Um die Dringlichkeit der in PolLageCH geforderten Reformen zu verstehen, muss man die Ineffizienz des aktuellen Systems quantifizieren. Jerry Ratcliffe nutzt hierfür das Konzept des «Crime Funnels» (Kriminalitätstrichter). Dieses Modell visualisiert den Schwund von Fällen auf dem Weg durch das Strafjustizsystem.
Betrachtet man eine hypothetische Basis von 1.000 begangenen Straftaten in der Bevölkerung (Dunkelfeld inkludiert), zeigt sich ein ernüchterndes Bild:
Tatsächliche Kriminalität: 1.000 Delikte.
Gemeldete Kriminalität: Nur etwa 530 werden der Polizei gemeldet (abhängig von Deliktart und Vertrauen).
Registrierte Kriminalität: Etwa 429 werden offiziell erfasst (administrative Hürden, Beweislage).
Aufgeklärte Fälle (Detected): Nur ca. 99 Fälle werden polizeilich geklärt (Täter identifiziert).
Verurteilungen/Haft: Am Ende führen vielleicht 4 Fälle zu einer Haftstrafe.
Diese Zahlen verdeutlichen, dass das Strafjustizsystem als alleiniges Instrument der Kriminalitätskontrolle versagt. Selbst wenn die Polizei ihre Aufklärungsquote verdoppeln würde (was massive Ressourcen erfordert), würde dies am Ende des Trichters nur zu einer marginalen Erhöhung der Verurteilungen führen. Das reaktive Modell – Warten auf den Anruf, Schreiben des Rapports, Ermittlung – bearbeitet nur die Spitze des Eisbergs.
Für den Schweizer Lagespezialisten ist der Crime Funnel ein Weckruf. Er beweist, dass die Fokussierung auf «Detection» (Aufklärung nach der Tat) allein das Kriminalitätsproblem nicht lösen kann. ILP fordert daher eine Verlagerung der Aktivitäten nach oben im Trichter: hin zu Prävention und Störung (Disruption).
Die Studie PolLageCH identifiziert die föderale Struktur der Schweiz als einen Faktor, der diesen Trichter noch undurchlässiger machen kann. Tätergruppen agieren heute hochmobil und interkantonal. Ein Täter, der durch die Kantone Aargau, Zürich und St. Gallen zieht, hinterlässt in jedem kantonalen Trichter nur Fragmente seiner Aktivität. In einem rein reaktiven System bleiben diese Fragmente isoliert. Der Lagespezialist im Kanton Aargau sieht einen Einbruch, der in Zürich einen weiteren, aber niemand sieht die Serie.
Dieses Phänomen wird als «Linkage Blindness» bezeichnet – die Unfähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, weil Daten in Silos gefangen sind. Die PolLageCH-Studie reagiert darauf mit der Forderung nach einem robusten «Lageverbund». Wenn Ratcliffe fordert, dass ILP datengetrieben sein muss, bedeutet das im Schweizer Kontext: Daten müssen fliessen.
Ein effektiver Lageverbund fungiert als Multiplikator. Er ermöglicht es, die isolierten Datenpunkte aus den verschiedenen kantonalen Trichtern zusammenzuführen (Data Fusion). Dadurch wird das Dunkelfeld zwar nicht kleiner, aber das Hellfeld wird schärfer. Der Lagespezialist muss verstehen, dass seine Rolle darin besteht, diese Verbindungen herzustellen. Er muss aktiv nach Informationen suchen («Beschaffen»), die in anderen Kantonen liegen könnten, um lokale Phänomene richtig zu interpretieren («Verdichten»).
Die PolLageCH-Studie argumentiert, dass ohne diese Vernetzung die «Durchschlagskraft» der Polizei gering bleibt. Das Verständnis des Crime Funnels ist daher essenziell für die Akzeptanz von ILP: Es ist der mathematische Beweis dafür, dass wir intelligenter arbeiten müssen, nicht nur härter.