Zählen ist einfach. Gewichten ist ehrlich. Wer heute noch primär Fallzahlen addiert, betreibt Statistik. Wer beginnt, den Schaden zu gewichten, betreibt Taktik. Harm-focused Policing verschiebt die Lagearbeit von der banalen Frage „Wo ist viel?“ hin zur entscheidenden Frage „Wo ist es schlimm?“.
Klassische Lageprodukte haben eine Achillesferse, die wir oft ignorieren, weil sie so bequem ist: Sie rutschen fast automatisch in eine Volumenlogik ab. Wir sehen viele Meldungen, viele Fälle, viel „Betrieb“ auf der Karte. Das suggeriert Handlungsdruck. Diese „Heatmaps der Häufigkeit“ sind jedoch oft trügerisch.
Ein Beispiel aus der Praxis: Zehn Fahrraddiebstähle am Bahnhof erzeugen statistisch viel „Lärm“ und rote Punkte auf der Karte. Ein einziger, komplexer Fall von Menschenhandel oder schwerer häuslicher Gewalt im Verborgenen ist statistisch nur ein „leises“ Ereignis (ein Punkt). Wenn wir unsere Ressourcen rein nach Volumen steuern, schicken wir die Patrouille zum Bahnhof und ignorieren das Haus, in dem Menschenleben zerstört werden. Das blosse Zählen verwechselt Quantität mit Relevanz.
Hier setzt Harm-focused Policing an. Es ist keine neue Modeerscheinung (Hype), sondern die notwendige methodische Korrektur dieses Zerrbildes. Der Fokus verschiebt sich radikal: Der angerichtete oder potenzielle Schaden (Harm) wird zum zentralen Priorisierungsprinzip, nicht die blosse Frequenz.
Das ist kein moralphilosophischer Aufsatz, sondern ein hartes operatives Problem:
Ressourcen-Knappheit: Polizeiliche Ressourcen sind immer zu knapp für „alles“.
Priorisierungs-Dilemma: Wenn „viel“ nicht automatisch „wichtig“ ist, woran orientieren wir uns dann?
Echte Prioritäten für die Einsatzführung entstehen erst, wenn wir Kriminalität und weitere community-relevante Belastungen aktiv gewichten. In der Wissenschaft (z.B. Cambridge Crime Harm Index) nutzt man dafür oft das vom Gesetzgeber vorgesehene Strafmass als „Währung“ für Schwere. Plötzlich wiegt ein Intensivtäter, der wenige, aber schwere Delikte begeht, im Lagebild schwerer als eine Gruppe kleinkrimineller Ladendiebe. Das verändert die Einsatzdisposition fundamental.
Diese Denkweise ist nicht nur Theorie für akademische Zirkel, sie wird für eine moderne Schweizer Polizei systemrelevant. Das Projekt PolLageCH spricht explizit von „Auswirkungen“ und „Systemzusammenhängen“ als elementarem Teil des gemeinsamen Lageverständnisses.
Wenn PolLageCH fordert, dass wir Wirkungen verstehen müssen, dann ist Harm-focused Policing das Werkzeug dazu.
Die alte Welt: Das Lagebild ist eine chronologische Ereignisliste („Gestern gab es 5 Einbrüche“).
Die neue Welt: Das Lagebild ist ein Belastungs- und Wirkungsbild („Das Cluster XY verursacht derzeit 60% des gesellschaftlichen Schadens in diesem Sektor“).
Damit emanzipiert sich der Lagespezialist. Er ist nicht mehr der „Zahlen-Lieferant“ für das monatliche Excel-Reporting. Er wird zum strategischen Berater, der aufzeigt, wo der Schuh der Gesellschaft wirklich drückt.
„Harm-focused“ macht die Lagearbeit erwachsen, weil es uns zwingt, uns den schwierigen Fragen der realen Auswirkung zu stellen. Es ist einfach, 100 Verkehrbussen als Erfolg zu verkaufen. Es ist schwieriger, aber ehrlicher, die Reduktion von Schaden (weniger Verletzte, weniger Trauma, weniger finanzielle Zerstörung) als Zielgrösse zu definieren.
Für Polizisten und Lagespezialisten bedeutet das: Wir müssen aufhören, uns hinter vermeintlich objektiven Rohdaten zu verstecken, und anfangen, den Mut zur Gewichtung aufzubringen.