Intelligence-Led Policing (ILP) scheitert selten an fehlenden Daten. Es scheitert an der Illusion, man könne „intelligence-led“ sagen, ohne Entscheidungen, Prozesse und die Kultur zu ändern. Genau dort wird es für Führungsunterstützung und Lagespezialisten spannend.
Intelligence-Led Policing (ILP) scheitert selten an fehlenden Daten. Es scheitert an der Illusion, man könne „intelligence-led“ sagen, ohne Entscheidungen, Prozesse und die Kultur zu ändern. Genau dort wird es für Führungsunterstützung und Lagespezialisten spannend.
In vielen Polizeiorganisationen wird ILP heute noch wie ein modisches Etikett verwendet. Man klebt es auf bestehende Produkte – das klassische Lagebild, den wöchentlichen Rapport, das neue schicke Dashboard – und hofft, dass daraus wie von selbst eine intelligente Steuerung entsteht. Das ist bequem, aber ein Trugschluss. Es ist der Versuch, einen modernen Elektromotor in eine Postkutsche einzubauen, ohne das Fahrgestell anzupassen.
Um die Polizei wirklich neu zu denken, müssen wir tiefer graben. Wir müssen verstehen, was ILP im Kern bedeutet und warum es in der föderalistischen Schweiz ohne eine vernetzte Antwort wie PolLageCH nicht sein volles Potenzial entfalten kann.
Was ist ILP wirklich? (Jenseits des Buzzwords)
Um das Missverständnis aufzuklären, müssen wir definieren, was Intelligence-Led Policing eigentlich ist – und was nicht.
ILP ist keine Software, die man kauft. Es ist auch nicht einfach nur "mehr Analyse machen". ILP ist ein strategisches Geschäftsmodell für die Polizeiarbeit. Es ist ein Führungsphilosophie, die besagt: Unsere Ressourcen sind begrenzt, also setzen wir sie dort ein, wo sie nachweislich die grösste Wirkung (Impact) erzielen, basierend auf fundierter Analyse.
Im Kern ist ILP ein Kreislauf, ein „Betriebssystem“, das aus Daten Handlungen generiert:
Direction (Führungsvorgabe): Die Führung definiert klare Ziele (z.B. "Reduktion der Einbrüche im Sektor Nord").
Collection & Analysis (Sammlung & Analyse): Daten werden nicht nur gesammelt, sondern zu einem verständlichen Bild verdichtet, das Muster, Täterstrukturen und Brennpunkte aufzeigt.
Decision & Action (Entscheidung & Aktion): Das Herzstück. Die Analyse führt zwingend zu einer operativen Entscheidung. Es werden Massnahmen ergriffen, die direkt auf die Erkenntnisse der Analyse zugeschnitten sind.
Review (Überprüfung): Haben die Massnahmen gewirkt? Wenn nein, warum nicht? Der Kreislauf beginnt von neuem.
Der kulturelle Bruch: Vom Produkt zum Prozess
Hier liegt die grösste Hürde für viele Organisationen. ILP ist nur dann real, wenn die Analyse systematisch in Entscheidungen hineinwirkt.
Das klingt trivial, markiert aber einen entscheidenden kulturellen Bruch für Lagespezialisten und Analysten. Die Lagearbeit wandelt sich von einer reinen Zulieferer-Funktion (dem Erstellen des „hübschen Lageordners“ für die Kaffeepause des Chefs) zu einer kritischen Funktion im Entscheidungsprozess selbst.
Der Analyst wird vom Chronisten zum Navigator. Der entscheidende Satz lautet: Wenn die Analyse keine operative Konsequenz auslöst, ist sie keine Intelligence, sondern lediglich Information. Ein Dashboard, das rot blinkt, aber keine Ressourcenverschiebung auslöst, ist nutzlose digitale Dekoration.
Das Schweizer Problem: Die "Insellage"
Wenn wir ILP als Betriebssystem verstehen, müssen wir uns fragen: Auf welcher Hardware läuft es? In der Schweiz läuft es auf 26 unterschiedlichen, oft inkompatiblen Systemen.
Der Föderalismus ist eine politische Stärke, aber eine operative Herausforderung. Kriminalität ist heute hochmobil, digital und vernetzt. Ein Tätergruppierung plant in Kanton A, begeht die Tat in Kanton B und verwertet das Diebesgut in Kanton C (oder im Ausland). Gefahrenlagen wie Cyberangriffe oder komplexe Bedrohungsmanagement-Fälle machen nicht an der Sektorgrenze halt.
Wenn jeder Kanton nur seine eigene "Insellage" optimiert, betreiben wir vielleicht lokales ILP, bleiben aber im Gesamtsystem blind für die grossen Zusammenhänge. Wir optimieren das Puzzleteil, sehen aber das Bild nicht.
PolLageCH: Das Ziel ist der Wirkungsverbund
Hier positioniert sich das Projekt PolLageCH als notwendiger Gegenentwurf. Es ist die Erkenntnis, dass ein echtes ILP-Betriebssystem in einer vernetzten Welt nicht in Isolation funktioniert.
PolLageCH ist weit mehr als ein IT-Projekt zur Datenkonsolidierung. Es verfolgt strategische Ziele, um das ILP-Denken auf die notwendige Netzwerk-Ebene zu heben:
1. Ein gemeinsames polizeiliches Lageverständnis schaffen
Das primäre Ziel ist es, eine gemeinsame Sprache und Sichtweise zu etablieren. Damit ein "frequenzrelevantes Ereignis" in Genf dasselbe bedeutet wie in St. Gallen. Nur auf Basis einer harmonisierten Syntax können wir Phänomene überregional vergleichbar machen und verstehen.
2. Systemzusammenhänge sichtbar machen
Klassische Lagebilder sind oft statisch – sie zeigen, was passiert ist. PolLageCH zielt darauf ab, systemische Zusammenhänge aufzuzeigen. Wie wirkt sich eine veränderte Drogenszene in einer Grossstadt auf die Eigentumskriminalität in der Agglomeration aus? Es geht nicht nur um die Punkte auf der Karte, sondern um die Verbindungslinien dazwischen.
3. Vom Lagebild zum Lageverbund
PolLageCH will die "Insellagen" zu einem echten Lageverbund verknüpfen. Das bedeutet, dass relevante Informationen (Intelligence) schnell und friktionsfrei dort ankommen, wo sie für Entscheidungen gebraucht werden – über Korpsgrenzen hinweg.
4. Wirkungsorientierung statt Fallzahlen-Fokus
Letztlich dient PolLageCH dazu, die Polizeiarbeit wirkungsorientierter zu machen. Anstatt nur retrospektiv Fallzahlen zu zählen, soll der Verbund helfen, proaktiv Entwicklungen zu erkennen und Ressourcen dort zu bündeln, wo sie den grössten Schaden verhindern können.
Fazit
Wir müssen aufhören, ILP als eine Methode zur etwas besseren Berichterstellung zu sehen. Wir müssen anfangen, es als das grundlegende Betriebssystem für modernes polizeiliches Handeln zu begreifen. Und in der Schweiz benötigt dieses Betriebssystem zwingend eine Netzwerk-Komponente, um nicht in kantonalen Silos steckenzubleiben. PolLageCH ist dieser notwendige Schritt vom Silo zum System.