Ein Lagespezialist wird nicht daran gemessen, wie viele Daten er hat, sondern wie gut er diese kommuniziert. Jerry Ratcliffe widmet der Verbreitung von Forschungsergebnissen ein eigenes Kapitel. Er betont: Wissenschaftliche Erkenntnisse nützen nichts, wenn sie in unverständlichen akademischen Papieren verstauben. Sie müssen für Praktiker übersetzbar sein.
In der Studie PolLageCH korrespondiert dies mit dem Handlungsfeld 4: Polizeiliche Lageprodukte. Die Studie unterscheidet klar zwischen „Lagebild“ (Momentaufnahme, oft grafisch) und „Lagebericht“ (textliche Analyse, Bewertung). Entscheidend ist der Mehrwert für den Empfänger.
Ratcliffe und PolLageCH sind sich einig: Ein Produkt muss auf die Stufe des Empfängers zugeschnitten sein. Die Eigenschaftsprofile der Studie (Abb. 4 in PolLageCH) zeigen dies deutlich :
Strategische Stufe (Kdt, Regierungsrat): Benötigt Langfristigkeit, politische Aspekte, Ressourcenbedarf. Wenig taktische Details. Prägnanz ist Trumpf. Ratcliffe empfiehlt hier das Format des „Policy Brief“: Kurz, handlungsorientiert, evidenzbasiert.
Operative Stufe (Einsatzleiter, Dienstchefs): Benötigt Schwerpunkte, Tätergruppierungen, regionale Zusammenhänge. Mittlere Detailtiefe.
Taktische Stufe (Polizist an der Front): Benötigt „Actionable Intelligence“. Fahndungsfotos, konkrete Warnhinweise, Orte und Zeiten. Hohe Aktualität, geringe sprachliche Komplexität.
Um die Qualität der Produkte zu sichern, empfiehlt PolLageCH das Schema Aussagen – Erkenntnisse – Konsequenzen (AEK). Dieses Schema zwingt den Analysten zur wissenschaftlichen Arbeitsweise:
Aussagen (Data/Facts): Was ist passiert? Reine Faktenbasis. (Ratcliffe: The Data).
Erkenntnisse (Analysis/Insight): Was bedeutet das? Mustererkennung, Hypothesenbildung, Kontextualisierung. (Ratcliffe: The Evidence).
Konsequenzen (Action): Was empfehlen wir? Handlungsoptionen für die Führung. (Ratcliffe: The Policy Recommendation).
Viele heutige Produkte bleiben bei den Aussagen stehen. Das ist „Nachrichten vorlesen“. Der Wert eines Lagespezialisten entsteht erst bei den Erkenntnissen und Konsequenzen.
Ratcliffe weist darauf hin, dass Visualisierungen (Charts, Maps) mächtig, aber auch irreführend sein können. Ein Lagespezialist muss wissen, wie man Daten ehrlich darstellt. Eine Karte mit Hot Spots darf nicht nur zeigen, wo die Polizei war (Self-fulfilling Prophecy), sondern wo die Kriminalität tatsächlich ist. PolLageCH fordert Datenkompetenz als Teil der Ausbildung , um genau solche Fehler in den Produkten zu vermeiden.
Ein Lageprodukt ist das Destillat der analytischen Arbeit. Es ist das Vehikel, mit dem Evidenz in polizeiliches Handeln übersetzt wird. Durch die Standardisierung von Produkten und die strikte Orientierung am Nutzer (Zielgruppe) stellt PolLageCH sicher, dass die „Intelligence“ nicht im Rauschen untergeht, sondern dort ankommt, wo sie Wirkung entfaltet: bei der Entscheidungsfindung.