Die Evolution des Polizeiverständnisses: Vom Standardmodell zum ILP
Die Geschichte der modernen Polizeiarbeit ist, wie Jerry Ratcliffe in seinem Werk Intelligence-Led Policing (2. Auflage) darlegt, eine Geschichte der Reaktion. Das traditionelle «Standardmodell» der Polizei basierte über Jahrzehnte auf drei Säulen: zufällige Patrouillen zur Abschreckung, rasche Reaktion auf Notrufe und die retrospektive Ermittlung nach begangenen Straftaten. Dieses Modell, das in einer weniger komplexen Welt durchaus seine Berechtigung hatte, stößt in der heutigen Informationsgesellschaft an harte Grenzen. Die Kriminalität ist mobiler, digitaler und vernetzter geworden, während die Ressourcen der Polizei – wie der «Demand Gap» zeigt – oft stagnieren oder hinter dem Anstieg der Anforderungen zurückbleiben.
Intelligence-Led Policing (ILP) ist die Antwort auf dieses Dilemma. Es ist kein bloßes Taktik-Upgrade, sondern ein fundamentaler Wandel in der Geschäftslogik polizeilicher Organisationen. Ratcliffe definiert ILP in seiner aktualisierten Fassung als ein strategisches Rahmenwerk, das Analyse und Aufklärung («Intelligence») ins Zentrum der Entscheidungsfindung rückt. Es geht nicht mehr darum, auf jedes Ereignis isoliert zu reagieren («Whack-a-Mole»), sondern Muster zu erkennen, Risiken zu bewerten und Ressourcen präventiv dort einzusetzen, wo sie den größten Schaden verhindern können – sei es bei Serientätern, an Kriminalitätsschwerpunkten (Hot Spots) oder gegen kriminelle Netzwerke.
Die Studie PolLageCH greift diesen internationalen Imperativ auf und übersetzt ihn in die spezifischen Bedürfnisse der Schweizer Polizeilandschaft. Die Analyse der Ausgangslage zeigt ein fragmentiertes Bild: Es existiert kein einheitliches Verständnis dessen, was «Polizeiliche Lage» eigentlich bedeutet. Unterschiedliche Kantone nutzen unterschiedliche Terminologien, Prozesse und Systeme. Dies führt zu Reibungsverlusten, die in einer Zeit transnationaler Kriminalität ein Sicherheitsrisiko darstellen.
Das erste und wichtigste Handlungsfeld der Studie ist daher die Anerkennung der «Polizeilichen Lage» als eigenständige Fachdisziplin. Dies korrespondiert direkt mit Ratcliffes Mahnung, dass ILP scheitert, wenn es nur als Rhetorik übernommen wird, ohne die zugrunde liegenden Strukturen anzupassen. Die Studie definiert die «Polizeiliche Lage» präzise:
«Die polizeiliche Lage beschreibt eine Situation, welche für die Auftragserfüllung der Polizei entscheidend ist. Sie umfasst die Gesamtheit der Zustände, der Entwicklungsmöglichkeiten und -wahrscheinlichkeiten verschiedener Bereiche, wie Bedrohungen und Gefahren.»
Diese Definition ist für den Lagespezialisten von zentraler Bedeutung, da sie den Fokus von der reinen Bestandsaufnahme (Was ist passiert?) hin zur Prognose (Was wird passieren?) verschiebt. Sie verlangt vom Spezialisten, nicht nur Chronist der Ereignisse zu sein, sondern als Analyst zukünftige Szenarien zu entwerfen.
Um diese Definition mit Leben zu füllen, definiert PolLageCH die «Lageführung» als den zentralen Bewirtschaftungsprozess. Dieser besteht aus den Schritten «Beschaffen», «Verdichten» und «Verbreiten». Diese Trias spiegelt exakt die erste und zweite Phase von Ratcliffes 3-i-Modell (Interpret und Influence) wider.
Die Studie PolLageCH betont, dass die polizeiliche Lage – ähnlich wie die Kriminalpolizei oder Verkehrspolizei – als eigener Fachbereich bewirtschaftet werden muss. Für den Lagespezialisten bedeutet dies eine Professionalisierung seines Berufsbildes. Er ist nicht mehr nur ein «Zuarbeiter» im Führungsstab, sondern der Architekt der Entscheidungsbasis. Die Harmonisierung der Begrifflichkeiten über alle Kantone hinweg ist dabei keine bürokratische Übung, sondern die Voraussetzung für Interoperabilität. Wenn ein Lagespezialist in Zürich von einer «bestimmenden Lageentwicklungsmöglichkeit» spricht, muss der Kollege in Bern exakt verstehen, welche Wahrscheinlichkeit und Relevanz damit verknüpft ist.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Modul 1 etabliert das Fundament. Ohne eine klare Definition dessen, was wir unter «Lage» verstehen, und ohne die Anerkennung dieser Arbeit als Fachdisziplin, bleibt ILP ein theoretisches Konstrukt. Die PolLageCH-Studie liefert hierzu die notwendige doktrinäre Basis für die Schweiz.