Ein zentrales Thema bei Ratcliffe ist die Datenqualität. In Intelligence-Led Policing (und als Kontext für EBP relevant) führt er das Konzept des „Crime Funnel“ (Kriminalitätstrichter) ein. Dieser beschreibt den Schwund an Informationen von der realen Kriminalität bis zur Verurteilung:
Tatsächliche Kriminalität (Dunkelfeld + Hellfeld).
Entdeckte Kriminalität.
Der Polizei gemeldete Kriminalität.
Von der Polizei registrierte Kriminalität.
Aufgeklärte Fälle.
Für den Lagespezialisten bedeutet dies: Das polizeiliche Erfassungssystem bildet nie die Realität ab, sondern immer nur einen Ausschnitt. Ratcliffe warnt davor, Analysen ausschliesslich auf polizeilichen Daten zu basieren, da diese durch Anzeigeverhalten und polizeiliche Aktivität verzerrt sind (z.B. erzeugt mehr Kontrolle im Betäubungsmittelbereich automatisch mehr Fallzahlen, ohne dass die Kriminalität zwingend gestiegen ist).
Die Studie PolLageCH legt im Handlungsfeld 5 („IT-Portfolio“) den Fokus auf technische Systeme wie das „Integrierte Lagebild“ (ILB). Doch Technik ist nur der Träger von Information. Ratcliffe führt die „Evidence Hierarchy“ ein, um die Qualität von Informationen für politische Entscheidungen zu bewerten :
Level 5 (Goldstandard): Systematische Reviews und Meta-Analysen.
Level 4-3: Starke quasi-experimentelle Studien mit Kontrollgruppen.
Level 2-1: Vorher-Nachher-Vergleiche ohne Kontrollgruppe oder Korrelationsstudien.
Level 0: Expertenmeinungen, Anekdoten, interne Berichte ohne methodische Basis.
Für den Schweizer Lagespezialisten ist dies entscheidend. Wenn ein Lagebericht (Handlungsfeld 4) erstellt wird, worauf stützt sich die Einschätzung?
Niedrige Evidenz: „Der Postenchef XY hat das Gefühl, dass es unsicherer geworden ist.“ (Level 0).
Mittlere Evidenz: „Die Statistik zeigt einen Anstieg von 20% gegenüber dem Vorjahr.“ (Level 1-2).
Hohe Evidenz: „Eine Analyse unter Berücksichtigung saisonaler Effekte und im Vergleich zu Referenzkantonen zeigt eine signifikante Abweichung.“ (Level 3+).
Die Studie PolLageCH fordert im Handlungsfeld 4 explizit Qualitätsmerkmale für Lageprodukte, darunter den „korrekten Umgang mit Daten“ und die „Angabe von Quellen“. Ein professionelles Lageprodukt muss die Verlässlichkeit seiner Quellen transparent machen.
In der nachrichtendienstlichen Arbeit (und adaptiert für die Polizei) wird oft das 4x4-System (oder ähnliche Matrizen) zur Bewertung genutzt:
Zuverlässigkeit der Quelle: (A=Zuverlässig bis E=Unzuverlässig).
Glaubwürdigkeit der Information: (1=Verbürgt bis 5=Unwahrscheinlich).
Ein Lagespezialist muss unterscheiden, ob eine Information aus einer verifizierten polizeilichen Datenbank stammt oder aus einem anonymen Hinweis. PolLageCH empfiehlt die Einteilung der Quellen in Stufen. Dies verhindert, dass Gerüchte als Fakten in die Lagebeurteilung einfliessen.
Ratcliffe ermutigt dazu, auch Quellen ausserhalb der akademischen Welt zu nutzen („Grey Literature“), warnt aber vor deren Qualität. Im Kontext von PolLageCH bedeutet dies die Nutzung von OSINT (Open Source Intelligence). Soziale Medien, Nachrichtenportale und Bevölkerungsbefragungen können wertvolle Ergänzungen zu den polizeilichen Daten sein, um das Dunkelfeld zu erhellen oder Stimmungen (Faktor Umwelt/Community) zu erfassen.
Die Herausforderung für den Lagespezialisten liegt in der Triangulation: Bestätigen sich die Informationen aus den polizeilichen Systemen (z.B. ILB) durch Beobachtungen aus offenen Quellen? Nur wenn verschiedene unabhängige Quellen in dieselbe Richtung deuten, kann von einer soliden Faktenbasis ausgegangen werden.
Daten sind der Treibstoff der Lageführung, aber verschmutzter Treibstoff ruiniert den Motor. Lagespezialisten müssen eine hohe Datenkompetenz entwickeln (Handlungsempfehlung 4.03 in PolLageCH). Sie müssen die Grenzen ihrer Daten kennen (Crime Funnel) und die Qualität ihrer Quellen kritisch bewerten (Evidence Hierarchy). Nur so entstehen Lageprodukte, die mehr sind als bunte Grafiken: nämlich verlässliche Entscheidungsgrundlagen.