurde als heute. Nach dem Kraftwerk mündet der sog. Unterwasserkanal nach 2,2 km, etwa 250 m vor der Inkofener Brücke, zurück in die Amper. In Betrieb gingen Kanal und das Haager Kraftwerk im Jahre 1923. Seit 1986 versorgt der Kanal auf seinem Weg nach Haag zusätzlich das Zollinger Heizkraftwerk, vormals Block 5, mit Kühlwasser. Den „künstlichen Wasserlauf“ überqueren im Oberlauf 7 Brücken, einschließlich der großen Überfahrt für die B 301, im Unterlauf 4 Übergänge einschließlich der Eisenbahnbrücke in Haag, der Bahnverbindung Langenbach – Leininger Werk, die einst wegen dem „Hallertauer Bockerl“ (Langenbach – Zolling – Enzelhausen) erbaut wurde. Die Gewässer, die den Kanal queren, so z. B. der Gänsbach in Zolling, laufen nach dem Prinzip des Dükers (eine Art Siphon-System) unter ihm auf ihrem Weg zur Amper durch. Außerdem bildet der Kanal für die in seinem Norden gelegenen Siedlungsbereiche eine sichere Barriere gegen das Hochwasser der Amper. Seine letzte Sanierung im großen Stil, einschließlich einer totalen Trockenlegung, fand 2011 statt.
Amperwehr Oberzolling, 2019
Geschichtlicher Abriß
In den Jahren nach 1890 begannen in Oberbayern die Bemühungen um eine flächendeckende Stromversorgung. Es gründeten sich die „Isarwerke“, die zunächst München und dessen unmittelbares Umland versorgten. Einige Jahre später (1908) entstand die „Amperwerke Elektrizität-Aktiengesellschaft, München“. Sie ließ schon in den Jahre 1908-1910 an der Amper die Wasserkraftwerke Unterbruck und Kranzberg entstehen. Ab diesem Zeitpunkt berührte die moderne Energieversorgung auch das Zollinger Gebiet. Aber es dauerte noch bis in die Zeit nach dem 1. Weltkrieg bis es so weit war. Unter Leitung des Haager Brauereibesitzers Eugen Hörhammer bildete sich eine aktive Initiative um die Gründung eines Wasserkraftwerkes. Es entstand eine Genossenschaft in 26 Gemeinden mit ca. 400 Genossen. Aber gleichzeitig wollten auch die Amperwerke ein Wasserkraftwerk errichten. Nach zähen Verhandlungen einigte man sich, dass das schon erfahrene Profiunternehmen die neue Anlage zur Stromerzeugung erbaut und betreibt.
Dann ging es schnell. Bereits im Januar 1922 konnte nach Fertigstellung der Pläne und der Genehmigung durch das Bezirksamt Freising mit den Arbeiten begonnen werden. Drei Großbaustellen wurden gleichzeitig eröffnet, eine bei Oberzolling, eine zweite bei Anglberg und schließlich der Bau des Kraftwerkes in Haag. Tagelang wurde zunächst auf der Bahnlinie des Hallertauer Bockerls das umfangreiche Equipment für die Baustellen zu den Haltestellen Haag, Anglberg und Zolling transportiert. Darunter waren Gleise, Lokomotiven und Waggons für die Feldbahn, Kräne, Bagger, Baracken, Zement, Kohlen, Bauholz und vieles mehr. Und natürlich auch die Arbeitskräfte, teilweise waren an den Baustellen mehr als 170 Mann beschäftigt. In dieser schwierigen Zeit der beginnenden Inflation war dies ein Segen für Zolling und die ganze Umgebung. Trotz dieser großwirtschaftlichen Misere schritt der Bau dieser riesigen Anlage zügig voran.
Amperwehr Oberzolling, 2016
Erschwernisse
Aus dem Umfeld der Baumaßnahme gab es eine Reihe von Einwendungen und Erschwernissen. Zunächst gingen naturgemäß nicht alle Grundstücksverhandlungen und –Übernahmen glatt. Speziell die Eigentümer von Kleingrundstücken beklagten den für sie unersetzlichen Flächenverlust, sie verlangten eine Flurbereinigung. Andere befürchteten Überschwemmungen auf der Nordseite des Kanals bei und nach der Schneeschmelze. Großen Kummer bereitete den Bauern, dass der Kanal viele Wege abschnitt und sie z. T. erhebliche Umwege zu ihren im Süden liegenden Feldern und Wiesen machen mussten. In der Zeit vor der Motorisierung, wo man nur Fuhrwerke benutzen konnte, kostete den Bauern jeder Kilometer sehr viel unproduktive Zeit. Die Forderung nach mehr Brücken wurde aber von den Amperwerken nicht erfüllt. Die Zollinger Mühle konnte nicht mehr mit Wasser betrieben werden, dafür wurde der Müller mit elektrischer Energie entschädigt.
Das Bauende
Trotz der vielen Probleme schritten der Bau der gigantischen Betonrinne und des relativ großen Kraftwerkgebäudes zügig voran. Widmann A. beschreibt 1986 in seinem Buch „Haag, Heimat im Ampertal“, dass zeitweise 11 Feldbahn-Lokomotiven eingesetzt waren, dass der Bagger am Tag 560 Wagen a 1,25 cbm füllte und der tägliche Verbrauch von Zement 200 Sack betrug. Schon am 28.3.1923 feierte man „Hebauf“ beim Kraftwerk Haag, am 26.6.1923 erfolgte der erste Probelauf der Turbine und schließlich wurde am 5.Juni 1923 die komplette Kraftanlage Zolling – Haag offiziell in Betrieb genommen. Ein großer Tag für das hiesige Ampertal und die ganze südliche Hallertau. Jetzt gab es endlich Strom für alle. Wenn auch in den meisten Anwesen zunächst nur die Küche und der Stall an das Netz angeschlossen wurde, so nutzte man die neue Energie bald und zügig für die verschiedensten Zwecke. Noch im Juni 1923 wurde im Bayerischen Hof in Freising diese neue Errungenschaft mit einer großen Eröffnungsfeier gewürdigt.
Wasserkraftwerk Haag Schleuse, 2026
Wasserkraftwerk Haag, 2026
Turbine Wasserkraftwerk Haag, 2026
Kraftwerk Anglberg, 2019
Was bietet uns der Kanal noch?
Die 2011 verbreiterten und wieder hergerichteten Dammkronen laden zu Spaziergängen ein, was sehr häufig und gerne angenommen wird, weil man sich sehr schnell abseits des Dorfgetriebes in der freien Natur befindet. Ähnlich geht es den Radlern, die in immer stärkerem Maße die verkehrsberuhigten Straßen neben dem Kanal nutzen, auch weil diese in die verschiedenen Radwegnetze eingebunden sind. Besonders beglückt sind die Angler. Der Kanal stellt offensichtlich ein hervorragendes Fischwasser mit mehr als 10 Fischarten dar, ein Top Angelrevier, wie der Kreisfischereiverein Freising im Internet schreibt. Und dann gibt es noch ganz Verwegene, die den Kanal als Badewasser und die Brücken als Sprungbrett nutzen.
Heute stellt also der Werkkanal keinen technischen Fremdling mehr dar, sondern er ist längst angekommen in unserer Heimat und die meisten betrachten ihn als Teil unserer Amperlandschaft.
F. Keydel, 2023
Die Zollinger und der neue Amperkanal
Aus der Chronik
Der Bau des Amperkanals griff damals, wie in den Erschwernissen beschrieben, tief in den Lebensraum der Menschen ein. Er veränderte Grundstücke, Wege, Wasserverhältnisse und alltägliche Nutzungen des Flusses – und rief genau deshalb nicht nur Zustimmung, sondern auch Widerstand, Forderungen und persönliche Klagen hervor.
Vor allem kleinere Grundbesitzer sahen sich unmittelbar betroffen.
In einer Niederschrift vom 12. Januar 1922 wird ihre Lage klar benannt: Sie bezeichneten sich als „sämtlich Kleingrundbesitzer“ und wiesen darauf hin, dass sie durch die geplante Führung des Kanals Grundstücke verlieren würden, die für sie unersetzlich seien. Gerade deshalb forderten sie ausdrücklich die Durchführung einer Flurbereinigung, in die auch größere Grundbesitzer einbezogen werden sollten.
Hinzu kamen weitere Befürchtungen, die zeigen, wie aufmerksam die Bevölkerung die Folgen des Bauvorhabens einschätzte. Es wurde befürchtet, dass die am Kanal gelegenen Grundstücke vernässen, während weiter entfernte Flächen austrocknen könnten. Ebenso war von der Sorge die Rede, dass es auf der Nordseite des Kanals bei Schneeschmelze zu Überschwemmungen kommen könne, weil die Wassermassen nicht mehr richtig abfließen würden.
Auch die gewohnte Nutzung des Flusses spielte in den Einwendungen eine Rolle. Besonders anschaulich ist der Einspruch der Zollingerin Helene Holzer. Sie begründete ihn damit, dass sie bisher in der Amper „Wäsche fleite“ und „Gänse und Enten in dieselben eingelassen hat“. Ihr Einspruch wurde zur richterlichen Entscheidung verwiesen. Gerade dieser Fall macht deutlich, wie eng der Fluss Amper noch mit dem unmittelbaren Alltag der anliegenden Bewohner und ihrer Landwirtschaft verbunden war.
Die Veränderungen blieben nicht auf Befürchtungen beschränkt, sondern zeigten sich nach der Flutung des Kanals auch ganz konkret. Mit dem Befüllen des Kanals sog sich das anschließende Gelände so stark an, dass in Zolling der Grundwasserspiegel anstieg. Johann Lachner erinnerte sich später daran, dass plötzlich der Keller seines Wohnhauses unter Wasser stand, welches die Isar-Amper-Werke mittels Zement und Soda abdichten ließen.
Das Ampertal war über Jahrhunderte hinweg – wie es in der Chronik "Die Straße war ihr Schicksal" von Brückl beschrieben wird – ein „morastiges Ampertal“ mit einem „sumpfigen Ampermoos“. Wege führten über Knüppelstege durch das Moor, und selbst einfache Verbindungen waren beschwerlich. Die Amper selbst, „wild und ungebändigt“, trat regelmäßig über die Ufer und erschwerte den Übergang.
In Zolling zeigt sich diese Situation besonders deutlich. Bereits mit Beginn der Aufzeichnungen des Hochstift Freising tritt der sogenannte Pruckhay in Erscheinung – jener Brückenpfleger, der „Weg und Steg und die Brücken in einem wandelbaren Zustande“ zu halten hatte. Seine Aufgabe bestand darin, den Wassermassen der Amper immer wieder entgegenzuarbeiten, um den so wichtigen Verkehrsweg zwischen Freising und Zolling aufrechtzuhalten.
Erst mit den wasserbaulichen Eingriffen des 20. Jahrhunderts, insbesondere durch den Bau des Amperkanals, veränderte sich diese Lage grundlegend. Die Wasserführung der Amper wurde technisch beeinflussbar, und ein Teil der Wassermassen konnte gezielt abgeleitet werden.
Heute wird der Amperkanal im größeren Zusammenhang betrachtet. Er ist Teil eines gesteuerten Gewässersystems, in dem Wasser nicht mehr unkontrolliert durch die Landschaft fließt, sondern gezielt verteilt wird, wie es im regionalen Gewässerkonzept des ILE Kulturraum Ampertal beschrieben ist.
Auch in den Untersuchungen des Wasserwirtschaftsamt München wird deutlich, dass die Eingriffe in die Amper – Begradigung, Dämme und Kanäle – das natürliche Abflussgeschehen nachhaltig verändert haben. Während dadurch Siedlungsräume besser geschützt und Flächen nutzbar wurden, ging zugleich ein Teil der natürlichen Überschwemmungsflächen verloren. Ein Grundstein auch für die spätere Befestigung und den Ausbau der B301 im Ampermoos.
So spannt sich ein weiter Bogen:
Vom „beschwerlichen Pfad“ durch das Moor, über die ständige Arbeit des Pruckhay gegen die Kräfte der Amper, hin zu einer Landschaft, in der Wasser heute gezielt gesteuert wird. Der Amperkanal markiert in dieser Entwicklung einen entscheidenden Schritt.
M. Flohr, 2026
Text:e:
Entwiclklung und Bau: F. Keydel, 2023
Betrachtung und Einordnung:: Flohr, 2026
Literatur:
Brückl J. und Widmann A. (1994): Zolling - eine Gemeinde im Ampertal. Zolling 1994.
Josef Bückl: Die Straße war ihr Schicksal, 1987
Bildmaterial:
Baden an der Amper: Josef Bückl: Die Straße war ihr Schicksal, 1987
Wasserkraftwerk Haag: Elisabeth Obermeier
Fotos Amperwehr, Dorfansichten: Keydel, Flohr,
Luftbild 1956: Archiv Gemeinde Zolling, Franz Strobl
Luftbild Drohne 2025: A. Hildebrandt
Online Quellen:
Wasserwirtschaftsamt München: https://www.wwa-m.bayern.de/themen/index.htm
Amt für ländliche Entwicklung: https://www.ale-oberbayern.bayern.de/388701/index.php
Kulturraum AMpertal ILE: https://kulturraum-ampertal.de/site/assets/files/1186/2012-12-13_gep_ile_kurzfassung.pdf