Der ehemalige Inselpastor Klaus von Mering referierte im Uniklinikum Göttingen
Von guten Mächten wunderbar geborgen
Von Gunnar Müller
GÖTTINGEN - „Wir rätseln immer wieder, warum auf den Inseln die Kirchen so voll sind", freute sich Pastor Klaus von Mering. Mehr als 24 Jahre war der Theologe Inselpastor auf Langeoog, seit 2001 befindet er sich im Un-Ruhe-stand in Rastede, immer noch in Hörweite der Nordseemöwen. Im Rahmen einer Benefizaktion für die Patientenbücherei besuchte er nun das Uniklinikum Göttingen. Und auch am südöstlichen Rand Niedersachsens zeigte von Mering, warum er nicht ganz unschuldig ist an dem Kirchenzustrom auf „seinen" Inseln.
„Kirche hat etwas zu sagen, wenn sie die passende Gelegenheit dazu ergreift", so von Mering und für ihn scheint es viele dieser Gelegenheiten zu geben. Ob als Buchautor oder bei seinen Rundfunkandachten auf NDR1 Radio Niedersachsen.
„Frei sein für die Wirklichkeit", hatte Klinikpastorin Ute Rokahr die Lesung vielsagend betitelt. „Stellen Sie sich vor", so der Pastor, „Sie sitzen auf Langeoog in der Kirche als einer unter vielen. Nach der Begrüßung käme jetzt der Psalm." Aber von Mering fand, er komme nicht alleine damit zu der Wirklichkeit der Menschen durch: „Das hat mich veranlasst, Meditationen über Psalme vorzutragen." Wie auch in der Göttinger Lesung nimmt er in Andachten die Gottesdienstbesucher mit auf eine Gedanken-Reise an Gefühlsräumen für die Seele.
Dabei passte er auch die Orte an: „Langeoog im Winter ist ein ganz anderer Ort als ein überlaufener Sommer." Immer weiter feilte von Mering an seinen Gottesdiensten, um besser „durchzudringen", sich und die Bibel verstehbar zu machen.
So legte er auch die 33 „Kernlieder" des Evangelischen Gesangbuches, die die EKD seit 2006 benannt hat, aus. Setzte sie einerseits in den historischen Kontext ihrer Entstehung, zugleich aber auch mit dem Anspruch, für heute verstehbar zu sein. „Von guten Mächten wunderbar geborgen" . Wer wisse heute beim Singen, dass Dietrich Bonhoeffer diese Zeilen aus der Internierung schrieb, sein vorletztes Gedicht war und er kurze Zeit später von den Nationalsozialisten ermordet wurde, so der Pastor. „Von guten Mächten" habe aber auch im klinischen Raum etwas Heilsames.
Doch von Mering versucht auch, in großen Katastrophen Gottes Spuren zu finden. Als 2011 der rechtsextremistische Norweger Anders Behring Breivik im Juli 2011 Bomben legte und auf der Insel Ut0ya 77 Menschen tötete, die meisten davon Kinder und Jugendliche, sangen spontan mehr als 40 000 Norweger ein bekanntes Kinderlied. Welches, so fragte der sechsfache Vater und elffache Großvater, wäre in Deutschland dazu in Frage gekommen? „Weißt du, wie viel Sternlein stehen?", so von Merings schlichte Antwort.
Fast zwei Stunden nahm der Theologe die Patienten und Gäste des Uniklinikums bildhaft mit auf eine Reise. Zwei Stunden, die sie nicht an ihr Leiden denken mussten, sondern von Möwen, von Gischt und Watt hörten.
Immer wieder lädt Pastorin Rokahr Autoren und Theologen nach Göttingen ein. Der Eintritt ist stets frei, über eine Spende freut sich jedoch die evangelische Patientenbücherei des Klinikums, die mittlerweile 6500 Medien den Patienten kostenlos zur Verfügung stellt. Vom Hörbuch über Spiele bis hin zu Romanen. Das aktuellste Buch des Rasteder Theologen Klaus von Mering „Vom Aufgang der Sonne", in dem er über alle 33 Kernlieder des Gesangbuches meditiert und so vielen einen neuen Blickwinkel verleiht, wird dort sicherlich einen besonderen Platz bekommen. (Evangelische Zeitung, Hannover 31.8.2014 S. 21)