Wenn ILP die Philosophie ist, dann ist das 3-i-Modell der Motor. Ratcliffe entwickelte dieses Modell, um die abstrakte Idee von Intelligence in operative Prozesse zu übersetzen. Es besteht aus drei Komponenten, die zwingend ineinandergreifen müssen :
Interpret (Interpretieren): Die Nachrichtendienstliche Struktur (Lagezentrum) sammelt Daten und analysiert das kriminelle Umfeld. Hier entsteht aus Daten Wissen.
Influence (Beeinflussen): Das generierte Wissen wird so aufbereitet, dass es die Entscheidungsträger erreicht und deren Denken und Handeln steuert.
Impact (Einwirken): Die Entscheidungsträger setzen Ressourcen und Taktiken ein, die das kriminelle Umfeld tatsächlich verändern (Reduktion von Kriminalität oder Schaden).
Das Modell ist nicht linear, sondern zirkulär. Der «Impact» verändert das Umfeld, was wiederum neu «interpretiert» werden muss.
Die Studie PolLageCH operationalisiert dieses Modell für die Schweiz durch die Definition des Lageführungsprozesses. Dieser wird in Handlungsfeld 1 als Kernkompetenz der Fachdisziplin «Lage» beschrieben. Vergleicht man die Modelle, zeigt sich eine hohe Deckungsgleichheit:
Interpret = Beschaffen & Verdichten: Der Schweizer Lagespezialist sammelt Informationen (Beschaffen) aus diversen Quellen (Polizeiliche Sensoren, Partner, OSINT). Anschließend analysiert er diese (Verdichten). Hier kommt die fachliche Expertise ins Spiel: Das Erkennen von Mustern, das Validieren von Quellen und die Bildung von Hypothesen. Die PolLageCH-Studie fordert hier explizit die Erarbeitung von «Umweltanalysen» und «Katalogen der Akteure».
Influence = Verbreiten: Das Verdichtete muss zum Empfänger. PolLageCH spricht vom «Verbreiten» stufengerechter Lageprodukte. Ratcliffe warnt davor, dass dies oft der Bruchstelle im System ist: Analysten produzieren Berichte, die niemand liest oder versteht. Die Schweizer Studie begegnet dem durch die Standardisierung von Produkten (siehe Modul 7).
Impact = Führung & Steuerung: Die Studie betont, dass die Lage der Steuerung der polizeilichen Tätigkeit dient. Dies ist der «Impact». Wenn das Lagebild keine Konsequenzen für den Einsatz der Mittel hat, ist der Prozess gescheitert.
Für den Lagespezialisten bedeutet das 3-i-Modell eine Erweiterung seines Verantwortungsbereichs. Er ist nicht mehr nur für die Richtigkeit der Daten verantwortlich (Interpret), sondern auch für deren Wirksamkeit (Influence). Ratcliffe betont, dass Analysten oft zögern, Empfehlungen abzugeben, weil sie ihre Objektivität wahren wollen. Doch im ILP-Kontext ist eine Analyse ohne Empfehlung wertlos.
Die PolLageCH-Studie unterstützt diese proaktive Rolle. Durch die Etablierung von «Lageentwicklungsmöglichkeiten» wird der Spezialist aufgefordert, nicht nur Fakten zu liefern, sondern Szenarien zu bewerten. Er muss dem Kommandanten sagen: «Wenn wir nichts tun, entwickelt sich die Lage mit hoher Wahrscheinlichkeit in Richtung X.» Das ist «Influence» in Reinform.