Klassische Polizeiarbeit ist oft reaktiv: Man schaut zurück auf das, was passiert ist. Evidenzbasierte Lageführung, wie sie PolLageCH fordert, will jedoch die Zukunft gestalten. Kern dieses Anspruchs ist die Erarbeitung von „Lageentwicklungsmöglichkeiten“.
Jerry Ratcliffe betont in Evidence-Based Policing die zentrale Rolle der Hypothese im wissenschaftlichen Prozess. Eine Hypothese ist eine begründete Vermutung über einen Zusammenhang („Wenn wir X tun, passiert Y“ oder „Zustand A wird zu Zustand B führen“). Ohne Hypothesen ist Prävention nicht möglich, da jede präventive Massnahme auf der Annahme beruht, dass sie ein zukünftiges Ereignis verhindert.
Die Studie PolLageCH unterscheidet verschiedene Arten von Szenarien, die im Lagezentrum erarbeitet werden sollen. Diese lassen sich direkt mit Ratcliffes Konzepten der Wahrscheinlichkeit und Risikoanalyse verknüpfen:
Die bestimmende Lageentwicklungsmöglichkeit: Das Szenario, das am ehesten eintritt, wenn keine neuen Faktoren hinzukommen. Es basiert auf der Extrapolation aktueller Trends (Trendanalyse).
EBP-Bezug: Hierbei muss der Analyst statistische Fallstricke wie „Trend und Saisonalität“ beachten. Ein Anstieg im Sommer muss nicht alarmierend sein, wenn er jedem Sommer entspricht.
Die gefährlichste Lageentwicklungsmöglichkeit: Das „Worst-Case-Szenario“. Es hat oft eine geringere Eintrittswahrscheinlichkeit, aber ein enormes Schadenspotenzial (High Impact, Low Probability).
EBP-Bezug: Dies entspricht dem Risikomanagement. Ratcliffe fordert, Ressourcen dort einzusetzen, wo der grösste Schaden (Harm) droht. Die Identifikation dieses Szenarios ist essenziell für die Notfallplanung.
Die wahrscheinlichste Lageentwicklungsmöglichkeit: Jenes Szenario, das unter Berücksichtigung aller bekannten Faktoren (inklusive der Reaktion der Gegenseite) die höchste statistische Wahrscheinlichkeit aufweist.
Wie prüft man, welches Szenario eintritt? Ratcliffe beschreibt den wissenschaftlichen Prozess des Testens. Im Lagezentrum bedeutet dies das Definieren von Indikatoren.
Beispiel: Wir erwarten, dass eine Einbrecherbande nach einer Serie im Kanton A in den Kanton B weiterzieht (Hypothese).
Indikator 1: Fahrzeugbewegungen an der Kantonsgrenze.
Indikator 2: Anmietung von Unterkünften (Airbnb etc.) in Kanton B.
Indikator 3: Erste Versuche/Delikte mit passendem Modus Operandi in Kanton B.
Das Lagezentrum überwacht diese Indikatoren (Lageverfolgung). Sobald ein Indikator „anschlägt“, verdichtet sich die Hypothese zur Gewissheit. Dies ermöglicht den Übergang von der reinen Beobachtung zur Intervention (z.B. Einrichtung von Kontrollstellen).
Ein wesentliches Qualitätsmerkmal, das PolLageCH fordert, ist der „Umgang mit Unsicherheiten“. Ein Lagespezialist darf niemals suggerieren, er könne die Zukunft vorhersagen. Er kann nur Wahrscheinlichkeiten angeben.
Ratcliffe erklärt dies anhand von Konfidenzintervallen in der Statistik. Wir wissen nie genau, wo der wahre Wert liegt, aber wir können einen Bereich angeben, in dem er mit 95% Wahrscheinlichkeit liegt. Ähnlich sollte ein Lagebericht formuliert sein: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sich die Lage beruhigen, es besteht jedoch ein Restrisiko für Eskalation, falls Faktor X eintritt.“
Die Erarbeitung von Lageentwicklungsmöglichkeiten ist die Königsdisziplin der Lagearbeit. Sie transformiert den Lagespezialisten vom Archivar der Vergangenheit zum Navigator für die Zukunft. Durch die methodisch saubere Bildung und Überprüfung von Hypothesen, wie sie Ratcliffe lehrt, wird aus blosser Spekulation eine fundierte Prognose, die Führungskräften erlaubt, proaktiv statt reaktiv zu handeln.