Die meisten Menschen aus unserer Gegend kennen das heute sehr marode Mauthaus in Erlau, weil es unüblich nahe an der Deutschen Hopfenstraße steht und eine ungewöhnliche Bauart besitzt. Bevor dieses denkmalgeschützte Gebäude ganz zusammenfällt, noch eine Kurzbeschreibung der historischen Situation, damit dieses alte Kulturelement, das zur Gemeinde Stadt Freising gehört, aber sehr eng mit Zolling verbunden ist, noch etwas in Erinnerung bleibt. Diese Dokumentation stützt sich hauptsächlich auf die Forschungsergebnisse des Zollinger Heimatforschers Josef Brückl, die er in den unter „Quellen“ angegebenen Schriften veröffentlicht hat.
Das Mauthaus
Wenn man von Zolling nach Freising fährt, kommt man gleich am Ortseingang von Erlau an dem heute sehr heruntergekommenen, ehemaligen Mauthaus vorbei, an dem bereits der Putz abbröckelt und die Ziegelsteine sichtbar sind. Das Kurfürstentum Bayern erstellte das Amtsgebäude im Jahre 1788, heute ist es in Privatbesitz. Man spricht deshalb von einem Maut- oder auch Zollhaus weil für die Benutzung der Zollinger Amperbrücke eine Gebühr oder Maut zu entrichten war. Es wurde ganz nahe an den Rand der Straße gesetzt, damit der Mautner direkt von seinem Haus aus die Maut- und Zollformalitäten mit den Passierenden abwickeln konnte. Aus diesem Grund besitzt es auf der zur Straße zugewandten Seite einen Erker mit Fenstern, der hinauf geht bis über den 1. Stock. Allerdings ist das „Schalterfenster“ im Parterre zugemauert. Das rechteckige Haus ist mit einem auffälligen und für hiesige Verhältnisse ungewöhnlichen Mansardengiebeldach gedeckt, das weit nach unten bis zur Oberkante des Erdgeschosses verläuft. Mehrere Fenster im Erdgeschoß deuten auf eine relativ große Zimmerzahl hin. Dass auch der 1. Stock bewohnbar war, zeigen links und rechts zwei Gauben mit Fenstern und ein Fenster oben im Erker. Ganz oben unter dem Giebel wird wohl eine relativ große Speicherfläche gewesen sein.
Die Aufgaben des Mautners
Dieses 1788 erbaute Mauthaus (=Zollhaus) war Dienst- und Wohnsitz des kurbayerischen Zoll-, Straßen- und Wasserbauinspektors. Er war für die Pflege der sehr schwierigen Straßenstrecke Tüntenhausen – Reichertshausen, der großen Zollinger Brücke über die Amper und der zwei kleineren Brücken über den Mühl- und den Kühbach verantwortlich (siehe Brückl 1970). Gleichzeitig erhob er für das Passieren der Straße die fällige Maut. Ein Teil der Maut war sein Lohn, den anderen Teil musste er abliefern. Bedenkt man, dass das Haus 1788 zu einer Zeit errichtet wurde, als die meisten Bauernhäuser niedrig und teils noch aus Holz gebaut waren, so musste die Mautstelle als sehr großzügig und repräsentativ gewirkt haben. Zu den Pflege- und Reparaturarbeiten an Straße und Brücken konnte der Mautner all die Bauern, „die näher als 2 Stunden rechts und links der Straße lebten“, zu Fron- und Spanndienste einberufen. Dieses Privileg, das ständigen Widerstand und Proteste auslöste, hatte der Kurfürst seinem Beamten verliehen.
Historischer Rückblick
Werfen wir einen kurzen Rückblick auf die Straße und ihre Brücken.
Die Überquerung der Amper war einer der historischen Brennpunkte in der hiesigen Gegend. Die erste Möglichkeit, die Amper in Zolling zu überqueren, übernahm ein Fährmann. Ihn richtete das Domkapitel bereits in der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts ein, nachdem es die Hofmark Zolling, die bis 1803 zum Gebiet des Landgerichtes Moosburg gehörte, übernommen hat. Er beförderte die „Kunden“ mit einer Zuin (= Zille oder Kahn) gegen einen Fährlohn ans andere Ufer. Der Weg durch das morastige und oft von Hochwassern überschwemmte Ampertal wurde mit Pfählen und Prügeln halbwegs befestigt. Es war ein „Trampelpfad“. Fuhrwerke mussten den langen Weg über Moosburg nehmen, dort war eine Brücke. Der Zollinger Fährmann blieb 400 Jahre lang so bestehen. Er lebte in einer Hütte, ganz nahe der Amper, auf dem Gelände, wo später dem Pruckhay sein Anwesen begründet wurde.
„Diese Situation änderte sich erst ab dem Jahre 1158, nachdem Heinrich der Löwe die für das Fürstbistum einträgliche Brücke über die Isar bei Oberföhring im Hoheitsgebiet des Freisinger Fürstbischofs zerstören ließ und die Stadt München gründete“ (Brückl, 1970). Das Hochstift suchte dafür Ersatzeinnahmen und erbaute deshalb in seiner Hofmark Zolling die Brücken über die Amper, über den Mühlbach und den Kühbach einschließlich der schwierigen Straße durch das von Hochwassern geplagte, sumpfige Ampermoos. Die Amper war damals noch ein wilder Fluss. Zur Pflege von Brücken und Straße bis über die Amperleiten hinüber nach Tüntenhausen wurde vom Fürstbistum ein Pruckhay (Brückenpfleger) eingesetzt und mit einem Lehen ausgestattet. Seine Hofstelle wurde dort errichtet, wo sie heute noch liegt, also nahe des Flusses und der Brücke. Der Pruckhay konnte für seine Bau- und Pflegearbeiten Spann- und Frondienste von den umliegenden Bauern und Hofmarken einfordern.
Damit war die kürzeste Straßenverbindung, auf der man schwere Lasten transportieren konnte, zwischen der Residenzstadt München und der freien Reichsstadt Regensburg geschaffen. Sie war für Fuhrwerke von München aus ca. 4 Stunden kürzer als über Moosburg. Es herrschte bald ein reger Verkehr. Nach den Forschungen von Brückl querten damals pro Jahr bis zu 6000 Fuhrwerke die Zollinger Amperbrücke.
Es zeigte sich aber, dass der Pruckhay mit zu wenigen Möglichkeiten für die Pflege und Reparatur von Straße und Brücken ausgestattet war. Nicht nur die natürlichen Gegebenheiten (Sumpf, Hochwasser, Eisstöße, steilstes Gelände) sondern besonders die vielen Kriegshandlungen, die unsere Gegend heimsuchten, an vorderster Stelle der 30jährige Krieg, trugen viel dazu bei, dass oft Straße und Brücken zerstört wurden und die Strecke unbefahrbar war. Es kam zu einem jahrzehntelangen Streit zwischen dem Pruckhay und den zum Frondienst verpflichteten Bauern. Schließlich auch zwischen den zwei Hoheitsgebieten Hochstift Freising und Kurbayern, mit der Konsequenz, dass der Kurfürst von Bayern, der die schnelle Strecke nach Regensburg zum immerwährenden Reichstag in der 2. Hälfte des 18. Jh. an sich riss. Er ließ sie neu ausbauen und setzte für ihre Betreuung einen Beamten ein. Der Pruckhay hatte damit nach etwa 600 Jahren ausgedient. Der Mautner mit dem neuen Amtsgebäude in Erlau übernahm ab jetzt dessen Aufgaben. Dem Hochstift war wieder eine Einnahme genommen.
Die letzte Zerstörung der Zollinger Amperbrücke
Der letzte Kampf um die Amperbrücke fand am Ende des 2. Weltkrieges statt. Am 29.4.1945, also 10 Tage vor der bedingungslosen Kapitulation, wurde die Brücke von deutschen Pionieren gesprengt. Die sich über Wolfersdorf nähernden amerikanischen Truppen sollten bei ihren Vormarsch nach Freising und München aufgehalten werden. Wie wir wissen, es gelang nicht und es gab wegen des Kampfes um die Brücke einige Tote, die in einem Massengrab in Tüntenhausen begraben sind. Wollen wir hoffen, dass dies für immer die letzten Kampfhandlungen um den Amperübergang in Zolling waren.
Leider ist dieses historisch wichtige, denkmalgeschützte Gebäude, es gehört zur Gemeinde Stadt Freising, wenig behütet und so dem Verfall Preis gegeben.
F. Keydel, 2023
Fotos Mauthaus Erlau: F. Keydel
Historische Bildszene: Nachstellung durch KI
Quelle: Josef Brückl: Die Straße war ihr Schicksal, 1970