Wenn wir Evidenzbasierung und professionelle Lageführung wollen, brauchen wir Organisationen, die dies leisten können. Jerry Ratcliffe macht klar: EBP braucht Ressourcen. Ein einzelner Analyst, der nebenbei noch Notrufe entgegennimmt, kann keine wissenschaftlichen Studien durchführen oder komplexe Datenanalysen fahren.
Die Studie PolLageCH zieht hieraus im Handlungsfeld 2 radikale, aber notwendige Konsequenzen und definiert klare Grössenschwellenwerte für die Organisation :
< 100 Vollzeitstellen (Variante X1/X2): Delegation der Lagearbeit. Kleine Korps haben schlicht nicht die kritische Masse („Economy of Scale“), um ein professionelles Lagezentrum mit spezialisierten Analysten, Data Scientists und Technikern zu betreiben. Aus EBP-Sicht ist die Delegation an einen grösseren Partner der einzige Weg, um Zugang zu hochwertiger Analyse zu erhalten.
100 - 400 Vollzeitstellen (Variante X3): Zusammenschluss. Mittlere Korps sollten Cluster bilden. Gemeinsam können sie die Spezialisierung erreichen, die für moderne Kriminalitätsbekämpfung nötig ist.
> 400 Vollzeitstellen (Variante X2): Eigenes Lagezentrum. Ab dieser Grösse ist der Betrieb eines professionellen Zentrums, das als „Labor“ für Sicherheitsanalysen dient, wirtschaftlich und operativ sinnvoll.
Ein zentrales Problem föderaler Strukturen ist die „Linkage Blindness“ – das Übersehen von Zusammenhängen, weil sie über Zuständigkeitsgrenzen hinweggehen. Einbrecher, die durch fünf Kantone touren, erscheinen in jedem Kanton nur als kleine Serie. Das Gesamtbild fehlt.
Ratcliffe plädiert für Fusion Centers, die Daten verschiedener Ebenen zusammenführen. Die Empfehlung 2.03 der PolLageCH-Studie zur Schaffung eines nationalen polizeilichen Lagezentrums (z.B. angegliedert an fedpol oder FSTP) ist die direkte Antwort darauf. Ein solches Zentrum kann Daten aggregieren, nationale Trends erkennen und jene strategischen Analysen liefern, die lokale Zentren nicht leisten können. Es ist der „Hub“, der das Netzwerk zusammenhält.
Die Studie schlägt für die Zusammenarbeit im Verbund zwei Modelle vor :
Y1 (Netzwerk): Gleichberechtigter Austausch. Gut für den Routinebetrieb.
Y2 (Lead): Ein Element führt themenbezogen. Dies ist entscheidend für EBP. Wenn ein Korps (oder das nationale Zentrum) besondere Expertise oder Daten zu einem Phänomen (z.B. Bankomatsprengungen) hat, sollte es die Analyse-Führung übernehmen. Dies verhindert Doppelspurigkeiten und bündelt Kompetenz.
Evidenzbasierte Arbeit entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie braucht Strukturen, die Spezialisierung, Datenaustausch und methodisches Arbeiten ermöglichen. Die Organisationsmodelle der Studie PolLageCH sind der Bauplan für eine Polizeiarchitektur, die den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gewachsen ist. Föderalismus darf keine Ausrede für Ineffizienz sein; durch intelligente Arbeitsteilung (Lageverbund) kann die lokale Stärke erhalten und gleichzeitig nationale Analysefähigkeit aufgebaut werden.