In Evidence-Based Policing widmet Jerry Ratcliffe den kognitiven Verzerrungen (Cognitive Biases) grosse Aufmerksamkeit. Unser Gehirn ist darauf programmiert, Muster zu erkennen und schnelle Entscheidungen zu treffen. Was in der Steinzeit überlebenswichtig war, ist in der modernen Datenanalyse oft hinderlich. Für Lagespezialisten sind diese mentalen Fallen besonders gefährlich.
Bestätigungsfehler (Confirmation Bias): Wir suchen und gewichten Informationen höher, die unsere vorgefasste Meinung bestätigen. Wenn ein Analyst glaubt, dass Jugendkriminalität steigt, wird er jede Schlägerei auf dem Schulhof als Beweis werten und die Statistik sinkender Jugendstrafverfahren ignorieren oder als „Messfehler“ abtun.
Verfügbarkeitsheuristik (Availability Heuristic): Wir bewerten Ereignisse als wahrscheinlicher, wenn wir uns leicht an Beispiele erinnern können. Spektakuläre Verbrechen (z.B. ein Tötungsdelikt) dominieren die Wahrnehmung der Sicherheitslage, auch wenn sie statistisch irrelevant sind (Outlier), während die Masse der Kleinkriminalität unterschätzt wird.
Bandwagon-Effekt (Mitläufereffekt): In Stäben neigen Menschen dazu, sich der Mehrheitsmeinung oder der Meinung des Vorgesetzten anzuschliessen. Ratcliffe beschreibt das Phänomen „Rank stifles innovation“ (Rang erstickt Innovation). Wenn der Kommandant eine Meinung zur Lage hat, traut sich der junge Analyst oft nicht, zu widersprechen, selbst wenn die Daten etwas anderes sagen.
Die Studie PolLageCH identifiziert im Handlungsfeld 3 einen grossen Ausbildungsbedarf. Ein zentrales Modul dieser Ausbildung muss die Psychologie der Entscheidungsfindung sein. Lagespezialisten müssen lernen, ihre eigenen Denkprozesse zu hinterfragen (Metakognition).
Ratcliffe fordert eine „Culture of Curiosity“ (Kultur der Neugier), in der Zweifel erlaubt und erwünscht sind. Die Ausbildung sollte Techniken wie das „Red Teaming“ vermitteln, bei dem eine Gruppe gezielt die Aufgabe hat, die Analyse der anderen Gruppe anzugreifen und Schwachstellen zu suchen.
Die Organisationsvarianten in PolLageCH, insbesondere die Schaffung eigenständiger Lagezentren (Variante X2/X3), dienen auch dem Schutz vor Biases. Ein Lagezentrum, das organisatorisch unabhängig von den operativen Einheiten ist, kann objektiver urteilen. Es steht nicht unter dem Druck, den Erfolg einer eigenen Massnahme „herbeischreiben“ zu müssen.
Die Handlungsempfehlung, dass kleinere Korps die Lagearbeit an grössere Partner delegieren sollten , ist ebenfalls ein Schutzmechanismus. Ein kleines „Ein-Mann-Lagebüro“ ist viel anfälliger für den Druck der Hausleitung als ein professionelles, grosses Lagezentrum, das für mehrere Partner arbeitet und eine gewisse Distanz zum Tagesgeschäft hat.
Ratcliffe thematisiert auch die ethische Dimension. Verzerrte Analysen können zu diskriminierendem Policing führen (z.B. Racial Profiling durch verzerrte Risikoprofile). Ein Lagespezialist trägt eine hohe ethische Verantwortung. Seine Analysen steuern den Einsatz von Zwangsmitteln. Die Professionalisierung der Fachdisziplin Lage, wie von PolLageCH gefordert, beinhaltet daher auch die Etablierung eines Berufsethos, das Objektivität und wissenschaftliche Redlichkeit als oberste Maxime setzt.
Kognitive Verzerrungen sind menschlich, aber im Lagezentrum inakzeptabel. Durch gezielte Ausbildung und robuste Organisationsstrukturen müssen wir Mechanismen schaffen, die diese Fehler minimieren. Der Lagespezialist der Zukunft ist nicht nur Datenanalyst, sondern auch kritischer Denker, der den Mut hat, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen, wenn die Evidenz sie stützt.