Während Modul 5 die interne Organisation (X-Varianten) behandelte, fokussiert Modul 6 auf die externe Vernetzung, die sogenannten Y-Varianten im Handlungsfeld 2 der PolLageCH-Studie. Ratcliffe betont, dass Kriminalität keine Grenzen kennt. Organisierte Kriminalität, Terrorismus und Cybercrime sind transnational. Ein lokales Polizeikorps, das nur seine eigenen Daten analysiert, leidet unter «Linkage Blindness».
Die Studie skizziert zwei Modelle, wie die Korps im «Lageverbund» interagieren können:
Variante Y1: Netzwerk gleichgestellter Elemente.
Funktionsweise: Alle Lagezentren sind gleichberechtigt. Information wird «Peer-to-Peer» geteilt.
Anwendung: Grundkonfiguration für den Alltag. Jeder Kanton ist für sein Gebiet verantwortlich, tauscht aber relevante Daten aus.
ILP-Bewertung: Gut für Routine, aber risikobehaftet bei komplexen, dynamischen Lagen, da niemand das Gesamtbild erzwingen kann.
Variante Y2: Netzwerk mit führenden Elementen (Hub & Spoke).
Funktionsweise: Ein Zentrum übernimmt für ein spezifisches Thema oder Ereignis den Lead (Führung).
Anwendung: Bei überregionalen Phänomenen (z.B. Welle von Geldautomatensprengungen) oder Großanlässen (WEF).
ILP-Bewertung: Hocheffizient. Ermöglicht eine zentrale «Intelligence Fusion» und eine koordinierte Strategie (Impact).
Die Studie empfiehlt eine Kombination (Empfehlung 2.02): Y1 als Basis, Y2 als Eskalationsstufe. Für den Lagespezialisten bedeutet dies, dass er mental flexibel bleiben muss. Im Alltag ist er autonomer Analyst (Y1). Bei einer Großlage wird er zum Sensor und Zulieferer für den «Lead-Kanton» (Y2).
Die vielleicht wichtigste Empfehlung der Studie ist die Schaffung eines nationalen polizeilichen Lagezentrums (Empfehlung 2.03). Dieses Zentrum soll nicht die Kantone ersetzen, sondern subsidiär dort wirken, wo kantonale Grenzen ein Hindernis sind. Es würde interkantonale Phänomene analysieren und nationale Lageprodukte erstellen.
Aus Sicht der ILP-Theorie ist dies unverzichtbar. Ratcliffe beschreibt ausführlich die Rolle von «Fusion Centers» in den USA, die geschaffen wurden, um die Fragmentierung der US-Polizei zu überwinden. Ein nationales Zentrum in der Schweiz würde genau diese Funktion erfüllen: Es wäre der zentrale Knotenpunkt, an dem die Fäden (Informationen) zusammenlaufen, um Muster zu erkennen, die lokal unsichtbar sind. Für den Lagespezialisten in einem kleinen Kanton wäre dieses nationale Zentrum die «Back-Office»-Ressource für strategische Analyse, die er selbst nicht leisten kann.