Die Schweiz leistet sich den Luxus von 26 polizeilichen Wahrheiten. Doch Kriminalität hält sich nicht an Kantonsgrenzen – unsere Daten tun es oft immer noch. PolLageCH ist der notwendige technische und kulturelle Brückenschlag aus der Insellage.
Föderalismus ist eine politische Stärke der Schweiz, aber er darf keine operative Schwäche der Polizei sein. In einer Zeit, in der Kriminalität hochmobil, digital und vernetzt agiert, stossen rein kantonale Sichtweisen an ihre Grenzen. Wer heute noch glaubt, Sicherheit lasse sich allein innerhalb von Kantonsgrenzen managen, betreibt Sicherheitspolitik mit dem Blickwinkel des 20. Jahrhunderts.
Stellen Sie sich vor, MeteoSchweiz würde das Wetter für jede Gemeinde separat berechnen, ohne Daten der Nachbargemeinde zu nutzen. Eine solche Vorhersage wäre präzise für den Moment, aber blind für den Sturm, der sich fünf Kilometer weiter westlich zusammenbraut.
Genau so operieren wir oft in der polizeilichen Lagearbeit. Wir haben exzellente kantonale Lagebilder – detailliert, sauber geführt, professionell. Aber sie sind Insellagen. In einer hypervernetzten Welt ist eine solche Insellage gefährlich.
Mobile Kriminalität: Einbruchserien, die sich quer durchs Mittelland ziehen, erscheinen im einzelnen Kanton nur als statistisches Rauschen. Erst im Gesamtsystem wird die Serie als Muster erkennbar.
Digitale Angriffe: Cyberkriminalität kennt keine physischen Grenzen. Ein Angriffsmuster, das in Zürich auftaucht, ist für Genf eine wertvolle Frühwarnung – aber nur, wenn die Information fliesst.
Wenn wir Phänomene verstehen wollen, brauchen wir den Blick auf das Gesamtsystem, nicht nur auf unser eigenes Puzzleteil.
PolLageCH wird oft missverstanden als reines IT-Grossprojekt. Das greift zu kurz. Es ist primär ein kulturelles Harmonisierungsprojekt, das durch Technik ermöglicht wird. Es ist der Versuch, eine gemeinsame Syntax für die Schweizer Polizei zu etablieren. Ohne diese gemeinsame Sprache bleiben wir im babylonischen Gewirr der 26 Korps stecken.
Das Projekt ruht auf drei wesentlichen Säulen:
1. Einheitliche Begriffe (Semantische Interoperabilität) Daten sind wertlos, wenn wir nicht wissen, was sie bedeuten. Damit ein Algorithmus oder ein Analyst arbeiten kann, muss „Einbruch“ oder „Häusliche Gewalt“ in St. Gallen dasselbe bedeuten wie in Lausanne. PolLageCH erzwingt diese notwendige Standardisierung. Es schafft das Vokabular, mit dem wir uns verständigen.
2. Verbundene Daten (Mustererkennung) Das Ziel ist ein echter Lageverbund. Es geht darum, schwache Signale zu verstärken. Ein einzelnes Ereignis ist oft nicht interpretierbar. Aber zehn identische Ereignisse in drei verschiedenen Kantonen ergeben eine harte „Intelligence“. PolLageCH soll das Rauschen filtern und die Melodie der Kriminalität hörbar machen.
3. Wirkungsorientierung (Outcome statt Output) Wir müssen weg vom reinen Zählen von Fällen (Output) hin zum Verstehen von Verschiebungen, Zusammenhängen und gesellschaftlichen Auswirkungen (Outcome). PolLageCH ermöglicht es, die Wirkung von Massnahmen überregional zu messen, statt nur lokale Statistiken zu füllen.
Für Sie als Lagespezialisten oder Analysten bedeutet PolLageCH einen fundamentalen Shift im Arbeitsalltag – und eine Befreiung.
Heute verbringen viele Spezialisten unverhältnismässig viel Zeit mit dem manuellen Konsolidieren von Excel-Tabellen, dem Abtippen von Rapporten oder dem telefonischen Abfragen von Nachbarkantonen. Das ist keine Analyse, das ist Datenverwaltung.
Das Ziel von PolLageCH ist ein „System of Systems“, das diese Basisarbeit automatisiert.
Lokales Wissen geht nicht verloren, sondern gewinnt im nationalen Kontext an Schärfe.
Der Spezialist gewinnt Zeit für die eigentliche kognitive Arbeit: Das Interpretieren von Mustern, das Erstellen von Hypothesen und die Beratung der Führung.
PolLageCH ist kein Angriff auf die kantonale Hoheit, sondern deren Überlebensversicherung in einer digitalen Welt. Wer Intelligence-Led Policing (ILP) ernst nimmt, kann sich nicht mit 26 Teilwahrheiten zufriedengeben. Wer professionelle Lagearbeit will, muss PolLageCH fordern.