Die schweizerische Polizeilandschaft steht an einem historischen Wendepunkt. Die föderalen Strukturen, die über Jahrzehnte hinweg Bürgernähe und lokale Verankerung garantierten, werden durch die Dynamik moderner Kriminalitätsphänomene zunehmend herausgefordert. Delikte im Cyberraum, transnationale organisierte Kriminalität und hochmobile Tätergruppierungen halten sich nicht an Kantonsgrenzen. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, hat die Konferenz der kantonalen Polizeikommandantinnen und -kommandanten (KKPKS) zusammen mit der Polizeitechnik und -informatik (PTI) die Studie PolLageCH initiiert. Diese Studie fordert nichts Geringeres als die Etablierung der „Polizeilichen Lage“ als eigenständige, professionelle Fachdisziplin.
Parallel dazu hat sich international, insbesondere im anglo-amerikanischen Raum, das Paradigma des Evidence-Based Policing (EBP) etabliert, dessen Vordenker Jerry Ratcliffe in seinem Werk Evidence-Based Policing: The Basics eine methodische Revolution der Polizeiarbeit beschreibt. EBP fordert den Übergang von einer auf Intuition und Tradition basierenden Praxis hin zu einer Entscheidungsfindung, die auf gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen und Datenanalysen beruht.
Dieser Forschungsbericht führt diese beiden Stränge zusammen. In Form von zehn ausführlichen Fachartikeln wird dargelegt, wie die theoretischen und methodischen Grundlagen von Jerry Ratcliffe die strukturellen und organisatorischen Forderungen der Studie PolLageCH untermauern, ergänzen und operationalisieren können. Zielgruppe sind Lagespezialisten, Analysten und Führungskräfte, die die Transformation der Schweizer Polizei aktiv mitgestalten. Die Artikel dienen als Lehrmaterial, um das „Warum“ und „Wie“ einer modernen, evidenzbasierten Lageführung tiefgreifend zu verstehen.