Aus der Geschichte der Brüdergemeine Ebersdorf
Die Geschichte der Brüdergemeine Ebersdorf ist eng mit der Geschichte des Fürstenhauses Reuß / Ebersdorf verbunden.
1691 bis 1693 liess Heinrich X. das Ebersdorfer Schloss bauen und machte es zu seinem Regierungs-
sitz.
1694 heiratete er die Gräfin Erdmuth Benigna von Solms-Laubach. Deren Familie stand in enger Verbindung zu Philipp Jakob Spener, dem Vater des Pietismus. Der Pietismus war eine religiöse Strömung der damaligen Zeit, die eingehendere Beschäftigung mit dem Wort Gottes, mehr Laientätigkeit in der Kirche, ein Christentum der Tat, Herzensfrömmigkeit und Abkehr von der Welt und ihren Vergnügungen forderte. Spener hatte großen Einfluss auf den frommen Adel seiner Zeit.
So hielt das pietistische Gedankengut auch im Ebersdorfer Schloss Einzug und es entstand am 10. Dezember 1696 „die kleine verbundene Gesellschaft“, die ganz im Geiste des Pietismus lebte und ihre eigenen Gottesdienste hielt.
In dieser Umgebung wurde 1699 der spätere regierende Graf Heinrich XXIX. geboren. Dieser machte, wie damals üblich, als junger Mann eine Bildungsreise und traf dabei in Amsterdam und später in Paris den jungen Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf. Beide Grafen erkannten eine große Übereinstimmung in Glaubensfragen und schlossen eine Freundschaft, die ihr ganzes Leben lang bestand. Die Beziehung wurde noch vertieft, als Zinzendorf 1721 Erdmuth Dorothea von Reuß, die Schwester seines Freundes heiratete. Zinzendorf war Besitzer des Gutes Berthelsdorf in Sachsen. Dort siedelten sich zu dieser Zeit mit des Grafen Erlaubnis Glaubensflüchtlinge aus Mähren an. 1722 wurde der erste Baum zu einer neuen Siedlung gefällt, es entstand Herrnhut. Der Ort wuchs schnell, es kamen Anhänger der unterschiedlichsten religiöser Richtungen nach Herrnhut. 1727 vereinigte man sich zur Herrnhuter Brüdergemeine.
Durch die verwandtschaftliche Bindung entstanden rege Beziehungen zwischen Herrnhut und Ebersdorf. Brüder und Schwestern aus Herrnhut wurden in die Dienste des reußischen Hofes in Ebersdorf übernommen. So entstand eine kleine Gemeinde, die viel Ähnlichkeit mit Herrnhut hatte, und Versammlungsformen und Ämter nach Herrnhuter Vorbild einführte. Das führte zeitweise zu Verstimmungen mit der bestehenden Schlossgemeinde. So wurde mehr und mehr das von der Gräfin Erdmuth Benigna 1732 gestiftete Waisenhaus zum geistlichen Mittelpunkt der nicht im Schloss wohnenden Brüder und Schwestern.
Diese „Gemeinde in den Anstalten“ wuchs in wenigen Jahren auf 400 Personen und erhielt 1745 durch landesherrliches Dekret ihre Selbständigkeit. 1746 erfolgte die Vereinigung mit der Herrnhuter Brüdergemeine.
Als Gründungsdatum der Brüdergemeine Ebersdorf wird der 16. Oktober 1746 begangen, der Tag an dem das neu gebaute Gemeinhaus mit dem Kirchensaal eingeweiht wurde. Um dieses Haus und den davor liegenden Platz herum entstanden in den darauffolgenden Jahren weitere Gebäude und Anlagen, die „Herrnhuter Colonie“, die bis 1920 auch eine selbständige politische Gemeinde war.
Der heute unter Denkmalschutz stehende Gebäudekomplex ist noch weitestgehend erhalten und bildet als Ensemble um den Zinzendorfplatz gruppiert den ortsbildprägenden südlichen Gemeindeteil von Ebersdorf.
Die Brüdergemeine Ebersdorf hat heute etwa 100 Mitglieder am Ort und weitere 100 in der näheren und etwas weiteren Umgebung - dem “Bereich”.
Die typischen Lebensformen der Brüdergemeine haben sich teilweise bis in die heutige Zeit erhalten. Die Männer der Gemeine werden Brüder genannt, die Frauen Schwestern. Je nach Geschlecht, Alter und Familienstand sind die Gemeindeglieder in verschiedene Gruppen eingeteilt - die “Chöre”. Früher waren diese Strukturen sehr viel ausgeprägter als heute. So lebten, wohnten und arbeiteten die ledigen Brüder im Brüderhaus, die ledigen Schwestern im Schwesternhaus und die Witwen im Witwenhaus. Damit verbunden war eine für die damalige Zeit einzigartige Sozialstruktur. Alte und Kranke wurden in ihren Chor-Häusern versorgt, Schulbildung der Kinder und ärztliche Versorgung waren Sache der Gemeine. Ein Brüdergemein-Ort zeichnete sich durch Sauberkeit, Ordnung und Ruhe aus.
Interessant sind auch die vielfältigen Versammlungsformen und die Tracht in der Brüdergemeine. Weltweit bekannt wurden die „Herrnhuter“ durch ihre Missionstätigkeit und die täglichen Losungen.