Jerry Ratcliffe postuliert, dass moderne Polizeiarbeit sich die „wissenschaftliche Methode“ zu eigen machen muss. Dies mag für den polizeilichen Praktiker zunächst abschreckend klingen, assoziiert man Wissenschaft doch oft mit elfenbeinturmartiger Theorie. Doch Ratcliffe bricht diesen Prozess auf sehr pragmatische Schritte herunter, die sich nahtlos in die Abläufe eines Lagezentrums integrieren lassen :
Problemidentifikation: Was beobachten wir?
Hintergrundforschung: Was wissen wir bereits darüber?
Hypothesenbildung: Was könnte die Ursache sein?
Test/Studie: Wie können wir unsere Vermutung prüfen?
Analyse: Was sagen die Daten?
Schlussfolgerung & Kommunikation: Was bedeutet das für uns?
Vergleicht man dies mit der in der Studie PolLageCH definierten „Polizeilichen Lageführung“, so erkennt man frappante Parallelen. PolLageCH unterteilt die Lageführung in die Kernprozesse Beschaffen, Verdichten und Verbreiten. Diese Trias ist im Grunde die operative Übersetzung des wissenschaftlichen Zyklus.
Im Schritt „Beschaffen“ geht es nicht nur darum, wahllos Daten zu akkumulieren. Ratcliffe betont die Wichtigkeit der Problemidentifikation. Ein Lagespezialist muss, ähnlich einem Wissenschaftler, gezielt beobachten. Die Studie PolLageCH spricht hier von der „Umweltanalyse“ und der „Lageverfolgung“.
Ein wissenschaftlich arbeitender Lagespezialist stellt sich Fragen:
Ist dieser Anstieg an Fahrzeugdiebstählen signifikant oder liegt er im Bereich der normalen Schwankung?
Welche Daten fehlen mir, um das Bild zu vervollständigen? (Identifikation von „Intelligence Gaps“).
Der Schritt „Verdichten“ ist der intellektuelle Kern der Lagearbeit. Hier findet die „Beurteilung der polizeilichen Lage“ (BdL) statt. Gemäss PolLageCH werden dabei Faktoren wie Auftrag, Recht, Zeit, Umwelt, Gegenseite und Eigene Mittel analysiert.
Ratcliffe würde hier ergänzen: Dieser Prozess muss hypothesengeleitet sein. Anstatt nur zu beschreiben was passiert (deskriptive Analyse), muss der Lagespezialist fragen warum es passiert (erklärende Analyse).
Hypothese 1: Die Einbrüche steigen, weil eine neue Tätergruppe eingereist ist.
Hypothese 2: Die Einbrüche steigen, weil die Strassenbeleuchtung im Quartier X ausgefallen ist (Umweltfaktor).
Das Verdichten beinhaltet das Testen dieser Hypothesen gegen die verfügbaren Daten. Wenn Hypothese 1 stimmt, müssten wir ähnliche Muster in Nachbarkantonen sehen (Interkantonaler Abgleich im Lageverbund). Wenn Hypothese 2 stimmt, müssten die Tatorte mit dem Ausfallgebiet korrelieren.
Ratcliffe führt das PANDA-Modell (Problem scan, Analyze problem, Nominate strategy, Deploy strategy, Assess outcomes) als Rahmenwerk für evidenzbasierte Interventionen ein. Dieses Modell lässt sich hervorragend als methodischer Unterbau für die in PolLageCH geforderten Tätigkeiten nutzen:
Ein zentraler Aspekt der wissenschaftlichen Methode, den Ratcliffe hervorhebt, ist die Falsifikation. Wir neigen dazu, nach Informationen zu suchen, die unsere Vermutungen bestätigen (Bestätigungsfehler). Ein professioneller Lagespezialist muss jedoch aktiv nach Informationen suchen, die seine Hypothese widerlegen könnten.
Wenn die Hypothese lautet „Tätergruppe A ist zurück“, muss der Analyst fragen: „Gibt es Beweise, dass Tätergruppe A nicht verantwortlich sein kann?“ (z.B. weil sie in Haft sind oder der Modus Operandi abweicht). Die Studie PolLageCH fordert im Handlungsfeld 4 eine Qualitätssicherung der Produkte. Die Integration von „Advocatus Diaboli“-Techniken, bei denen eine Hypothese bewusst herausgefordert wird, wäre eine konkrete Umsetzung dieser Forderung.
Die „Polizeiliche Lageführung“ gemäss PolLageCH ist keine administrative Tätigkeit, sondern ein analytischer Prozess, der der wissenschaftlichen Methode folgt. Durch die Anwendung von Modellen wie PANDA und Prinzipien wie der Hypothesenbildung und Falsifikation transformieren Lagespezialisten reine Daten in valides Wissen. Sie schaffen damit die Evidenz, die für effektive polizeiliche Entscheidungen unabdingbar ist.