Bevor man ein Problem lösen kann, muss man es präzise definieren. Jerry Ratcliffe widmet der Problemidentifikation in Evidence-Based Policing ein ganzes Kapitel. Er warnt davor, sich von subjektiven Eindrücken oder medialem Druck leiten zu lassen. Stattdessen schlägt er strukturierte Frameworks vor, um Probleme objektiv zu erfassen.
In der Studie PolLageCH korrespondiert dies mit der „Umweltanalyse“ und der „Entwicklung des Katalogs der Akteure“. Ein Lagespezialist muss die Umwelt scannen, um relevante Veränderungen zu erkennen. Doch was ist „relevant“? Hier bietet Ratcliffe das CHEERS-Framework an, das als Checkliste für Schweizer Lagespezialisten dienen kann.
Das CHEERS-Modell hilft zu entscheiden, ob ein Phänomen ein polizeiliches Problem darstellt, das einer vertieften Analyse bedarf :
Community (Gemeinschaft): Wer ist betroffen? Handelt es sich um die Öffentlichkeit, Unternehmen oder staatliche Institutionen? In der PolLageCH-Terminologie entspricht dies der Analyse des Faktors „Umwelt“ in der BdL.
Harm (Schaden): Verursacht das Problem einen Schaden? Dies ist entscheidend für die Priorisierung. Ein Lagespezialist muss zwischen „Lärmbelästigung“ (geringer Schaden) und „Gewaltkriminalität“ (hoher Schaden) unterscheiden und Ressourcen entsprechend steuern.
Expectation (Erwartung): Erwartet die Öffentlichkeit, dass die Polizei handelt? PolLageCH betont, dass die polizeiliche Lage eine Situation beschreibt, die für die „Auftragserfüllung“ entscheidend ist. Die öffentliche Erwartung definiert oft den Auftrag.
Events (Ereignisse): Handelt es sich um konkrete Vorfälle? Ein einzelnes Ereignis ist selten ein Trend.
Recurring (Wiederkehrend): Tritt das Problem wiederholt auf? Hier kommt die statistische Analyse ins Spiel (Zeitreihenanalyse), die Ratcliffe fordert.
Similarity (Ähnlichkeit): Haben die Ereignisse Gemeinsamkeiten (Täter, Opfer, Ort, Modus Operandi)?
Die Studie PolLageCH definiert die Beurteilung der polizeilichen Lage (BdL) als Kernprozess, in dem Faktoren wie Auftrag, Zeit, Umwelt, Gegenseite und Eigene Mittel analysiert werden. Das CHEERS-Framework kann helfen, diese Faktoren mit Inhalt zu füllen:
Faktor Gegenseite: Analyse mittels „Similarity“ und „Recurring“. Handelt es sich um dieselbe Täterschaft?
Faktor Umwelt: Analyse mittels „Community“. Welche Bevölkerungsgruppen sind betroffen? Wie reagiert die Öffentlichkeit („Expectation“)?
Faktor Auftrag: Analyse mittels „Harm“. Ist der Schaden gross genug, um eine spezielle Operation oder den Einsatz eines Lead-Elements im Lageverbund (Variante Y2) zu rechtfertigen?
Ein wesentlicher Teil der Problemidentifikation ist das Erkennen von Wissenslücken. Ratcliffe spricht davon, spezifische Fragen zu formulieren (Research Questions). In der Nachrichtendienst-Sprache nennt man dies „Key Intelligence Requirements“ (KIRs).
Die PolLageCH-Studie empfiehlt, dass Lagespezialisten nicht nur passiv Daten verwalten, sondern aktiv „Nachrichtenbedürfnisse“ definieren, insbesondere in der Zusammenarbeit im Lageverbund. Beispiel:
Schlechte Frage: „Wie ist die Einbruchslage?“
Gute Forschungsfrage (KIR): „Verwenden die Täter in Kanton A und Kanton B dasselbe Werkzeug, und korrelieren die Tatzeiten mit den Fahrplänen des öffentlichen Verkehrs?“
Diese Präzision in der Fragestellung, abgeleitet aus einer sauberen Problemidentifikation gemäss CHEERS, ist das Markenzeichen einer professionalisierten Lagedisziplin.
Die Problemidentifikation ist der Filter, der das Rauschen (Noise) vom Signal trennt. Durch die Anwendung systematischer Kriterien wie CHEERS können Lagespezialisten sicherstellen, dass die Ressourcen der Polizei auf jene Probleme fokussiert werden, die den grössten Schaden verursachen und bei denen eine polizeiliche Intervention am dringendsten erwartet wird. Dies verhindert Aktionismus und stärkt die strategische Ausrichtung der Lageführung, wie sie PolLageCH fordert.