In der historischen Entwicklung der Polizeiarbeit nahm die individuelle Erfahrung des einzelnen Beamten stets eine zentrale Rolle ein. Jerry Ratcliffe beschreibt in Evidence-Based Policing eindrücklich, wie der „gute alte Polizeiriecher“ (im Englischen oft als „Copper’s Nose“ bezeichnet) über Generationen hinweg als wichtigstes Werkzeug galt. Egon Bittner definierte die Polizeiarbeit einst treffend als Handeln „in Übereinstimmung mit dem Diktat eines intuitiven Verständnisses situativer Erfordernisse“. Diese intuitive Erfassung von Situationen ist im taktischen Einsatz auf der Strasse – im direkten Bürgerkontakt oder in Gefahrensituationen – unverzichtbar. Ein erfahrener Polizist erkennt oft unbewusst Muster, die einem Novizen entgehen.
Doch Ratcliffe warnt eindringlich davor, diese Intuition zur alleinigen Grundlage strategischer und operativer Entscheidungen zu machen. Wenn es um die Verteilung knapper Ressourcen, die Bekämpfung komplexer Phänomene oder die langfristige Organisationsentwicklung geht, ist das Bauchgefühl ein schlechter Ratgeber. Es ist anfällig für kognitive Verzerrungen (Biases), subjektive Wahrnehmungen und das Festhalten an Traditionen („Das haben wir schon immer so gemacht“), selbst wenn diese nachweislich ineffektiv sind.
Hier setzt die Studie PolLageCH an. Sie diagnostiziert in der aktuellen Schweizer Polizeilandschaft eine Heterogenität, die eine effektive, datengestützte Arbeit erschwert. Unterschiedliche Lagesysteme, fehlende Standards und ein nicht einheitliches Verständnis dessen, was „Lage“ überhaupt bedeutet, führen dazu, dass das immense Wissen, das in den einzelnen Korps vorhanden ist, nicht optimal genutzt werden kann. Die Vision der Studie lautet daher: „Die Polizei muss wissen, was die Polizei weiss... – effizient, sicher, rechtskonform“. Um diesen Zustand zu erreichen, muss die Bearbeitung der Lage von einer Nebenaufgabe zu einer professionellen Fachdisziplin erhoben werden.
Die Studie PolLageCH liefert im Handlungsfeld eine präzise Definition, die als Fundament für jede evidenzbasierte Arbeit dienen muss:
„Die polizeiliche Lage beschreibt eine Situation, welche für die Auftragserfüllung der Polizei entscheidend ist. Sie umfasst die Gesamtheit der Zustände, der Entwicklungsmöglichkeiten und -wahrscheinlichkeiten verschiedener Bereiche, wie Bedrohungen und Gefahren.“
Diese Definition ist bemerkenswert, da sie implizit wissenschaftliche Standards fordert. Wer über „Entwicklungsmöglichkeiten“ und „Wahrscheinlichkeiten“ spricht, verlässt den Bereich des deterministischen Wissens (Fakten) und betritt den Bereich der Prognostik und Stochastik. Ratcliffe betont, dass EBP genau hier ansetzt: Es geht darum, Hypothesen über die Zukunft zu bilden und diese anhand von Daten zu überprüfen.
Ein Lagespezialist, der gemäss dieser Definition arbeitet, kann sich nicht auf Anekdoten verlassen. Um eine Wahrscheinlichkeit seriös einzuschätzen, benötigt er Daten, Vergleichswerte und methodische Kompetenz. Er muss verstehen, dass eine Häufung von Einbrüchen in einem Quartier Zufall sein kann (Regression zur Mitte) oder den Beginn einer Serie markiert. Die Professionalisierung der Lagedisziplin bedeutet also primär die Einführung wissenschaftlicher Denkweisen in den polizeilichen Alltag.
Ratcliffe zieht oft den Vergleich zur Medizin, um den Wert von Evidenz zu illustrieren. Über Jahrhunderte praktizierten Ärzte den Aderlass, überzeugt von dessen Wirksamkeit, obwohl er Patienten oft schwächte oder tötete. Erst die Einführung systematischer Beobachtung und kontrollierter Studien (Evidenzbasierte Medizin) beendete solche Praktiken und führte zu den enormen Fortschritten der modernen Heilkunde.
Die Schweizer Polizei steht an einem ähnlichen Punkt. Viele polizeiliche Massnahmen – seien es bestimmte Patrouillenstrategien oder Präventionskampagnen – werden durchgeführt, weil sie plausibel klingen oder Tradition haben. Ob sie tatsächlich wirken, wird selten systematisch geprüft. Die Studie PolLageCH fordert im Handlungsfeld („Lageprodukte“), dass Produkte einen klaren Mehrwert für die Zielgruppe generieren müssen. Dies ist der erste Schritt weg vom „Aderlass“ (Produktion von Berichten, die niemand liest) hin zur „Antibiotika-Gabe“ (gezielte Interventionen basierend auf präziser Diagnose).
Die fünf Handlungsfelder der Studie PolLageCH korrespondieren direkt mit den Voraussetzungen für EBP:
Handlungsfeld (PolLageCH)
Korrespondenz zu Evidence-Based Policing (Ratcliffe)
1. Fachdisziplin Lage
Etablierung wissenschaftlicher Standards und Methodenkompetenz anstelle reiner Erfahrung.
2. Organisation (Lageverbund)
Überwindung von Datensilos („Linkage Blindness“), um eine ausreichende Datenbasis für valide Analysen zu schaffen.
3. Ausbildung
Vermittlung von kritischem Denken, Statistik und Forschungsmethoden an Praktiker („Pracademics“).
4. Lageprodukte
Übersetzung von Analyseergebnissen in handlungsleitende Informationen (Influence).
5. IT-Portfolio
Technische Infrastruktur zur Datenerhebung und -analyse als Basis für Evidenz.
Die Anerkennung der polizeilichen Lage als eigenständige Fachdisziplin ist kein bürokratischer Akt, sondern ein kultureller Wandel. Es bedeutet, dass Lagespezialisten nicht mehr nur „Nachrichtensprecher“ sind, die das Geschehen von gestern zusammenfassen. Sie werden zu Analysten, die – ausgerüstet mit den Methoden des EBP – die Mechanismen der Kriminalität verstehen, Zukunftsszenarien berechnen und Führungskräfte befähigen, Entscheidungen zu treffen, die nicht auf Bauchgefühl, sondern auf Fakten basieren.