Ein zentrales Konzept in Ratcliffes Werk (Kapitel 5) ist das DIKI-Kontinuum: Data, Information, Knowledge, Intelligence. Für Lagespezialisten ist das Verständnis dieser Hierarchie überlebenswichtig, um nicht im «Information Overload» zu ertrinken.
Data (Daten): Rohe Fakten, Zahlen, Symbole. Ein einzelner Eintrag im Einsatzleitsystem über einen Diebstahl. Daten haben für sich allein wenig Bedeutung.
Information: Daten mit Kontext. Die Erkenntnis, dass dies der fünfte Diebstahl in diesem Quartier ist. Informationen beantworten Fragen nach dem «Was», «Wo», «Wann».
Knowledge (Wissen): Verstandene Information. Die Erkenntnis, dass diese Diebstähle einem bestimmten Modus Operandi folgen, der auf eine bekannte Tätergruppe hindeutet. Wissen beinhaltet Erfahrung und Verständnis der Zusammenhänge.
Intelligence (Aufklärung/Intelligenz): Wissen, das Handeln auslöst. Die Prognose, dass die Tätergruppe am kommenden Wochenende wahrscheinlich im Nachbarquartier zuschlagen wird, verbunden mit der Empfehlung für eine gezielte Überwachung. Intelligence ist zukunftsorientiert und handlungsleitend.
Viele Polizeiorganisationen stecken auf der Ebene von «Information» fest. Sie produzieren bunte Statistiken (Information), nennen es aber Intelligence. Ratcliffe und PolLageCH fordern den Sprung zu echtem «Intelligence».
Wie operationalisiert man diesen kognitiven Sprung in der Schweizer Polizei? Die Antwort liegt in der Methodik der Lagebeurteilung (BdL pol), die in der Studie PolLageCH (Handlungsfeld 1) als Kernkompetenz definiert wird. Obwohl das Akronym im Snippet nicht explizit ausbuchstabiert wird, ist die AEK-Methodik (Aussage – Erkenntnis – Konsequenz) der de-facto Standard in der Schweizer Führungslehre (FIP) und das methodische Werkzeug, um das DIKI-Kontinuum zu durchlaufen.
Aussage (Facts): Entspricht der Ebene Data/Information. Was ist objektiv feststellbar?
Beispiel: «Im Kreis 4 gab es am Wochenende 3 Raubüberfälle mit Messer.»
Erkenntnis (Assessment): Entspricht der Ebene Knowledge. Was bedeutet das? Hier findet die eigentliche intellektuelle Leistung des Lagespezialisten statt (Verdichten).
Beispiel: «Die Täter nutzen die Dunkelheit und zielen auf betrunkene Passanten ab. Dies deutet auf eine neue Tätergruppe hin, da bisherige Täter unbewaffnet waren. Das Gewaltpotenzial ist gestiegen.»
Konsequenz (Conclusion/Action): Entspricht der Ebene Intelligence. Was müssen wir tun? (Influence).
Beispiel: «Erhöhung der sichtbaren Präsenz zwischen 22:00 und 04:00 Uhr im Kreis 4. Überprüfung bekannter Gewalttäter auf aktuellen Aufenthalt. Information der Bevölkerung zur Vorsicht.»
Die PolLageCH-Studie fordert explizit eine Qualitätssicherung bei der Erstellung von Lageprodukten (Handlungsfeld 4, Empfehlung 4.02). Die strikte Anwendung von AEK ist diese Qualitätssicherung. Sie zwingt den Lagespezialisten, seine Gedankengänge offenzulegen. Ein Lagebericht, der nur Aussagen auflistet («Gestern 3 Unfälle, 2 Einbrüche»), ist mangelhaft. Er liefert keine Intelligence.
Ratcliffe warnt zudem vor kognitiven Verzerrungen (Bias), wie dem Bestätigungsfehler (Confirmation Bias). Durch strukturierte Analysemethoden wie das Entwickeln verschiedener «Lageentwicklungsmöglichkeiten» (Bestimmend, Wahrscheinlichst, Gefährlichst), wie sie PolLageCH vorschreibt , wird der Analyst gezwungen, auch Szenarien zu prüfen, die seiner ersten Intuition widersprechen. Dies erhöht die Robustheit der Intelligence massiv.