... und viele andere bekannte und beliebte Lieder aus dem Gesangbuch - in Klaus von Merings neuem Buch "Vom Aufgang der Sonne" können Sie nachlesen, wie sie wurden, was sie hunderttausenden von Menschen sind, jungen und alten, frommen und eher weltverliebten: Ausdruck ihrer Lebensfreude und Trost in schweren Stunden, unverzichtbarer Bestandteil von Festtagen und liebgewordene Erinnerung. Von "Macht hoch die Tür" über "Komm Herr segne uns" und "Von guten Mächten wunderbar geborgen" reicht der Bogen bis "Befiehl du deine Wege" und "Großer Gott wir loben dich".
Klaus von Mering versteht es, interessante Informationen über die Entstehung der Lieder und spontane Gefühle und Einfälle so miteinander zu verbinden, dass der Leser einmal denkt, lange Bekanntes unversehens wieder zu entdecken, und ein andermal das Bedürfnis verspürt, das Buch irgendwo griffbereit in Reichweite zu hinterlegen, weil er sicher weiß, dass er es schon bald wieder aufschlagen wird.
Gottesdienste mit Psalmmeditationen I -
Advent bis Pfingsten
ISBN 978-3-525-59524-4 168 Seiten
Gottesdienste mit Psalmmeditationen II -
Trinitatis bis Ewigkeitssonntag + besondere Anlässe
ISBN 978-3525-59526-8 184 Seiten
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008
Die Auswahl der 33 besprochenen "Kernlieder" folgt einer Zusammenstellung der Evang. Kirche in Deutschland. Sie hat in verschiedenen Untersuchungen festgestellt, dass sich Menschen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Verbundenheit mit der Ortsgemeinde immer schwerer tun, gemeinsam zu singen. Mit dieser Auswahl soll ein gemeinsamer Kanon an vertrauten Gesängen geschaffen werden. Von der Kita über Unterricht und Gottesdienst bis zum Seniorenkreis soll diesen 33 Kernliedern künftig besondere Beachtung geschenkt werden. Hierzu möchten auch die Andachten von Klaus von Mering ihren Beitrag leisten.
Beim Autor noch erhältlich : klaus.vonmering @ gmail.com
Eine Liste aller 90 aktuellen Veröffentlichungen von Klaus von Mering finden Sie auf der Startseite!
Außerdem beim Autor noch in wenigen Restexemplaren erhältlich:
Viele der Psalmeditationen, mit denen Klaus von Mering in der Langeooger Inselkirche nahezu jeden Sonn- und Feiertagsgottesdienst im Sinne eines thematischen Introitus eröffnete, wurden inzwischen in zahlreichen Büchern abgedruckt.
Der Autor hat sie später durch Gebete, Liedvorschkäge und eine kurze biblische Betrachtung zu einer kleinen Andacht für viele Anlässe erweitert.
Im Anhang von Band II finden Sie Vorschläge für den Johannistag (24. Juni - "Wachsen und Abnehmen"), den Kirchweihsonntag ("Bei Gott zu Hause"), das Michaelisfest ("Thema Engel"), das Erntedankfest ( "Säen und Ernten") und das Reformationsfest (31. Oktober "Die Freiheit zu glauben").
Übrigens: Das in der 1. Auflage des Buches versehentlich fehlende Kapitel über den Kanon "Ausgang und Eingang" (EG 175) sowie die numerierte Literaturliste am Schluss des Buches stehen jetzt auf der website des Verlages zum Download bereit.
Diese beiden Bände mit Fürbitten sind in erster Linie für das öffentliche Gebet in der Gemeinschaft gedacht, besonders im Gottesdienst der Gemeinde. Dabei sprechen in der Regel nur wenige Personen, die übrigen sollen entweder ihren Gedanken folgen oder sich eigenen Gefanken hingeben können. Für beides braucht es eine ruhige, entspranntre Atmosphäre, d.h. die Sprechenden müssen ihr Worte langsam und eindringlich wählen, ohne dabei theatralisch zu werden. Den Zuhörenden muss Gelegenheit gegeben werden, zu verstehen und eigenen Gedanken dazu Raum zu geben.
Wer die Gebete für das persönliche Gebet aufschlägt, sollte sich zu gebener Zeit Textpassagen heraussuchen, die ihn/ sie ansprechen oder auf der Basis von gefundenen Texten sein eigenes Gebet aufschreiben
Die in zahlreichen Gebeten angebotenen singbaren Zeilen sind nach meiner Erfahrung ein gutes Mittel, das Zusammenwirken zwischen Vorbeter*innen und Gruppe/ Gemeinde im Sinne des oben Gesagten zu erleichtern.
Untergeordnete Seiten (3): Der Buchinhalt auf einen Blick Radiosendung über "Vom Aufgang der Sonne" Stimmen zum Buch
Ältere Veröffentlichungen von Klaus von Mering aus den 70er und 80er Jahren in div. Sammelbänden:
Klaus von Mering
Aus der Schule kommen?
Vor einiger Zeit saß ich einmal bei einer Geburtstagsfeier. Es war schon ein sehr altes Geburtstagskind, und mit dem Hören wollte es nicht mehr so ganz. Wir kamen auf die alten Zeiten zu sprechen, und ich fragte den alten Mann, wann er konfirmiert worden sei. Ich weiß nicht, ob es nun das schwierige hochdeutsche Wort »konfirmiert« war oder einfach die Schwerhörigkeit. Jedenfalls verstand er meine Frage nicht. Da versuchte seine Frau zu helfen und rief ihm zu: »Nee, Vadder, de Pastor will wäten, wecket Johr du ut de School kamen büst.« Das verstand er. Und er wußte es noch genau. Mit vielen Einzelheiten.
»Ut Scholen komen« - so sagte man früher im Plattdeutschen zur Konfirmation und sagt es wohl noch. Früher fiel das ja auch in der Regel auf den gleichen Zeitpunkt: die Konfirmation und die Schulentlassung. Heute tut's das nicht mehr, und ich bin eigentlich nicht traurig drum.
Denn wenn man darüber nachdenkt, was Konfirmation eigentlich bedeutet, dann meint es ja gerade nicht »ut School kamen«, ausgelernt haben, fertig sein, sondern genau umgekehrt: anfangen, damit umzugehen, selbständig weiterlernen, den Glauben ausprobieren. Ich will es an einem Beispiel zeigen: Als ich vor 10 Jahren meinen Führerschein machte, da sagte unser Fahrlehrer: Wenn Sie jetzt Ihren Führerschein haben, dann heißt das nicht, daß Sie fahren können, sondern: daß Sie jetzt ohne meine Hilfe anfangen dürfen, fahren zu lernen. Genau das meint der Konfirmationsschein in Bezug auf die Kirche und den Glauben auch: Nicht, daß Ihr jetzt in dem allen perfekt, daß Ihr damit jetzt fertig seid, sondern daß Ihr selbständig anfangen dürft, Euch darin einzuüben.
Natürlich ist an dem »ut Scholen komen« auch etwas Richtiges. Die zwei Jahre unserer gemeinsamen Arbeit sind nun vorüber. Und man muß nicht Gedanken lesen können, um Euren Seufzer zu hören: ein Glück! Aber ich hoffe doch, daß Ihr alle begriffen habt, daß das nicht bedeutet: Nun haben wir's geschafft. Gott kann man nie »schaffen«. Man sagt wohl, daß das Leben eine Schule sei. In diesem Sinn kommt Ihr heute nicht aus der Schule heraus, sondern eher gerade erst hinein. Nun gilt es, das Handwerkszeug zu gebrauchen, das wir uns in den zwei Jahren zurechtgelegt haben.
Ich will das nicht noch einmal in seinen Einzelheiten wiederholen. Dazu waren wir ja am Dienstagabend zusammen1. Nur das Grundsätzliche soll noch einmal herausgestellt sein. Drei Punkte scheinen mir dabei wichtig:
Erstens: Wir haben gelernt, daß zum Glauben Gemeinschaft notwendig ist. Darum mußtet ihr jede Woche die oft weiten Wege zurücklegen, nicht selten durch Regen und Wind oder Eis und Schnee. Weil man den Glauben nicht im Heimstudium lernen kann. Menschen müssen zusammenkommen, wenn ihr Glaube lebendig und aktiv bleiben soll. Solches Zusammenkommen ist nie eine ganz einfache Sache, nicht nur wegen der weiten Wege und des schlechten Wetters. Auch innerlich sind unsere Wege oft sehr weit zueinander. Wir kennen uns nicht. Oder wir mögen uns nicht. Oder wir lieben es überhaupt nicht, mit andern Menschen zusammen zu sein. Und dann liegt da auch im übertragenen Sinn mancher Eis- und Schneeberg zwischen uns und der Kirche. Das kann schon das Aufstehen sein am Sonntagmorgen. Oder die Arbeit, die uns keine Zeit lassen will. Oder einfach die Tradition, daß das bei uns zu
1 Gottesdienst zur Vorstellung der Konfirmanden.
Hause noch nie üblich war. Oder die Behauptung, Kirche sei altmodisch oder langweilig, eine Behauptung, die nachzuprüfen man nicht mehr für notwendig hält. Wie gesagt, es gibt viele solche Eisberge. Es ist auch nicht schlimm, daß sich da jeder seine Gedanken macht. Die Bibel will nicht, daß wir alle überein sind. Denken wir an die Bilder vom Schiff und vom Leib:
Der eine ist Steuermann, der andere Maschinist und der dritte vielleicht Smutje. Und doch gehören sie alle zu einer Mannschaft. Gerade weil sie alle verschieden sind. Nur mit Steuerleuten oder nur mit Smutjes kann ein Schiff nicht fahren. Jeder muß seine eigene Art und seine eigene Aufgabe haben. Aber die muß er dann auch erfüllen, gemeinsam mit den andern. Der Steuermann kann nicht steuern, wenn der Maschinist den Motor abstellt. Und der Maschinist kann nicht arbeiten, wenn der Smutje nicht kocht. Sie müssen alle ihr Teil zur gemeinsamen Sache beitragen, damit das Schiff in Fahrt bleibt. Genauso ist das mit der Gemeinde auch. Oder — im Bild vom Leib gesprochen: Es können nicht alle Ohren oder Augen sein. Jeder hat seine besondere Aufgabe. Es muß auch kleine Finger geben. Aber wenn nicht alle Glieder an einem Leib zusammenhalten, verlieren sie ihren Sinn, ja ihr Leben 2.
Für Euch kommt es jetzt darauf an, das, was Ihr in der kleinen Gemeinschaft der Konfirmandengruppe gelernt habt, auf die große Gemeinschaft der Gemeinde zu übertragen. Dieser Übergang ist eigentlich die Konfirmation.
Wenn Ihr nachher Eure Konfirmationsscheine erhaltet, dann findet Ihr darauf jeder einen Bibelspruch - wie üblich. Aber was nicht üblich ist, ist, daß alle 37 Konfirmationssprüche aus ein und demselben Kapitel der Bibel stammen, nämlich dem 119. Psalm, aus dem wir zu Anfang einige Verse hörten und aus dem auch unser Predigttext genommen ist. Ich will Euch damit zeigen: Jeder von Euch ist im Grunde nur ein Teil, ein Glied, und nur in der Gemeinschaft seid Ihr ein sinnvolles Ganzes. In der Taufe seid Ihr alle Kinder Gottes geworden. Gott will keins seiner Kinder verlieren, er wünscht sich, daß jedes mit ihm so vertraut wird und bleibt wie die Kinder mit ihrem Vater. lhr wißt ja noch: »Gott will uns damit locken ...«
Das zweite, was wir gelernt haben, ist: Eine Gemeinschaft ist eine Sache, die man nicht einfach machen kann, wenn sie einmal kaputtgegangen ist.
2 Die Bilder vom Schiff und vom Leib standen während des Unterrichts im Mittelpunkt des Themenkomplexes »Kirche«.
Denkt an die zerrissenen Bilder in dem Film 3, den wir in Ahlhorn gesehen haben. Auch im Unterricht haben wir erlebt, wie ein böses Wort oder eine ungehorsame Tat die ganze Gruppe in Mitleidenschaft zieht. Am Beispiel des Sports kann man sich das gut klarmachen: In einer Fußballmannschaft braucht nur einer der Spieler ein grobes Foul zu begehen und deshalb vom Platz gestellt zu werden, schon gerät das ganze Gefüge der Mannschaft durcheinander, und der Sieg ist gefährdet.
In dieser ständigen Gefahr befindet sich auch die christliche Gemeinde. Denn jeder von uns unterliegt immer wieder der Versuchung, nur auf sich selbst zu sehen und die Gemeinschaft nicht so wichtig zu nehmen. Das nennt die Bibel Sünde. Darum beginnt der lutherische Gottesdienst mit dem Bekenntnis: Wä bekennen Gott, dem Allmächtigen, daß wir gesündigt haben in Gedanken, Worten und Werken. Nicht, weil jeder seine kleinen oder auch gro-l ßen Fehler hat. Sondern weil wir alle daran schuld sind, daß die Gemeinschaft unserer Gemeinde nicht gut ist. Und weil sie nur durch Gottes Vergebung besser werden kann.
Wahrscheinlich müßt Ihr hier Euren Eltern und Großeltern etwas vormachen, ihnen vorangehen, indem Ihr die Gemeinschaft der Gemeinde im Gottesdienst wichtig nehmt. Eure Großeltern sind nämlich in einer Zeit groß geworden, als die Kirche Ihre Aufgabe, Gemeinschaf t zu stiften, noch gar nicht recht erkannt hatte, weil die Gemeinschaft, rein äußerlich gesehen, noch weithin da war. Und Eure Eltern sind in einer Zeit groß geworden, als es sehr schwer war, mit der Kirche zu leben. Ihr dürft sie darum in diesem Punkt nicht überfordern. Aber ich denke, wenn Eure Eltern merken, daß es Euch ernst ist, werden sie Euch bestimmt nicht allein lassen. Und Ihr werdet merken, daß die Gemeinschaft der Gemeinde aud für die Gemeinschaft der Familie wichtig ist.
Das ist auch der eigentliche Grand, warum Ihr mit der Konfirmatior öffentlich zum Abendmahl zugelassen werdet. Ihr erinnert Euch: In dei Einsetzungsworten zum Abendmahl heißt es: »Das ist mein Blut, das für Euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden.« Darum stand aud unserem Schaubild zum Abendmahl zwischen Brot und Kelch das Kreu und darunter neben dem Wort »Gemeinschaft« das Wort »Vergebung« Christus lädt uns immer wieder an seinen Tisch ein, obwohl wir nicht .-waren, wie wir sein sollten. Ja, gerade weil wir durch unser Tun oder
3 »Einladung zu Tisch« v. Jörg Zink, behandelt auf einer Konfirmandenfreizeitj zur Einführung in das Abendmahl.
durch unser Nichttun der Gemeinschaft seiner Brüder geschadet haben, hält er uns an seinem Tisch einen Platz frei. Er will nämlich merkwürdigerweise gerade die zu Gast haben, die das nicht verdient haben. Denn so will er uns helfen, mit ihm und untereinander zurechtzukommen. Ihr wißt doch, was für ein Erlebnis das für Euch alle war, wenn wir auf den Freizeiten zusammen gegessen und gelebt haben. Das Abendmahl ist mehr. Mehr, weil es nicht nur für eine bestimmte Gruppe da ist, sondern für alle. Und mehr, weil wir im Abendmahl nicht nur unsere Gemeinschaft erleben, sondern weil sie dort auch in Ordnung gebracht wird durch Vergebung der Sünde.
Und ein drittes und letztes: Auf Euren Leporellos zum Thema »Kirche« haben auffallend viele von Euch eine oder mehrere Seiten dem Thema gewidmet: »Was tun die Christen?« Und sie haben die verschiedensten Antworten gefunden: von »Aktion Sorgenkind« bis zur Hilfe in Biafra. Hier ist etwas ganz Wesentliches gesehen und angesprochen: Wenn zum Leben in der Gemeinde, im Gottesdienst oder wo immer sich diese Gemeinschaft ausdrückt, wenn zu diesem Leben nicht der praktische Liebesdienst hinzukommt, wird alles faul und falsch. Oder eigentlich sollte ich gar nicht sagen: hinzukommt. Beides gehört einfach zusammen. Christliche Gemeinde ohne Gemeinschaft im Gottesdienst taugt nicht. Und christliche Gemeinde ohne Gemeinschaft in der Liebe taugt auch nicht. Den Leuten, die keine Christen sind, können wir's nicht übel nehmen, wenn sie sich den Bauch vollschlagen und sagen: Was gehen mich fremde kranke Kinder oder die hungernden Neger in Afrika an! Aber wir, die wir hier zusammengekommen sind, um die christliche Feier der Konfirmation zu begehen, wir können doch nicht so reden. Und wir können auch heute nachmittag nicht so miteinander feiern.
Gewiß, auch in diesem Punkt sind wir auf Gottes Vergebung angewiesen. Keiner von uns kann behaupten, alles getan zu haben. Ja, wir werden uns wohl immer wieder den Vorwurf gefallen lassen müssen, auch nicht besser zu sein als die ändern. Aber das darf uns nicht gleichgültig und stumpf machen. Gott ruft uns immer von neuem zur Gemeinschaft. Und Gemeinschaft heißt auch: Liebe untereinander.
Wenn Ihr von dieser Gemeinschaft in den beiden Jahren unseres Zusammenseins etwas begriffen habt, dann ist die Zeit nicht vergeblich gewesen. Und wenn Ihr heute begreift, daß es nicht um das Ausscheiden aus der Gruppe, sondern um das Eintreten in die Gemeinde geht, dann wird dieser Gottesdienst auch nicht vergeblich sein.
Im Bericht der Hubschraubermannschaft, die über dem weiten Katastrophengebiet gekreist und pausenlos Versorgungsgüter abgeworfen hatte, hieß es: »Eine Landung durften wir einfach nicht wagen. Die fast verhungerten und von Elend gezeichneten Menschen hätten unsere Vögel gestürmt.«
Ein sehr vernünftiger Entschluss. Nur so konnten die Hilfssendungen rationell verteilt und die größte Not beseitigt werden. Man kann sich unschwer ausmalen, was aus den Hubschraubem geworden wäre, wären sie tatsächlich gelandet. Die Menschen wären in wilder Verzweiflung über sie hergefallen und hätten sie in Stücke zerrissen: Aus der Pilotenkanzel hätte sich vielleicht eine Familie eine Notunterkunft gebaut. Den Treibstoff hätte man benutzt, um Leichen zu verbrennen und sich so gegen Seuchen zu schützen. Ja, wer weiß, vielleicht hätte sogar jemand die Idee gehabt, die Besatzungsmitglieder als Geiseln zu gebrauchen und mit ihrer Hilfe die entsendenden Staaten zu erpressen. Nein, es war schon die vernünftigste Lösung, oben zu bleiben und hier und da ein Hilfspaket abzuwerfen.
Warum ist Gott nicht »oben« geblieben? Wie konnte er so unvernünftig sein, mitten unter den fast verhungerten und von Elend gezeichneten Menschen zu »landen«. Nichts anderes meint doch offenbar die Geschichte von Bethlehem und dem Stall, von den Engeln und den Hirten. Gott hat genau das getan, was jedem rationellen Katastropheneinsatz ins Gesicht schlägt.
Es war doch abzusehen, daß die Menschen ihn früher oder Später zerreißen würden in ihrer Sucht, mehr aus ihm herauszuholen: mehr Freiheit für die unter der römischen Steuerpolitik seufzende Bevölkerung; mehr religiöse Befriedigung für die Frommen, die auf Gottes Offenbarung warteten; mehr Wunder für die sensationsgierige Masse. Wenn die Hirten nicht so beschränkte, kurzsichtige Leute gewesen wären, hätten sie es eigentlich
schon damals durchschauen müssen, die Konsequenz dieser »Landung«: das Kreuz. Gott hat doch mit seiner Aktion nur dies eine erreicht, daß er seitdem von Millionen und Milliarden von Menschen erpresst wird: Du
hast uns deinen Sohn gegeben, wir können dir nicht gleichgültig sein!
In der Tat, genau das hat er erreicht. So unvernünftig ist Gott: Das heißt Weihnachten! Und es ist nun einfach die Frage, ob wir uns dieser unvernünftigen Entscheidung stellen oder auf Weihnachten verzichten wollen.
Anders - das ist sicher -, anders als so, in dieser Geschichte, ist Weihnachten nicht zu haben. Versuche sind zwar genug gemacht worden: von der deutschen Weihnacht über die Feier des Konsumterrors bis zum Fest der Familie und der leuchtenden Kinderaugen. Aber alle diese Versuche haben nach kurzer Zeit einen faden Nachgeschmack hinterlassen, und in den letzten Jahren breitet sich anscheinend mit zunehmender Geschwindigkeit die Ahnung aus, daß wir mit diesen Ersatzprodukten um das Eigentliche betrogen worden sind.
Wir werden Weihnachten nicht gerecht, wenn wir nicht versuchen, diesen unvernünftigen Gott zu verstehen, der sich gegen die »Hilfspakete von oben« und für die »Landung« entschieden hat. Die Verstehenshilfen, die Lukas uns mit seiner Weihnachtsgeschichte bietet, sind allerdings selbst eher fragende Anmerkungen als durchschlagende Argumente.
Das erste klingt beinahe wie eine ironische Erwiderung auf den Gedanken, von Augustus, dem römischen Weitherrscher, den »Frieden auf Erden« zu erwarten. In der Tat, er bringt ihn. Aber nicht kraft seiner Armeen, die
jeden Gedanken an kriegerische Auseinandersetzung im Keim ersticken. Auch nicht kraft seines Staatsapparates, der die vielfältigen Interessen und spannungsvollen Unterschiede der damals bekannten Welt unter das einheitliche römische Recht zwingt. Nein, Augustus bringt den Frieden auf Erden, indem er, ohne es zu wissen, dafür sorgt, daß auf ein neugeborenes Kind die alten Messiaserwartungen des Gottesvolkes zutreffen: aus Davids Stamm, in Bethlehem geboren. Zu mehr ist Augustus nicht zu gebrauchen.
Gott muß »landen« unter den Menschen, weil weder das Gleichgewicht der militärischen Kräfte noch ein Programm von Recht und Ordnung den Frieden auf Erden errichten können, sondern allein der, der sein Versprechen wahrmacht und selbst kommt. Der nicht etwas bringt, sondern sich selbst, der nicht dieses oder jenes Lebensmittel, sondern sein Leben gibt.
Den zweiten Hinweis gibt Lukas mit den Hirten. Hirte wurde man damals, wenn es zu einem »ordentlichen« Beruf nicht reichte oder gewisse Umstände nahelegten, für einige Zeit aus der Gesellschaft zu verschwinden. Für die Hirten gehört die Nacht nicht nur zur Arbeitszeit, sondern zur Situation. Sie sind Menschen im Dunkeln, auch wenn die Sonne scheint. Und ausgerechnet ihr Mund soll Klarheit darüber schaffen, wer da in Bethlehem geboren ist. Jeder andere wäre ein wirkungsvollerer Zeuge gewesen.
Aber die »Klarheit des Herrn« leuchtet anscheinend nicht bei Menschen, die im Rampenlicht stehen. Weil sie zu abgeklärt und zu sicher sind, um sich fürchten zu können. Und darum wohl auch zu ausgebrannt, um sich zu freuen. Menschen, die das Dunkle nicht mehr sehen, sehen auch das Helle nicht. Die Bewegung zwischen Furcht und Freude findet nicht statt, und so geraten sie auch nicht in Bewegung, um »die Geschichte zu sehen, die da geschehen ist«.
Aber es gilt auch das Umgekehrte: Wo unser Weihnachten nicht mehr Licht bringt zu den Menschen im Dunkeln, da wird es auch nicht mehr »reden«. Da wird es stumm und unglaubwürdig, und niemand darf sich wundern, wenn die »große Freude« keinen mehr freut.
Der dritte Hinweis betrifft schließlich das Kind selbst: Es ist gekennzeichnet durch Windeln und eine Krippe. Wir haben uns im Laufe einer langen Geschichte angewöhnt, diese Zeichen als Ausdruck einer ganz besonderen,
ja einmaligen Ärmlichkeit anzusehen, bei deren Anblick uns Schauer der Rührung überlaufen. Nüchtern betrachtet, ist das Ganze damals sicher eine sehr gewöhnliche und alltägliche Situation gewesen. Maria wird nicht die
einzige gewesen sein, die in jenen Tagen in Bethlehem entbunden hat. Und in dem großen Gedränge der Volkszählung dürfte noch mancher Säugling sein Lager in einer Futterkrippe gefunden haben.
Das Zeichen, das die Engel den Hirten an die Hand geben, ist also kein eindeutiges Zeichen. Damals wie heute gilt es, sich zu entscheiden, in welcher Gestalt einem Gott begegnet. Beweise gibt es nicht, das Risiko des Irrtums bleibt stets eingeschlossen. Aber wer das Risiko eingeht, hat wie die Hirten das Versprechen im Rücken: »Ihr werdet finden ...« - mitten im Gedränge des Alltags, mitten unter den Menschen, die in stiller Ergebung oder ohnmächtigem Zorn getrieben werden von fremden Gesetzen.
Freilich, dort ist er zu finden. Es war keine Notlandung auf dem Weg zum Regierungsflughafen von Rom, Gott ist mit voller Absicht gerade mitten unter den halb verhungerten und von Elend gekennzeichneten Menschen
gelandet, obwohl sie ihn über kurz oder lang zerreißen würden.
Das Merkwürdige ist nur, daß dieses unvernünftige Unternehmen Gottes nicht aufgehört hat, als sie diesen Jesus tatsächlich zerrissen hatten. Der mächtige Kaiser in Rom hat sich am Ende als schwächer erwiesen als die
Bewegung, die von dieser Entscheidung Gottes ausging. Und diese Bewegung hält bis heute an, ja wir müssen offenbar in zunehmendem Maße erkennen, daß in allen Lebensbereichen die Hingabe wichtiger ist als die
Gabe, die Solidarität wirksamer als die Spende. Könnte es sein, daß wir wirklich begonnen haben, mit der Unvernunft Gottes zu denken?
(aus: Nitschke_Horst, Worte am Sonntag – heute gesagt I,1 Gütersloh 1972 S. 31-34)
Daß dieses kleine Wesen ein begnadetes Menschenkind werde, das ist jetzt sicher unser aller Wunsch. Und in diesem Wort »begnadet« klingt all das zusammen, was wir diesem Kind für seinen Lebensweg wünschen:Gesundheit, Wohlergehen, Glück, Zufriedenheit, Erfolg - ja wohl auch ein angenehmes Äußeres, eine liebenswürdige Art und dieses schwer beschreibbare Etwas, das einen Menschen in seiner Umgebung beliebt und geschätzt sein läßt.Um es gleich vorweg zu sagen: Sie brauchen nicht zu fürchten oder zu argwöhnen, diese unsere Hoffnungen hätten hier in der Kirche nichts zu suchen. Es geht hier bei der Taufe um dasselbe Menschenkind, dessenGeburt für Sie all die Erfahrungen bedeutet, die bis zu diesem Tage hinter Ihnen liegen, und all die heimlichen Wünsche, die Sie an seine Zukunft knüpfen. Wenn die Bibel von Gnade spricht, dann hat sie dies alles mit im Auge: daß der Mensch heil und gesund und glücklich werde.Nur meint sie das nicht in dem vordergründigen Sinn, in dem wir diese Worte normalerweise gebrauchen. Das würde nicht genügen, um unser Leben zu verstehen, und es würde darum auch nicht genügen, ein Kind zu erziehen. Glauben heißt im Sinne der Bibel, das Leben verstehen, in seiner Tiefe, umfassend; denn der Glaube läßt sich sagen, was das Leben wirklich ausmacht.Ein Kind nimmt sein Dasein, wie es ist. Es fragt nicht, woher es kommt und wohin es treibt. Als Erwachsene empfinden wir vielleicht gelegentlich eine romantische Sehnsucht nach dieser Naivität, aber wir wissen, daß wir so nicht leben können, daß wir das Woher und Wohin kennen müssen, um verantwortlich zu entscheiden, ganz besonders in der Erziehung unserer Kinder.Glauben ist also eine Konsequenz des Erwachsenwerdens Darum geht diese Taufe zunächst einmal uns, die Großen an. Wir dürfen uns nicht begnügen mit der kindlichen Sicht des Lebens zwischen Glück und Unglück, Erfolg und Mißerfolg, Gesundheit und Krankheit. Wir dürfen uns nicht begnügen mit kindlichen Wünschen für unser Kind. Darum sol1 der Taufspruch Ihres Kindes zuerst Ihre eigene Bitte werden: »Laß mich deinen Weg wissen!«Ich meine allerdings, dieser neue Weg, der quer durch unsere kindlichen Koordinatensysteme verläuft, ist nicht etwas ganz und gar Unanschauliches und Verborgenes. Ein aufmerksames Auge wird immer wieder Markierungszeichen dieses Weges entdecken und entziffern: etwa die Einsamkeit und Leere, die hinter der Fassade des Wohlstandes wohnen kann, oder den Lebensmut und die Energie, die gelegentlich in einemKrankenzimmer zu Hause sind. Die Unruhe, die einen bei einmal Erreichtem nicht ausruhen läßt, oder auch die Gelassenheit, die einem auf langem beschwerlichen Weg Zeit zu festlicher Entspannung läßt. Fast täglich begegnet man solchen Zeichen, die einem, wenn man sie beachtet, die Orientierung möglich machen und dem Augenblick stets eine neue Dimension eröffnen. Der Antrieb, diese Zeichen zu suchen, steIlt sichfreilich nicht von selbst ein. Im Gegenteil: Die naive Sicht des Lebens, die nur Glück und Unglück, Armut und Reichtum, Arbeit und Freizeit als Grenzmarken kennt, übt zeitlebens eine lockende Faszination auf den Menschen aus. Wir wissen allmählich, daß Geld nicht glücklich macht - und doch jagen wir ihm nach. Wir wissen, daß Sexualität nur ein Bruchteil der Liebe ist - und doch machen wir uns von ihr abhängig. Wirwissen, daß man sich die wesentlichen Dinge des Lebens schenken lassen muß - und doch ist unser Leben ausgefüllt von Verdienen und Kaufen.Deshalb muß unser Bibelwort fortfahren: »Laß mich deinen Weg wissen, damit ich dich kenne.« Ohne diese »Kenntnis« erkennen wir die Orientierungszeichen in unserm Leben nicht. Ohne die Sicht, wie sie sich inden Augen Gottes darstellt, richten wir uns nach falschen Koordinaten. Darum brauchen wir die Gemeinde, in der um diese Sicht gerungen wird. Darum brauchen wir die Bibel, die uns Anleitung gibt, die wirkliche Lebensgrenze zu entdecken. Darum brauchen wir das Gebet, das unsern Blick über die eigenen Möglichkeiten hinaus weitet. »Laß mich deinen Weg wissen, damit ich dich kenne!«Vielleicht wird von hier aus deutlich, was Sie als Eltern und Paten mit Ihrem Versprechen, Ihr Kind »christlich zu erziehen«, auf sich nehmen. Nicht um die abstrakte Frage religiöser Profis geht es, ob es wohl einen Gott gibt oder nicht - so gestellt empfinde ich diese Frage als sehr unnötig und langweilig. Sondern es geht bei der christlichen Erziehung darum, diese Änderung des Blickwinkels vorzunehmen; damit dieses Menschenkind später in den Menschen und Dingen nicht nur sieht, war vorhanden, sondern was möglich ist; damit es nicht nur sieht, wo etwas zu holen ist, sondern auch, wo es beschenkt wird; nicht nur, wo es nichtmehr weiter weiß, sondern auch, wo im Ende der Anfang verborgen ist.M. a. W. damit es lernt, die Welt mit den Augen Gottes zu sehen: »Laß mich deinen Weg wissen, damit ich dich kenne! «Ich hoffe, Ihnen ist deutlich geworden, wie wenig solche Art Erziehung etwas mit den frommen Sprüchen zu tun hat. »Glauben ist eine Konsequenz des Erwachsenwerdens.« Es geht also um Ihre Rolle als Vater undMutter, als erwachsene Partner dieses Kindes, wenn es um christliche Erziehung geht. Werden Sie ihm durch Ihr Beispiel die kindischen Ziele von Erfolg, Beliebtheit und Glück vor Augen stellen, oder werden Sie es hinweisen auf die verborgenen Markierungszeichen der eigentlichen Lebensgrenze? Werden Sie diesem Kind also ermöglichen, erwachsen zu werden? Oder werden Sie es trotz aller Investitionen an Geld und Bildung letztlich unmündig halten? Darum geht es bei Ihrem »Ja«.Von daher bekommen schließlich auch die heimlichen Wünsche und Erwartungen, die Sie an die Zukunft Ihres Kindes richten, ihren angemessenen Stellenwert. »Laß mich deinen Weg wissen, damit ich dich kenneund Gnade vor deinen Augen finde.« »Begnadet« im eigentlichen Sinn ist der, der sich selbst entdeckt unter den Augen Gottes, der sich selbst einbezieht in die veränderte Sicht der Dinge: Nicht nur das Vorhandene,sondern das Mögliche. Nicht nur, was zu holen ist, sondern was geschenkt wird. Nicht nur, wo man nicht mehr weiter weiß, sondern im Ende den verborgenen Anfang sehen. Taufe sagt: Nun ruhen diese Augen auf dir. Ein Blick, der mich trifft, kann sprechend oder fragend sein, erkann etwas geben oder etwas erbitten. In jedem Fall setzt er mein Leben in eine Beziehung, entreißt mich der Einsamkeit und Sinnlosigkeit, setzt mich in Bewegung. »Unter den Augen Gottes« meint aber, daß dies nicht nur hier und da, zufällig und flüchtig geschieht, sondern unaufhörlich, unnachgiebig, ja vielleicht überwältigend. Es kommt nur darauf an, diese Augen zu »suchen«, dem Blick zu begegnen, um Gnade zu finden, um wirklich als der begnadete Mensch zu leben, der ich durch die Taufe sein kann.Diese Suche wird sich freilich in der Regel nicht vollziehen als Versenkung in ein mystisches Jenseits, diesen Augen Gottes wird der Mensch nur in seltenen Ausnahmesituationen in einer unmittelbaren Erfahrung begegnen. In der Regel werden wir sie entdecken im Spiegel unseres Alltags, im Spiegel jener Markierungszeichen, die unser normales Koordinatensystem durchkreuzen. Nicht an den Grenzen also, sondern mitten in unserm Leben, mitten zwischen Glück und Unglück, Gesundheit und Krankheit, Erfolg und Mißerfolg. Und so wird der Getaufte mitten in diesen Erfahrungen ein Begnadeter sein.Eltern und Paten (Akademiker) hatten zugleich mit dem Wunsch nach der Taufe ihres Kindes Bedenken gegen die Praxis der Kindertaufe angemeldet. Sind Taufe und christliche Erziehung eines Kindes nicht Manipulation zur Unmündigkeit? Wie kann man zum Glauben erziehen, wenn man selbst Schwierigkeiten mit diesem Glauben hat? Ist für ein erfülltes Leben der Glaube an Gott nötig? Auf diese Fragen suchte die Predigt im Taufgottesdienst nach einer Antwort.(aus: Nitschke_Horst, Worte zur Taufe - heute gesagt. Güterslog 1973 S.107-110) 1974
Niederfahrt des Himmels Himmelfahrt Markus 16,14-20
Heute, am Himmelfahrtstag, muß es sich erweisen, ob wir Ostern, ob wir die Auferstehung Jesu begriffen haben oder nicht. Es geht ja heute nicht um ein besonderes Ereignis >HimmeIfahrt<, über das wir uns nun die Köpfe zu zerbrechen hätten, wie man sich das vorstellen soll. Wir sind überhaupt nicht hier, um uns die Köpfe zu zerbrechen, sondern wir sind hier, um ein Fest zu feiern. Wo der Himmelfahrtstag richtig begangen wird, da werden Menschen fröhlich, da schöpfen sie neuen Mut, da überkommt sie eine große Zuversicht, da vergessen sie, wie ängstlich und unsicher sie eben noch in die Zukunft geblickt haben, in ihre eigene Zukunft und in die Zukunft der Welt. Wo Himmelfahrt richtig gefeiert wird, da wird es als Bestätigung, als Unterstreichung und Erklärung der Osterfreude gefeiert.
Mir scheint, die Schwierigkeiten, die wir mit Himmelfahrt haben, rühren davon, daß wir diese Verklammerung von Ostern und Himmelfahrt nicht sehen oder aus dem Auge verlieren. Wir haben diesen Tag in unserm Denken zu einem selbständigen Ereignis gemacht und stehen nun unentrinnbar - und zumeist hilflos - vor den rein technischen Denkproblemen, die uns Himmelfahrt stellt.
Gewöhnlich wird uns an dieser Stelle - allmählich bereits bis zum Überdruß - die Veränderung des Weltbildes im Laufe der Geschichte vorgehalten. Gewiß: Die Alten haben sich den Himmel als ein Gewölbe über der Erdscheibe vorgestellt. Darum Himmelfahrt als Auffahrt von der Erde zum Himmel. Aber für uns ist der Himmel kein Lokal mehr, von dem wir sagen könnten: Da oder dort ist es. Wir haben gelernt, unsere Erde in den größeren Zusammenhängen von Sonnensystemen zu sehen.
Nur: Das eigentliche Problem >Himmelfahrt< ist dadurch noch nicht gelöst. Ich könnte auch so sagen: Merkwürdigerweise war den Christen damals die Himmelfahrt trotz ihres alten Weltbildes problematisch. Sie dachten sich den Himmel da oben, aber ein fröhliches und ermutigendes Fest wurde ihnen Himmelfahrt dadurch gerade noch nicht. Denn Himmelfahrt für sich betrachtet bedeutet ja den schmerzlichen Abschied von Jesus und die Angst vor dem Alleinsein.
Erst wenn man das alles von Ostern her anschaut, wird Himmelfahrt sinnvoll. Ostern heißt ja: Es kommt etwas total Neues. Es ist aus mit der alten Welt. Sie hat einen dicken Sprung bekommen, der bereits so breit ist, daß das Licht der Gegenwart Gottes zu uns hereinscheint.
parnit ist sowohl einer ganz alten wie einer sehr modernen Weltanschauung verboten, den Himmel irgendwo da oben, irgendwo weit weg zu denken. Sondern dann gilt ja: Der Himmel ist unter uns. Das Reich Gottes ist angebrochen, jer Tod ist verschlungen in den Sieg, siehe, ich bin bei euch alle Tage. Himmelfahrt ist also gerade nicht Ende, sondern Anfang, nicht Abschied, sondern Ankunft: Christus hat sein Ziel erreicht: Die neue Welt, die Gott in der Osternacht ins Leben rief, ist nun in Kraft getreten. Es gilt nun nicht mehr nur für die Frauen am Grab: Christus lebt. Es gilt uns allen. Es meint nun nicht mehr Jesus allein: nicht der Tod, sondern das Leben. Es meint uns alle. Nicht mehr allein der Gichtbrüchige darf es hören: Dir sind deine Sünden vergeben. Wir dürfen es alle hören. Es gilt nicht mehr nur dem Zöllner Levi: Steh auf und folge mir nach. Es gilt uns allen. Es passiert nicht mehr allein den elfen: Da sie zu Tische saßen, offenbarte er sich ihnen. Es passiert uns allen bei Brot und Wein.
Vielleicht kann man es in aller Kürze so sagen: Himmelfahrt heißt nicht: Auffahrt Jesu von der Erde in einen fernen Himmel. Sondern: Niederfahrt eines fernen Himmels auf die Erde durch Jesus. Im wahrsten Sinn des Wortes >Himmelfahrt<.
Es geht darum am Himmelfahrtstag nicht um Raumfahrt im allgemeinen und Christi Himmelfahrt im besonderen, sondern es geht um die Kirche, um uns: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. Die Ausbreitung des Evangeliums wird von vielen Menschen noch immer als das etwas merkwürdige Hobby einiger besonderer Abenteurer angesehen. Der tiefste Grund dafür ist, wie mir scheint, eben diese falsche Vorstellung von Himmelfahrt. Denn wenn Himmelfahrt die Abreise Christi aus der Welt bedeutet, dann kann es in der Tat für die Christen nur darum gehen, sich bis zu seiner Wiederkunft die Zeit zu vertreiben. Und die Ausbreitung des Evangeliums wäre dann nur ein solcher Zeitvertreib, der sich noch dazu - gelinde gesagt - nur für ganz bestimmte Typen eignet. Wenn aber Himmelfahrt die Niederfahrt des Himmels auf die Erde bedeutet, dann - ja dann geht es wie mit einem Eimer voll Wasser, das man auf die Erde schüttet: Es hat nichts Eiligeres zu tun, als sich nach allen Seiten auszubreiten.
So wird von Himmelfahrt her der ganzen Gemeinde, der ganzen Kirche eine gewaltige Verantwortung auferlegt. Glaube ist jetzt wirklich keine Privatangelegenheit mehr und Mission auch nicht mehr das Spezialvergnügen einiger weniger. Die ganze Kirche, jeder Christ steht unter dem Auftrag, die Nachricht von Ostern weiterzutragen: Die Nachricht, daß nicht mehr alles beim alte^ ist weil die Welt einen lebensgefährlichen Sprung bekommen hat - oder sag$ jch richtiger: einen todgefährlichen und lebenbringenden Sprung. -r Es ist klar, daß das durchaus nicht bedeutet: Im Idealfall muß jeder Christ ein Pastor sein. Himmelfahrt macht uns ja nicht nur zur Aufgabe, eine Botschaft weiterzusagen und bekanntzumachen. Sondern Himmelfahrt mutet es uns zu und hält uns für würdig, die Welt neu zu machen. Gott will den Himmel eben nicht durch Engel auf die Erde bringen oder auch durch einen katastrophalen Weltuntergang, sondern durch uns, durch die Christen. Darum heißt es hier bezeichnenderweise: Predigt das Evangelium aller Kreatur. D.h. ja: Nicht allein die Menschen, sondern die ganze Schöpfung ist das Ziel, das dem Glauben durch Christi Himmelfahrt gesetzt ist. Vom hl. Franziskus wird erzählt, er habe auf dem Feld den Tieren gepredigt. Nun, bestimmt nicht, um es zur Nachahmung zu empfehlen. Sondern um das sinnbildlich zu verdeutlichen: Der Tod, der zu Ostern besiegt wurde, ist nicht ein besonderer Christustod oder auch nur ein besonderer Menschentod, sondern die Vergänglichkeit alles Geschaffenen.
Darum: Prediget aller Kreatur. Und darum sind damit nicht nur die Pastoren angesprochen. (Obwohl sich-das nur nebenbei - eine Gemeinde sehr ernsthaft nach der Lebendigkeit ihres Glaubens wird fragen müssen, wenn nicht immer wieder junge Menschen aus ihr hervorgehen, die es zu ihrem Beruf machen wollen, Zeugen des Evangeliums zu sein. Das Wasser im Eimer, von dem ich vorhin sprach, ist offenbar gefroren, wenn es beim Ausschütten nicht mehr auseinanderläuft.)
Aber-wie gesagt- die Aufforderung: Prediget! meint nicht nur die beamteten Prediger. Sondern jeder Dienst, der den Sieg Christi über die Vergänglichkeit bezeugt, bekommt seinen Auftrag von Himmelfahrt her. Die Kirche ist heute dabei, eine Diasporakirche, eine Minderheitskirche zu werden; und es ist darum sicher richtig, die Christen aufzurufen, mutiger und freudiger ihren Glauben zu bekennen. Aber das darf ja nicht so verstanden werden: Weil die Christen heute erschrocken feststellen, daß sie im Verhältnis zur Weltbevölkerung zahlenmäßig weniger werden, müßten sie sich zu dem todesmutigen Entschluß aufraffen, mit neuen Kräften um den Bestand ihres Vereins Kirche zu kämpfen.
Die Sorge um unsere Kirche können wir getrost unserm Herrn überlassen. Wir sollten uns vielmehr um die Welt sorgen. Die Verse eines kommunistischen Arbeiters aus der DDR scheinen mir in diesem Zusammenhang durchaus einer Erwägung wert: »Ich glaube, sagt der Christ, der Himmel ist Gottes und Stätte des ewigen Lebens. Ich weiß, sagt der Atheist, der Himmel ist unser und offen dem herrschenden Menschen. Ihr mögt, sagt der Kommunist, über den Himmel verschiedener Ansicht sein; doch sorget gemeinsam, daß die Erde nicht werde zur Hölle.«
Wir sollten nicht erschrecken, sondern wir sollten mutig und zuversichtlich werden angesichts der gewaltigen Aufgabe, die uns durch Himmelfahrt gestellt ist. Denn sie ist uns ja nicht darum gegeben, weil wir Christen in so besonderer Weise das Zeug dazu hätten. Sondern allein darum, weil es Gott gefallen hat, durch sein Mensch-gewordenes Wort diese Welt neu zu machen. Aber so hat es ihm nun gefallen. Und nun liegt die Entscheidung zwischen Tod und Leben, zwischen Himmel und Hölle tatsächlich in den Worten, die wir reden, in dem Zeugnis, das wir alle miteinander der Welt von Jesus Christus geben. >Wer euch hört, der hört mich! Und wer euch verachtet, der verachtet mich.< Es mag uns behagen oder nicht, aber wir können nichts daran ändern: Christus will den Himmel der Auferstehung nicht anders auf die Erde bringen als durch uns, seine Kirche.
Wir werden uns freilich hüten müssen, aus dieser Verantwortung einen falschen Anspruch abzuleiten. Die Kirche des Evangeliums ist nicht Heilsanstalt, nicht Mittlerin zwischen Gott und der Welt. Es heißt ja: Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt. Die beiden Satzhälften sind bestimmt nicht zufällig ungleich: Dem Glauben und Getauftwerden steht allein das Nichtglauben gegenüber. Außerhalb der Kirche kein Heil, werden wir als Evangelische gerade nicht sagen können. Vielmehr gründet in dieser Ungleichheit unsere freudige Hoffnung; denn sie weist uns auf den hin, der in unserm Reden und Handeln an der Welt wirkt. Wir unternehmen nicht von uns aus den allerdings wahnsinnigen und hoffnungslosen Versuch, die Welt zu erneuern. Sondern wir sind nur das Wasser, das er ausgießt und durch das er dieser sterbenden Welt die lebenbringenden Nährstoffe zuführt.
Darum ist Himmelfahrt wirklich ein Freudenfest. Denn von hier aus bekommt unser Tun in der Welt Zuversicht und Kraft. Es ist seine Auferstehung, die er in unsere Hände gelegt hat, damit wir sie der Welt bringen. Das ist das eigentliche Wunder der Himmelfahrt!
(aus: Nitschke, Horst (Hg), Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten – heute gesagt – Gütersloh 1974 S. 80 - 83)
Ich bin davon überzeugt: Hätte Jakobus unsere Sprache gesprochen, er hätte diesen Abschnitt mit den Worten begonnen: So seid nun ungeduldig, liebe Brüder! Geduld, jedenfalls im landläufigen Verständnis dieses Wortes - auch und gerade dem frommen -, ist keine christliche Tugend im Sinne der neutestamentlichen Zeugen.
Wenn wir zur Geduld raten, dann meinen wir gewöhnlich: Es ist besser, zumindest im gegenwärtigen Augenblick, nichts zu tun, den Verlauf der Dinge abzuwarten und sich still zu verhalten. In »Geduld« schwingt für uns ein Klang von »erdulden«, »erleiden« mit; und das heißt Passivität.
Passivität, weil man leider nichts machen könne, oder, mit einem frommen Aufschlag, weil man Gott nicht ins Handwerk pfuschen dürfe.
Die verheerenden Folgen dieses Mißverständnisses lassen sich in der Kirche vielfältig aufzeigen, und die Erfahrungen im Hitlerfaschismus stellen wohl einen gewissen Höhepunkt in dieser Schreckenskurve dar, aber keineswegs den Schlußpunkt. Immer wieder und bis in unsere Tage hat diese verkommene Vorstellung von christlicher Geduld dazu gedient, bestehende Machtverhältnisse zu bestätigen, auch und gerade ungerechte Machtverhältnisse, und damit diejenigen zu verhöhnen, die unter ihnen litten und zugrunde gingen.
Die berühmte Szene Bert Brechts aus seiner >Mutter Courage< ist inzwischen so etwas wie ein Chefankläger gegen diese unchristliche Christlichkeit geworden: Soldaten haben ein einsames Gehöft unweit der Stadt überfallen, um den Bauern bei ihrem geplanten Angriff als ortskundigen Führer zu benutzen. Und während die Horde sich im Schutze der Dunkelheit der ahnungslosen Stadt nähert, versammeln sich die übrigen Familienmitglieder zum Gebet für die Stadt:
>Vater unser, hör uns, denn nur du kannst helfen, wir möchten zugrund gehn, warum, wir sind schwach und haben keine Spieß und nix und können uns nix traun und sind in deiner Hand mit unserm Vieh und dem ganzen Hof, und so auch die Stadt, sie ist auch in deiner Hand, und der Feind ist vor den Mauern mit großer Macht.<Ein Flüchtlingsmädchen aber, das bezeichnenderweise stumm ist, stiehlt sich aus dem Kreis der Beter und ersteigt mit seiner Trommel das Dach des Hauses. Von dem pausenlosen Dröhnen des Instruments wird manin der Stadt geweckt und kann gerade noch rechtzeitig den Verteidigungsring schließen. Die erbosten Soldaten aber kehren zum Hof zurück und nehmen schreckliche Rache an dem Mädchen.Geduld im Sinne des Neuen Testaments ist alles andere als Beschwichtigung und Passivität. Das Wort, das Jakobus an dieser Stelle seiner Briefes benutzt, heißt in seinem Kern >Leidenschaft, leidenschaftlichesVerlangen<, mitunter sogar Zorn! Und dieser Wortstamm ist hier verbunden mit dem Eigenschaftswort >groß<, >weiträumig<, so daß die Mahnung: » so seid nun >geduldig< « (Luthertext) eigentlich heißt: Habt in eurem leidenschaftlichen Verlangen einen langen Atem, verkauft euch nicht an Vorläufiges, laßt euch nicht abspeisen mit Genußmitteln, die den Hunger nur betäuben, aber nicht stillen können - >bis auf den Tag, da der Herr kommt<.Das ist eine sehr ungeduldige Handbewegung angesichts der Stimmen, die da auf uns einreden, und der einladenden Angebote, die uns zum Kaufen und Verschnaufen auffordern. Weg damit, es gibt Wichtigeres, wir haben ein Ziel, das nicht aus den Augen verloren werden darf: seid nun ungeduldig, liebe Brüder, bis auf den Tag, da der Herr kommt!Der Apostel benutzt ein Bild, um sich seinen Lesern verständlich machen: Der Bauer weiß, daß der grüne Halm auf dem Acker noch nicht die köstliche Frucht ist, auf die er wartet. Die Reifung erfolgt im Orient erst nach den beiden Regenzeiten, dem Frühregen und dem Spätregen. Wer vorher erntet, betrügt sich selbst.Jesus hat nach dem Bericht des Markusevangeliums einmal ganz ähnlich formuliert: Das Reich Gottes ist so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf Nacht und Tag; und der Same gehtauf und wächst, ohne daß er`s weiß (Mk 4,26 ff).Auch dieses Gleichnis ist oft so mißverstanden worden, als habe Jesus den Christen Untätigkeit verordnet, weil das Reich Gottes von allein käme. Man hat da offenbar übersehen, daß von dem Mann nicht gesagt wird: >... und schläft Nacht und Tag und der Same geht auf<, sondern: >und schläft und steht auf Nacht und Tag<. D. h., daß der Same bis zur Ernte seine Zeit braucht, daran kann der Landwirt nichts ändern. Er kann eine schnellwüchsige Sorte züchten und er kann den Boden optimal herrichten und düngen, aber wachsen muß das Korn in der Tat alleine.Es nützt nichts, ständig hinauszulaufen und nachzuschauen, der richtige Zeitpunkt für die Ernte ist keine Frage der persönlichen Meinung, der steht fest.Aber noch einmal: Bis dahin schläft der Mann nicht, sondern >schläft und steht auf Nacht und Tag<. Auch Jakobus braucht seinen Lesern nicht zu erklären, daß der Bauer zwischen Saat und Ernte nicht arbeitslos ist.Das wissen sie aus eigener Anschauung.So ist das mit dem Kommen Gottes und seines Reiches. Es hat keinen Zweck, dem nachhelfen zu wollen, man verliert sich dabei nur an falsche Ziele, falsche Götzen. Aber diese >Geduld< ist darum keine Passivität, keine Tatenlosigkeit. Sie hat, gerade weil sie das eine Ziel nicht aus dem Auge verliert, Zeit für das Nächstliegende, das Not-Wendige. Im Gleichnis vom barmherzigen Samariter hat Jesus für jeden verständlich gemacht, was dieses Notwendige bzw. wer dieser Nächstliegende ist.Solche geduldige Aktivität braucht in ihrem leidenschaftlichen Verlangen nach dem Kommen Gottes den langen Atem adventlicher Freude. Denn die Adventszeit will uns ermutigen, wieder neu mit dem zu rech-nen, der schon gekommen ist. Warten tun wir alle; das gehört so selbstverständlich zum menschlichen Leben wie der Zwang, den nächsten Atemzug zu tun. Advent heißt: Wir warten nicht auf irgendeinen Gott, nicht auf Irgendetwas, Unbekanntes, Unsagbares, furchterregend oder auch als billige Lösung unserer Probleme, die uns von irgendwoher zufällt. Advent heißt: Wir können zielstrebig warten trotz allem Nebel,der über unserer Zukuüft liegt. Denn der Gott, der auf uns zukommt, ist kein anderer als der, den wir in Jesus kennen.Wir sollten ernsthaft darüber nachdenken, wo wir etwas gegen die Kurzatmigkeit tun können, die unsere Gesellschaft verdrehterweise gerade in der Vorweihnachtszeit überfällt. Es ist ja inzwischen für niemanden mehr ein Geheimnis, wie diese Kurzatmigkeit den Blick verstellt für das Nächstliegende, den Nächstliegenden. Weil das große Ziel ersetzt wird durch die kleinen Ziele des Kaufens und der gedankenlosen SentimentalitätWir warten auf das Kommen des Gottes, der mit Jesus gekommen ist und seitdem immer wieder und immer mehr in unsere Welt kommt. Menschen, die sich das sagen lassen, entdecken bereits mitten in dieser Welt die adventlichen Lichter, die Signale seines Kommens.Rudolf Otto Wiemer hat diese Signale einmal so beschrieben: Gute Nachrichten Die Zeitungen rufen gute Nachrichten aus. Der Unterhändler weigert sich, den Krieg zu erklären. Nicht krümmt sich der Finger am Abzug des Gewehrs. Die zornige Hand findet das Messer nicht. Zu explodieren verlernen die Bomben. Die Generale haben sich zum Golfspielen entschlossen. Das verleumderische Wort bleibt hinter die Lippen gepreßt. Diktatoren öffnen die Straflager. Andersdenkende werden geachtet.
Die Rasse ist nichts als ein Unterschied
in der Farbe der Haut.In den Folterkammern wird Brot gebacken.Galgen und Henkerbeil ziehen sich zurück ins Museum.Gespräche über den Frieden haben Aussicht auf Erfolg.Die Grenzen werden geöffnet.Versuche, den Streit zu schlichten, gibt man nicht auf.Man fängt an, die Wahrheit zu sagen.Man läßt den Gegner zu Wort kommen.Man schließt Kompromisse.Man lächelt über sich.Man fängt an.
(aus: Nitschke_Horst, Worte am Sonntag – heute gesagt III,1 Gütersloh 1974 S. 19-23)
Eingangsgebet am Heiligabend
Herr, da bin ich. Ich bin noch ein bißchen außer Atem. Innerlich. Es gab im letzten Augenblick doch wieder mehr Hetze, als ich eingeplant hatte. Schließlich soll nachher gleich gegessen werden, wenn wir nach Hause kommen. Und der Baum wird angezündet, und dann sind die Geschenke . . . Aber ich will mich jetzt konzentrieren. Herr, ich möchte, daß es ein guter Gottesdienst wird. Einer, der mir etwas gibt. Der so etwas wird wie die Mitte unserer Weihnachtsfeier, auch zu Hause. Ich möchte eine Veränderung spüren heute abend, die auch morgen und danach noch anhältj
Wie schön die neue Orgel geklungen hat. Nun ja, sie hat ja auch genug Geld gekostet - fast hunderttausend Mark. Andererseits bin ich sicher, Herr, daß allein zu diesem Weihnachten hier in Rastede mehr als 100000 Mark für mehr oder weniger unnützes Zeug ausgegeben worden ist. Insofern ist das Geld in dieser Orgel sicher sinnvoll angelegt.
Und doch werde ich den Gedanken nicht los: Wieviel Menschenleben könnten draußen in der Welt mit 100000 Mark gerettet werden: 100? 200? Vielleicht sogar 500? Und wenn es nur ein einziges wäre, würde das nicht mein schlechtes Gewissen schon rechtfertigen?
Herr, ich fürchte, das eine hängt mit dem anderen zusammen: das schlechte Gewissen und die Suche nach dem wirklichen Weihnachten. Wenn ich das schlechte Gewissen ersticke, wird meiner Weihnachtsfeier auch sehr schnell die Luft ausgehen. Und spätestens am 2. Feiertag werden wir uns wieder langweilen.
Wenn ich aber dem schlechten Gewissen recht gebe - Herr, wird dann nicht alles verklemmt und freudlos ? Wird dann nicht alles einen faden Beigeschmack bekommen: die Lieder, die wir immer singen, und auch der Sekt, der schon kaltgestellt ist?
Und doch habe ich das Gefühl, Herr, daß dieses schlechte Gewissen die einzige Tür zum wirklichen Weihnachten ist. Hilf mir, sie offenzuhalten, auch wenn ich noch nicht hindurchgehen kann. Hilf mir, wenigstens an dieser Tür stehenzubleiben, damit ein wenig von dem Licht deines Erbarmens auf mich fällt.
Vater, Tausende von Kindern werden heute nacht zur Welt kommen, für Hunderte wird es nicht einmal zu einer Krippe reichen, sie werden in einigen Wochen, in einigen Monaten elendiglich krepieren. Das ist der Hintergrund, auf dem wir Heiligabend feiern.
Vergib uns, Vater, daß es so ist. Vergib uns, daß wir immer noch nicht besser zu teilen gelernt haben mit denen, die nicht weniger deine Kinder sind als wir. Vergib uns, daß hierzulande ein halbes Hähnchen, für 3,50 DM gekauft, kaum angebissen weggeworfen wird, während sich anderswo Menschen um eine Ratte schlagen.
Hilf uns, konsequenter Weihnachten zu feiern, eindeutiger, beispielhafter. Hilf uns, mit unseren Vorurteilen fertig zu werden, mit unserem Egoismus, der immer so unheimlich gute Argumente vorzubringen weiß, die alles entschuldigen.
Befreie uns von den dunklen Mächten, die uns von allen Seiten drohend umgeben, der Angst, der Gleichgültigkeit, der Verzweiflung, der Sorge, den Schmerzen, dem Bösen. Laß das kleine Licht, das du heute in uns angezündet hast, um sich greifen und groß und stark werden.
Erbarme dich aller, die in dieser Stunde leiden, weil andere, vielleicht wir selbst, nicht genügend Augen, Herzen oder Hände aufgemacht haben. Behalte jeden einzelnen von ihnen im Auge und sende ihnen Menschen, die deine Liebe annehmen und weitergeben können.
Schenke uns ein Weihnachten, das unser Leben reicher macht, als es der vollste Gabentisch vermag, ein Weihnachten, das uns Ruhe genug beschert, um über den eigentlichen Fragen unruhig zu werden, ein Weihnachten, das nicht nur unsere Gefühle, sondern auch unsere Überzeugungen in Bewegung bringt.
Vater, weil du uns nicht aufgibst, trotz allem, was seit jener Nacht in Bethlehem geschehen ist, darum brauchen wir auch nicht aufzugeben, darum i dürfen wir von diesem Gottesdienst aus neu anfangen. Danke, Vater.
Herr, da sind wir. Unsicher. Fragend. Enttäuscht. Vielleicht auch selbstsicher. Auffällig laut jedenfalls und eigenartig unruhig. Wir haben Weihnachten gefeiert. Hast du uns gesehen? Wie wir glücklich waren - hast du uns gesehen? Wie wir uns langweilten - hast du uns gesehen ? Wie wir uns um deine Botschaft herumgedrückt haben, wie wir geweint haben, wie wir Gottesdienst feierten - hast du uns gesehen? Oder warst du gar nicht da? Hast du die goldene Krippe verweigert, die wir dir gebastelt haben ? Und hast dein Lager anderswo aufgeschlagen: bei den Armen, den Leidenden, den Erschossenen? Ach Herr, du weißt, wie sehr wir in Wirklichkeit dazugehören. Wir überspielen es nur, wir wollen es nicht wahrhaben. Du weißt, daß wir in Wirklichkeit das alles auch sind: arm, leidend, erschossen. Darum steht deine Krippe auch unter uns. Nur darum.
Laß uns erkennen, daß wir nicht allein sind. Laß uns die sehen, die mit uns im Stallmist liegen bei deiner Krippe. Die Hilfreichen und die Hilfsbedürftigen. Die Reichen und die Bittenden. Das gibt Kraft. Und das bringt in Bewegung. Und beides brauchen wir, Herr.
(aus: Nitschke_Horst, Weihnachten, Gütersloh 1974 S. 13f + 18)
In der vorweihnachtlichen Reklame wird schon seit langem ein erstaunlicher Geschmack entwickelt. Ein Prachtexemplar dieser Gattung, eine Zigarettenreklame, entdeckte ich kürzlich im »SPIEGEL«: Oben ein Bild, auf dem ein feister Weihnachtsmann genüßlich zwei zigarettenrauchende Weihnachtsengel in weißen Nachthemden, mit weißen Schwanenflügeln und selbstverständlich nach der letzten Haarmode frisiert an sich drückt. Und darunter der markige Text: »Das wird ein herzhaftes, naturechtes Weihnachtsfest ohne Filter, wird das, echt.«
Man muß erst den Schreck über die barbarische Sprache überwunden haben, um nach und nach zu entdecken, daß hier im Grunde - ganz gewiß ohne jede Absicht der Zigarettenfirma! - ein faszinierender Gedanke zum Ausdruck kommt: ein Weihnachtsfest ohne Filter. Naturecht. Sonnig. Herzhaft. Weihnachten ohne Filter.
Liebe Gemeinde, ist das nicht genau das, was wir uns wünschen? Ein Weihnachten, das in seinem eigentlichen Inhalt zur Sprache käme, ohne den Filter aus Tannennadeln, leise rieselndem Schnee und Heintje. Das ist es doch, wonach wir Ausschau halten. Denn das allein könnte den ganzen Klimbim, der sich so im Laufe der Jahrhunderte um Weihnachten gelegt hat, an die zweite Stelle rücken - und damit gewiß wieder zu einem sinnvollen und liebenswerten Klimbim machen. Weihnachten ohne Filter!
Und doch ist da im gleichen Moment auch die Angst. Die Angst, ohne diesen Filter könnte unser ganzes Weihnachten auf einmal sehr fade schmecken. Die Angst vor der Begegnung unserer Weihnachtsfeiern mit der brutalen Wirklichkeit dieser Welt. Die Angst auch, vielleicht auf bestimmte liebgewordene Dinge verzichten zu müssen, wenn Weihnachten wieder »naturecht« werden soll. Die Angst vor einem schlechten Gewissen - beim Singen und beim Braten.
Weihnachten ohne Filter - das ist Ausdruck unserer Angst und unserer Hoffnung. Unserer Angst, denn wir fürchten uns davor, weil wir ahnen, daß unser Weihnachtsfeiern eigentlich nur mit einer gefilterten Wirklichkeit vereinbar ist. Und unserer Hoffnung, denn wir ahnen auch, daß Weihnachten nur in einer ungefilterten Wirklichkeit für uns wichtig und tragend werden kann.
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Ich glauhe, in dieser Situation kann es sehr hilfreich sein, unter diesem Aspekt einmal in die Weihnachtsgeschichte hineinzuschauen. Es könnte sein, daß wir dabei den einen oder ändern Zug in dieser uralten Geschichte entdecken, der uns neu oder zumindest in dieser Form noch gar nicht klar gewesen ist, und daß dadurch unser Nachdenken über Weihnachten einen neuen Impuls erhielte.
Zunächst: Die Weihnachtsgeschichte steht am Anfang des Evangeliums. Lukas betont zu Beginn seines Werkes, daß er alles »von Anfang an« schreiben wolle. Das klingt auf den ersten Blick simpel, selbstverständlich. Aber es besagt ja: Unser Glaube geht nicht auf in einer Tradition, in der sich eins immer wieder aus dem ändern ergibt. Weihnachten bedeutet vielmehr: Die Kausalkette unserer Geschichte, die Kette von sich gegenseitig bedingenden Voraussetzungen, ist an einer Stelle durchbrochen. Es gibt einen Anfang. Es ist eben nicht so, daß wir Weihnachten feiern, weil das so üblich ist, und daß es so üblich ist, weil wir immer wieder Weihnachten feiern. Sondern das alles hat einen Anfang, einen Anstoß, einen Ausgangspunkt, den wir nicht gesetzt haben, der uns darum zum Maßstab dienen kann und der uns die Möglichkeit gibt, Weihnachten neu anzufangen. »Und es begab sich.«
Weiter: Derjenige, der den äußeren Anstoß zu diesem Anfang gab, heißt Augustus, zu deutsch »der Anbetungswürdige«. Gott kommt nicht wie ein Meteor oder ein Marsmensch auf die Welt, sondern gleichsam durch Anordnung menschlicher Gewalt, ja mehr, durch Anordnung eines Menschen, der sich selbst zum Gott machen läßt. Schon das ungeborene Kind trägt so das Zeichen des »gekreuzigt unter Pontius Pilatus« an sich. Oder anders: Weihnachten ist von vornherein nicht dagegen geschützt, daß es von dem Menschen, der sich selbst religiös verklärt, vereinnahmt wird.
Oder noch anders: Der Weihnachtsfriede steht von vornherein in einem beziehungsreichen Spannungsverhältnis zu dem Frieden durch militärische Abschreckung. Augustus - oder das Kind, über das er schon im Mutterleib Gewalt hat, wer ist der Anbetungswürdige, wessen Friedensplan wollen wir huldigen?
Gott unterläuft sozusagen den Arm des Menschen, der nach ihm greifen will, indem er auf der Leiter des Erfolgs, der Macht, der Wissenschaft oder was es auch sein mag immer höher steigt. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel ist überholt. Der Mensch mag ruhig die letzten noch fehlenden Stockwerke bauen, er wird einen leeren Himmel vorfinden, weil Gott seit Weihnachten längst hinter ihm ist, unter ihm, mitten in seinem Alltag, aus dem er sich meinte endlich
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erheben zu müssen. Ob es daran liegt, daß unsere Suche nach Gott zu Weihnachten so oft vergeblich verläuft?
Und weiter: Eine Schätzung im Römischen Reich war, wie wir aus vielen Quellen wissen, eine Menschenquälerei. Ein Zeitgenosse beschreibt das so: »Die Bevölkerung wurde zusammengetrieben, alle Marktplätze waren verstopft von herdenweise aufmarschierenden Familien . . . überall hörte man das Schreien derer, die mit Folter und Stockschlägen verhört wurden ... Es gab keine Rücksicht auf Alter und Gesundheitszustand, Kranke wurden herbeigeschleppt und Gebrechliche . . . alles war erfüllt von Kummer und Jammergeschrei.« Mitten in diesem allgemeinen Durcheinander, in dem tatsächlich jeder sich selbst der Nächste war, wird Gott geboren. Unser Wunsch, zu Weihnachten einmal zur Ruhe zu kommen, steht in der Gefahr, vom Eigentlichen gerade wegzuführen. Und umgekehrt: Unsere Furcht, die chaotischen Zustände unserer Welt könnten verhindern, daß es Weihnachten wird, ist ganz und gar unbegründet. Weihnachten vollzieht sich gerade nicht da, wo wir die Mißstände und üblen Zutaten aus unserer Wirklichkeit herausfiltern, sondern da, wo wir die Wirklichkeit ernst nehmen, wie sie ist. Weihnachten ohne Filter. Eine weitere Beobachtung: Das Kind, das da geboren wird, trägt keine außergewöhnlichen Spuren an sich. Es ist nichts weiter als der erste Sohn einer unbekannten und unbescholtenen Familie. Daß er sein Lager in einem Viehstall fand, ist unter den damaligen Umständen nicht so ungewöhnlich, wie es uns heute scheinen mag, und jedenfalls nicht dazu berichtet, daß wir uns in romantisch-satter Ergriffenheit angenehm prickelnde Schauer des Mitgefühls über den Rücken rieseln lassen.
Lukas legt in seiner Schilderung gerade wert darauf, daß sich die Geburt Christi eben nicht unter irgendwelchen außergewöhnlichen Umständen vollzog, auch nicht unter außergewöhnlich schlechten. Auch von einem brutalen und hartherzigen Herbergswirt, wie wir ihn aus vielen Krippenspielen kennen, ist hier nicht die Rede. Es heißt nur kurz und sachlich: In dem Gasthaus war nämlich kein Platz mehr. Daß für Gott kein Platz unter den.Menschen ist, weder unter den Reichen noch unter den Armen, das hat sich damals schon genauso wenig aufsehenerregend und unter den Beteiligten genauso wenig bewußt vollzogen wie heute.
Aber, obwohl das so ist, obwohl die Bedrängten genauso wie die Ausbeuter ganz andere Probleme haben als gerade dies, obwohl der Messias kommt, um ihnen die Sünden zu vergeben, obwohl das so ist, wird er mitten unter ihnen geboren, tritt er mitten unter sie als einer von ihnen. - Oder besser: als einer
für sie; denn durch seine Ankunft geht ja das alte Prinzip: Jeder sich selbst der Nächste! nicht mehr auf. Es ist jetzt einer zuviel da, einer, der das feste System der Lieblosigkeit stört, einer, der die neue Möglichkeit schafft, den Nächsten zu lieben.
Gott für die Welt - Brot für die Welt. Weihnachtsbaum und Sammlung für die Hungernden sind nun gleichrangige Symbole für Weihnachten. Auch hier: Weihnachten ohne Filter.
Der zweite Teil der Weihnachtsgeschichte, der von den Hirten auf dem Feld berichtet, ist im Sinne des Lukas gar kein zweiter Teil, gar nicht eine Weiterführung, sondern gleichsam die Rückseite des ersten Teils, der Kommentar, der vorsichtige Versuch, diese so weltliche Geschichte von Gott her zu deuten. Insofern haben wir ihn eben eigentlich schon immer mitbedacht. Darum nur noch zwei Anmerkungen: Wenn die Geschichte von Bethlehem gedeutet und verstanden wird, entsteht, wie bei den Hirten, Furcht. Warum fürchten wir uns eigentlich nicht mehr vor Weihnachten? Hängt damit zusammen, daß wir uns auch nicht richtig darüber freuen können?
Oder ist etwa aus der Furcht der Hirten von damals unter uns jene Angst geworden, von der ich zu Anfang sprach, die Angst vor der nervenaufreibenden Wirklichkeit, aus der wir in unsere Weihnachtsfeiern fliehen? Sollte es wahr sein, daß der Engel heute zu uns spräche: Habt keine Angst! Freut euch an eurem Weihnachten; denn euch ist heute der Heiland geboren! Ich kann das nur fragen, ich wage es nicht endgültig zu beantworten. Aber mir scheint, die Botschaft der Engel gibt uns Grund zu der Hoffnung, daß wir hier etwas Richtiges heraushören. Die »große Freude« wird ja nicht dosiert nach kleinen, Haushalts- und Riesenpaketen. Das »ganze Volk«, dem diese Freude widerfahren soll, wird nicht sortiert nach frommen Alten und protestierenden Jugendlichen, nach ständigen, unregelmäßigen und seltenen Gottesdienstbesuchern, nach solchen, die heute 50,- DM in die Kollekte tun, und solchen, die meinen, mit 0,50 DM genug getan zu haben. »Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird.« Auch hier: Weihnachten ohne Filter.
Und eine letzte Beobachtung: Das Zeichen für die Wahrheit der Botschaft ist: »Ihr werdet finden ein Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.« Was für ein Zeichen! Es ist ja doch ein ganz gewöhnliches Kind, an dem nichts zu sehen war: kein Heiligenschein, kein Engelgesang, keine ehrfurchtgebietende Jungfrau Maria. Sollte nicht die Gefahr bestanden haben, daß die Hirten zwei Häuser zu weit liefen und dort ebenfalls ein Neugeborenes in einer Fut
terkrippe fanden - unter den damaligen Verhältnissen? Ich glaube, diese Gefahr ist eine von Gott zu Weihnachten einkalkulierte Gefahr. Warum sollte jenes andere Kind weniger Zeichen der Heiligen Nacht sein. Wo es doch darum geht, daß wir aufbrechen vom Jeder-sich-selbst-der-Nächste« zu dem Nächsten, der Gott für uns geworden ist. Und daß wir immer, wo wir das tun, auf ein Zeichen dafür stoßen, daß Weihnachten wahr ist. Vielleicht ist es heute nacht gar nicht das Bild dieses Kindes (Krippe), sondern jenes (Brot für die Welt-Plakat), das uns zu diesem Zeichen werden will
(aus: Nitschke_Horst, Weihnachten, Gütersloh 1974 S. 77-81; in überarbeiteter u. verkürzter Form noch einmal veröffentlicht in meinem Buch Hausputz für die Seele 1993)
P: Wir beginnen diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und
des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Er ist der Herr, der alles begann. Er ist der Herr, der alles erhält. Er ist der Herr, dem wir vertraun.
Herr, wir bekennen dir, daß wir versagt haben. Wir bekennen
dir, daß wir unsere eigenen Wege gegangen sind. Wir bitten dich:
G; Vergib uns, Herr! P: Wir haben oft nicht auf dich vertraut. Wir haben deinem Wort
zu wenig geglaubt. Wir bitten dich: G: Vergib uns, Herrl P: Immer wieder haben wir uns nach menschlichen Maßstäben
gerichtet, immer wieder uns vor Menschen gebeugt. Wir bitten dich:
G: Vergib uns, Herr! P: Im Namen Gottes: Du hast gesündigt. Du kannst dich vor Gott
auf Christus berufen. Mit ihm ist dir Vergebung geschenkt.
P: Wir wollen das, was wir hier miteinander tun, im Namen Jesu tun, im Namen seines Vaters und seines Geistes. Von diesem Namen her sind wir dann allerdings bei unserm Namen gerufen, d. h., wir sind gefragt, wer wir sind. Wir sind gefragt, ob die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, in unserm Leben zum Zuge gekommen ist. Ob wir frei sind von Vorurteilen, von Mißtrauen, von Gleichgültigkeit, frei von der Sorge um uns selbst und frei für die Sorge um andere.
Herr, wir bekennen, daß wir unsere Freiheit nicht geachtet und uns um die Unfreiheit anderer nicht genug gekümmert haben. Wir bitten dich:
G: Herr, vergib uns!
P: Wir müssen zugeben, daß uns unser Name wichtiger war als deiner, daß die Sorge vor unliebsamen Folgen uns mehr bestimmt hat als deine Nachfolge. Wir bitten dich:
G; Herr, vergib uns!
P: Wir können auch nicht leugnen, daß wir uns mit unserer Ohnmacht herausgeredet haben, wo unsere Vollmacht gefordert war. Wir bitten dich:
G: Herr, vergib uns!
P; Vergib uns unsere Schuld! Hilf uns, in der Freiheit zu bestehen.
Psalm zum 1. Advent:
Die Erde gehört dem Herrn mit all ihrem Reichtum.
Nichts gehört dem Teufel, und uns gehört auch nichts.
Wer hat dann ein Recht, vor Gott zu treten?
Und wer darf hoffen, vor ihm zu bestehen?
Wer bereit ist, die leeren Hände zu öffnen, und sich nicht mehr
zutraut, als er durchhalten kann. :
Denn in solche Hände kann Gott Glück legen, und solche Men-
schen werden miteinander Frieden finden.
Macht die Tür nicht zu klein für den, der da kommt!
Reißt nieder die Mauern, die ihm im Weg sind!
Wer ist der, der dazu den Mut gibt?
Es ist der Herr, stark durch Ohnmacht, der Herr, mächtig itn Leid!
Macht die Tür nicht zu klein für den, der da kommt!
Reißt nieder die Mauern, die ihm im Weg sind!
Wer ist der, der dazu den Mut gibt?
Es ist der Herr der Welt, den die Krippe erwartet. (Nach ps 24)
Gebet:
Herr, du erlaubst uns, ein Licht anzuzünden in dieser beginnenden Adventszeit. Hilf, daß uns selbst in dieser Zeit ein Licht aufgeht von deinem Kommen, damit der Krampf in unserm Herzen sich löst, den die Sorge um die Zukunft hervorruft. Und hilf zugleich, daß wir für andere zu diesem Licht werden, das die trübe Düsternis ihres Lebens aufhellt durch das Zeugnis von unserm Herrn Jesus Christus ...
3. Advent
Gebet:
Advent, Herr. Wieder einmal läßt du uns Advent feiern und hoffst, daß wir dabei auch ein wenig von deinem Advent, von deinem Kommen zu uns verstehen. Wir haben Lichter entzündet, heute sind es schon drei. Aber was sind das für armselige Lichter. Nicht einmal diesen Raum vermögen sie hell zu machen. Geschweige denn unsern Ort, von der weiten Welt gar nicht zu reden. Und ein einziger Luftzug kann sie auslöschen.
Herr, unser Glaube, unser Begreifen ist wie diese Lichter. Ein einziger Luftzug droht sie auszulöschen. Und sie scheinen so wenig zu helfen in der Finsternis dieser Welt. Und dennoch: Du hast sie entzündet. Du läßt dich nicht irremachen. Erst war's nur eins, heute sind es schon dribi, am nächsten Sonntag werden es yjpr sein. Und am Heiligen Abend kann man sie kaum noch zählen, So ist das, wenn du etwas mit uns vorhast. Hilf uns mitzuhalten mit deinen großen hoffnungsvollen Schritten, mit denen du zu uns kommst durch unsern Herrn Jesus Christus ...
1. Weihnachtstag
Herr, oben und unten sind für uns die sicheren Symbole für Macht und Ohnmacht, für Befehlen und Gehorchen, für Glanz und Elend. Warum hast du diese Sicherheit zerbrochen und das »unten« zu deinem Ort gemacht? Es war doch abzusehen, daß die Menschen dich nicht mehr fürchten würden.
Oder willst du gar nicht gefürchtet werden? Soll das heißen: Du willst lieber verachtet, getreten und übersehen werden, als nicht bei uns zu sein? Soll das heißen: Du mußtest dein unendliches Oben zu unserm Unten machen und Mensch werden, damit wir endlich den Ausgleich finden zwischen Macht und Ohnmacht, Befehlen und Gehorchen, Glanz und Elend - und so Menschen werden durch unsern Herrn Jesus Christus ...
4. Sonntag nach Epiphanias
Psalm:
Auf dich zu warten, Herr, mehr vermag ich nicht. Aber was sollte
ein Mensch besseres tun, als auf dich zu warten?
Hörst du mich eigentlich, Gott, wenn ich rufe,
sind dir auch wichtig meine wirren Gedanken?
Bin ich dir mehr wert als jene, .die da so sicher behaupten, es gäbe dich nicht? t Was ich erfahre, ist wenig genug:
Gerechte gefoltert und die mit dem harten Herzen lassen sich's | wohl sein.
Manchmal freilich, da tröstet dein Wort,
wo Angst die Vernunft längst erschlagen.
Da stellen sich Mut und Gelassenheit ein,
wo einer wagt, von dir zu reden.
Dann scheint es mir besser, dir zu vertrauen,
als dem eilfertigen Geschwätz derer,
die dich verloren geben, ehe sie begannen,
dich zu suchen.
Auf dich zu warten, Herr, mehr vermag ich nicht. Aber was sollte ein Mensch besseres tun, als auf dich zu warten?
Gebet:
Lieber Vater, nimm uns die kindliche Angst, die deine Freiheit nicht ernst nimmt, aber auch den kindischen Trotz, der die Freiheit als Willkür mißbraucht. Laß uns deine Langmut ernster nehmen als das aufgeregte Toben der Mächte, die du, wenn du willst, zum Schweigen bringst durch unsern Herrn Jesus Christus ...
Sexagesimae
Psalm:
Steh auf, Herr, und hilf; denn du hast uns ja doch lieb!
O Gott, wir hören viel von deinen großen Taten, die du früher einmal getan hast.
Du hast dem Schwachen den Sieg, dem Kranken Gesundheit und dem Verzweifelten neuen Mut gegeben.
Du hast mit deinem Wort Völker und Könige bezwungen,
und deine Kinder brauchten nichts zu tun, als staunend zuzusehen,
Ist das alles nur Vergangenheit, Herr?
Gilt das heute nicht mehr?
Hast du die Lust verloren, deiner Kirche zu helfen?
Sieh doch die Bedrängnis, in der wir sind!
Höre doch, wie deine Spötter sich das Maul zerreißen!
Bist du denn eingeschlafen, Gott?
Steh auf, Herr, und verstoße uns nicht endgültig!
Es ist ja deine Hand, die auf uns liegt,
deine große gnädige Hand, auch wenn sie uns manchmal drückt.
Steh auf, Herr, und hilf; denn du hast uns ja doch lieb! (Nach ps. 44)
Gebet:
Vater, du weißt: Auf uns ist kein Verlaß. Und wir wissen's auch. Und doch hast du uns dein rettendes und richtendes Wort in unsere Hände gelegt. Wir bitten dich: Laß uns begreifen, daß es nicht unsere Kraft ist, die deinem Wort Kraft gibt. Aber bewahre uns auch, leichtfertig mit deinem kostbaren Geschenk umzugehen, das du uns ohne jedes Verdienst immer neu anvertraust durch unsern Herrn Jesus Christus...
Estomihi
Psalm:
Es gibt etwas, worauf ich mich verlassen kann.
Das ist deine Anteilnahme an mir, Herr.
Weder mein Glück noch mein Unglück sind verläßlich,
weder meine Fröhlichkeit noch meine Schwermut,
weder meine Leistung noch mein Versagen,
weder Sonne noch Finsternis.
Aber daß du in meiner Nähe bist,
darauf ist Verlaß.
Bring dich in Erinnerung, wenn ich dich vergessen habe,
mach dich bemerkbar, wenn alles zu zerbrechen scheint.
Daß ich neue Hoffnung schöpfe,
daß ich nicht vor einem sinnlosen Auf und Ab resigniere.
Daß ich mein Leid im Schatten deiner Passion erkenne
und meine Freude im Licht deiner Auferstehung.
Es gibt etwas, worauf ich mich verlassen kann.
Das ist deine Anteilnahme an mir, Herr.
Gebet:
Vater im Himmel, vor dir werden wir daran erinnert, daß wir nicht allein auf der Welt sind. Vor dir fallen uns nicht nur die Reichen ein, die wir beneiden, sondern auch die Armen, die wir vergessen. Vor dir wird uns klar, daß Wohlstand nicht reich, sondern arm macht, arm an Phantasie, arm an Mitgefühl, arm an Lebenserfüllung. Lehre uns darum die neue Art des Fastens, die auf Wohlverdientes verzichten kann, um nicht zu verarmen. Wir bitten dich durch unsern Herrn Jesus Christus...
Lätare
Psalm:
Ich will mich freuen, Herr.
Alles soll durchdrungen sein von dieser Freude.
Nicht, weil ich so vergnügt bin.
Nicht, daß ich gerade besonders Glück gehabt hätte.
Wenn ich darüber nachdenke,
ist sogar vieles da,
was mir die Freude verbietet.
Aber ich will mich freuen - trotzdem!
Ich will mich ausstrecken nach deiner Freude,
die alles Verstehen übersteigt.
Ich will, was unten ist, unten lassen,
mich ausstrecken nach deinem Anruf,
der von oben kommt, hoch über mir,
hoch oben vom Kreuz:
Lätare-freu dich
Gebet:
Allmächtiger Vater, wir haben verlernt, uns Ober deine Vergebung zu freuen, weil wir verlernt haben, über unsere Schuld zu erschrecken. Und doch brauchten wir keine fünf Minuten, um uns klarzumachen, was wir an einem einzigen Tag alles schuldig geblieben sind, dir und den ändern. Schenk uns dazu den Mut, die Ehrlichkeit und das Vertrauen auf deinen Freispruch durch unsern Herrn Jesus Christus, der mit dir und dem Hl. Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Schlußgebet:
Brot, Herr! Unsere Not besteht nicht darin, daß nicht genug davon da wäre. Auf unsern Tischen. Und auf unsern Altären. Unsere Not ist, daß wir keinen rechten Appetit verspüren. Weder an den Tischen. Noch an den Altären. Die Fettsucht und die Oberproduktion sind unter uns bedrängender geworden als der Hunger. In der Wirtschaft und in der Kirche. Und darum hören wir die Schreie der ändern nicht mehr, die noch Hunger haben nach Brot, nach dem Brot auf unsern Tischen. Aber auch nach dem Brot auf unsern Altären.
Laß darum unter uns nicht nur das Wunder der Speisung Wirklichkeit werden, sondern auch das Wunder des Hungers. Denn der Hunger wird nach Sättigung schreien. Aber die Sattheit schweigt jeden Hunger tot.
Ich wage nicht zu sagen: Mach uns hungrig! Denn Hunger ist schrecklich. Und es wäre Zynismus, mit vollem Bauch damit zu kokettieren.
Aber du weißt, wie wir es meinen: Laß es uns nicht als lästige Pflicht erscheinen, wenn du uns einlädst, und gib uns Phantasie und Aufgeschlossenheit, daß wir andern Lust machen, zu dir zu kommen. Laß uns auch dem Brot auf dem Altar das Wunder zutrauen, daß es für alle reicht und alle erreicht. Vielleicht müssen wir aber auch erst etwas bescheidener werden. Vielleicht müssen wir lernen, auf das Wunder zu warten und von den übrigen Brocken zu leben, die so reichlich aufgesammelt wurden. Deine Kraft ist ja nicht nur im außergewöhnlichen Wun-der, sondern auch in den alltäglichen Brocken. In dieser Gewißheit bitten wir dich für alle, die sich Christen nennen, daß ihr Alltag Brot werde für die Hungernden, für alle Satten, daß sie mit dem Danken das Teilen lernen, für alle Armen, daß sie weder dem Mißtrauen noch der Verzweiflung erliegen,
für alle Mitarbeiter und Helfer in Diakonie, Mission und Entwicklungsdienst, daß sie vor der Größe ihrer Aufgabe nicht resignieren. Sie alle, wir alle, leben ja von dem Brot, das du selber bist. Dafür danken wir dir.
Gründonnerstag
Gebet:
Herr Jesus Christus, du hast denen, die dich haßten und verachteten, deinen Leib hingegeben. Und sie haben ihn gequält, geschunden und totgeschlagen. Seitdem hast du nicht aufgehört, deinen Leib hinzugeben. Im Abendmahl hältst du dich für jeden bereit, der kommen will. Wie damals dürfen sie alle kommen: die Fanatiker und die Gleichgültigen, die Überzeugten und die Zweifler, die Angesehenen und die Namenlosen. Hilf uns, daß unsere Vernunft nicht Anstoß nimmt an deiner armen Gestalt, sondern Herz und Verstand erfüllt werden von deiner Gegenwart, der du mit dem Vater...
Ostern
Psalm:
Der Herr ist auferstanden, halleluja, er ist wahrhaftig auferstanden, halleluja.
Freudesoll herrschen in den Kirchen und auf den Straßen,
Freude über den großen Sieg, der den Tod bezwungen hat.
Ein Fest wollen wir feiern,
ein Fest der ausgelassenen Freude.
Gott hat das Unabänderliche geändert
und das Unerschütterliche erschüttert.
Das Ende ist zum Anfang geworden
und das Unendliche zur Ewigkeit.
Kommt laßt uns feiern und fröhlich sein!
Freut euch mit uns, Kirchenglocken und Orgelpfeifen!
Freut euch mit uns, Regentropfen und Sonnenstrahlen!
Freut euch mit unsj Airtomotoren und Vogelstimmen!
Singt um die Wette den Ostersieg Gottes! Der Herr ist auferstanden, halleluja, er ist wahrhaftig auferstanden, halleluja.
Exaudi
Herr Jesus Christus, seit Himmelfahrt wissen wir, daß du obenauf bist. Seitdem können wir den Kopf nicht mehr hängen lassen. Gott hat niemand anderen als dich zu seiner rechten Hand gemacht. Wir bitten dich: Halte uns fest bei diesem Glauben. Die Welt um uns her will uns weismachen, du seist nicht obenauf, sondern untendurch. Schenke uns deinen Geist, der sagt uns die Wahrheit. Laß uns nicht ohne deine Gegenwart, der du mit dem Vater ...
Trlnltatls
Vater, komm, unser Leib braucht dein Gebot! Christus, Herr, komm, unser Wille braucht deine Liebe! Heiliger Geist, komm, unser Verstand braucht dein Geleit! Nur so wird unser Denken vernünftig und unser Tun sinnvoll. Heile unsere gespaltenen Seelen und unsere zerrissene Gemeinschaft durch die Einheit, in der du Vater, Sohn und Hl. Geist bist in Ewigkeit.
3. Sonntag nach Trlnitatls
Psalm:
Herr, dir zu begegnen, das ist mein Wunseh,
alles in mir streckt sich aus nach dir.
Laß mich die Spur entdecken,
die dein Schritt in den Sand meines Lebens zeichnet.
Laß mich die Richtung erkennen,
in der es weitergehen soll.
Und dann nimm mich an der Hand
und führe mich,
damit meine Entscheidungen eindeutig werden.
Woher sonst soll mirHilfe kommen als von dir,
darum richtet sich meine ganze Hoffnung auf dich.
Beurteile mich nicht nach meinem Versagen,
sondern allein nach dem, wozu du mich machen willst.
Auf dein Versprechen kann ich mich verlassen,
auf deine Zusage hin kann ich alles loslassen,
was zwischen uns steht.
Darum bin ich fröhlich,
darum kann ich trotz allem einstimmen in dein Lob:
Ehr sei dem Vater..
Gebet.
Gott, wir nennen dich allmächtig und denken dabei an irgendwelche großen Fragen, die wir nicht begreifen oder nicht beantworten können. Aber du willst deine Allmacht von jeher gerade darin zeigen, daß du dich dem Kleinen zuwendest und den Armen rettest. Laß uns darum deine Allmacht nicht als Alibi benutzen, nichts zu hoffen und nichts zu tun. Sondern laß uns darin den Ruf und die Vollmacht erkennen, an deiner Allmacht in all unserer Ohnmacht teilzuhaben durch unsern Herrn Jesus Christus ...
5. Sonntag nach Trinitatis
Psalm:
Gott macht mein Leben hell und heil;
wovor sollte ich mich fürchten?
Er gibt meinem Leben Kraft;
wovor also noch zittern?
Alles, was mir böse will, !
muß am Ende in sich selbst zusammenbrechen.
Und wenn ich auch manchmal meine,
nun geht es nicht mehr weiter, :
ist doch tief in mir drinnen eine große Gelassenheit.
Laß mich nicht ohne Antwort, Herr,
wenn ich nach dir rufe.
Du selbst hast gesagt: Ihr sollt mein Antlitz suchen!
Darauf berufe ich mich, das halte ich dir jetzt vor.
Du darfst dich jetzt nicht vor mir verbergen,
du kannst nicht auf deinem Zorn beharren.
Wer soll mir denn helfen,
wenn du es nicht tust?
Gott macht mein Leben hell und heil;
wovor sollte ich mich fürchten?
Er gibt meinem Leben Kraft;
wovor also noch zittern? (Nach Ps. 27)
Gebet:
Vater vom Himmel her: Gib uns den Geist der Wahrheit und des Friedens. Ohne deinen Geist kennen wir nur eine Wahrheit, die weh tut, oder einen faulen Frieden, der jedem und darum niemandem recht gibt. Nur in deinem Geist gibt es das miteinander: Wahrheit und Frieden. Gib uns diesen Geist, damit wir erkennen, was du wirklich willst, und uns darum mit allen Kräften bemühen, wie du es uns möglich gemacht hast durch unsern Herrn Jesus Christus, der mit dir und dem Hl. Geist lebt und regiert in alle Ewigkeit.
7. Sonntag nach Trinitatis
Vater im Himmel, du hast uns gemacht, nicht wir selbst. Darum müssen wir uns nicht selbst bestätigen in dem, was wir tun. Wir brauchen nicht ständig an uns zu denken, wenn wir überlegen und planen. Unsere Liebe ist stark genug, um vielen zu dienen. Hilf uns zu der Erkenntnis, daß wir dein Geschöpf sind und über alles andere Herr durch ihn, unsern Herrn ...
Ewigkeitssonntag
Herr, wir warten auf Frieden und wir warten auf den Krieg. Nur auf dich, Herr, auf dich warten wir nicht. Wir warten auf eine stabile Wirtschaftslage und wir warten auf die Inflation.
Nur auf dich, Herr, auf dich warten wir nicht. Wir warten auf volle Kirchen und auf lebendige Gemeinden und wir warten auf das endgültige Verlöschen des Glaubens. Nur auf dich, Herr, auf dich warten wir nicht. Wir warten auf den Höhepunkt unseres Lebens und wir warten auf einen plötzlichen bösen Tod. Nur auf dich, Herr, auf dich warten wir nicht. Auf dich warten - das würde heißen: Für möglich halten, was von uns aus nicht möglich ist. Auf dich warten würde heißen: Fremden wie Freunden begegnen.
Auf dich warten hieße: Unser Geld nur für Notwendiges auszugeben, also dafür, daß Not abgewendet wird. Auf dich warten - das hieße: Deine Kirche wichtiger nehmen als unsern Unglauben.
Auf dich warten - das würde heißen: Im Tod nichts anderes zu sehen, als daß du uns von einer Hand in die andere nimmst. Hilf uns, auf dich zu warten, damit unser Leben ein Ziel bekommt.
Danke, Herr. Wir haben so viele Anlässe, uns zu freuen. Und du bist es, der sie uns gibt. Wir haben Menschen, die uns nahestehen und sich um uns kümmern. Wir haben genug zum Leben. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, sich sinnvoll zu beschäftigen. Und wir brauchen nur die Augen aufzumachen, um zu sehen, von wie-vielen Seiten Hilfe von uns erwartet wird. Es ist gut, das zu wissen, Herr. Keiner von uns ist umsonst. Danke, Herr. Wir bitten dich für alle, die nach Freude suchen: Schenke ihnen solche Erfahrungen, damit sie merken, worauf es ankommt: nicht auf billiges Vergnügen, nicht auf eine flüchtige gute Laune, sondern auf die Freude, die ihre Stärke im Dienen erweist. Die erst wirklich ausgelassen sein kann, weil sie aus dem Wissen kommt, daß wir Freigelassene sind.
Wir bitten dich aber auch für die, für die es keine laute Freude mehr gibt. Denen Unwiederbringliches zerbrochen ist, die den sicheren Tod vor Augen haben, die durch viele böse Erfahrungen bitter geworden sind. Sende ihnen Menschen, die sich freuen können und denen es gelingt, sie an ihrer Freude ein wenig teilnehmen zu lassen, damit Hoffnungslosigkeit und Trauer nicht das Letzte bleibt, was ihr Leben zum Ausdruck bringt."** Führe uns alle zu der Erkenntnis, daß der Sieg Jesu über den Tod auch das Kreuz, das wir tragen, zum Zeichen der Hoffnung gemacht hat. Darum ist auch im Schatten des Leides Freude möglich. Danke, Herr. (Thema »Freude«.)
Beichtgebet
Herr, wir wollen dich nicht belästigen. Wir wollen dir nur sagen, worüber man sonst nicht spricht. Denn dir brauchen wir nichts vorzumachen. Du verstehst alles.
Du weißt, daß wir anders sein möchten, als wir sind. Du kennst die quälenden Gedanken, die Enttäuschungen, die wir an uns selbst erleben, unsere Lieblosigkeit, die so weh tut. Wir werden damit allein nicht fertig. Darum bitten wir dich: Erbarm dich unser und vergib uns, Herr.
Dankgebet beim Abendmahl
Wir danken dir, allmächtiger Gott, daß du dich nicht schämst, mit uns Gemeinschaft zu haben. Wir bitten dich: Hilf, daß unsere Gemeinschaft dir keine Schande macht. Wir danken dir, daß du uns deinen Leib auslieferst, und bitten dich: Hilf, daß wir auch dir unsern Leib zur Verfügung stellen, damit wir die ändern Menschen so wichtig nehmen wie uns selbst und dich so wichtig wie die ändern Menschen.
(aus: Nitschke_Horst (Hg.), Gottesdienst 75 - Liturgische Texte und Entwürfe, Meditationen, Reden, Gütersloh 1975
1975
Alle eure Sorge werfet auf Gott! - 1. Petr. 5,7
Mir steht in dieser Stunde eine Szene vor Augen, wie ich sie bei einem meiner letzten Besuche am Krankenbett von W.E. erlebte. Ich will versuchen, sie kurz zu beschreiben, weil ich meine, in dieser Szene wird etwas anschaulich von dem, was Jesus mit seinem Wort meint: »Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr als sie? Darum sorget nicht für den ändern Morgen!«
Ich sitze am Bett von W.E. Die Probleme seines Hauses kommen zur Sprache und damit zugleich die Zukunft seiner Familie nach seinem Tod, den er kommen sieht. Dann schweift das Gespräch weiter: Er erzählt von seiner Tätigkeit im Gemeinderat und im Kreistag. Dabei macht er lächelnd eine Anspielung auf unsere unterschiedlichen Ansichten zu manchen politischen Fragen. Er scheint das zu brauchen, dies erinnernde Erzählen. Es ist, als überprüfte er dabei Stück für Stück noch einmal seine eigene Vergangenheit.
Es wird Abend. Seine Frau pendelt unauffällig zwischen der Küche, wo sie für die Kinder das Abendbrot bereitet, und dem Krankenzimmer hin und her, hilft ein, wenn ihm ganz plötzlich das Sprechen schwer wird, reicht ihm einen Schluck zu trinken oder legt seinen Arm zurecht, den er ja selbst nicht mehr bewegen kann. Ein Freund aus der Firma ist bei meinem Eintritt gegangen, ein anderer schaut zwischendurch herein und beteiligt sich eine Zeitlang an dem Gespräch, ein dritter kommt gerade, als ich mich später verabschiede. Und im Hintergrund auf dem Sofa liegt die vierjährige Tochter und ist eingeschlafen. Sie ist an diesem Tag um ihren Mittagsschlaf gekommen, vielleicht, weil sie unbewußt etwas gespürt hat davon, daß ihr Vater mehr als einfach »krank« ist. Und jetzt fordert die Natur ihr Recht.
Ich weiß nicht, ob Sie aus dieser Beschreibung die Atmosphäre herausspüren können, die über diesem Krankenzimmer lag. Es war bei aller Erschütterung über das Furchtbare, das da vor sich ging, eine große geduldige Gelassenheit, fast möchte ich sagen, eine heitere Ruhe, für die das schlafende Kind ein eindrucksvolles Zeichen darstellte.
Denn was heißt das denn wirklich: die Natur forderte ihr Recht ? Damit ist doch im Grunde noch gar nichts darüber gesagt, warum hier ein vierjähriges Kind neben dem Sterbebett seines Vaters schlafen konnte.
Sie durfte das, weil die Eltern es fertigbrachten, das scheinbar Unerträgliche zu ertragen. Weil sie es fertigbrachten, die Augen nicht vor der Wirklichkeit zu verschließen und doch diese Wirklichkeit einzubetten in eine stille, nicht näher zu beschreibende Hoffnung. Weil der Vater noch in diesem Stadium seiner Krankheit sich Vorwürfe machen konnte, daß er seiner Frau mit seinen Wünschen und Bitten so sehr zur Last falle. Weil die Mutter bei all dieser aufreibenden Pflege und trotz der quälenden Schmerzen, die ihr der immer rascher werdende Zusammenbruch ihres geliebten Mannes bereitete, doch immer wieder Zeit und Kraft fand, die kleinen aufregenden Erlebnisse ihrer Tochter und die Schulprobleme des Sohnes anzuhören und mit ihnen zu teilen. Darum durfte die Vierjährige in diesem Krankenzimmer schlafen. Es wäre nun allerdings wieder zu oberflächlich, wenn man sagen wollte: diese unglaubliche Energie der Eltern, das war eben ihre glückliche Veranlagung. Wer so redete, müßte darüber hinwegsehen, wie sehr auch diese Menschen immer wieder um ihre Fassung rangen. Und er übersähe, daß es mit unserer »Fassung« überhaupt an einem bestimmten Punkt vorbei ist, wo es dann im wahrsten Sinne des Wortes »unfaßbar« wird.
Nein, die Kraft, die hier am Werk war, die dem scheinbar sinnlos treibenden Geschick doch immer wieder eine innere Ruhe und Zielsicherheit gab, die dieses unmenschliche Geschehen eben doch in menschliche Bahnen lenkte, diese Kraft ist in ihrer Tiefe keine menschliche Kraft, sondern eine Kraft, die uns von außen zukommt und die wir uns gegenseitig zusprechen müssen. Eine Kraft, die dabei aber doch in uns und durch uns wirkt, die uns, wie Jesus in seinem Wort sagt, »zufällt«. »Alle eure Sorge werfet auf ihn; denn er sorget für euch!« Darum durfte dieses Kind schlafen.
Jemand hat mich einmal in einer Situation, in der mir alles nur unbegreiflich und sinnwidrig vorkam, an einen Teppich erinnert und gesagt: Siehst du, du siehst diesen Teppich von unten. Da siehst du nur ein Gewirr von Fäden, ein scheinbar sinnloses Kreuz und Quer von Farben und Verbindungslinien. Du brauchst dir keine Mühe zu geben, den Sinn darin zu entdecken; das gelingt dir nicht. Aber wenn du den Teppich von oben sehen könntest, würdest du die herrliche Harmonie bewundern, die in allem herrscht. Wie jeder einzelne Faden genau an dieser und an keiner ändern Stelle verlaufen muß, um das richtige Muster zu erstellen. Dieser Blick von oben ist uns freilich nicht möglich. Wir sehen den Teppich unserer Lebensgeschichte nur von unten. Aber wir können ihn so sehen im Vertrauen darauf, daß es diese andere Sicht von oben gibt, auch wenn sie keinem von uns vergönnt ist. Dieses Vertrauen ist der eigentliche Grund, warum das Kind auf dem Sofa schlafen durfte. »Alle eure Sorge werfet auf ihn; denn er sorget für euch!« Aber auch die anderen Figuren aus der Szene, die ich zu beschreiben suchte, gehören in diesen Zusammenhang: die Freunde und Kollegen, die immer wieder Zeit und Gelegenheit fanden, einmal hereinzuschauen, nach Wünschen zu fragen oder kurz zu erzählen, wieweit sie mit ihren Hilfeleistungen gekommen waren. Die unauffällig und unaufdringlich einfach da waren, wenn sie gebraucht wurden, sei es, um die letzten Arbeiten zur Fertigstellung des neuerbauten Eigenheimes zu verrichten, um der Ehefrau beim Umbetten des Kranken behilflich zu sein, die eine oder andere Besorgung zu erledigen oder einfach ein bißchen Bericht zu geben von der Außenwelt, vom Betrieb, der Nachbarschaft, den augenblicklichen Tagesereignissen.
Wieder möchte vielleicht jemand sagen: Ja, wer das Glück hat, solche Freunde zu finden! Oder auch: W.E. war eben ein Mann, der solche Freunde verdiente. Das soll gar nicht bestritten werden, aber es scheint mir wieder zu vordergründig. In dieser Hilfestellung wurde doch etwas sichtbar, was unser aller Leben eigentlich erst lebenswert macht und was sich darum aus unserm Leben selbst nicht erklären läßt. In der Sprache der Bibel heißt das: Die Kraft, den Nächsten zu lieben, kommt aus der Liebe, die Gott an uns wendet. Wir mögen uns dieser Liebe Gottes nicht immer bewußt sein! Aber sie wirkt, wenn wir ihr nicht den Weg abschneiden. Mit unserer menschlichen Liebe ist es ja nicht anders: Wenn ich mich von einem Menschen geliebt weiß, tue ich meine Arbeit mit Zuversicht und Gelassenheit, ohne auf Schritt und Tritt über den geliebten Menschen nachzudenken. Daß freilich dieses Nachdenken, ja das Aussprechen der gegenseitigen Liebe auch seinen festen Platz haben muß, sollte nicht in Vergessenheit geraten.
Diese Kraft, die ein Leben lebenswert macht, bleibt wirksam auch über den Tod des geliebten Menschen hinaus. Das ist es, was die Bibel mit »Auferstehung von den Toten« meint. Eben nicht nur, daß man seine Toten nicht in einen bodenlosen Abgrund fallen läßt, wenn man sie draußen auf dem Friedhof zur Ruhe bettet, daß sie vielmehr aufgehoben sind in Gottes liebevoller und schöpferischer Erinnerung. Das auch. Aber daneben auch dies andere: die eigene Zukunft dessen, der weiter lebt, ist genauso von dieser lebenschaffenden Kraft getragen.
Freilich wird das auch in Zukunft nur so gehen, wie es in der Vergangenheit ging: Gott braucht und sucht sich Menschen, um seine Lebenskraft weiterzugeben. Mir scheint, was da von Seiten der Nachbarn und Kollegen, aber auch des Betriebes und der Gemeindeverwaltung an spontaner und unbürokratischer Hilfeleistung geschehen ist, sollte für Sie ein ermutigendes Zeichen für die Zukunft sein. Nicht nur der einzelne in seinem Privatbereich, auch ein Verein, ein Betrieb, eine Behörde werden immer wieder von Gott gebraucht zum Zeugnis seiner Liebe, die den Tod überwindet.
Damit ist allerdings nicht aufgehoben, sondern erst wirklich begründet, warum nicht nur das Kind, sondern wir alle uns auch immer wieder schlafen legen dürfen, ohne Angst, wie es weitergeht, ohne Hoffnungslosigkeit im Blick auf den neuen Morgen - schlafen, obwohl die bedrohenden Mächte des Todes oft so beklemmend nahe sind. Denn dies gilt heute, und dies gilt auch morgen: »Alle eure Sorge werfet auf ihn; denn er sorget für euch!«
Analyse der Ansprache von Mering (Siehe auch die Ausführungen S. 24// - Jürg Kleemann (Mein Einverständnis dazu war vorher vom Verlag angeholt worden)
1. Emotionale Ökonomie: 76,5% (normal 69,2%) sind geläufigster Wortschatz. Dafür auffallend der unter diesen Bedingungen große Anteil selteneren Wortschatzes. Mit 12,4% (normal 16,8%) ist dies die informationsreichste der von mir analysierten Predigten (Gerber, Lück, v.Mering, Schupp).
2. »Mir steht in dieser Sekunde eine Szene vor Augen ...«, so markiert v.M. sofort seinen Ort, seine Verantwortung in der Beziehung zu den Anwesenden, spricht sie jedoch nur selten explizit an (2 X , Lück 26 X !). Statt dessen - und dies ist über weite Strecken unausgesprochen seine Absicht- erzählt er. Mit Beobachtungen arrangiert er Szenen, in denen alle Anwesenden sich wiederfinden, und mehr als nur das! Indem er nur über sie redet, läßt er ihnen Distanz, auch Widerspruch: »Jemand könnte ...« Aber diese ausgesparte Anrede rächt sich, wo v.M. zentrale Inhalte einbringt: »Die Kraft, die hier am Werke war ...« Was betreibt er hier mit Worten? Empfehlung? Gefühlskundgabe? Proklamation? Behauptung? Warum ausgerechnet »wir«? Vielleicht hätte gezielte Anrede ihn auch hier in der tatsächlichen Beziehung zu den Anwesenden festgehalten und ihm erschwert, Worte höheren Sinnes über sie hinweg auszurufen.
3. In der Verdichtung des Beobachteten zur »Szene« glückt v.M. beides: Wiedererkennen des Toten und ein neuer Blick auf ihn. Daß er dies oft mit »Kraft« und anderen biblischen, leider leeren oder theologischen Begriffen verbindet, bewirkt eine vorschnelle Himmelfahrt des Faktischen. Als ob nicht dessen Auswahl samt der Wortwahl für eine unauffällige Bewegung und Erhebung sorgen könnten?
4. Daß v.M. Familie W.E. empfiehlt, hat weniger mit ihrem vorbildlichen ethischen Verhalten als mit der Sinnfrage zu tun, für deren Beantwortung ihr Verhalten herangezogen wird. Auch die anderen Stimmen (»Jemand«) tragen mehr zur Profilierung des Sinnproblems bei als zur Verdeutlichung eines pluralistischen Wertklimas. Denn die treibende kommunikative Absicht ist bei v.M. auffallend evokativ:
5. Alles Beschreiben, Erzählen und Fragen schließt die Szene auf zum Zeichen einer »nicht näher zu beschreibenden Hoffnung«. Hier zeigt sich kommunikative Kompetenz darin, daß v.M. sich und die Anwesenden in eine Geschichte verstrickt, die an die Geschichten Gottes anschließbar und darum unaussprechlich hoffnungsvoll ist. Die Sterbeszene um W.E. wird eine Art Text, welcher der Grammatik biblischer Erzählung folgt, und alles darin hat Zeichenwert, »spricht«. Am deutlichsten das Kind, das neben dem Sterbenden schlafen »durfte«. Hier scheint sich übrigens ein Merkmal evozierenden Gebrauchs von Sprache anzuzeigen, vgl. Gerber! Er mißglückt wohl dann, wenn die Erzählung menschlichen Lebens dieses und die Trauernden mißbraucht und arrangiert zum Zwecke des Gottesbeweises und zur Durchsetzung dogmatischer Sprachregeln.(J. K.)
(aus: Nitschke, Horst (Hg), Am Grabe – Gütersloh 1975 S. 73 - 77)
Motiv: Solidarität der Bestürzung
Text: Psalm 39,10
Klaus von Mering
Was uns in dieser Stunde miteinander verbindet, ist die Bestürzung über das Unglück, das am vergangenen Donnerstag über die Familie D. hereingebrochen ist. Im Blick auf den Verunglückten selbst sind wir alle sehr verschieden, je nachdem, wie nahe wir ihm oder er uns gestanden hat. Das reicht von denen, die ihn persönlich nur ganz flüchtig kannten, für die seine Qualitäten als Bademeister und Campingwart ganz im Vordergrund standen, über die Freunde, Nachbarn und Verwandten, die vor allem seine Einsatzbereitschaft und seine ruhige Heiterkeit schätzten, über seine Eltern, denen die Nähe des Sohnes ein Stück Lebensinhalt und zugleich Stütze bedeutete, bis zu seiner Frau und den Kindern, die in ihrer ganzen Existenz auf ihn angewiesen waren - und das gewiß nicht nur im materiellen Sinne.
Hier breitet sich ein weiter Fächer von Einstellung und Gefühlen aus, und es mag für manchen schon eine Hilfe bedeuten, seine Stellung auf dieser Skala zu bestimmen und damit auch die ändern in den Blick zu bekommen. Aber noch einmal: Was uns über all diese Verschiedenheit hinweg miteinander verbindet, ist die Betroffenheit und die tiefe Ratlosigkeit angesichts der Umstände, die zum Tode von H.D. geführt haben. Es scheint eine Selbstverständlichkeit, aber bei Lichte besehen ist das durchaus nicht selbstverständlich, und wir sollten es uns darum bewußt machen: Hier herrscht eine große Einigkeit und Gemeinsamkeit zwischen uns allen; man könnte es die Solidarität der Bestürzung nennen.
Wie nahe oder wie fern wir bisher der christlichen Botschaft gestanden haben mögen, in diesem Punkt ist kein Unterschied zwischen uns: Wir vermögen das Geheimnis dessen, was da geschah, in seinem Sinn nicht zu ergründen. Ich würde es als leichtfertig und anmaßend empfinden, wollte jemand hier kurzerhand mit der Vokabel Gott dazukommen, so als entstünden für den Christen durch ein solches Unglück keine Nöte und Fragen, als hätten wir ein Patentrezept zur Hand, das man wie eine Beruhigungsdroge weiterreichen und einnehmen könnte. Nein, hier kann es nur darum gehen, sich offen die Solidarität der Bestürzung, die Gemeinsamkeit im Nicht-Verstehen zu bekennen.
Ich denke allerdings: Das ist schon etwas. Indem wir diese Solidarität anerkennen, geben wir zu, daß wir an dieser Stelle alle zueinander gehören. Wir sind, zumindest an dieser Stelle, miteinander verbunden, also aufeinander angewiesen und an einander gewiesen. Denn das Eingeständnis, daß wir mit unsern Möglichkeiten, den Sinn unserer Welt zu deuten, am Ende sind, fordert ein bewußtes Ja zu unserer Begrenztheit als Menschen. Uns stehen weder unendlich viel Kräfte noch unendlich viel Erkenntnisse noch unendlich viel Zeit zur Verfügung, wir sind Menschen. Die Solidarität der Bestürzung, einmal bewußt geworden, führt uns letzten Endes zur Erkenntnis der Solidarität von Schuld und Tod. »Ich will schweigen und meinen Mund nicht auftun.« Wo dieses Eingeständnis und dieses Einverständnis ausgesprochen werden, kann es aber geschehen, daß Menschen, die vorher nur mit gesenktem Kopf sich selbst und ihren Schmerz gesehen haben, die Augen heben können und in Umrissen den zu Gesicht bekommen, der hinter unsern menschlichen Grenzen steht, der uns mitsamt unserer Grenzen von Unverständnis und Tod in seinen Händen hält. Denn Jesus hat nicht den Menschen aufgesucht, der mit allem fertig wurde, sondern gerade den begrenzten, den ratlosen, den todverfallenen.
Ich möche nicht mißverstanden werden: Das ist nicht ein zwingender Gedankengang, so als müßte dem jeder zustimmen, wer nur genügend nachdenkt: Es gibt einen Gott. Dann wären wir wieder bei dem Patentrezept. Jede Hilfe aber, die leicht zu haben ist, ist auch leicht zu verbrauchen. In wirklichen Krisen helfen uns keine Patentrezepte.
Nein, der Gott, den Jesus uns bringt, ergibt sich nicht aus einer geschickten Logik. Aber es kann geschehen und geschieht immer wieder, daß da, wo die Solidarität des Menschseins zwischen Menschen erkannt und zugestanden wird, sich ein neuer Horizont des Denkens auf tut! Menschen, die vorher nichts anderes hörten als den klagenden Schrei ihres eigenen Herzens, bekommen auf einmal ein Ohr für das Wort dessen, den auch der Tod nicht von unserer Seite drängen kann. »Ich will schweigen und meinen Mund nicht auf tun; denn du hasts getan.«
Wenn unsere Bestürzung offene Bestürzung, wenn unser Schweigen ehrlich hilfloses Schweigen ist - ich könnte auch sagen: Wenn wir mit unserer Begrenztheit erkennen, daß auch unser Schmerz nicht grenzenlos sein kann, dann wird da, in der Finsternis, die uns umgibt, ein Raum frei, in dem er zu uns reden kann: Ich bins, ich habs getan, ich, der ichs nie anders als gut mit dir meine.
Unser Schweigen bleibt; erklären und verstehen können wir auch von da aus nichts. Aber wir können es nun lernen, auf dieses eigene Verstehen zu verzichten. Wir können aufhören, über das »Warum« nachzugrübeln, wir können aufhören, anzuklagen und zu verzweifeln. Ja wir können uns eigentlich erst von hier aus wirklich begnügen mit der Solidarität der Bestürzung. Denn nun ist das nicht mehr Ausdruck der Resignation, der verzweifelten Hoffnungslosigkeit, sondern Ausdruck der Entschlossenheit, einen neuen Anfang zu machen.
Und da werden nun jedem von uns ganz verschiedene Aufgaben zuwachsen, so verschieden, wie uns der Tod von H.D. verschieden getroffen hat. Das wird für den Rat der Gemeinde in erster Linie Phantasie und Verantwortung bedeuten, die wirtschaftliche Zukunft der Familie zu sichern, in voller Anerkennung dessen, daß der Verstorbene in Ausübung seines Dienstes ums Leben kam. Für die Nachbarn wird es darum gehen, die Witwe mit ihren Kindern nicht aus falscher Scheu aus der nachbarschaftlichen Verbundenheit zu entlassen. Die kleinen alltäglichen Gespräche über den Gartenzaun oder beim Kaufmann können jetzt für die Familie lebenswichtig sein.
Für die Bekannten und Freunde wird es darauf ankommen, immer wieder Zeichen des Gedenkens und der Zuneigung aufzurichten. Und für die Glieder der Familie selbst heißt es, jetzt nach Möglichkeit noch enger zusammenzurücken, ohne sich nach außen abzuschließen. Auf diese Weise lernt man nicht nur, neben dem eigenen Kummer den Schmerz des ändern zu sehen, sondern entdeckt auch neue Möglichkeiten, das Leben zu ergreifen.
So kann aus der Grabesstille nach und nach Ruhe, aus der Verbitterung demutsvolles Schweigen werden: »Ich will schweigen und meinen Mund nicht auf tun; denn du hasts getan.«
108
(aus: Nitschke, Horst (Hg), Am Grabe – Gütersloh 1975 S. 106-108)
Begrüßung
P: Viele Gründe mögen uns bewogen haben, an diesem Gottesdienstteilzunehmen. Sie treten aber jetzt sämtlich zurück hinter dem einen, daß dieser Gottesdienst im Namen Gottes geschieht, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes.
G: Er schenkt uns Leben, er bietet uns Hilfe, er gibt uns Hoffnung.
P: Herr, wir sind festgefahren in unseren Ansichten: über die Alten, über die Jugend, über die Kirche, über dich selbst. Wir bitten dich:
G: Befreie uns von unseren Vorurteilen!
P: Herr, wir sind festgefahren in unserer Schuld: wir haben versagt, als andere uns brauchten, als die Lage es erforderte, als du uns riefst. Wir bitten dich:
G: Befreie uns von unserer Schuld!
P: Herr, wir sind festgefahren in unseren Versuchen, das Richtige zu tun: wir haben uns überschätzt, wir haben zu wenig Geduld und Beharrlichkeit aufgebracht, wir haben zu wenig von dir erwartet. Wir bitten dich:
G; Befreie uns von unserer Mutlosigkeit! (K. v. M.)
12
Psalm 100
Jauchzet dem Herrn alle Lande! Dienet dem Herrn mit Freuden!
Für uns ist das meistens zweierlei, Herr, das »Jauchzen« und das »Dienen«, das Fröhlichsein und das Helfen.
Wir meinen, wir können uns nur freuen,
wenn sich alles um uns dreht.
Wenn es um den ändern geht,
dann scheint uns das Arbeit, Mühe, Verzicht.
Jauchzet dem Herrn alle Lande! Dienet dem Herrn mit Freuden!
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Du siehst zu sehr auf deine Freude und deinen Dienst, sagt
Gott.
Darum zerbricht dir deine Welt
in Arbeit und Freizeit, in Mühsal und Vergnügen.
Schau auf mich, bring mir deine Freude, sagt Gott.
Vergiß nicht, daß ich es bin, der dich
in jedem Menschen um Hilfe bittet.
l Erkennet, daß der Herr Gott ist!
Er hat uns gemacht - und nicht wir selbst - zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide.
Das ist es ja, Herr, was uns oft nicht gelingt:
Dich zu entdecken in unserer »Freude« und in unserm
»Dienst«.
Wenn wir wüßten, daß es wirklich um dich ginge,
dann wäre alles viel leichter.
Erkennet, daß der Herr Gott ist!
Er hat uns gemacht - und nicht wir selbst - zu seinem Volk und
zu Schafen seiner Weide.
Du suchst mich immer als den strahlenden Weltenherrscher, sagt Gott.
Du wirst mich aber nur finden in der armen Gestalt des Jesus aus Nazareth.
Du meinst immer, Christsein müßte verbunden sein mit dem
Gefühl der Überlegenheit, sagt Gott.
Du vergißt, daß du zu meinem Volk allein durch den gehörst, der der Welt unterlegen ist am Kreuz.
Danket ihm, lobet seinen Namen!
Denn der Herr ist freundlich, und seine Gnade währet ewig.
Herr, lehre uns dankbar sein für das,
was du an uns getan hast.
Hilf, daß wir dich da suchen, wo du zu finden bist.
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Dann entdecken wir den Gott,
der uns von allen Seiten
mit seinen großen Händen umschließt.
Danket ihm, lobet seinen Namen!
Denn der Herr ist freundlich, und seine Gnade währet ewig.
Danken heißt fröhlich sein und dienen,
sagt Gott.
Frage deine Fröhlichkeit, ob sie jemandem dient.
Und frage deinen Dienst, ob er jemanden fröhlich macht, sagt
Gott.
Dann ist beides richtig.
Jauchzet dem Herrn alle Lande! Dienet dem Herrn mit Freuden!
(K. v. M.)
24
Psalm
Herr, es muß schön sein, als ein Christ zu leben. Es muß schön sein, so viel Abstand zu den Dingen zu haben, daß einen nichts umwerfen kann; so viel Überblick, daß man sieht, wie es weitergehen muß. Es muß schön sein, so frei zu sein, daß man nicht mehr tut, was alle tun, sondern was richtig ist. Es muß schön sein, so stark zu sein, daß man Vergangenes vergangen sein lassen kann und im Blickauf morgen heute das Nötige tut. Herr, das muß schön sein.
Hilf uns, daß wir auf das alles nicht nur warten. Und hilf uns auch, das alles nicht nur für uns zu erwarten.
Darum schließen wir in unsere Hoffnung ein alle, die wir liebhaben in der Nähe und in der Ferne, aber auch alle, die uns das Leben schwermachen. Alle, die etwas zu sagen haben in dieser Welt, aber auch alle, die nichts zu melden haben, weil sie arm und unwichtig und vergessen sind. Alle, die ihre Verantwortung ernst nehmen für die Menschen, die ihnen anvertraut sind, aber auch alle, die verantwortungslos in den Tag hineinleben, die die Not der ändern zu leicht nehmen und sich damit selbst ein Armutszeugnis ausstellen.
Ihnen allen, uns allen hilf zu diesem Glück, als ein Christ zu leben, zu der Einsicht, daß es nicht nur schön ist, davon zu träumen, sondern viel schöner, damit zu beginnen. (K. v. M.)
Fürbitte Leidende
Herr Gott, barmherziger Vater, wirklagen dir unsere Hartherzigkeit. Wir haben uns daran gewöhnt, die Ohren zuzumachen, weil wir uns an unseren Unglauben gewöhnt haben, der nichts mehr zu hoffen wagt.
Wir lesen von hungernden Menschen, hören die letzten Seufzer der Verunglückten, sehen die zerschmetterten Glieder der Toten - und der Bissen bleibt uns nicht mehr im Halse stecken, der Atem stockt nur noch einen winzigen Augenblick. Wirsind stumpf gewordenfürdie Leiden anderer und undankbar für das eigene Wohlergehen. Gleichgültigkeit und Selbstmitleid haben Trauer und Liebe erstickt. Wir bitten dich: Brich unsere Herzen auf, damit wir die Leiden der Menschen neben uns wieder wahrnehmen und ernst nehmen können:
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die Leiden der Alten, über die sich die Kinder lustig machen, die Leiden der Eltern, denen vor der Zukunft graut und die von ihren Kindern nicht verstanden werden,
die Leiden der Jugendlichen, die um glaubwürdige Verhältnisse ringen und von den Erwachsenen übergangen werden, die Leiden der Kinder, deren Kummer niemand ernst nimmt und deren Hilferuf keiner versteht.
Das Leiden der Kranken, die hoffnungslos und verbittert sind, das Leiden der Ängstlichen, die sich niemandem anvertrauen mögen,
das Leiden der Schuldbeladenen, die keine offene Tür mehr finden,
das Leiden der Verzweifelten, die den Tod herbeisehnen. Herr, wir bitten dich, gib uns den Mut, dein Versprechen für den Menschen wahr sein zu lassemmd den Ruf der Leidenden zu hören. Hilf uns zu deiner Barmherzigkeit. Laß sie eindringen auch in jene tieferen Hirnstämme, wo die Aggressivität sitzt und die Lebensangst, damit wir frei werden, die Menschen mit deinen Augen zu sehen und danach zu tun. (K. v. M.)
Fürbitte Kirche
Allmächtiger Gott, barmherziger Vater, wir müssen zugeben, daß wir immer wieder uns selbst meinen, wenn wir fromm sind, daß wir um uns selbst fürchten, wenn deine Kirche in Not ist, daß wir uns selbst verspottet fühlen, wo du verspottet wirst. Um so mehr danken wir dir, daß du immer noch mit uns redest, daß du nicht müde geworden bist, uns zu deinem Heil zu rufen, daß du uns im Wort vom Kreuz den Weg zur Wahrheit weist. Wir bitten dich fürdeine Kirche in allen Erdteilen, unter allen Völkern und Rassen: für alle, die in ihr arbeiten, und für alle, die von ihrer Arbeit erreicht werden. Verbinde uns mit ihnen in der Einheit des Glaubens und mehre dein Reich. Wir bitten dich für alle, die Verantwortung tragen, die Politiker, die Richter, die Ärzte und Schwestern, für alle, die Bücher und Zeitungen schreiben, für alle, die die Sicherheit und Ordnung unseres Lebens überwachen, für alle, die leitende Ämter haben. Laß sie ihre Aufgabe ernst nehmen und die Menschen achten, die du ihnen anvertraut hast.
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Wir bitten dich für diese Stadt und alle, die in ihr leben. Komm mit deinem Frieden in alle Häuser und Familien, zu den Ehepaaren, die sich nicht vertragen, daß sie anfangen, zuerst die Not des ändern zu sehen; zu den Eltern und Kindern, die nicht in der rechten Liebe miteinander umgehen, daß sie sich gegenseitig als deine Gabe und Aufgabe erkennen. Laß uns ein gutes Verhältnis finden zu den Menschen, mit denen wir arbeiten, damit wir nicht vergeblich diesen Gottesdienst besucht haben. Wir bitten dich für diese Gemeinde und alle ihre Glieder, die Jungen und die Alten, die Gesunden und die Kranken, die Fröhlichen und die Traurigen, die Starken und die Schwachen. Wir bitten dich für alle Heimatlosen und Gefangenen, alle Zweifelnden und Verzweifelten, für alle, die allein sind und um die sich niemand kümmert. Besonders bitten wir dich für all die, die in Gleichgültigkeit dahinleben und das Ziel ihres Lebens aus dem Auge verloren haben.
Behüte uns alle durch deine allmächtige Gegenwart. Nimm weg, was vor dir nicht bestehen kann und eine Mauer bildet zwischen dir und uns. Gib uns den Mut, heute an einer Stelle unseres Lebens neu anzufangen, und gib uns die Ausdauer, morgen dabei zu bleiben und nicht müde zu werden. Herr des Himmels und der Erde, um dies alles rufen wir dich an als unseren lieben Vater durch deinen Sohn Jesus Christus.
(K. v. M.)
Psalm Weihnachten
Christnacht
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seinen Schultern.
Die Welt ist in Aufruhr,
es brennt an allen Ecken.
Das ist die Stunde der Gewalttäter und Diktatoren,
die starken Männer haben Hochkonjunktur.
Wer nach Gerechtigkeit fragt,
wird lächerlich gemacht oder mundtot.
Glück gibt es nur für die Tüchtigen - oder die Süchtigen.
Aber mitten unter ihnen,
den Starken und den Ausgeflippten,
wird einer geboren,
der das Schema sprengt.
Den Gewalttäter läßt er leerlaufen,
denn er schlägt nicht zurück.
Und den Resignierten verblüfft er damit,
daß er die Menschen ernst nimmt.
Krippe und Stall werden zu Wendepunkten der Weltgeschichte,
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und Funken der Hoffnung glühen heller als alle Weltenbrände. Das Volk, das im Finstern wandelt...
Gebet:
Herr, wenn es mir gelänge, heute abend nur einen Halm von jenem Stroh zu erfassen, das du zu deinem Lager in dieser Welt gemacht hast - ich würde mich daran klammern. Lieber einen Strohhalm aus deiner Krippe als die aufgeblasenen Rettungsringe meiner falschen Freunde. Denn was mich retten kann, ist nur die Liebe, die so weit geht wie du, der.du Ohnmacht und Leiden nicht gescheut hast und darum lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. (K. v. M.)
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Gebet Pfingsten
»Der Herr ist der Geist, wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit«, sagt die Bibel.
Aber leben wir wie Freie? Ist das ein besonderes Kennzeichen der Christen in unserm Land, daß sie frei sind? Es ist nicht zu leugnen: Wir haben uns abhängig gemacht von der Meinung anderer. Unser Denken bestimmen die Daten der Wissenschaft, unser Tun die Tabus der Masse. Unsere Abhängigkeit ist so groß geworden, daß wir uns nicht mehr selbst daraus lösen können. Darum beten wir: Gib uns deinen Geist!
»Gott ist Geist... (und) der Geist ist's, der da lebendig macht«,
sagt die Bibel.
Aber wo ist die Begeisterung Gottes unter uns? Haben wir sie nicht abgedrängt zu den Fanatikern und den Süchtigen?
Es ist nicht zu leugnen: Die Angst vor dem Risiko hat uns bewogen, uns hinter Formen und Vorschriften zu verkriechen. Unsere Worte sind für viele tote Geräusche, unsern Festen ist die Freude
fremd. Darum beten wir:
Gib uns deinen Geist!
»In einem jeden offenbaren sich die Gaben des Geistes zu gemeinsamem Nutzen«, sagt die Bibel.
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Aber haben wir diese Gaben genutzt? Haben wir uns nicht aus der Gemeinschaft zurückgezogen in die Festung unserer Frömmigkeit? Haben wir nicht die Vielfalt der vorhandenen Fähigkeiten verkümmern lassen, weil uns die Ordnung wichtiger war als Originalität? Es ist nicht zu leugnen: Viele Begabungen sind aus unserer Mitte ausgewandert, weil wir sie nicht einzusetzen wußten. Unser Gemeinschaftssinn ist verkümmert. In unsern Gruppen ist der Neue eher Störung als Stärkung. Uns fehlt der Mut, unszurVerfügung zu stellen, und das Vertrauen, vom ändern etwas zu erwarten. Darum beten wir: Gib uns deinen guten Geist.
(K. v. M.)
3. Sonntag nach Michaelis
Psalm:
Ich weiß manchmal nicht genau, wer du bist, Gott. Und dann erfahre ich deine Gegenwart wieder so selbstverständlich wie die Nähe eines Menschen.
Manchmal glaube ich, ich glaube,
und manchmal verlischt schon der kleinste Hoffnungsfunke.
Manchmal kann ich mich darauf verlassen,
daß auf dich Verlaß ist.
Und dann komme ich mir wieder von allem verlassen vor.
Manchmal fühle ich mich denen überlegen,
die so überlegen grinsen, wenn es um den Glauben geht.
Und dann ertappe ich mich wieder bei der Überlegung,
ob ich nicht doch aufs falsche Pferd gesetzt habe.
Du brauchst nicht an deinen Glauben zu glauben, sagt Gott.
Dein Glaube ist wie dein Schatten.
Wenn der Himmel wolkenlos ist, siehst du ihn.
Und wenn die Sonne hinter Wolken verborgen ist,
siehst du ihn nicht.
Und doch scheint die Sonne
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und gibt dir und der ganzen Welt die Wärme und das Licht, das ihr zum Leben braucht.
Darum: Sieh nicht auf den Schatten, sieh auf das Leben!
Ich weiß manchmal nicht genau, wer du bist, Gott. Und dann erfahre ich deine Gegenwart wieder so selbstverständlich wie die Nähe eines Menschen.
Gebet:
Vater, Jesus hat uns zu deinen Kindern gemacht, weil du unser Vater sein wolltest. Bewahre uns vor dem kindischen Versuch, dir die Verantwortung für unsere Fehler zuzuschieben. Bewahre uns aber auch vor dem naiven Gedanken, wir könnten nur mündig werden, wenn wir uns über deine Gebote hinweg setzen. Du willst nicht unser Vater sein, um über uns zu herrschen, sondern um uns zu erwachsenen Söhnen und Töchtern zu machen, denen du das Erbe deines Reiches versprochen hast durch unsern Herrn Jesus Christus, der mit dir in der Einheit des Geistes lebt und regiert in Ewigkeit. (K. v. M.)
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(aus: Nitschke_Horst (Hg.), Gottesdienst 1976, Liturg. Texte und Entwürfe, Gütersloh 1976)
Wer am heutigen Reformationstag zum Gottesdienst geht, tut in den Augen vieler etwas sehr Widersprüchliches, er setzt sich, wie man so sagt, zwischen alle Stühle: Weder will er bei denen sitzen, die eine Reform, eine Veränderung und Erneuerung der Kirche nicht für möglich halten und sich deshalb von ihr abwenden. Durch Ihr Hiersein setzen Sie ein Zeichen der Überzeugung — oder doch der Hoffnung, dass diese Kirche noch nicht abgewirtschaftet hat, wie veraltet und überholt einem dies oder das an ihr auch vorkommen mag.
Aber auch der andere Stuhl ist mir zu bequem und darum verdächtig, der uns gerade in jüngster Zeit wieder so nachdrücklich empfohlen wird: Schluss mit den Reformversuchen, heißt es da, dabei kommt doch nichts als Unsicherheit heraus. Kehren wir zurück zu dem Bewährten, Beständigen, dem ewig gleichen Evangelium oder wie immer die wohlklingenden Etiketten lauten.
Reformation heißt nun einmal Erneuerung, Veränderung — und wer am Tag, der diesen Namen trägt, in den Gottesdienst geht, kann nicht ein Ereignis von Anno dazumal feiern, sondern muss fragen, welche Gestalt Kirche und Glauben heute angemessen ist, wenn sie im Sinne der Reformatoren Kirche Christi, christlicher Glaube bleiben wollen. Gerade wenn sie bleiben soll, wozu Christus sie beauftragt hat, braucht unsere Kirche diese ständige Frage und Suche. Und es mag uns hoffen lassen oder auch heilsam verunsichern, dass es ausgerechnet ein Papst war, der sinngemäß gesagt hat: Die ständige Wiederholung der Wahrheit kann zur ärgsten Form der Lüge werden.
Gottesdienst am Reformationstag bedeutet also Ja und Nein zugleich: Nein zu einer Kirche, die bleiben will, wie sie ist, und Ja zu einer Kirche, die werden kann, was sie sein soll. Deshalb ist der Gottesdienst an diesem Tage in gewissem Sinn tatsächlich ein Widerspruch in sich selbst.
Solche Widersprüchlichkeit ist schwer durchzuhalten. Und so kann es uns nicht wundern, dass die Menschen immer wieder der Versuchung erlegen sind und noch erliegen, die einfachere Lösung eines Entweder-Oder vorzuziehen: Entweder man ist für die Kirche. Dann wehrt man sich gegen alle Kritik und weist sie als böse und unchristlich zurück. Oder man ist gegen diese Kirche, dann hält man sich von ihr fern oder wendet ihr gar endgültig den Rücken zu.
Dagegen das Ja und Nein der Reformation zu setzen, ist zumindest unpopulär, oft genug sogar gefährlich; von beiden Seiten wird man als Kompromissler beschimpft, der die Wahrheit, die nur Ja oder Nein heißen kann, in ein laues Sowohl-Als-auch verfälsche. Aber die Wahrheit — so sagt unser heutiger Predigttext — heißt nicht Ja oder Nein, freilich auch nicht Sowohl-Als- auch, sondern tatsächlich dieses unpopuläre, widersprüchliche Ja und Nein.
Paulus drückt das so aus: Schaffet. dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern. Denn Gott ist‘s, der beides in euch wirkt, das Wollen und das Vollbringen.
Auch in der Gemeinde in Philippi zog man es offenbar vor, im bequemeren Muster eines Entweder — Oder zu denken. Entweder ist Gott der strenge Richter, der die Menschen nach ihren Taten beurteilt. Dann ist es allein wichtig, um die eigene Gerechtigkeit und das eigene Heil zu ringen und alles zu vermeiden, was die reinen Hände beschmutzen könnte. In den Evangelien sind zahlreiche Gespräche Jesu mit solchen Gesetzestreuen überliefert, ja, wir können Jesu gesamtes Reden und Wirken nur aus seinem leidenschaftlichen Widerspruch gegen diese Lebenshaltung verstehen. Er deckt auf, wie hier die Bemühung um die eigene Seligkeit die Liebe tötet. Es ist Kain, der auf seiner frommen Suche nach Gott und bei dem Wunsch, ihm mit seinem Opfer zu gefallen, seinen Bruder Abel erschlägt. Der heilige Gott wird zum Vorwand, den Bruder neben sich zu übersehen, seinem Verderben zu überlassen, ihn zu töten. Gerade der schwache, der gestrauchelte, der unter die Räuber gefallene Bruder wird so zum Opfer der Frömmigkeit.
Gegen diese mörderische Gesetzestreue ist Jesus angetreten, er predigt und praktiziert — gerade im Namen des heiligen Gottes — die Freiheit, die auch Gesetze übertreten kann, wenn es die Not des Bruders erfordert. Er entlarvt die Heuchelei des frommen Kain, der in Wahrheit den heiligen Gott, der für
Ihn angeblich über allem steht, zum Sklaven seines Opfers, seiner Frömmig- keit machen möchte. In dieser Freiheit hat sich Jesus auf die Seite der Zöllner und Sünder seiner Zeit gestellt und gerade ihnen die Liebe Gottes zugesprochen.
Diese Freiheit wurde dann auch zum Grundton der Predigt seiner Jünger, und diese Freiheit hat Paulus auch in der Gemeinde Philippi verkündet. Aber sie ist dort offenbar, nachdem Paulus die Gemeinde verlassen musste, unter die Räder jenes bequemeren Entweder-Oder - Denkens geraten. Wenn Gott — so schließt diese fatale Logik— also nicht der strenge Richter ist, sondern ein Gott der Liebe und Vergebung, dann ist es ja ganz gleichgültig, ob ich Gutes oder Böses tue, ob ich seine Gebote achte oder mir die Freiheit nehme, zu tun, wo- nach mir gerade der Sinn steht. Hat nicht Jesus selbst die Freiheit gegen das Gesetz gestellt?
In dieser Situation hätte es zweifellos nahe gelegen, dass Paulus, erschrocken über ein solches Missverständnis, das Wort von der Freiheit zurückgenommen und die bleibende Gültigkeit des Gesetzes betont hätte. Es wäre dann, wie später so oft in der Kirche, zu jenem Sowohl-Als-auch gekommen: Freiheit, ja, aber in Grenzen! Gottes Liebe zu dem Gestrauchelten, ja, aber es muss der Wille hinzukommen, sich aus dem Schmutz aufzurichten und zu reinigen.
Aber Paulus hat sich diese Verfälschung des Evangeliums nicht aufdrängen lassen. Zwischen dem Willen Gottes und dem Wollen des Menschen gibt es keinen Kompromiss. Keine partnerschaftliche Zusammenarbeit. »Nicht durch des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben«, formuliert Paulus im Römerbrief. Hier sagt er es so: Gott ist es, der beides in euch wirkt, das Wollen und das Vollbringen.
Wer die Freiheit des Menschen einschränkt, schränkt damit die Freiheit Got- tes ein. Und umgekehrt: Wer die Freiheit Gottes ernstnimmt, kann in der eigenen Freiheit gar nicht weit genug gehen.
Aber genau das ist es: nicht weit genug. In Wahrheit seid ihr nicht zu weit gegangen in eurer Freiheit, sagt Paulus den Philippern, sondern nicht weit genug. Ihr seid auf halbem Wege stehen geblieben. Nehmt euch Jesus zum Vorbild: Er war bei Gott. Aber er behielt es nicht wie eine Beute für sich, bei Gott zu sein, sondern er hatte die Freiheit, aus dem Himmel auf die Erde zu steigen und die Knechtgestalt des Menschen anzunehmen — an diesen Text eines alten Christusliedes erinnert Paulus seine Gemeinde wenige Verse vor unserem Predigttext. Doch damit nicht genug, Jesus ging noch weiter: Er durchbrach die sicheren Zäune von frommen Gesetzen und Normen der Anständigkeit, um bei den Knechten der Knechte und Ärmsten der Armen zu sein.
Freilich, diese totale Freiheit ist nicht auf dem Weg des geringsten Widerstandes tu haben, zu ihr gelangt man nicht, wenn man seine wechselnden Launen zum Maßstab nimmt. Denn diese Freiheit ist unpopulär, und wer zu ihr unterwegs ist. Stößt auf Hindernisse, ja auf erbitterten Widerstand. Sie haben Jesus um dieser Freiheit willen beschimpft und verjagt und am Ende gefangen genommen und festgenagelt in der Hoffnung, so endlich Ruhe vor ihm zu haben.
Ich denke, es ist heute nicht weniger nötig als zur Zeit Luthers, diesen Weg der Freiheit wiederzuentdecken und uns vor Augen zu halten. Auch heute schwillt ja, innerhalb und außerhalb unserer Kirchen, der Chor derer wieder an, die erschrocken oder auch nur hämisch auf die Scherben verweisen, die ein angeblich überzogener Freiheitsgedanke hinterlassen habe. Dagegen gilt es das Christuslied des Paulus anzustimmen, das von der Freiheit Jesu singt, die so manche große Freiheit unter uns als bequeme Abhängigkeit von Augenblickswünschen entlarvt. Nicht zu weit, sondern nicht weig genug sind wir gegangen. Die kleinen Zäune, über die wir hinüberblicken konnten, ha- ben wir durchbrochen. Aber die hohen, die uns Angst machen, weil wir nicht wissen, was dahinter auf uns wartet, haben wir stehen lassen und die bequeme Knechtschaft einer möglicherweise gefährlichen Freiheit vorgezogen. In diese Situation hinein formuliert Paulus: »Schaffet, dass ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.«
In der Tat: Ja und Nein hart nebeneinander, ja ineinander. Gott sagt ja zu uns, wie wir sind, aber nein dazu, dass wir bleiben, wie wir sind, Damit stehen wir da wie Begnadigte vor der geöffneten Zellentür. Wollen wir die Freiheit verweigern, hinauszugehen, weil es hier drinnen alles so geregelt und sicher ist? Oder wollen wir zwar hinausgehen, aber das tödliche Gesetz des Jeder gegen Jeden, das die geregelte Sicherheit hier drinnen ausmacht, mit hinaus- nehmen? Oder können wir mit den äußeren Normen, die uns lästig und überflüssig geworden sind, auch die hinter uns lassen, die uns bereits so erschreckend selbstverständlich wurden?
»Gott ist es, der beides in euch wirkt, das Wollen und das Vollbringen.« Wer diesem Ruf der Freiheit folgt, läßt auch die Angst hinter sich, wir könnten von diesem Wirken nichts verspüren oder müssten warten, bis wir seiner si- cher wären.
Gottesdienst am Reformationstag, ein Widerspruch in sich? Ja. Aber gibt es etwas, was unsere widersprüchliche Wirklichkeit sachgemäßer spiegelt? Wer sich um den Bestand der Kirche ängstet und meint< sie gegen jede Kritik in Schutz nehmen zu müssen, sollte sich erinnern: Die Kirche gewinnt ihre Kraft gerade darin, dass sie den Weg der Freiheit auch dann nicht verlässt, wenn sie auf Unmut oder gar offene Feindschaft stößt. Und wer der Kirche den Rücken zudreht, weil sie ihm zu konservativ< zu autoritär, kurz zu unfrei ist, der sollte daran denken: Es waren in der Geschichte meistens nicht die Bischöfe und Päpste< sondern scheinbar unbedeutende, ohnmächtige einzelne, die die Kirche auf den Weg der Freiheit zurückgerufen haben.
Dass die bequeme Freiheit der Halbherzigen bis heute auch für die Kirche eine ständige Versuchung geblieben ist, wen wundert es, wenn er von Jesus weiß, wohin die entschiedene Freiheit der Barmherzigen führt? Vielleicht sind Furcht und Zittern geradezu der Ausweis dafür, dass die Kirche lebt und in der Vollmacht Gottes wirkt »zu seinem Wohlgefallen«.
EKG-Lieder:
195, 1-4, 201, 1—2, 214, 5, 205, 1-5, 223, 4+5
(aus: Worte am Sonntag - heute gesagt, IV,3, hrsgg. v. Horst Nitschke. Gütersloh 1976 S. 133 - 137 sowie noch einmal in überarbeiteter und stark verlürzter Form in meinem Buch Hausputz für die Seele 1993)
Psalm
Gebannt in den Teufelskreis von Bosheit, Leiden und Verzweiflung,
schauen wir aus nach dem Kommen des Erlösers.
Die Welt, die wir uns bauen wollten, ist zerbrochen.
Trümmer zeichnen die Stätte unserer gutgemeinten Versuche.
Willst du, daß wir an unsern Mißerfolgen zerbrechen? Sollen wir verzichten auf Gerechtigkeit und Frieden, weil sie uns nicht gelingen?
Herr, sieh doch, wie die Menschen guten Willens ermüden, wie die Arme deiner Kirche vor Überanstrengung erlahmen!
Komm uns mit deiner Kraft zu Hilfe, richte wieder auf, was niedergebrochen ist! Niedergetreten sind die Zäune, die das Gute vom Bösen und die Wahrheit von der Lüge abgrenzten.
Jeder nimmt sich, was er brauchen kann, und was Erfolg bringt, ist erlaubt.
Du allein kannst uns retten;
denn du allein bist der Maßstab, der Gutes als gut und Wahres als wahrerkennen läßt. (Nach ps. 80) Gebannt in den Teufelskreis...
Gebet
Herr, man muß nicht blind sein, um dich nicht zu sehen. Man braucht nur zu schlafen. Weck uns auf, daß wir mit wachen Sinnen auf die Zeichen achten, die deine Ankunft unter uns ankündigen. Für den einen mag sich eine Hoffnung ganz anders erfüllen, als er es erwartete. Der andere entdeckt vielleicht eine unvermutete Kraft, Schweres zu ertragen, und ist damit schon auf dem Weg nach Bethlehem, wo du in Ohnmacht und Armut geboren wirst, um den ganz nahe zu uns zu bringen, der lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. (K. v. M.)
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3. Advent
Psalm
Freuet euch in dem Herrn von ganzem Herzen. Und noch einmal sage
ich: Freut euch und schenkt allen Menschen Freude. Der Herr ist nahe.
Wir wissen viel zu erzählen von deinem gnädigen Handeln, Herr.
Mit der Befreiung Israels aus Ägypten hat es angefangen.
Seitdem ist es wieder und wieder geschehen,
daß du Menschen aus aussichtsloser Lage befreit hast.
Sollen wir heute nicht mehr mit dir rechnen?
Sollen wir meinen, du wärst mit deinen Möglichkeiten am Ende?
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Laß uns erfahren, daß wir immer noch dein Volk sind. Laß uns gewahr werden, wohin du uns diesmal führst.
Daß wir neuen Mut fassen und uns wieder freuen können.
Du hast uns ja die Hoffnung deines Advents gegeben, die alle Sorgen und Befürchtungen überwindet.
Du lenkst unsern Blick auf die neue Welt, an der du schon mitten unter uns baust.
Da ist Treue nicht mehr kleinlich und anmaßend, sondern voll Güte. Gerechtigkeit wird nicht mehr mit Mauern und Militär erzwungen, sondern ist gepaart mit Friede.
(Nach ps. 85) Darum: Freuet euch in dem Herrn ...
Gebet
0 Herr, in meinem Herzen ist es so dunkel wie an einem langen Winterabend. Ich sehe nicht, wie es weitergehen soll, und ich traue mich nicht, mich zu bewegen aus Angst, in einen Abgrund zu stürzen. Komm mit deinem Licht in meine Finsternis. Laß es in meinem Herzen hell und warm werden, so daß auch andere durch mich neuen Mut fassen und die kalte Berechnung|der Preise und Terminejan einer Stelle durchbrochen wird durch Menschen, die wie du nicht den Erfolg, sondern die Gemeinschaft, nicht den Profit, sondern die Freude suchen. Der du mit dem Vater und dem Hl. Geist lebst und regierst von Ewigkeitzu Ewigkeit.(K, v. M.)
Epiphanias
Psalm
Erschienen ist der Herr aller Herren. Die Großen dieser Welt haben ihren Meister gefunden. Die Völker warten auf Gerechtigkeit,
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auf ein Recht, das nicht nur auf dem Papier steht, sondern das Zusammenleben der Menschen bestimmt.
Papieren sind die Erlasse der Mächtigen,
und wie Wind verwehen die Beschlüsse der Konferenzen.
Wenn du nicht eingreifst, Herr, bleibt die Gerechtigkeit auf der
Strecke,
und niemand kümmert sich um den, der um Hilfe schreit.
Du hast ein Zeichen gesetzt in dem Kind, das im Stall lag, seine Krippe wurde zum Ziel der Großen aus dem Morgenland.
Soll das heißen, daß er der Garant ist für Frieden?
Sollen von ihm wir erwarten, daß Recht einkehrt auf dieser Erde?
Staunend erkenn ich die Ohnmacht des Mobs, der ihn kreuzigt. Ratlos steht Roms Gouverneur vor der Autorität dieses Menschen.
Macht wird durch Ohnmacht gestürzt und vertrieben. Herr dieser Welt wird es heißen, das Kind, das im Stall man geboren.
(Nach ps. 72)
Erschienen ist der Herr aller Herren. Die Großen dieser Welt haben ihren Meister gefunden.
Gebet
Herr, die Weisen aus dem Morgenland, die zu deiner Krippe kamen, waren ja nur der Anfang. Seitdem ist das nicht mehr zum Stillstand gekommen, daß Heiden ein Auge hatten für deine Wahrheit, wo Fromme blind blieben. Daß das Bekenntnis deines Namens von einem Volk zum ändern läuft. Hilf uns,daßwirausdieser Bewegung nichtausstei-gen. Hilf uns, ein Auge dafür zu haben, wo das Ende der Nacht angekündigt wird durch den hellen Morgenstern, und gib uns Mut, ihm zu folgen, durch unsern Herrn Jesus Christus... (K. v.M.)
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2. Sonntag n. Epiphanias
Psalm
Rühmt den Herrn, alle Länder der Erde!
Bezeugt seine Herrlichkeit voll Staunen!
Wer kann verstehen, was du geschaffen hast?
Die Erde mit all ihrem Reichtum an Tieren und Pflanzen.
Die Sonnensysteme und Milchstraßen im weiten All. Und dein schönstes und größtes Geschöpf - der Mensch.
Wer kann die Freiheit begreifen, die du ihm gabst? Und die Liebe, die du Tag fürTag an ihn wendest?
Werdich erkannt hat, freut sich über dich. Weil du da bist, lohnt sich das Leben.
Ich will mich freuen, daß du mir zuhörst.
Ich will für dich eintreten, weil du mich erlöst.
Rühmt den Herrn, alle Länder der Erde!
bezeugt seine Herrlichkeit voll Staunen! (Nach ps. 66)
Gebet
Vater, wir dürfen >du< und >Vater< zu dir sagen, obwohl du größer bist als alles, zu dem wir sprach- und hilflos aufschauen. Du, Vater, nimm dir zu Herzen, was uns quält. Du weißt einen Ausweg, wo wir nur Ausflüchte haben. Gib uns Frieden, nicht den faulen und nicht den gewalttätigen, sondern deinen Frieden, der aus heilen Verhältnissen erwächst. Mach uns heil und hilf uns heilen durch unsern Herrn Jesus Christus, der mit dir... (K. v. M.)
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Christi Himmelfahrt
Psalm
Klatscht in die Hände vor Freude, ihr Völker der Welt. Denn die Angst
vor der Zukunft ist überwunden.
Vergeßt eure Sorgen und Nöte,
die kleinlichen Händel und Streitigkeiten laßt beiseite.
60
Verzweifelte fassen wieder Tritt
und den Zerschlagenen wächst unerwartete Kraft zu.
Darum: Klatscht in die Hände vor Freude, ihr Völker der Welt; denn die Angst vorderZukunft ist überwunden. (Nach ps. 47)
Gebet
Herr Jesus Christus, die Bibel erzählt uns heute von deiner Himmelfahrt. Hilf uns verstehen, daß du uns damit nicht ferngerückt bist, sondern den Abgrund zwischen Himmel und Erde überwunden hast. Jetzt baust du an deinem Reich der Gerechtigkeit und des Friedens nicht mehr im Jenseits, sondern hier mitten unter uns. Laß uns, deine Gemeinde, diese veränderte Lage überall glaubwürdig bezeugen, in alten und in neuen Bildern, damitdie Menschen um uns heraufschauen aus ihrer Hoffnungslosigkeit und froh darüber werden, daß du mit dem Vater und dem Hl. Geiste lebst und herrschst von Ewigkeit zu Ewigkeit. (K. v. M.)
Fürbittengebet zu Pfingsten
Wir bitten dich, Gott, für die Kirche Jesu Christi, daß sie ihr Reden und Handeln allein an deinem Geist ausrichtet.
Laß die Kirche die Verantwortung erkennen, die sie für die Welt und die Menschen hat.
Wir bitten dich, Gott, daß die Kirche zu jeder Zeit im Geist deiner Liebe handelt, daß sie arbeitet für eine menschenwürdige Gesellschaft und sich einsetzt für Frieden und Gerechtigkeit und dem Glück der Menschen dient.
Wir bitten dich für die Kirche, gib ihr deinen erneuernden Geist,
daß sie sich nicht an längst überholte Traditionen und Gewohnheiten klammert, sondern daß sie offen ist für alles Neue, daß sie die Botschaft von deiner Liebe so weitersagen kann, daß die Menschen heute sie verstehen können.
61
Buß- und Bettag
Psalm
Wenn du mit uns abrechnen wolltest, Herr, wer könnte bestehen? Aber du rufst uns nicht, um uns zu verderben. Wir sollen die Schuld, die uns belastet, erkennen, damit du sie wegnehmen kannst.
Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir. Hörst du meine Stimme?
Höre mich nicht nur, wenn ich mit wohlgesetzten Worten zu dir bete.
Höre auch die Hilferufe, die aus Angst ungesagt bleiben, und die Geständnisse, die nicht über meine Lippen kommen. Wenn du anfingest, mir vorzurechnen, welche Gebote ich übertreten habe,
welche Taten der Liebe ich allein an diesem Tag schuldig blieb, welche Gelegenheiten ich versäumte, vor Menschen fürdich einzutreten -
wenn du mir meine Sünde anrechnen wolltest,
Herr, wie könnte ich bestehen?
Aber du willst meinen Schuldschein zerreißen,
du willst mein altes belastetes Gewissen wegnehmen
und mir ein neues reines schenken.
62
Du willst nicht auf deinem Recht bestehen, mich anzuklagen,
sondern auf deinem Entschluß, mich zu lieben.
Sollte ich deshalb gering von dir denken?
Sollte ich meine Schuld leichtnehmen
und deine Vergebung einkalkulieren wie einen fälligen Kredit?
Bewahre mich vor solcher Verblendung!
Bewahre unser ganzes Volk, an dem du den Ernst deiner Liebe
offenbar gemacht hast,
vor dem Wahn, dein Wort ungestraft übergehen oder mißbrauchen
zu können. (Nach ps. 130)
Wenn du mit uns abrechnen wolltest, Herr,...
Gebet
Herr Gott, himmlischer Vater, du hast keine Freude an der gerechten Bestrafung des Schuldigen. Du hast Mitleid mit ihm wie mit einem Kranken und willst ihn heilen. Darum haben wir es gewagt, heute hierher zu kommen, so krank und zerschlagen, wie wir sind. Heile unser Gewissen und schenke uns die Kraft, nach deinem Willen zu leben und die Schuld anderer zu heilen durch unsern Herrn Jesus Christus... (K. v.M.)
63
(aus: Nitschke_Horst (Hg.), Gottesdienst77, Liturg. Texte u. Entwürfe, Gütersloh 1977)
Jedesmal, wenn ich diesen Abschnitt der Bergpredigt lese, muss ich wieder an den alten Hinnerk Bredenkopp denken.
Ich war damals erst ganz neu in der Gemeinde. Deshalb nahm ich gern die Hilfe der Küstersfrau in Anspruch, die das Dorf und die umliegenden Bauernschaften kannte wie ihre eigene kleine Küche. Sie war hier geboren und zur Schule gegangen und stand, wie das unter den Einheimischen üblich ist, mit den meisten Leuten auf Du und Du. Weit davon entfernt, den >>Herrn Pastor« in den üblichen Dorftratsch hineinzuziehen, wusste sie mir doch in den meisten Fällen hilfreiche Informationen über Werdegang und Situation der Familie zu geben, mit der ich es, aus welchem Anlass auch immer, gerade zu tun hatte.
Heute stand auf meinem Kalender; Hinnerk Bredenkopp 70. Geburtstag.
Hinnerk, so erfuhr ich, war einer von denen, die es zeit ihres Lebens mit der Kirche gehalten hatten — (was man hierzulande nicht von allen Leuten sagen konnte). Sogar »unter den Nazis«,als die Dorfbewohner scharenweise aus der Kirche austraten oder doch zumindest auf betonte Distanz gingen, hatte Hinnerk zu den wenigen Getreuen gezählt, die sich sonntäglich unter der Kanzel der alten Backsteinkirche versammelten. »Das ging bis vor einigen Jahren; da kam er plötzlich nicht mehr«, schloss meine Informantin. Warum? Das hatte sie ihn damals auch gefragt, war aber aus der Antwort nicht recht klug geworden. Und da sie sich, wie gesagt, über Vermutungen und Gerüchte nicht äußerte, ließ ich es dabei bewenden.
Einen Pfarrer hatte die Gemeinde all die Jahre nicht gehabt, die Kollegen aus der benachbarten Kleinstadt hatten, wie meistens in solchen Fällen, nur die nötigsten Dienste versehen — und dazu zählt bekanntlich nicht der Besuch bei einem alten Mann, der auf einmal nicht mehr zum Gottesdienst kommt. (Aber wer wollte ihnen deshalb einen Vorwurf machen; vielleicht harten sie es nicht einmal gewusst.)
Ich ging also zu Hinnerk Bredenkopp, um ihm zu seinem 70. Geburtstag zu gratulieren. Ich will den langen Weg abkürzen, den unser Gespräch nahm.
Hinnerk war kein Mann des Wortes. Und da er außerdem dem jungen Pastor aus der Stadt alles ins Hochdeutsche übersetzen musste, kostete ihn das Sprechen viel Mühe. Dennoch schien er irgendwie froh zu sein über diese Gelegenheit, und das gab mir den Mut, jenen dunklen Punkt anzusprechen. Seine Antwort kam überraschend klar und direkt: »Tja, das ist so, Herr Pastor.
Unser Herr Jesus hat gesagt: Wenn du vor dem Altar stehst, und wirst da eingedenk, dass dein Bruder etwas wider dich habe, dann lass alles stehn und liegen und geh erst hin und versöhn dich mit deinem Bruder. Und dann komm vor den Altar Gottes. So ungefähr heißt es ja wohl. Ja, aber was mein Bruder ist, der will sich nicht mit mir versöhnen. Das ist das, dass ich nun nicht mehr zur Kirche gehen kann.«
Die näheren Umstände waren schnell geklärt. Es handelte sich um seinen jüngeren Bruder, der sich durch eine Erbentscheidung des verstorbenen Vaters benachteiligt fühlte. Soweit ich es beurteilen konnte, war Hinnerk juristisch im Recht. Ja, er hatte sogar verschiedene großzügige Angebote zu einer gütlichen Einigung gemacht, die aber sämtlich abgeschlagen wurden.
Der Bruder schien störrisch auf einem Standpunkt des »Alles oder Nichts« zu beharren.
Es war offensichtlich, dass Hinnerk Bredenkopp unter diesem Zerwürfnis litt.
Das verstellte mir den Ausweg, seine Kompromissbereitschaft anzuzweifeln und mich mit einer Ermahnung zu mehr Entgegenkommen aus der Affäre zu ziehen.
Ebenso wenig konnte aber auch der liberale Vorschlag fruchten, das Bibelwort nicht so wörtlich zu nehmen. Hinnerk Bredenkopp wäre damit jeden- falls nicht gedient gewesen.
Ich weiß nicht mehr genau, wie unser Gespräch damals zu Ende ging. Ich weiß nur, dass ich bis heute keine handliche Antwort parat habe, so dass ich gezwungen wäre, mir wegen meiner Hilflosigkeit damals Vorwürfe zu machen.
Der alte Hinnerk hat Jesus ja wirklich in diesem Wort nicht missverstanden.
Das steht ja in der Tat nicht da, dass dieses Gebot nur gelte, wenn der Bruder Versöhnungsbereit auf mich wartet oder der Streit zumindest durch meine Schuld verursacht wurde.
Jesus ist hier, wie in der ganzen Bergpredigt, von einer furchterregenden Kompromisslosigkeit. Nicht wer mit der Frau eines anderen schläft, sondern schon wer sie mit begehrlichen Gedanken anschaut, bricht die Ehe. Nicht wer seinen Bruder tötet, sondern wer ihm zürnt, soll bereits vor Gericht gestellt werden. Wenn dich jemand auf die Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Nicht nur den Freund sollst du lieben, sondern auch den Feind.
Denn — und darin gründet und gipfelt das alles —, >>denn ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. « »Niemand ist vollkommen«, lautet eine Redewendung, die uns eine bequeme Entschuldigung für unsere vielfältigen Unvollkommenheiten bietet. Die Bibel weiß es anders: Einer ist vollkommen. Und von ihm her könnt auch ihr vollkommen sein.
Ich denke, die Kompromisslosigkeit des alten Hinnerk Bredenkopp sollte für uns zunächst ein Anstoß sein, darüber nachzudenken, wie oft wir tatsächlich gedankenlos Gottes Versöhnung erbitten — das meint ja die Opfergabe, von der Jesus redet —, ohne auch nur mit einem Gedanken den Bruder gestreift zu haben, »der etwas wider uns hat«. Schließlich muss es nicht unbedingt der leibliche Bruder sein, ja, wir dürfen das Wort nicht einmal auf den Kreis derer einschränken, für die wir, so oder so, eine Art Bruderschaft empfinden. Es mag vielleicht »nur« der ferne Bruder sein, der als bengalischer Reisbauer oder südafrikanischer Bergarbeiter dies eine wider uns hat, dass wir zur besitzenden Klasse der »weißen Herrenmenschen« gehören.
Gerade diese Totalität des Blickwinkels aber, in der uns über jede Grenze moralischer Unvollkommenheit hinaus das Recht bestritten wird, Gott um Versöhnung anzugehen und an seinen Altar zu treten, muss uns nun freilich noch einmal mit dem alten Hinnerk Bredenkopp ins Gespräch bringen. Nicht, um dem Wort Jesu die Schärfe zu nehmen mit dem befriedigten oder resignierten Hinweis, niemand sei vollkommen. Das Evangelium dieses Sonntags zeigt es: Die Vollkommenheit des Herrn bietet dem Knecht die Möglichkeit, ihn in die gleiche Richtung mitzunehmen. Aber genau auf diese Reihenfolge kommt es an. Der Knecht verscherzt sich die Vergebung seines Herrn, als er seinem Mitknecht die Entlastung versagt — richtig! Aber es wäre eine verhängnisvolle Umkehrung, wenn die Vergebung gegenüber dem Mitknecht zur Voraussetzung für das Erscheinen vor dem Herrn würde. Das müsste ja zwangsläufig bedeuten, dass wir den Ruf unseres Herrn, der uns den Erlass unserer Schuld bringen will, überhören und ausschlagen. Das hieße, uns in dieser Welt einzuschließen mit der satten oder frustrierten Parole »Niemand ist vollkommen« — die Folgen sind leicht abzusehen, wenn dies die einzige Kraft in dieser Welt würde.
Die Bibel weiß es, wie gesagt, anders. Und deshalb ist sie auch voll von Erzählungen wie in unserm heutigen Evangelium. Und die Psalmen, für Jesus wie für jeden frommen Juden das Gebets- und Gesangbuch, variieren in mannigfachen Formen den Schrei des Menschen, der vor seinen Widersachern bei Gott Zuflucht sucht. »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln ... Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.« An diesen Tisch ist auch Hinnerk Bredenkopp geladen. Und seine Gründe mögen so achtbar sein, wie sie wollen, sie reichen nicht aus, um diese Einladung abzulehnen.
Hinnerk Bredenkopp hat übersehen, dass am Anfang jener Bergpredigt, in der all die Forderungen aufgezählt sind, von denen wir ausweglos in die Enge getrieben werden, die Seligpreisung derer steht, die hungern und dürsten nach sondern vielleicht, um im Leiden Anteil an der Vollkommenheit Gottes zu gewinnen. Hunger empfinden wir nur, wenn das lebensnotwendige Brot uns selber mangelt. Nicht die nennt Jesus also selig, die als Gerechte an der Ungerechtigkeit dieser Welt leiden. Sondern denen spricht er die Seligkeit, die Einladung zu seinem Vater zu, die sich selbst als Teil dieser friedlosen Menschheit erkannt haben.
Das gibt uns das Recht, auch und gerade als die Unversöhnten vor Gottes Altar zu treten. Denn »die Gesunden bedürfen des Arztes nicht«. Damit ist Jesu Forderung in unserem Text nicht entkräftet oder beiseite geschoben.
Denn wer sich als Hungernder rufen lässt, weiß, dass er nichts in der Hand hält, was er Gott opfern könnte. Es mag dann geschehen und geschieht ja auch immer wieder, dass der Hunger eines Menschen nach Versöhnung mit seinem Bruder gestillt wird. Aber das geschieht gewiss nicht so, dass dieser Bruder nichts davon erfährt.
Daneben gibt es freilich auch immer wieder Menschen, denen es zugemutet wird, ihren Hunger weiter zu ertragen. Nicht, um sich daran zu gewöhnen, sondern vielleicht, um im Leiden Anteil an der Vollkommenheit Gottes zu gewinnen.
Ich habe später, in einem der vielen Gespräche die folgten, Hinnerk Bredenkopp gefragt, ob er nicht einen Prozess anstrengen wolle. Vielleicht könne er seinen Bruder so von der Unmöglichkeit seiner Forderung überzeugen und das verfahrene Gespräch zwischen ihnen wieder in Gang bringen. Aber Hinnerk hat sich dazu bis zuletzt nicht entschließen können, »Nee, nee, prozessieren, das is meine Sache nich<<, lautete seine Antwort.
Mehr war aus ihm nicht herauszukriegen
So ist er ohne Aussöhnung mit seinem Bruder gestorben. Ich weiß, wie schwer er daran getragen hat. Deshalb kann ich mir nicht vorstellen, dass er meinen Vorschlag damals ablehnte, weil ihm der Frieden mit seinem Bruder keinen Prozess wert war. Für wahrscheinlicher halte ich, dass er mit ihm, wenn er schon sein Widersacher sein musste, wenigstens auf dem Wege bleiben wollte. Dass am Ende dieses Weges für beide ein Richter stand, dafür gab es für Hinnerk Bredenkopp keinen Zweifel.
(aus: Nitschke_Horst, Worte am Sonntag – heute gesagt V/3 Gütersloh 1977
S. 93 – 97)
Sie können das Poster heute praktisch in jedem Kaufhaus bekommen: das überlebensgroße Porträt eines schwarzen Mädchens auf dem Hintergrund einer weißen Winterlandschaft. Die großen ausdrucksvollen Augen blicken hoch über den Betrachter hinaus und vermitteln ihm ein seltsames Gemisch aus flehentlicher Sehnsucht und stolzem Selbstbewusstsein. Und darunter die Worte, die inzwischen um die Welt gingen: »I have a dream ...« — ich habe einen Traum, der Anfang jener berühmten Rede, die der amerikanische Pfarrer und Bürgerrechtskämpfer D. Martin Luther King wenige Stunden vor seiner Ermordung in Memphis hielt. Es gibt sogar eine Ausgabe dieses Posters, auf dem einige der zentralen Sätze jener Rede Kings abgedruckt sind: »Ich habe einen Traum, dass eines Tages die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen werden ... Die Herrlichkeit des Herrn wird offenbar werden, und alles Fleisch wird es sehen (Jes. 40,5). Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben werde ich fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, zusammen für die Freiheit aufzustehen, in dem Wissen, dass wir eines Tages frei sein werden.«
Ich kann mir eigentlich keine sachgemäßere, glaubwürdigere und zugleich bewegendere Weise vorstellen, die Aussage unseres Textes aus dem Hebräerbrief in die Gegenwart zu dolmetschen: »Denn wir sind Christi teilhaftig geworden, wenn anders wir die Zuversicht vom Anfang bis Ende fest gehalten« (V.14).
Damals wie heute ist der Hintergrund, auf dem diese Worte der Zuversicht und Hoffnung gesagt und geglaubt werden, eine karge Winter- landschaft, soll heißen, eine Welt, in der alle Lebensfreude verstummt und alle Kraft zu einem neuen Anfang erstorben scheint, weil es für den, der sich nichts vormacht, offenbar keine Hoffnung mehr gibt. (Dass der Schnee darüber hinaus ein Hinweis des Fotografen darauf ist, wer die Schuld trägt an der Zerstörung menschlicher Lebensfreude in jener Welt der Rassendiskriminierung, kann hier nur als Vermutung angedeutet werden.) Jedenfalls – Auf diesem Hintergrund scheinbar erstickten Lebens musste und muss an diesem Traum, an dieser Hoffnung festgehalten werden.
Es bedarf, glaube ich, keiner besonderen Übersetzungskünste, um diese Situation sofort auch als die unsere zu erkennen, gerade auch in unserer Kirche. Wir erfahren ja unsere Gottesdienste in aller Regel nicht als das Herzstück unseres Gemeindelebens, von dem der Pulsschlag für alle wesentlichen Entscheidungen in diesem Ort und seinen Häusern ausgeht. Sondern wir erleben sie oft genug als völlig unerhebliche Winkelveranstaltungen, die an langsamer, aber unaufhaltsamer Auszehrung leiden. Und wenn wir uns umsehen, dann ist das ja im Grunde im Leben der einzelnen wie der Gesellschaft um uns herum nicht anders. Ein Politiker hat kürzlich gesagt, in unserm Land stünden Wohlstand und Wohlbefinden in einem auffallenden Gegensatz zueinander. Die Wahrheit des Wortes Jesu, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, erschließt sich offenbar auch Menschen, die nicht von der Bibel her denken. Sie merken, dass einen auch im gutgeheizten Zimmer und mit wohlgefülltem Magen fröstelt, wenn das Leben keine Perspektive hat, wenn man nicht weiß, wie es weitergehen soll, worauf man sich freuen, was man für sich und die Welt erhoffen darf.
Natürlich liegt die Versuchung nahe, sich das Wohlbefinden, die Hoffnung kaufen zu wollen, wie man sich den Wohlstand, das Brot gekauft hat. Gerade im Umgang mit jungen Menschen begegne ich verstärkt Phänomenen solcher Versuchung — der Verkaufserfolg des oben beschriebenen Plakats ist sicher eins davon, wenn auch ein vergleichsweise harmloses. Dass wir Erwachsenen keine Ursache haben, uns darüber zu erheben, das beweisen die Erfolgsquoten gerade jener Werbetexte, die uns mit dem Kauf irgendeiner Ware die Erfüllung unserer Hoffnung auf ein lebenswertes Dasein versprechen.
Freilich: Dies zu erkennen, ist eins, danach zu handeln, ein anderes. Natürlich ist die Kraft, die von einer lebendigen Hoffnung ausgeht, so wenig käuflich wie die Liebe. Das ist uns klar. Aber um die Trägheit zu überwinden, die sich dennoch mit solchem Verschnitt von Hoffnung, solchen Ersaztbefriedigungen unserer Sehnsucht nach erfülltem Leben zufrieden gibt, bedarf es größerer Anstrengung. Vielleicht muss am Anfang die Erkenntnis stehen, dass Hoffnung nicht nur eine erfreuliche Zutat zu unserm Leben darstellt, auf die man notfalls auch verzichten kann, sondern dass sie das Leben selber ist. Dass also ein Leben ohne jede Hoffnung nicht nur ein klägliches und verkrüppeltes, sondern ein zum Tode verurteiltes Leben ist.
Ich muss in diesem Zusammenhang immer wieder an jene merkwürdige Begebenheit denken, die sich, wenn ich mich recht erinnere, vor Jahren in den Vereinigten Staaten zugetragen hat. Der Arbeiter einer Transportfirma war nach dem Entladen eines Kühlwagens versehentlich in den leeren Container eingeschlossen worden. Seine verzweifelten Rufe und Klopfzeichen wurden von den dicken Isolierwänden und dem Fahrgeräusch des inzwischen wieder gestarteten Wagens übertönt. Und weil der Eingeschlossene schließlich keine Hoffnung mehr auf Rettung sah, begann er, mit zynischer Akribie seinen eigenen Erfrierungstod zu beobachten und Detail für Detail auf einem Fetzen Papier zu notieren: die langsame Erstarrung der Glieder, das schrittweise Absterben des Gefühls und das mit fortschreitender Unterkühlung nachlassende Denkvermögen. Als man den Wagen schließlich am Zielort öffnete, fand man den Mann tot, erfroren, in den klammen Fingern noch das Zeugnis der selbstgefertigten Autopsie. Nur — die Kühlaggregate des Wagens waren gar nicht eingeschaltet gewesen, rein physiologisch bestand überhaupt kein Grund, dass der Mann erfrieren musste. Aber er hatte so felsenfest damit gerechnet, dass er buchstäblich an seiner eigenen Hoffnungslosigkeit gestorben war.
Eine merkwürdige Geschichte, wie gesagt, und sicherlich auch ein extremer Ausnahmefall. Und doch bestätigt sie auf ihre Weise, dass wir wirklich ohne Hoffnung nicht leben können; sei sie auch noch so verschüttet und ohne greifbare Anhaltspunkte, ohne jede Hoffnung ist keiner von uns. Freilich, mit dieser Feststellung sind wir als Christen nun nicht aus der Verantwortung entlassen, sondern erst recht in sie gerufen. Denn damit ist ja unübersehbar, welche gewaltige Aufgabe uns übertragen ist mit der Botschaft von dem, der allein den Anspruch erheben darf, im Leben und im Sterben unsere Hoffnung zu sein. Es mag wohl sein, dass wir im ersten Augenblick vor solcher Verantwortung zurückschrecken, weil wir uns überfordert fühlen. Aber diese Angst braucht uns nicht zu lähmen. Wir sollen ja nicht unsere Glaubwürdigkeit vorzeigen, nicht die Unerschütterlichkeit unseres Glaubens, sondern den, der uns in unserer mangelnden Glaubwürdigkeit und unserm schwankenden Glauben trägt.
Das wird vermutlich, wie es auch der Apostel den »Hebräern« empfiehlt, am besten dort beginnen, wo wir unter Menschen sind, die uns nahe stehen: »Ermahnet euch selbst alle Tage, solange es heute heißt, dass nicht jemand unter euch verstockt werde durch den Betrug der Sünde.« Wir werden erleben, wie das Gespräch darüber, was unser Leben wirklich trägt, zwar oft ein langwieriger, nicht selten auch schmerzhafter, aber letztlich unendlich beglückender Prozess ist. Denn auf einmal fällt die Mauer, hinter der wir uns eingeschlossen glaubten, und wir entdecken die Möglichkeit gemeinsamer Geborgenheit.
Und dann wird das wie von selbst weiter greifen. Je mehr unsere eigene Unbehaustheit entlarvt und entmachtet wird, desto mehr werden wir anderen zum Haus und Zufluchtsort werden, der ihnen Hoffnung gibt. Gewiss dürfen wir nicht müde werden zu fragen, warum unsere Gottesdienste für die meisten hierzulande so wenig einladend sind. Aber wir sollten auch nicht übersehen, dass— mit den Worten unseres Textes — diejenigen, die Jesus bekennen, »dessen Haus sind«, ein Haus, das viel mehr Menschen Geborgenheit bietet, als wir in seine sichtbaren Abbilder, die Kirchen und Gemeindesäle, aus- und eingehen sehen.
1 have a dream, ich habe einen Traum. Die Augen, die »aufschauen auf den, den wir bekennen, Jesus«, bleiben nicht haften an der trostlosen Kälte des Winters, der aller Hoffnung auf Leben Hohn zu sprechen scheint. Sie sehen in den dürren Zweigen bereits den Saft schlummern, der darauf wartet, Knospen und Blüten zu treiben. Wir gehen jetzt in die Zeit hinein, in der wir der Passion, des Leidensweges Jesu gedenken. Aber wenn unsere Blicke dabei nicht haften bleiben an den dürren Zweigen, aus denen man ihm die Dornenkrone flocht, und den Balken, an die man ihn hängte, sondern wenn unsere Augen fest auf den gerichtet bleiben, der in dem allen die Hoffnung nicht fahren ließ, dass Gottes Leben stärker ist, und der deshalb zum Kronzeugen dieser Hoffnung wurde, dann werden wir das Licht gewahr werden, was seither mit ten in unsere Welt der Schmerzen und des Todes fällt. Dann entdecken wir sowohl in den persönlichen Fragen, die uns bedrängen, wie in den Problemen, die die Öffentlichkeit dieser Welt beschäftigen, Perspektiven des Handelns und der Entscheidung, Ziele, die den Einsatz lohnen. Da werden Kräfte frei- gesetzt, die nicht mehr verschlissen werden vom täglichen Einerlei und den schmerzhaften Erfahrungen der Enttäuschung. Und da entdecken wir neben uns andere, die mit uns an dem gleichen Haus bauen, in dem »eines Tages die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen«.
(aus: Nitschke_Horst, Worte am Sonntag - heute gesagt VI,1, Gütersloh 1977 S. 115-119)
Hier bin ich, Herr. Und doch noch nicht so ganz hier. Es fällt mir schwer, meine Gedanken zu sammeln. Ich bin noch so besetzt von den Dingen, die hinter mir liegen : der Nachmittag in der Familie, die Unruhe, die nicht nur von den Kindern ausging. Die ungewohnte Feierlichkeit, die mich irgendwie verkrampft machte. Die verschiedenen Erwartungen und Bedürfnisse, die auf Erfüllung drängten. Der Brief,
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der Erinnerungen wachrief. Die Geschenke, mit denen ich Freude machen wollte, und die, die andere mir zugedacht hatten.
Und nun dies hier: Orgel, Lichter, Menschen, die ich zum großen Teil gar nicht kenne. Was geht in ihnen vor? Welche Erfahrungen haben sie hinter sich? Was erwarten sie jetzt von dieser Stunde ? Es ist schon eine merkwürdige Sache, so ein Gottesdienst.
Herr, es ist in mir wie damals in Bethlehem: Alles besetzt. Und doch hast du einen Platz gefunden, um in diese Welt zu kommen. Hilf mir, jetzt darauf mein Augenmerk zu richten und nicht auf meine besetzten Gedanken. Laß mich Zuflucht finden bei deiner Fantasie, die auch bei mir einen Platz finden wird - vielleicht, wie damals, nicht im Wohnzimmer meiner Seele, sondern wieder im Stall, da, wo es heute abend trotz aller Fröhlichkeit um mich her dunkel und still geblieben ist, da, wo ich die ändern nicht hineinschauen lasse, weil es so unordentlich ist und soviel Gerumpel herumliegt, was sich im Laufe der Jahre angesammelt hat. Vielleicht findest du, wie damals in Bethlehem, gerade dort einen Platz bei mir. Laß mich das erfahren, daß du auch bei mir und für mich geboren bist in dieser Nacht, damit ich einstimmen kann in die große Freude, die nach deinem Versprechen >allem Volk widerfahren wird<, wie gut oder schlecht sie auch auf Weihnachten vorbereitet sein mögen. Amen. Klaus von Mering
(aus: Nitschke_Horst, Weihnachten 2 - Gütersloh 1977 S. 23f)
1977
Fürbittengebete zum Abendmahl
Einer:
Himmlischer Vater, du hast diese Welt geliebt. Darum ist dein Sohn in sie
hinausgegangen und hat sich ihr hingegeben mit seiner Liebe, mit seinem
Glauben und mit seinem Sterben. Dies halten wir dir heute vor und bitten dich
für alle Menschen, die jetzt in besonderer Weise auf die Kraft seiner Hingabe
angewiesen sind.
Alle:
Komm, Herr Jesus!
Einer:
Für die Menschen, die unter Krieg und Terror leiden, daß sie Frieden finden: Alle:
Komm, Herr Jesus! Einer:
Für die Menschen, die unter Hunger leiden, daß sie zu essen bekommen: Alle:
Komm, Herr Jesus! Einer:
Für die Menschen, die unter Krankheit leiden, daß sie Geduld erfahren und Heilung:
Alle:
Komm, Herr Jesus!
Einer:
Für die Menschen, die in Schuld verstrickt sind, daß sie einen neuen Anfang finden:
Alle:
Komm, Herr Jesus! Einer:
Für die Menschen, die am Glauben und deiner Liebe irre geworden sind, daß sie Christen begegnen, die ihnen deine Wirklichkeit glaubwürdig bezeugen können:
Alle:
Komm, Herr Jesus! Einer:
Für die Menschen, die den Tod vor Augen haben, daß ihre Hoffnung größer sei als ihre Furcht:
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Alle:
Komm, Herr Jesus!
(Klaus von Mering)
(Nitschke, Horst, in Zusammenarbeit mit Christian Zippert (Hg), Abendmahl – Gottesdienstpraxis B – Gütersloh 1977 S. 35f)
Thema >Vergebung<
>0 Herr, mach mich zum Werkzeug deines Friedens,
daß ich Sand bin im Getriebe der Welt,
daß ich ein Unruheherd bin in der Masse der Gleichgültigen,
daß ich störe dort, wo alles so unmenschlich reibungslos abläuft.<
Daß ich für Gerechtigkeit eintrete,
wo man nur barmherzig sein will.
Und für Barmherzigkeit, wo man nur gerecht sein will.
Mach mich zum Werkzeug deiner Freude,
daß ich ändern Lust mache zu leben,
daß ich etwas von der heiteren Gelassenheit ausstrahle,
zu der du mich ermutigst,
daß ich glücklich mache, ohne zu vergewaltigen,
und fröhlich, ohne die Wahrheit zu verleugnen.
Und noch eins, Herr:
Bewahre mich vor dem Hochmut,
mehr sein zu wollen als dein Werkzeug,
aber auch vor dem Kleinmut,
der sich deiner Hand entziehen möchte. (K. v. M.)
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Fürbitten- und Schlußgebete
Laßt uns beten zu dem, der in Jesu Wort und Tat zu uns geredet und bis heute nicht aufgehört hat, uns zu rufen: )( - für alle, die heute Gottesdienst feiern, hier in unserer Stadt und überall in der Welt: daß sie begreifen, daß Gott mit ihnen redet als der Vater, der sie trägt mit seiner Liebe, als der Sohn, der ihnen zur Seite ist auch in Angst und Traurigkeit, als der Hl. Geist, der ihrem Denken und Tun eine neue Richtung gibt
- für alle, die heute Gottes Wort auszurichten haben
von den Kanzeln, über Funk und Fernsehen, durch Bücher und Zeitschriften, im Gespräch unter Freunden: daß es ihnen gelingt, ihre Worte, ihre Klugheit, ihre Überzeugungskraft Gott zur Verfügung zu stellen und ihm mit ihrer Person nicht im Weg stehen V - für die Kirchen aller Bekenntnisse,
daß sie nicht an ihr Ansehen und ihren Fortbestand denken, wenn sie von Jesus Christus Zeugnis ablegen, sondern freimütig die grenzenlose Liebe Jesu weitersagen und weiterwirken lassen ohne Rücksicht auf Gunst oder Widerstand der Mächtigen dieser Erde
- für alle, die noch hilflos oder gleichgültig dem
Ruf Gottes gegenüberstehen, weil sie ihn nicht erkennen
in der Ohnmacht seines Wortes
oder weil sie Christen erlebt haben,
die ihnen Jesus Christus unglaubwürdig gemacht haben:
daß sie sich ihrer Hilflosigkeit nicht schämen
und offen bleiben für ein hilfreiches Wort
und daß ihre Gleichgültigkeit ihnen zerbricht
an der Frage, was für sie Gültigkeit hat
- für alle, die heute in besonderer Weise auf Ermutigung und Lebenshilfe angewiesen sind: die eine dunkle Sorge belastet, die Kummer und Einsamkeit quält, die die Last ihrer Schuld drückt,
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die gefangen sind in Gedanken der
Unruhe, der Bitterkeit, des Zweifels
(auch für alle Gemeindeglieder, deren
Namen wir heute vor dir genannt haben).
/ Herr, Vater Jesu Christi, hier stehen wir vor dir mit all unseren Ängsten ! und Hoffnungen, mit unseren Begabungen und unseren Fehlern, mit l unserem guten Willen und mit unserer Trägheit: Nimm uns, wie wir i sind, aber laß uns nicht so bleiben, wie wir sind, damit wir bereit und ! fähig werden, mit deiner Liebe die Welt zu verwandeln durch unseren i Herrn Jesus Christus. (K. v. M.)
P. Gott will, daß alle Menschen gerettet werden und die Wahrheit erkennen.
Deshalb wird uns gesagt, daß wir Bitte, Gebet, Fürbitte, Danksagung tun sollen für alle Menschen.
I. Wir beten: Herr, unser Gott. Gib uns Gemeinschaft mit allen Menschen, gib uns Bereitschaft zur Verantwortung in allen Bereichen des Lebens. Gib uns Gemeinschaft mit allen, die in Not sind. Du kennst die Last einer zerbrochenen Freundschaft, die Not in der Familie und die eigenen dunklen Gedanken. Herr, wir wissen wenig von diesen Nöten. Laß uns nicht vorübergehen, wo wir etwas tun können. Und wo kein Mensch helfen kann, sei du gegenwärtig.
II. Gib uns Gemeinschaft mit allen, die uns fremd und feind sind. Wir verstehen viele Menschen nicht und leiden aneinander. Hilf uns, einander anzunehmen und Brücken zu schlagen über alle Unterschiede und Gegensätze hinweg. Befreie den vom Haß, der die Erfolge seines Nachbarn sieht. Besänftige den Haß zwischen den Menschen, die im anderen nicht mehr den Bruder sehen können, heile die zerrissenen Ehen und Familien. Herr, wir sehen viel Feindschaft in der Welt . und können sie nicht überwinden.
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Wir bitten dich:
versöhne die Menschen durch deine Liebe.
III. Gib uns Bereitschaft zur Verantwortung in unserem Staat.
Zeige den Politikern den Weg zur Verständigung unter den Parteien und Verbänden und den Weg zur Zusammenarbeit mit allen Völkern. Bewahre die Regierung davor, den Menschen um des Systems willen der Gewalt auszuliefern. Herr, unsere Bemühungen um den Frieden unter den Menschen können mit einem Schlage ausgelöscht werden. Schenke du der Welt deinen Frieden.
IV. Gib uns Bereitschaft zur Verantwortung in der Gemeinde.
Mache uns zu Zeugen des Evangeliums.
Hilf uns, das richtige Wort für den anderen zu finden
und unser Denken in den Dienst des Evangeliums zu stellen.
Alle, die sich ihres Glaubens sicher wähnen,
befreie von ihrer Sicherheit,
und alle, die keinen Weg aus ihrer Ungewißheit finden,
stärke im Vertrauen auf dein Wirken.
Bewahre die Kirche davor, sich auf weltliche Macht zu verlassen.
Mache sie zum Anwalt des Schwachen.
Laß uns selbst zur Verfügung stehen, wo wir gebraucht werden.
Dazu helfe uns unser Herr Jesus Christus. P. Höre unser Gebet.
Du bist unsere Hoffnung und unsere Kraft,
weil wir dich lieben,
muß uns alles zum Besten dienen.
Wir danken dir.
(K. v. M.)
Laßt uns beten für die, mit denen wir unser Leben teilen und die jetzt
nicht unter uns sind:
für die, die heute arbeiten müssen,
für die, die nicht zu uns kommen, weil sie Gott nicht kennen,
besonders für die, die durch uns enttäuscht sind.
Laßt uns beten für alle, die selbst nicht beten können:
für die Kinder, die Kranken, die Sterbenden,
für die, mit denen wir nicht in Frieden leben.
Lasset uns den Herrn anrufen:
Herr, erbarme dich.
Laßt uns beten für die, die unseren Alltag bestimmen: für Lehrer und Forscher, für Richter und Ärzte,
43
Lasset uns den Herrn anrufen:
Herr, erbarme dich!
Vater unser im Himmel ... (K. v. M.)
Psalmen und Gebete nach dem Kirchenjahr
Reminiscere
Psalm
Denk doch an deine Barmherzigkeit, Herr, und an deine Nachsicht, die
du erwiesen hast, solange es Menschen gibt.
Nach dir, Herr, strecke ich mich aus,
allein das Warten auf dich trägt mein Leben.
Laß mich in meinem Vertrauen nicht zum Gespött werden, daß die Neunmalklugen sagen können: Das hat er nun davon!
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Niemand geht verloren, der sich auf dich verläßt.
Auch wenn ich ins Unendliche falle, falle ich in deine Hand.
Laß dich an deine Zusage erinnern, zu verzeihen und die schon verhängte Strafe nicht zu vollziehen.
Schau nicht auf meine leeren Hände,
auch nicht auf die lange Liste derer, denen ich etwas schuldig
geblieben bin.
Schau allein auf dein Versprechen, zu erretten,
und die Bereitschaft, neu zu beginnen, die ohne Grenzen ist.
Denk doch an deine Barmherzigkeit, Herr, und an deine Nachsicht, die du erwiesen hast, solange es Menschen gibt. (Nach ps 25)
Gebet
Herr, wir haben die Dinge nicht in der Hand, weil wir uns nicht in der Hand haben. Darum sind wir so machtlos gegen das Böse in uns und um uns. Wir bitten dich: Breite deine Hände aus, über uns und unter uns, daß wir darunter Schutz finden, wohin wir auch gehen, und daß wir, wie tief wirauch fallen,vondiraufgefangen werden. Durch unsern Herrn Jesus Christus ... (K. v. M.)
54
Quasimodogeniti
Psalm
Wie die neugeborenen Kinder schreien nach der Milch, die sie nährt,
so schreit in uns der Hunger nach dem Leben, das von dir kommt, Gott.
Ich sehne mich nach dir, Herr,
denn du kennst die dunklen Wünsche meines Herzens.
Wie ein Freund sein Ohr neigt über den Mund,
der nur noch flüsternd stammeln kann,
so neigst du dein Ohr zu mir,
wenn meinem Beten die Kraft und die Worte fehlen.
Du hast deine Nähe den Kindern versprochen,
den Schwachen, die ganz auf Hilfe angewiesen sind.
Darum darf ich mitten in der Angst mit dir rechnen.
Wenn die Zukunft mich überfällt wie ein drohender Schatten,
darf ich ausschauen nach deinem Licht.
Denn der Balken, der dir den Tod brachte,
rettet mir das Leben.
Er wird mich tragen ans sichere Land,
wo die Stürme dieser Welt
keine Gewalt mehr über mich haben. (Nach ps 116)
Wie die neugeborenen Kinder...
Gebet
Du, der du den Tod selbst getötet hast in der Auferweckung Jesu Christi: Nimm uns hinein in die Feier deines Sieges. Schenke uns den Glauben, der die Müdigkeit unserer Gedanken und die Unsicherheit unserer Schritte zerbricht und uns von Grund auf verwandelt durch ihn, unsern Herrn Jesus Christus, der... (K. v. M.)
Pfingsten
Psalm
Ich will ihnen ein anderes Herz geben, spricht der Herr, einen neuen
Geist will ich ihnen verleihen.
Wir haben es weit gebracht, Herr.
Eine Weile schien es, als gäbe es für den Menschen keine
Grenze mehr.
Unsere Flugzeuge durchstoßen die Schallmauer,
und unsere Raketen haben die Atmosphäre der Erde hinter sich
gelassen.
Wir pflanzen den Menschen künstliche Organe ein und steuern die Prozesse werdenden Lebens.
Aber die Tür zu einem gleichgültigen Herzen können wir nicht
durchstoßen,
und den Haß einer verwundeten Seele können wir nicht steuern.
Während die Großen um Atombomben feilschen wie um ein paar Feldsteine,
stehen sie ratlos vor einer Handvoll Heckenschützen in Nordirland.
Während die Mediziner unser Leben um Jahrzehnte verlängern, bleibt die Frage des lebensmüden Mädchens ohne Antwort.
Der Turm, den wir bauen, sollte bis an den Himmel reichen, aber jetzt reichternicht einmal, um in Frieden darin zu wohnen.
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Wenn deine Güte nicht vom Himmel bis zur Erde reichte, Herr, wir wären verloren.
Wenn deine Wahrheit nicht den Dunst unserer Einbildung
durchstieße,
wären wir ohne Hoffnung.
Deshalb suchen wir Zuflucht in der Baracke deiner Menschwerdung und trinken von dem Quellwasser deines Wortes.
(Nach ps 36)
Ich will ihnen ein anderes Herz geben, spricht der Herr, einen neuen Geist will ich ihnen verleihen.
Gebet
Herr Gott, Heiliger Geist! Geistlos bleibt all unser Bemühen um menschenwürdige Verhältnisse ohne deine Gegenwart. Der Ungeist unserer selbstsüchtigen Pläne und unsererträgen Gewissen greift wie eine ansteckende Krankheit um sich, wenn du ihm nicht entgegentrittst. Darum: Komm, Heiliger Geist, kehr bei uns ein! Der Verwirrung der Geister ist auch in der Kirche nicht zu wehren ohne die Vollmacht, die von dir kommt. Geistliches und Weltliches brechen auseinander, wenn du es nicht zusammenhältst. Darum: Komm, Heiliger Geist, kehr bei uns ein!
Durch unsere Zukunftsgedanken geistert die Angst, wenn du uns nicht Mut machst. Und die Geistesgegenwart, von der die Liebe zum Nächsten lebt, kann nur aus der Kraft deiner Nähe fließen. Darum: Komm, Heiliger Geist, kehr bei uns ein durch unsern Herrn Jesus Christus.
(K. v. M.)
Trinitatis
Psalm
Dem König über alle Welten und Zeiten, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einen Gott sei Ehre und Herrlichkeit für immer und in Ewigkeit.
Mit meinem Lob will ich dich groß machen vor der Welt,
mein Gott und Herr.
Ich möchte, daß dein Name überall in hohem Ansehen steht.
Darum will ich immer gut von dir sprechen
und niemals verschweigen, daß ich dich kenne.
Gott ist mehr, als wir von ihm sagen können,
begreifen kann ihn keiner.
(Er hängte seine Macht ans Kreuz
und sein ewiges Leben scheute das Grab nicht.
Aber) es ist schön, Herr, daß es dich gibt.
Alle sollen das wissen, alle Christen dir dankbar sein.
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Denn dein ist das Reich (der Liebe) und die Kraft (der Vergebung)
heute noch genauso wie vor 2000 Jahren.
Deine Herrlichkeit wird auch einmal das letzte Wort haben! Dem König über alle Welten und Zeiten, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einen Gott sei Ehre und Herrlichkeit für immer und in Ewigkeit. (Nach ps. 145)
Gebet
Herr, der uns beschützt,
Herr, der uns rettet,
Herr, der uns den Weg zeigt,
dich meinen wir, hör uns an:
Du weißt, wie schwer wir uns tun,
im Hören, im Verstehen, im Beten.
Laß uns heute ein Stück weiter kommen
im Begreifen deiner Herrlichkeit.
Gib, daß wir uns freuen können über unsern Glauben
und in dieser Freude leben.
Der du, Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist,
lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. (K. v. M.)
11. Sonntag nach Trinitatis
Psalm
Wunderbare Dinge tut Gott denen, die ihm gehören. Er gibt seinem
Volk Kraft und Zuversicht.
Gott braucht nur aufzustehen,
schon sind seine Feinde auf der Flucht,
die ihn vorher auslachten,
wissen auf einmal nicht mehr ein noch aus.
Aber die sich auf ihn verließen, freuen sich,
sie dürfen erleben, daß ihr Vertrauen nicht vergeblich war.
Die Verwaisten haben wieder einen Vater
und die Hilflosen einen Richter, der ihnen Recht schafft.
Gelobt sei der Herr Tag für Tag.
Uns trägt der Gott, der >unsere Hilfe< heißt.
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Halte deine Macht nicht zurück, Herr,
erweise dich mächtig.
Zeige den Gewaltigen ihre Grenzen
und gib denen den Sieg, die den Frieden bauen.
Wunderbare Dinge tut Gott an denen, die ihm gehören. Er gibt seinem Volk Kraft und Zuversicht. (Nach ps. 68)
Gebet
Herr Gott, du zeigst deine Allmacht zu allererst darin, daß du den Bösen schonst und dich über den Gefallenen erbarmst. Du hast die Kraft, das Nächstliegende zu tun und dennoch das große Ziel der Welt nicht aus dem Auge zu verlieren.
Gib uns von dieser Kraft. Damit wir uns nicht zur Ruhe setzen, sondern unterwegs bleiben zu deiner Zukunft, die du über dieser Welt heraufführst in deinem Sohn Jesus Christus, der mit dir und dem Heiligen Geist lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. (K. v. M.)
12. Sonntag nach Trinitatis
Psalm
Herr, ich verlasse mich auf dich. Laß mich nicht fallen!
Hilf mir, Gott, warte nicht länger,
rette mich aus meiner ausweglosen Lage.
Die jetzt den Mund so voll nehmen
und die arme Gestalt verspotten,
in der du unter uns lebst,
werden einmal mit Schrecken einsehen,
wer du wirklich bist.
Die aber, die ihre Türen dir geöffnet haben,
die dich aufnahmen, vielleicht ohne dich zu kennen,
werden sehen, wer zu ihnen kam.
Dann wird Freude sein unter allen,
die ihr Leben dir anvertrauten.
Mühe und Zweifel sind vergessen
und die Angst überwunden.
Herr, ich verlasse mich auf dich. Laß mich nicht fallen!
(Nach ps. 71)
63
Gebet
Allmächtiger Gott, unser Vater, du erhörst unsere unausgesprochenen Gebete. Du beschenkst reicher, als wir uns zu erträumen wagten. Tu jetzt beiseite, was uns ängstet und belastet, und fülle unsere leeren, beschmutzten Hände mit deiner Hoffnung. Durch unsern Herrn Jesus Christus ... (K. v. M.)
Reformationstag
Psalm
Gott ist unsere Hoffnung und Kraft. Auch in unsern Ängsten sind wir gehalten.
Zeichen für deine Wohnung auf Erden, Herr, ist seit alters das Zelt:
Nicht ein Tempel mit geheiligter Tradition,
nicht die hochaufragenden Türme der Dome.
Zelt - Zeichen der Beweglichkeit und Armut,
der Ohnmacht und der Menschlichkeit.
Aber in dieser Ohnmacht bist du stark,
in deiner Menschlichkeit bist du allen Göttern überlegen.
Deshalb erfährt der Glaube dich als feste Burg,
als Hort der Zuflucht, der uneinnehmbar ist.
Mögen Ordnungen zerbrechen, die uns heilig schienen,
mögen Grenzen sich verschieben und Formen sich wandeln,
solange Gottes Zelt mit uns zieht, brauchen wir uns nicht zu
fürchten,
solange er uns sein Wort gibt, haben wir sicheren Halt.
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Gott ist unsere Hoffnung und Kraft. Auch in unsern Ängsten sind wir gehalten. (Nach ps. 46)
Gebet
Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge, so hat der Dichter des 46. Psalms gesungen. Ein' feste Burg ist unser Gott, ein' gute Wehr und Waffen, er hilft uns frei aus aller Not, so sagte es Martin Luther. Herr, ich habe Angst, diese Worte nachzusprechen. Und ich habe Angst, daß viele hier diese Angst mit mir teilen. Laß mich erkennen, daß du mich nicht zum Glauben an Menschen, sondern an dich rufst. Und hilf uns allen sehen, daß Glaube nicht der Optimismus ist, den wir vorzuweisen haben, sondern die Hoffnung, daß alles nur von dir kommen kann - mit unsrer Macht ist nichts getan. Schenke uns diesen Glauben durch ihn, unsern Herrn Jesus Christus, deinen Sohn ...
(K. v. M.)
(aus: Nitschke_Horst (Hg.), Gottesdienst 78, Liturg. Texte u. Entwürfe, Gütersloh 1978)
1978
Klaus von Mering
Ansprache in einer Adventsfeier
für kirchliche Mitarbeiter
Text: Jeremia 31,2-6 und 14 Was der Advent, das Kommen Gottes in unsere Welt, bedeutet, will ich Ihnen jetzt an einer kleinen Begebenheit anschaulich zu machen versuchen, die ich in dieser Adventszeit erlebt habe.
Seit meinem Umzug führt mich mein Weg ins Büro oder in die Stadt regelmäßig am Gefängnis vorbei. Eines Abends, es war, wenn ich mich recht erinnere, der Mittwoch nach dem 2. Advent, entdeckte ich hinter der hohen Mauer im Hof einen Tannenbaum, mit elektrischen Kerzen geschmückt, so wie man sie jetzt an vielen Stellen unserer Stadt finden kann. Dieser Baum im Gefängnishof ist mir seitdem zu so etwas wie
einem Symbol für mein Nachdenken über das kommende Weihnachtsfest
geworden, und ich möchte Sie jetzt an einigen der Gedanken teilnehmen
lassen, die mir dabei gekommen sind:
Das erste, was mir auffiel, war, daß ich den Baum erst so spät entdeckte.
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Mehr als zehn Tage lang bin ich offenbar, manchmal mehrmals täglich, daran vorbeigegangen. Tatsächlich ist die Mauer so hoch, daß man nur an einer ganz bestimmten Stelle einen Blick auf den Baum werfen kann, wenn nicht zufällig das große Eingangstor geöffnet ist. Und selbst am Abend, wenn die Kerzen brennen, wird man auf den Lichtschein nicht aufmerksam, weil die grellen Scheinwerfer, die bei Dunkelheit zur Überwachung der Zellenfenster eingeschaltet werden, die kleinen Lichter nicht zur Wirkung kommen lassen.
Ich glaube, mit dem wirklichen Weihnachten ist das genauso. Wir haben so viele grelle Lichter und hohe Mauern darum herum erfunden, daß viele das wirkliche Zentrum dieses Festes gar nicht mehr gewahr werden. Und selbst wir, die wir uns sicher alle Mühe geben, an diesem Zentrum nicht vorbeizugehen, selbst wir können nicht sicher sein, es zu entdecken. Vielleicht ist diese heimliche Angst, die eigentliche Weihnachtsfreude nicht zu erleben, sogar für sehr viele Menschen der Motor, der sie in diesen Wochen treibt und jagt. Das ganze Kaufen und Hetzen - ist das nicht, in unserem Bild gesprochen, das verzweifelte Hin- und Herrennen an dieser hohen Mauer, vielleicht sogar der Versuch, eine Bresche hineinzuschlagen, in dem Wunsch, den verborgenen Lichterbaum zu Gesicht zu bekommen?
Und doch: Was wir finden können, ist günstigenfalls die Stelle, von der aus man den Baum sehen kann. Wirklich herankommen werden wir nur, wenn jemand von innen das Tor aufschließt. Ohne Bild: Was wir erreichen können, ist allenfalls die Pause, die kurze Stille von ein paar Stunden oder Tagen, die Festlichkeit im Kreis von Menschen, die uns nahestehen. Aber daß wir in dem allen dem Gott begegnen, der uns in unseren Fragen oder auch mitten in unserer Freude hautnah wird, das können wir auch mit der besten Planung und Vorbereitung nicht erzwingen.
Ich denke, dieser Gedanke kann gerade heute hilfreich sein, sozusagen fünf Minuten vor zwölf, vor der bedrückend hohen Mauer all der noch unerledigten Dinge. Ich denke an die Erzählung von den Weisen aus dem Morgenland: Denen ist ja Weihnachten auch nicht als reife Frucht ihrer eifrigen Bemühungen zugefallen in Jerusalem. Sie haben sich erst neu auf den Weg schicken lassen müssen, nach Bethlehem, fern von der feierlichen Stille des Tempels und dem festlichen Trubel des Königsschlosses. Vielleicht wird es dem einen oder andern von uns genauso gehen, daß er dem wirklichen Weihnachten nicht da begegnet, wo er es
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eingeplant hat, morgen abend etwa oder in der Ruhe der Feiertage, sondern wenn das alles längst an ihm vorbeigezogen ist und der Dienst hier im Hause bereits wieder gewohnter und gewöhnlicher Alltag geworden ist.
In dem Jeremiatext, den ich vorhin vorgelesen habe, heißt es: Das Volk, das dem Schwert entronnen ist, hat Gnade gefunden in der Wüste. Israel zieht hin zu seiner Ruhe. Die Verheißung dieser Ruhe haben wir, aber daß wir sie da finden, wo wir sie vorbereitet haben, ist nicht ausgemacht. Vielleicht trifft uns der Strahl der Gnade, wie Israel, gerade in der Wüste, gerade da, wo wir sie am wenigsten erwarten. Damit bin ich eigentlich schon beim zweiten, was mir an jenem Weihnachtsbaum im Gefängnishof aufgegangen ist. Man hatte den Baum nämlich nur, von der Spitze bis zum Boden, auf der einen Seite mit Kerzen bestückt, auf der Seite, die den Zellenfenstern abgekehrt und der Straße und dem Dienstraum der Vollzugsbeamten zugewendet war. Ein Zufall, vielleicht. Wahrscheinlich aber eher eine Gedankenlosigkeit derer, die den Baum geschmückt hatten. Ich glaube jedenfalls nicht, daß es bewußter Zynismus war. Vielleicht wollten die Männer, die da Tag für Tag ihren undankbaren Dienst verrichten, sich selbst mit dem Lichterbaum sogar daran erinnern, in den engen Grenzen ihrer Dienstvorschriften in diesen Tagen gegenüber denen, die ihnen zur Bewachung und Betreuung anbefohlen sind, etwas von der Menschenfreundlichkeit dieses Festes durchblicken zu lassen.
Wie auch immer: Ihnen war offensichtlich entgangen, daß die Gefangenen aus ihren Zellenfenstern in der abendlichen Dunkelheit nur die Kehrseite des Lichterbaumes zu sehen bekamen. Ich mußte dabei unwillkürlich denken, ob uns nicht in unserer weihnachtlichen Vorbereitung allzuleicht Ähnliches passiert. In der eifrigen Sorge um ein Gelingen des Festes entgleiten uns die aus dem Bewußtsein, denen die Zusage von Weihnachten doch nicht weniger gilt als uns. Ja, gerade die sorgfältige Bemühung, selbst, so gut es geht, anderen zum Boten der Weihnachtsfreude zu werden, kann uns den Blick verstellen, auf das, was der andere braucht. Wäre nicht manche Anstrengung beim Aussuchen eines passenden Geschenkes besser investiert, wenn wir die entsprechende Zeit einfach demjenigen, dem wir eine Freude machen wollen, geduldig zugehört hätten. Ja, wäre vielleicht sogar die Zeit, die so mancher unserer Brüder in die gründliche Vorbereitung seines Weihnachtsgottesdienstes gesteckt hat oder noch steckt, besser, christlicher genutzt, wenn er einige Stunden
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davon seinem Kollegen, seinem Mitarbeiter oder auch seiner eigenen Frau zur Verfügung gestanden hätte?
Ich sage das ohne Besserwisserei. Vielleicht passiert dasselbe gerade jetzt: daß ich, konzentriert darauf, alles so gut wie möglich zu machen und zu sagen, an den Fragen und Nöten, die einen hier unter Ihnen bewegen, vorbeirede. Ist der Lichterbaum, den wir, bildlich gesprochen, mit dieser Feierstunde aufgerichtet haben, auch nur auf der uns zugewandten Seite erleuchtet?
In der DDR hat man vor einigen Jahren in allen Kirchen dazu aufgerufen, die Bäume nur im oberen Drittel mit Kerzen zu besetzen, um damit auf die beschämende Diskrepanz aufmerksam zu machen, daß nur ein Drittel der Menschheit - und die Christen der DDR zählten sich, wohlgemerkt, zu diesem Drittel -, daß sich nur ein Drittel der Menschen ein Weihnachten leisten kann, in dessen Mitte doch die Botschaft steht: Friede auf Erden und den Menschen (allen Menschen) sein, Gottes, Wohlgefallen.
Ich habe grob überschlagen, daß die Hälfte des Weihnachtsgeldes, das wir Mitarbeiter der Kirche in diesem Jahr beziehen, zusammengelegt ein Mehrfaches von dem ausmachen würde, was unsere Synode als Etatmittel für die Völker der Dritten Welt zu beschließen sich nicht durchringen konnte. Ich weiß, daß damit das Versagen der Synode in dieser zentralen Frage unserer christlichen Glaubwürdigkeit nicht aus der Welt geschafft wäre, wenn wir uns zu einem solchen persönlichen Opfer entschließen könnten. Aber ich denke, wir würden es den Kritikern der Kirche schwerer machen, unserer Kirche Zynismus vorzuwerfen - und den Empfängern ist es vielleicht nicht so wichtig, wodurch die Hilfe zustande gekommen ist.
Freilich, das muß ich noch einmal betonen: Kaufen läßt sich Weihnachten auch so nicht. Geld, auch in dieser fühlbaren Höhe, kann immer nur Zeichen dafür sein, daß wir das Weihnachten, das wir in unseren Gottesdiensten und in unseren Familienfeiern predigen, nicht für uns vereinnahmen, sondern offen halten für alle, denen es gilt. In unserem Jeremiawort kommt das in dem Bild von dem Weinberg zum Ausdruck: Israel soll ihn pflanzen und ernten, ja. Aber die Folge wird sein, daß »die Wächter auf dem Gebirge Ephraims« (und anderswo) rufen: »Wohlauf, laßt uns hinaufziehen nach Zion zum Herrn, unserm Gott.«
Schließlich hat die Geschichte vom Weihnachtsbaum im Gefängnishof
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noch einen letzten Aspekt gewonnen. Als ich nämlich am letzten Donnerstag wieder dort vorbeikam, stellte ich fest, daß man die Kerzen umgesteckt hatte. Gleichmäßig leuchtete der Baum nach allen Seiten. Da habe ich mich zuerst sehr geschämt. Offenbar hat ein anderer Zaungast, der sich wie ich geärgert hatte, die Courage besessen, die Beamten auf ihr Versäumnis aufmerksam zu machen. Ich habe mich gefragt, was mich eigentlich daran gehindert hat: die Angst, abgewiesen zu werden mit der Bemerkung, das ginge mich nichts an, oder die vorzeitige Resignation, nichts ändern zu können, weil sie wahrscheinlich plausible Gründe haben würden? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht einmal, ob es nicht am Ende einer der Beamten selbst war, dem die Unmöglichkeit dieses Baumes aufgefallen ist.
Der amerikanische Theologe Harvey Cox hat einmal gesagt, daß die verbreitetste Form der Sünde unter uns ist, nichts zu tun. Ich kann ihm nicht widersprechen. Aber der wichtigste Gedanke ist mir erst danach gekommen: Weihnachten setzt sich durch, sogar gegen mein Versagen. Sagen Sie jetzt nicht: Was ist das schon, ein paar Kerzen umstecken. Natürlich ist die Sache in sich geringfügig, gemessen an den großen Problemen, vor denen unsere Welt steht. Aber sie ist ja nicht aus sich heraus etwas, sie ist ja Symbol, Prediger, Herold für eine Botschaft, die nicht laut und eindringlich genug ausgerufen werden kann: Gott kommt nicht zu uns, weil wir ihn so eifrig eingeladen haben oder auch nur seines Besuches würdig wären. Er kommt, weil er uns entdeckt hat in unserer Hilflosigkeit. Lassen Sie sich darum in diesen Tagen nicht fixieren von dem Bemühen um ein gelungenes Fest, aber auch nicht von Selbstvorwürfen über unsere Unzulänglichkeit, Weihnachten richtig zu feiern. Sondern lassen Sie es einfach wahr sein, daß er schon bei Ihnen ist, obwohl der Baum noch gar nicht geschmückt ist.
(aus: Nitschke, Horst (Hg), Advent – Gottesdienstpraxis B – Gütersloh 1978 S. 56-60)
Klaus von Mering
Die enttäuschte Ent-Täuschung
Ein adventlicher Klagepsalm
Herr, ich klage dir meine Enttäuschung,
meine Enttäuschung über die Ent-Täuschung von Weihnachten.
Das ist ja längst kein Geheimnis mehr,
alljährlich spießen es Karikaturisten und Kolumnisten auf ihre spitzen Federn:
die Terminhetze auf der Rolltreppe der Adventszeit,
die Wollust des Schenkens und die mörderische Feierlichkeit.
Und daneben, im Abseits, mit hungrigem, sehnsüchtigem Blick Maria und Joseph,
Prototyp der Zukurzgekommenen, die nicht gefragt werden
und die keine Lobby haben.
Das ist längst kein Geheimnis mehr,
diese paradoxe Teilung der Welt in solche, die Weihnachten vorbereiten,
und solche, die sich Weihnachten nicht leisten können.
Die Ent-Täuschung unserer Weihnacht ist längst Allgemeingut geworden.
Sie drückt auf die Stimmung bei der Adventsfeier im Betrieb,
sie gräbt die Unlust in die Gesichter der Kaufenden,
sie plappert aus den routinemäßigen Aufrufen zu Einkehr und Besinnung.
Es gab eine Zeit, Herr,
da sonnten wir uns in der Kritik an der deutschen Weihnacht,
da genossen wir den Schock, wenn die Bilder aus Biafra
Weihnachtsgans und Stille Nacht zu einem ungenießbaren Brei verrührten.
Ich war stolz auf diese Ent-Täuschung und registrierte mit Genugtuung ihre Verbreitung.
Heute klage ich dir meine Enttäuschung über die Ent-Täuschung, Herr.
Nicht, weil der Schaden behoben, der feiste seelenlose Riese Konsum erschlagen wäre.
Auch nicht, weil die Ent-Täuschung von Weihnachten mißlungen,
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die Entlarvung unserer Idylle uns nicht getroffen hätte.
Wir wissen jetzt, daß sie da stehen und warten, die mit dem Esel.
Aber wir schauen nicht hin, wollen es nicht sehen.
Wir können es nicht ertragen, weil es nicht zu ertragen ist.
Die Leute versetzen noch zusätzlich ihr schlechtes Gewissen,
um weiterzukaufen, verbissen und lustlos.
Herr, ich habe Angst vor ihrer trotzigen Verzweiflung,
weil ich kein Heilmittel dagegen weiß.
Und ich habe Angst vor denen, die diese Angst nicht zu kennen scheinen.
Deren Schultern frei sind von der Last der andern,
frei für die eigenen reinen Hände, mit denen sie sich darauf klopfen.
Die schon immer gesagt haben, man solle zu Weihnachten
von der Krippe reden und nicht von der Dritten Welt
(als ob das ein Gegensatz wäre!).
Sie machen mir Angst, weil sie die Ent-Täuschung ihres Weihnachten noch vor sich haben
und mich in meiner Enttäuschung nicht verstehen können.
Ich habe mich bemüht, manches zu ändern, so gut ich konnte.
Ich habe weniger gekauft und mehr für die Armen gegeben.
Ich habe gearbeitet für ein neues Bewußtsein und mir mehr Zeit genommen zum Nachdenken.
Gewiß, Herr, das war nicht genug, es blieb noch alles im Rahmen.
Du bist radikaler gewesen,
hast nicht mit dem gelebt, was du entbehren konntest,
sondern mit dem, was du selber warst.
Ich müßte weitergehen, müßte alles riskieren,
wenn ich mich wirklich auf deine Ankunft vorbereiten wollte.
Und doch weiß ich: Es würde nicht genügen,
um meine Enttäuschung über unser ent-täuschtes Weihnachten zu überwinden.
Denn dieses Weihnachten, das ent-täuschte, das wirkliche, ent-täuscht mich selbst,
bewirkt meine Enttäuschung. Herr, willst du mir sagen, daß du mich nur so gebrauchen kannst?
Daß ich die »große Freude«, die du versprichst, mir nicht selbst bereiten kann?
Nicht durch richtige Glaubensformeln oder durch kindisches Getue,
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aber auch nicht durch angestrengtes Bemühen, zum Besseren zu ändern?
Willst du mir sagen, daß meine Enttäuschung mich denen gleichstellt,
die »im Finstern ein großes Licht« sehen.
Oder hieße das schon wieder, die Krippe vergolden
und einer neuen Zufriedenheit mit Weihnachten die Tür zu öffnen?
Herr, dann laß mir lieber meine Enttäuschung,
meine Enttäuschung über die Ent-Täuschung von Weihnachten.
(aus: Nitschke, Horst (Hg), Advent – Gottesdienstpraxis B – Gütersloh 1978 S. 135-137)
Klaus von Mering
Adventsmeditation
Es ist ein ständiges Kommen und Gehen.
Der Stand mit den Sonderangeboten »Preiswerter Christbaumschmuck«
steht mitten im Eingang des großen Kaufhauses.
Da, wo der warme, nach billiger Seife und schwitzenden Menschen riechende Dunst von drinnen
und die feuchtkalte, von Autoabgasen und dem Dampf gebrannter Mandeln geschwängerte Luft der City
einander begegnen, aufeinanderprallen,
sich gegenseitig zurückstoßen und wieder in die Arme fallen.
Das Mädchen tippt 2,98 DM in die Kasse, schiebt den Bon in die Tüte zu den kleinen Glitzerengeln
und reicht sie über die Mauer der aufgestapelten Kartons
in die ausgereckt wartende Hand.
Dann stampft sie sich mit den Füßen die Kälte aus den Stiefeln
und blickt mit ausdruckslosen Augen auf die Flut der vorbeirauschenden Gesichter.
Gehetzte Gesichter und glücklich verträumte,
entschlossene und suchende, heitere und verbitterte.
Es ist ein ständiges Kommen und Gehen.
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Der Mann auf dem Orgelboden reibt sich die kältesteifen Hände.
Er drückt auf den kleinen roten Knopf rechts neben dem Manual;
und während sich der Blasebalg ächzend mit Luft füllt,
streicht der Mann den Zettel glatt, den er aus seiner Manteltasche gezogen hat.
Zahlen stehen darauf, wie an jedem Freitag, Zahlen,
die für ihn Melodien sind und altbekannte Akkordfolgen.
Heute sind es kleine Zahlen, fast alle einstellig: 6 und 3 und 4.
Letzte Woche hatten sie noch sämtlich drei Stellen,
und die Harmonien, die sie in seinem Gedächtnis wachriefen,
klangen düster, gedämpft, wogten wie Nebelschwaden.
Er rafft die Noten zusammen, die rechts und links auf der Orgelbank liegen,
und packt sie in die selbstgefertigte Sammelmappe mit der Aufschrift »Tod und Ewigkeit«.
Dann geht er hinüber zu dem kleinen Eckschrank, öffnet ihn
und schiebt die Mappe sorgfältig unter den großen Stapel der übrigen.
Nun zieht er das oberste Notenbündel heraus,
schließt den Schrank und geht zur Orgelbank zurück.
6 und 3 und 4. Mechanisch ziehen seine Hände die Register:
Liebliche Flöten und helle Mixturen, schließlich sogar die schmetternde Trompete.
Es ist ein ständiges Kommen und Gehen.
»Alle Jahre wieder kommt das Christuskind« —
es tut ihr doppelt weh,
daß er gerade diesen Vers gewählt hat,
um seinem Spott Ausdruck zu geben.
Wie oft hat sie ihm dieses Lied vorgesungen, damals,
und welches Glücksgefühl, als der Kleine die ersten Töne mitlallte.
Später war es zur festen Einrichtung geworden:
das gemeinsame Singen an den Adventssonntagen,
mit Transparenten und Kerzenlicht, dem Kranz und den Kalendern,
an denen jeden Tag ein Fenster geöffnet wurde.
Er hatte das Gedicht aufgesagt, das er in der Schule gelernt hatte,
und sie eine Geschichte vorgelesen von Kindern,
die sich Weihnachten nicht leisten konnten
und dann doch beschenkt wurden.
Und heute schreibt er:
»Gott, das ist doch nur eine sentimentale Schnulze,
Feierlichkeit aus geriebenen Pfefferkuchen und Teepunsch, die
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alle Jahre wieder verordnete und genüßlich geschlürfte Infantilität einer unmündigen Gesellschaft.
Gott, das ist Gestrigkeit par excellence!«
Sie spürt hinter den starken Worten die Wut, die verletzen will. Aber sie hört auch die leise Stimme der Angst und die Hoffnung, sie möge diesen Schlägen standhalten.
Nein, nicht sie, sondern das, was sie ihm hat weitergeben wollen in all den Jahren, diese unbeirrbare Zuversicht, daß alles ein Ziel hat, diese zähe Entschlossenheit,
dem Möglichen einen ebenso großen Wahrheitsgrad zuzugestehen wie dem Faktischen,
diesen - ja diesen Gott, der die Erde nicht »alle Jahre wieder« berührt
wie der Gummiball den Boden, bis seine Elastizität verbraucht ist,
sondern der auf dieser Erde Platz greift,
wo es der eine nicht mehr und der andere noch nicht vermutet,
der Türen öffnet, die verschlossen schienen, und Licht macht, wo Finsternis regiert.
Vielleicht waren ihre Feiern nicht transparent genug für diese andere Wirklichkeit.
Vielleicht konnte er in dem, was sie als Symbol gemeint hatte,
nur die Idylle sehen.
Sie muß es ihm schreiben, sagt sie sich,
sie muß aussprechen, was sie nur anzudeuten wagte:
Gott, das ist Zukunft par excellence!
Es ist ein ständiges Kommen.
(aus: Nitschke, Horst (Hg), Advent – Gottesdienstpraxis B – Gütersloh 1978 S. 137-139)
Klaus von Mering
Gott ist im Kommen
Aus dem Brief an einen jungen Christen
Lieber H.! ... Aber nun zu Deinem »Problem«: Es wird Dich wundern, vielleicht sogar erschrecken, aber die Aussage, daß es im Advent um die »Ankunft Gottes« gehe, ist mir schon immer suspekt gewesen, zumal, wenn die Kirche die »Adventszeit« in den Fahrplan ihres Kirchenjahres einbaut. Ich verstehe, daß die Termine dieses Kalenders symbolischen Charakter haben und die erinnernde Vergegenwärtigung einer »Heilstat-
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sache« meinen. Im Blick auf Weihnachten, Passion und Ostern beispielsweise ist mir das auch ohne weiteres einsichtig: Christus muß in der Tat immer wieder geboren, Gott immer wieder - und immer mehr! - Mensch werden in dieser Welt. Das Leiden des Gekreuzigten muß immer wieder mit dem Leiden gegenwärtiger Menschen - und mit den gegenwärtigen Leiden Gottes an ihnen! - in Verbindung gebracht werden. Und die Auferstehung ist ebenfalls nur sinnvoll, glaubwürdig, wenn sie nicht als abgeschlossenes Ereignis, sondern als fortwirkender - Leben wirkender! - Prozeß geglaubt werden kann.
Aber Advent? Wird der Gedanke von der Ankunft Gottes in der Welt nicht gerade verfälscht, wenn man ihn »immer wieder« denkt? Gott bekommt damit doch zwangsläufig das Gesicht jenes Landstreichers - Du weißt, wen ich meine -, der sein fahriges, unstetes und unzuverlässiges Wesen gerade durch die Regelmäßigkeit unterstreicht, in der er einmal im Jahr an meine Tür klopft. So verstehe ich auch den Weihnachtsmann nicht so sehr als »Produkt einer autoritären Gesellschaft« - beim Nikolaus könnte ich Dir da schon eher folgen -; der Weihnachtsmann, den man pünktlich mit dem ersten Schnee aus der Mottenkiste holt, liebevoll entstaubt und nach dem trauten Wunschbild aus Kindertagen herrichtet, scheint mir dagegen eher die folgerichtige Karikatur jenes Gottes zu sein, dessen Ankunft die Kirche alljährlich kündet. Eigentlich müssen wir uns doch darüber wundern, daß die Leute nicht schon viel früher und viel bissiger ihren Spott daran hatten, daß ihnen in den Adventsgottesdiensten Jahr für Jahr eine Ankunft versprochen wurde, die keinen mehr von den Stühlen reißt; denn am 25. ist allemal Weihnachten! So gern wir einen lautstarken und fröhlichen »großen Bahnhof« machen, wenn einer unserer Freunde von einer Reise heimkehrt, niemand wird erwarten, daß ihm das allmorgendlich auf dem Weg zur Arbeit zuteil wird. Und ist Gott nicht bei seiner Ankunft in der Welt viel eher »auf dem Weg zur Arbeit« als auf der Rückkehr von einer Vergnügungsreise? Ich neige deshalb auch dazu, viel barmherziger mit dem - wahrhaft »irren«! - Vorweihnachtsrummel umzugehen als Du und manche meiner Kollegen, deren Konsumkritik mir oft penetrant nach den ängstlichen Distanzierungsversuchen einer Jungfer von ihrer unehelichen Tochter riecht. Was sollen die Leute denn feiern »in dieser heiigen Zeit«, wenn der, den die »Fachleute« als Grund des Feierns namhaft machen, die Züge der Schwiegermutter trägt, mit deren Kommen »schon wieder« zu rechnen ist!
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Damit plädiere ich freilich nicht - und hier möchte ich Dir besonders energisch widersprechen - für eine Abschaffung der Adventszeit, weder in ihrer äußeren Gestaltung noch in ihrer inhaltlichen Bestimmung. Ich will das ohnehin bedenkliche Bild von der Schwiegermutter nicht noch weiter strapazieren, aber Abschaffen ist viel seltener die »saubere Lösung«, als radikale Denker - oder solche, die sich dafür halten - uns weismachen wollen. Gott ist im Kommen, das ist die unverzichtbare Wahrheit der Adventsbotschaft. Auf diese Wahrheit hin müssen wir Sprache und Praxis unserer Adventsfeiern überprüfen. Ich will mich hier auf das erste, die Sprache, beschränken und, auch nur andeutungsweise, skizzieren, wie solche »Überprüfung« aussehen könnte:
1. Gott ist im Kommen, d. h. Gott ist nicht im Schwinden, wie uns mancher, nicht erst heute, gern weismachen möchte. Manches mag im Schwinden sein, von der Zahl der Kirchensteuerzahler bis zur selbstverständlichen Annahme eines göttlichen Wesens. Aber damit ist Gott nicht im Schwinden, im Gegenteil, vielleicht schafft er sich damit erst Platz für sein Kommen; so wie er im Altertum erst den Himmel entvölkern mußte von der Vielzahl der Götter, um für die Menschen Gott sein zu können.
2. Gott ist im Kommen, d. h. was immer sonst im Kommen sein mag, es kann Gott nicht in den Rücken fallen und uns auch nicht, solange wir auf ihn ausgerichtet bleiben. Deshalb sollten wir Christen damit aufhören, Gott vor der Zukunft in Schutz nehmen zu wollen, als sei er durch das, was Menschen morgen oder übermorgen zustandebringen werden, in Gefahr. Wir sollten aufhören, einen Gott zu predigen, der nur bei denen Platz hat, die nach rückwärts gewandt sind. Wir werden freilich auch denen entgegentreten, die das Kommende zu ihrem Gott machen. Gott ist nicht im Kommenden, sondern im Kommen - das wollen sie beide nicht wahrhaben, die Gestrigen so wenig wie die Progressiven. (Von hier aus läßt sich übrigens die These bestätigen, daß die Fortschrittsgläubigen Reaktionäre sind.)
3. Gott ist im Kommen, d. h. Gott ist uns zugewandt, kommt uns entgegen, sucht uns. Unübertrefflich ist das in dem Gleichnis von den verlorenen Söhnen zum Ausdruck gebracht: Den Gescheiterten sieht der Vater »von ferne«, läuft ihm entgegen und fällt ihm um den Hals; und dem Gekränkten geht er nach und spricht ihn an. In diesem Sinne dürfen wir auch von einem »immer wieder« sprechen: Der Verlorene, der sich umwendet, der »umkehrt«, darf »immer wieder« auf das Kommen Gottes hoffen.
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Es muß für heute bei diesen Andeutungen bleiben. Aber sie genügen vielleicht, um Dir deutlich zu machen: Die Botschaft des Advents ist nicht etwas Beiläufiges, das irgendwo am Rande in unserm Glauben seinen Platz behalten darf, weil unserer Gesellschaft der Advent so lieb ist; sie ist das Kernstück des Evangeliums ...
Dein K.
1978
Klaus von Mering: Taufgottesdienst
Vorbermerkung
Die Taufgemeinde, ca. 25 Erwachsene und 20 Kinder zwischen 2 und 10 Jahren,
sämtlich Vettern und Cousinen des Täuflings, sitzen in einem Stuhlkreis im
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Altarraum um den Taufstein (die Kleinsten beginnen bald, im Kreis mit dem mitgebrachten Spielzeug zu spielen).
Die Lieder werden mit der Gitarre begleitet, zu Beginn wird die Platte Swingle Singers: Jazz Sebastian Bach, Sinfonia, Prelude en fa mineur gespielt. Auf einem Liederblatt sind Text und Melodie der vier von den Taufeltern ausgewählten Lieder abgedruckt, außerdem der Text eines zeitgenössischen Credo (s. u.). Auch der Taufspruch wurde von den Eltern vorgeschlagen. Leitender Gesichtspunkt bei der Vorbereitung war die Überlegung, wie die zahlreichen Kinder einigermaßen angemessen an dem Gottesdienst beteiligt werden können, ohne daß den Erwachsenen eine inhaltliche Aussage vorenthalten würde. Folgende Elemente der Ordnung wurden von dieser Frage bestimmt:
1. Die älteren Kinder wurden durch Sprecherrollen an der Gestaltung des Gottesdienstes beteiligt.
2. Die zahlreichen - meist rhythmischen - Lieder laden die Kinder zum Mitsingen und Mitklatschen ein (auch die Kleinsten lallten sichtlich befriedigt mit).
3. Die vorgelesene Erzählung enthält Anschauungsmaterial und die Möglichkeit zur Identifikation.
4. Die Kreisform bietet den Kleinsten Gelegenheit, angstfrei zu spielen. Die Kinder fühlen sich genügend beachtet und können auf provozierendes Verhalten weitgehend verzichten. Die Eltern können Aufsicht und Teilnahme am gottesdienstlichen Geschehen leichter miteinander verbinden.
5. Der Taufakt selbst wird den Kindern betont vor Augen geführt. Bei der Abfassung der Ordnung war mir die Agende »Gottesdienst menschlich« von F. K. Barth u. a. (Jugenddienstverlag 1973) eine wertvolle Hilfe.
Eröffnung
Herzlich willkommen zur Taufe von unserm kleinen Öle. Wir wollen den Gottesdienst beginnen mit dem ersten der Lieder, die Ihr (Öles Eltern) für diesen Tag ausgewählt habt: »Wir bitten, Herr, um deinen Geist.« Weil mir Melodie und Rhythmus dieses Liedes etwas schwieriger erscheinen, wollen wir uns das Ganze zuerst einmal von einer Platte anhören (ams-studio 15020. Bereits während des Abspielens beginnen einige Kinder, sich rhythmisch zu der Musik zu bewegen. Die Eltern ermutigen sie, mitzuklatschen. Dies wird auch anschließend während des gemeinsamen Gesangs beibehalten.)
Gemeinsames Lied: Wir bitten, Herr, um deinen Geist
Taufevangelium
Heute ist ein Freudentag für uns: Öles Taufe. In uns schwingen die Sorgen und Ängste nach, die wir bei seiner Geburt hatten, um ihn und um dich (die Mutter). Danbarkeit füllt unser Herz. Und Hoffnung auf eine
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glückliche Zukunft. Wir wissen zwar: Sorge und Angst sind nicht abgetan. Sie werden euch in ändern Gestalten wieder begegnen, von neuem zusetzen. Aber in der Taufe ist uns etwas versprochen, das nicht verlorengeht. Ulla wird es uns vorlesen: -i. Sprecher:
Jesus sagt: Fürchtet euch nicht! Alle Macht ist bei mir, im Himmel wie auf der Erde. Darum geht hin und gewinnt die Menschen aller Völker für meine Sache: Tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes; helft ihnen, zu leben, wie ich es euch gezeigt habe. Und denkt daran: Ich bin bei euch jeden Tag bis ans Ende der Welt.
Kinderevangelium
Wir haben unsere Kinder mitgebracht. Wir können nicht ausschließen, daß sie uns stören in unserer Konzentration. Ja, wir sind sicher, daß sie selbst wenig oder gar nichts begreifen von dem, was hier vorgeht. Dennoch ist es richtig, daß sie hier sind. Sabine wird uns jetzt vorlesen, was Jesus über die Kinder gesagt hat: 2. Sprecher:
Der Evangelist Markus erzählt: Einmal brachte man Kinder zu Jesus. Er sollte ihnen die Hand auflegen. Die Jünger aber ärgerten sich über die Störung und schimpften mit den Leuten, die die Kinder hergebracht hatten. Als Jesus das hörte, wurde er zornig und sagte zu ihnen: »Laßt doch die Kinder zu mir kommen! Wie könnt ihr sie abweisen. An ihnen erkennt ihr doch, was Gottes Liebe ist. Denn wer Gottes Geist nicht so wie diese Kinder empfängt, ohne eigenes Zutun, der geht leer aus.« Und er nahm die Kinder in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.
Gebet
Wir hören diesen Worten zu - vielleicht werden sie auch uns wichtig, bringen etwas in uns zum Klingen, öffnen unsere Augen für bisher Unbekanntes, machen uns Mut, Neues zu wagen.
Gott, nahe und doch heilig; Herr und doch Bruder, fülle unsere leeren Hände mit deinem Versprechen. Laß uns in deiner Weite Raum gewinnen und anderen Spielraum gewähren.
Gemeinsames Lied: Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer ...
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2. Wir wollen Freiheit, um uns selbst zu finden, Freiheit, aus der man etwas machen kann. Freiheit, die auch noch offen ist für Träume, wo Baum und Blume Wurzel schlagen kann. Refr.: Herr, deine Liebe ...
Ansprache
Das Bibelwort, das ihr (Eltern) zur Taufe eures Sohnes gewählt habt, ist ein Satz aus dem i. Kapitel des 2. Timotheusbriefes (Vers 7): Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Zucht.
Natürlich habe ich überlegt, was euch - bewußt, aber vielleicht auch unbewußt — bewegt haben mag, diesen Taufspruch für euren Öle zu wählen. Dennoch verstehe ich das, was ich jetzt ausspreche, nicht als Spekulieren über etwas, was ihr uns schließlich viel besser selber sagen könntet. Die Bibel ist ja nicht eine Sammlung von Sinnsprüchen, in der man einfach nach einer griffigen Formulierung für das suchen könnte, was man sich im Grunde genommen selber sagt. Wir nennen die Bibel »Gottes Wort« und meinen damit: Hier redet einer zu uns, der beides kann: unsere Hoffnungen bestätigen, aber auch verändern.
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Nichts anderes ist gemeint, wenn in der Bibel von Gottes Geist gesprochen wird. Gott gibt seinen Geist - und die christliche Gemeinde hat von Anfang an gegen alle phantasievollen Mißdeutungen daran festgehalten: Die Taufe ist das konkrete Zeichen dieser Gabe. In der Taufe gibt Gott seinen Geist. Das heißt nicht, daß die Taufe ein Zauberritus wäre, in dem der Mensch über göttliche Kräfte verfügen und sie sich dienstbar machen könnte. Der Geist ist ja nicht ablösbar von Gott, im Gegenteil, er ist geradezu der Inbegriff der Gaben Gottes, die nicht ohne ihren Geber zu haben sind. Ein Kirchenvater hat das einmal in einem Bild so umschrieben: Gott ist wie die Sonne, deren Strahl in Christus zu uns kommt und von uns als Wärme, als Geist, empfangen wird. Die Wärme ist nicht ohne die Sonne zu haben. Auch wenn man sie nicht sieht, geht die Wärme von ihr aus.
Die Gabe, die ein Kind bedeutet, kann ich lösen von ihrem Geber. Es ist nur folgerichtig, wenn man dann vom »Kindermachen« redet. Das tägliche Brot, d. h. alles, was wir für unser Leben brauchen und gebrauchen, kann ich ablösen von dem, der es uns gibt. Daß man sich damit freilich nicht Freiheit, sondern Orientierungslosigkeit einhandelt, das wußte schon die alte Geschichte von Adam und Eva. Und heute ist es wieder allenthalben mit Händen zu greifen. Die Taufe ist eine der Stellen in unserm Leben, die uns daran erinnert: Wir können Gottes Gaben nicht loslösen von ihrem Geber. Die Taufe wird zu einer leeren Geste, wenn wir übersehen wollten: Hier geht es um Gott selbst, seine Gegenwart, sein bleibendes Versprechen, eben seinen Geist.
Dieser Geist, so sagt der von euch gewählte Taufspruch, ist nicht ein Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Zucht. Was das bedeutet, möchte ich an einer kleinen Geschichte verdeutlichen, die Friedhelm jetzt vorlesen wird: 3. Sprecher:
Einmal im Sommer wollte eine Igelmutter mit ihren vier Igelkindern über eine Landstraße laufen. Auf dieser Landstraße fuhren viele Autos schnell hin und her. Die Menschen in den Autos wollten nach Hause zum Abendbrot, sie wollten ganz schnell ins Kino, und sie wollten einen Onkel besuchen.
In einem Auto, das auf der Landstraße fuhr, saß Peter mit seinem Vater. Die beiden wollten zum Bahnhof und eine Tante abholen. Peter sah, daß die Igelmutter mit ihren Kindern über die Landstraße wollte. Er sagte es seinem Vater, und der konnte sein Auto gerade noch anhalten. Der
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Vater stieg aus dem Auto, und Peter stieg auch aus. Sie wollten die Igel ganz genau sehen. Die Igelkinder liefen noch langsam. Und es kamen schon wieder ganz schnelle Autos! Damit sie die Igel nicht totfuhren, hielt der Vater sie an. Er stellte sich auf die Landstraße und machte beide Arme ganz breit. So wie die Polizisten das machen, und das heißt: Halt! Die anderen Autofahrer hielten auch an. Manche schimpften zuerst, aber als sie die Igel auf der Landstraße sahen, da freuten sie sich.
Inzwischen hatten zehn Autos gehalten. Peter lief zu ihnen hin und sagte den Fahrern, daß die Igel erst über die Landstraße müßten. Da vergaßen die Fahrer, daß sie eigentlich schnell weiter wollten. Sie stiegen aus und sahen sich an, wie die Igel da liefen.
So kam es, daß an diesem Tag manche Leute zu spät zum Abendbrot kamen, zu spät ins Kino gingen und zu spät bei dem Onkel waren. Der Vater und Peter kamen zu spät zum Bahnhof. Die Tante wartete schon. Aber das machte ja nichts. Die Igelmutter war mit ihren vier Igelkindern gut über die Landstraße gekommen. (Elisabeth Stiemert) (Aus: Kurze Geschichten zum Vorlesen und Nacherzählen im Religionsunterricht (Kaufmann/Kösel 1975, S. 108.)
(Zu den größeren Kindern): Ich schlage vor, ihr malt mal ein Bild, das diese Geschichte darstellt. ( Die Kinder setzen sich mit Papier und Buntstiften auf die Erde.)
Furcht, Angst gehört zum Leben, weil alles Leben vom Tod bedroht ist -wie hier das Leben der kleinen Igel. Ihr habt diese Angst sehr hautnah erfahren (schwere Geburt, lebensgefährliche Erkrankung des älteren Sohnes). Wenn ihr mit der Taufe für euren Öle um den Geist bittet, der »nicht ein Geist der Furcht« ist, dann kann das nicht heißen: ein Leben ohne Angst. Das könnte nur ein Leben mit verdrängten Ängsten sein -und das führt allemal zu Unmenschlichkeit. Ein Mensch ohne Angst ist ein Mensch, der weder lieben noch geliebt werden kann. Umgekehrt: ein Mensch, der seine Angst zugeben kann, weiß, daß die Kraft, zu leben und zu lieben, nicht von ihm selbst kommt. Er hält Ausschau nach dem Geist, der ein Geist der Kraft und der Liebe ist. Und wo dieser Geist wirksam wird, da geschieht etwas Merkwürdiges: Die Angst lahmt nicht mehr, sondern wird zum Impuls, sich für das Leben zu engagieren. Weil Peter Angst um die kleinen Igel hat, deshalb kommen sie am Ende heil über die Straße.
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Und doch wäre es ein Mißverständnis, wenn man sagen wollte: Der Peter hat's gemacht. Gewiß, er hat die Sache in die Hand genommen, ohne ihn wäre es nicht gegangen. Aber jeder muß zugeben: Seine Kraft hätte nichts ausgerichtet. Sie hätte weder die Motoren anhalten noch die schimpfenden Fahrer hindern können, weiterzufahren. Die Kraft, die die Autos bremst und die Fahrer warten läßt, wächst aus der gemeinsamen Bereitschaft, bedrohtes Leben zu schützen. Die Liebe - wenn ich einmal dieses große Wort auf diesen kleinen Sachverhalt anwenden darf - die Liebe ist stärker als die Motoren und stärker als die Sorge der Leute, zu spät zu kommen zu ihren wichtigen Terminen.
Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe - und der Zucht. Aber ehe wir uns diesem dritten und letzten zuwenden, wollen wir zuerst wieder ein Lied singen:
Gemeinsames Lied: Ich möcht', daß einer mit mir geht
2. Ich wart', daß einer mit mir geht, der auch im Schweren zu mir steht, der in den dunklen Stunden mir verbunden. Ich wart', daß einer mit mir geht!
3. Es heißt, daß einer mit mir geht, der's Leben kennt, der mich versteht, der mich zu allen Zeiten kann geleiten. Es heißt, daß einer mit mir geht!
4. Sie nennen ihn den Herren Christ, der durch den Tod gegangen ist; er will durch Leid und Freuden mich geleiten. Ich möcht', daß er auch mit mir geht!
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Gottes Geist ist ein Geist der Kraft und der Liebe - und der Zucht. Schauen wir noch einmal in die Geschichte von den kleinen Igeln: Sie stören die Ordnung. Straßen sind nicht für Igel gebaut, sondern für Autos. Das Leben der kleinen Igel kann nur gerettet werden, wenn die starken Menschen auf ihre Vorrechte verzichten. Verzicht ist ein Wesenselement der Liebe. Wer nicht verzichten kann, wer immer nur daran denkt, was bei einer Sache für ihn herausspringt, der kann nicht lieben. Noch mehr: Wer nicht verzichten kann auf eigene Grundsätze, auch auf gute und beherzigenswerte Grundsätze - hier die Pünktlichkeit -, der kann nicht lieben.
Und noch etwas: Es hätte eigentlich nahe gelegen, daß Peter die kleinen Igel auf den Arm genommen und über die Straße getragen hätte. Dann hätten die Autos viel schneller weiterfahren, vielleicht gar nicht erst anhalten müssen. Sie wären jedenfalls viel schneller an ihr Ziel gekommen.
In der Erziehung, im Umgang mit anderen Menschen, kleinen und großen, stehen wir immer wieder vor dem gleichen Problem. Entweder so schnell wie möglich an unser Ziel zu kommen oder dem ändern Zeit zu lassen. Dem Geist Gottes Raum geben, heißt wohl auch, sich hier in Zucht zu nehmen und die Kinder weder durch Ungeduld noch durch übertriebene Fürsorge daran zu hindern, auf eigenen Beinen zu laufen. Alles Lernen setzt einen bestimmten Freiraum für Erfahrungen voraus. Wir, die Lehrenden, die Erzieher, sind für diesen Freiraum im doppelten Sinn verantwortlich: daß wir seine äußere Grenze sichern und daß wir ihn nach innen weit genug offen halten. Diese Gratwanderung zwischen einer Form der Erziehung, die aus der Verantwortung einen Drill macht, und der anderen, die Freiheit mit Maßstabslosigkeit verwechselt - diese Gratwanderung kann, glaube ich, nur durchhalten, wer sich auch als Erwachsener immer wieder sagen läßt: Auch du lebst in einem geschenkten Freiraum.
Der wird auch für die religiöse Erziehung angemessene Formen und Worte finden, besser: die religiöse Frage wird ein integraler Bestandteil des gesamten Zusammenlebens sein, wenn es von dem Geist bestimmt ist, der nicht ein Geist der Furcht ist, sondern der Kraft und der Liebe und der Zucht. Vielleicht findet ihr hier und da Gelegenheit, euch gegenseitig an die Geschichte mit den kleinen Igeln zu erinnern.
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Gemeinsames Lied
3. Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer, wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus. Frei sind wir da zu wohnen und zu gehen. Frei sind wir, ja zu sagen oder nein.
Refr.: Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer, wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus.
4. Herr, du bist Richter! Du nur kannst befreien, wenn du uns freisprichst, dann ist Freiheit da. Freiheit, sie gilt für Menschen, Völker, Rassen, so weit wie deine Liebe uns ergreift. Refr.: Herr, deine Liebe ...
(Text: A. Frostensson [schwedisch], E. Hansen [deutsch], Burckhardt-haus, Geinhausen.)
Gemeinsames Credo
Unser Glaube kann nur dann für uns selbst wie für andere glaubwürdig werden, wenn es uns gelingt, ihn angemessen in Worte zu fassen. Deshalb versuchen Christen immer neu, ihr Bekenntnis zu dem dreieinigen Gott zu formulieren. Ein solcher Versuch ist auf unserem Liedblatt abgedruckt. Wir wollen diesen Text jetzt gemeinsam sprechen. Ich glaube, daß Jesus war, was wir sein sollten: Helfer und Freund aller, die ihn brauchten. Weil er liebte, mußte er leiden. Weil er so weit ging, mußte er sterben. Aber er starb nicht umsonst und unterlag in Wahrheit nicht. Er wird das letzte Wort behalten, und alle, die Toten, die Lebenden und die Kommenden, müssen sich messen lassen an ihm. Ich glaube, daß mit Jesus ein neuer Geist in die Welt kam, der die verfeindeten Menschen in neuer Weise miteinander sprechen lehrt und sich als Brüder erkennen läßt; der uns ermutigt, den Aufstand der Liebe gegen den Haß fortzusetzen; der unser Urteil schärft, die Verzweiflung überwindet und ein verfehltes Leben lohnend macht. Ich glaube, daß ich durch Jesus erfahre, was Gott vermag. So wie ich verdanken sich ihm alle Menschen, auch wenn sie es nicht wissen. So wie mir gibt er der ganzen Welt Zukunft und Sinn. Ihm sind wir verantwortlich in allem, was wir tun.
(nach Martin Ohly) Taufe
In solchem Glauben bringt ihr euren Öle zur Taufe. (Mit den Eltern und Paten versammeln sich alle Kinder um den Taufstein.) Liebe Eltern und Paten! Mit eurem Entschluß, euren Sohn heute zur
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Taufe zu bringen, trefft ihr für ihn eine unwiderrufliche Entscheidung. Er muß von nun an selbst erfahren, was Gott in der Taufe an ihm getan hat. Er soll lernen, als Christ zu leben. Versprecht ihr, nach besten Kräften dafür zu sorgen, so antwortet: Ja. Eltern und Paten: Ja. "
Öle, ich taufe dich auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Gottes Tür steht immer offen für dich, und du wirst jederzeit willkommen sein, woher du auch kommst. Geh deinen Weg in dieser Gewißheit.
Euch aber, Eltern und Paten, segne Gott in allem, was ihr für dieses Kind tut. Er gebe euch Augen für gewährtes Glück und Tapferkeit nach versagten Träumen.
(Mehrere Kinder suchen - und erhalten! - Gelegenheit, den Täufling und das Taufwasser anzufassen. Das Zeichen der Taufe kann nur »verstanden« werden, wenn der mögliche Verdacht eines Zaubers abgewehrt wird.)
Gemeinsames Lied: Danke für jeden guten Morgen
Gebet
Wir wissen, wie wichtig wir für unsere Kinder sind. Sie brauchen nicht nur unsere leibliche Fürsorge; alles, was wir tun und sagen, wird ihnen zum Spiegel, in dem sie sich erkennen und aus dem sie ihr Verhalten ableiten. Gott, hilf uns durch deinen Geist, verantwortungsvoll und ehrlich zu leben. Wir freuen uns, wenn wir als Kinder nicht allein sind. Wir können zusammen spielen, voneinander lernen, füreinander sorgen. Gott, hilf uns durch deinen Geist, einander liebzuhaben. Vater unser im Himmel...
Abschluß
Wir wollen jetzt die Taufe des kleinen Öle mit einem fröhlichen Festessen feiern. Die Kollekte ist bestimmt für das Evangelische Kinderheim in S. Die Kinder dort sind darauf angewiesen, daß anstelle ihrer Eltern andere dafür einstehen, daß ihnen die Zusage Gottes in ihrer Taufe keine leere Formel bleibt. Deshalb sind wir als Christen mitverantwortlich. Und der Frieden und Segen Gottes geleite uns. Amen.
(aus: Nitschke, Horst, Taufe, GottesdienstPraxis B 1978. Liturgische Texte, Gottesdienstentwürfe, Predigten, Überlegungen – in Zusammenarbeit mit Christian Zippert – Gütersloh 1978 S. 127 - 136)
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Theologische Skizze
Die eben erschienene Revision der Ordnung der Lesungen und Predigttexte durch die Luth.Liturgische Konferenz sieht für den 20. S. n. Irin, weitgehend neue Texte vor, die sich am ehesten unter dem Thema >Das Ende des Gesetzes< zusammenfassen lassen, wobei das Problem Ehe in vier der sechs Perikopen zumindest anklingt. Die bisher diesem Sonntag zugedachten Perikopen (Matt. 22,1-14; jetzt dem 23. postTr. zugeordnet; Zeph. 3,7-12, Apg. 2,41-47, Eph. 5,15-21 sowie Joh. 6,37ff. u. 1. Joh. 4,1-8) ließen sich auf den Nenner: die Gnade im Gericht und das Gesetz im Evangelium bringen. Mark. 10,2ff. verhandelt das Thema: Gemeinschaft und Gericht im Bereich der Problematik Ehe und Ehescheidung. Die Wechselbeziehung zwischen Gericht und Gnade bzw. Gnade und Gericht muß uns daran hindern, die eheliche Gemeinschaft nur im Sinne einer >Schöpfungsordnung< und die Scheidung nur als richtende-oder selbst verurteilte! - Auflösung dieser Ordnung anzusehen. Wenn die Gemeinschaft zwischen Mann und Frau sachlich Teil der Gemeinschaft ist, die Gott durch sein erbarmendes Handeln stiftet, dann muß einerseits die Scheidung ernster genommen werden als z. B. in der katholischen Ehelehre, andererseits muß in allem theologischen Reden über Scheidung das Element der Gnade im Gericht zur Geltung gebracht werden.
Freilich ist die Frage der Ehescheidung nur die Negativfolie, auf deren Hintergrund Jesus die in der Schöpfung gemeinte Gotteskindschaft des Menschen beschreibt - und wiederherstellt. (Der Prediger wird nicht übersehen, daß die marcinische Redaktion- und entsprechend manche Lektionare - die Perikope vom »Kinderevangelium mit unserm Abschnitt verbindet.) Das Verhältnis von Mann und Frau ist definiert dadurch, daß Gott dem Menschen ein Gegenüber, eine Entsprechung schafft, weil Adam diese in der übrigen Schöpfung nicht finden konnte (Gen 2,18ff.). Dieser Schöpfungsakt stellt aber zugleich eine Analogie zur Erschaffung des Menschen überhaupt dar: Der Mensch ist Abbild, Gegenüber, Entsprechung Gottes (Gen. 1,26f.). D. h. im Verhältnis zwischen Mann und Frau, in ihrer Liebe zueinander, spiegelt sich das Verhältnis, die Liebe Gottes zum Menschen (vgl. auch Eph. 5,22ff.). Die Zärtlichkeit zwischen Mann und Frau, die den gemeinsamen Ursprung voraussetzt und sich nach ganzer und vollkommener Vereinigung sehnt (>ein Fleisch< Mk 10,8), ist Ausdruck der zärtlichen Liebe Gottes zum Menschen, die Jesus in der Umarmung der Kinder erneuert (Mk. 10,16).
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Vorschlag für die Predigt
Möglicher Einstieg (1)
Die Frau, die mir gegenüber sitzt, mag Anfang 30 sein und hat nichts vom gängigen Bild einer verlassenen Geliebten an sich. Sie wirkt besonnen, fast überlegen, klug, warmherzig; und sie erzählt die Geschichte ihrer zerbrochenen Ehe weder mit intellektueller Teilnahmslosigkeit noch mit tränenreicher Sentimentalität. Alles, was sie sagt, ist offenbar gut beobachtet, engagiert und zugleich distanziert formuliert. Intimes wird freimütig ausgesprochen, Gefühle und Erfahrungen überzeugend beschrieben. Die Story ist vergleichsweise simpel. Nach etwa fünfjähriger Ehe haben ihr Mann und sie ein gleichaltriges Ehepaar kennengelernt. Man verstand sich gut, man freundete sich an, man bezog eine gemeinsame Wohnung. Toleranz sollte eingeübt werden, Toleranz war das oberste Erziehungsprinzip der beiderseitigen Kinder, Toleranz duldete auch Zärtlichkeiten über den Rand der eigenen Ehe und Familie hinaus. Bis sich plötzlich herausstellte, daß ihr Mann und ihre Freundin Heimlichkeiten und Intimitäten für sich beanspruchten, das gemeinsame Experiment für gescheitert erklärten und von ihren Partnern die Scheidung forderten, um eine neue Ehe miteinander eingehen zu können.
Und nun sitzt sie mir gegenüber, äußerlich immer noch ruhig und distanziert, aber spürbar bewegt, und fragt: Soll ich ihn gewähren lassen? Oder ist es wichtig für ihn, daß ich ihm die Scheidung verweigere?
Im weiteren Verlauf würde ich versuchen, diesen Fall aufzuarbeiten und gleichzeitig allgemeine Folgerungen für das Verständnis von Ehe und menschlicher Kommunikation zu ziehen. Dabei sollte m. E. deutlich werden, daß nicht der beschriebene Versuch, die Grenzen der Kleinfamilie aufzubrechen, ursächlich für das Mißlingen war, sondern die Unfähigkeit der Partner, emotional Gewünschtes und rational Gewolltes miteinander in Einklang zu bringen. (Tatsächlich zeigte sich im Verlauf des Gesprächs, daß die vier Beteiligten zwar ausführlich und tiefschürfend über die Bedeutung von Zärtlichkeit für die menschliche Kommunikation zu reden gewußt hatten, es aber nicht fertigbrachten, ihre gefühlsmäßigen Vorbehalte zur Sprache zu bringen.) Wirkliche Toleranz schließt die Äußerung eigener Bedürfnisse nicht aus, sondern ein. Hier öffnet sich ein weites Feld latenter Krisen vieler Ehen, die ihr Teamverständnis so selbstbewußt zur Schau tragen (vgl. das Zitat von Fromm!).
Eine andere Form des Einstiegs (2) könnte von folgender Beobachtung ausgehen: Vor 10 Jahren haben nicht wenige Leute gesagt: Mit der Überwindung der Ehe und Kleinfamilie beginnt eine neue Gesellschaft der Freiheit und Mündigkeit. Neue Formen der Erziehung und des Zusammenlebens werden Zwänge abbauen oder gar nicht erst entstehen lassen, Zwänge, die uns an der Entfaltung unserer schöpferischen Gaben hindern. Heute hört man mindestens ebenso häufig: Die Abneigung vieler junger Menschen gegen
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Ehe und Familiengründung bedroht den Bestand unserer Gesellschaft; der Generationenvertrag, der die sozialen Errungenschaften von Kranken-und Altenfürsorge möglich macht, ist bereits heute durch die rapide sinkenden Geburtenziffern unmittelbar gefährdet.
Diese zugegebenermaßen sehr schematische Darstellung erlaubt es, die ganz unterschiedliche Betroffenheit der Predigthörer beim Thema Ehe und Ehescheidung zunächst einmal auf eine gemeinsame Basis zu stellen. Wie immer wir über Ehe denken und was wir dabei erleben, in jedem Fall spiegelt sich darin, was wir uns für unser Menschsein wünschen, was wir erhoffen oder befürchten. Dies läßt sich anhand der - gewußten oder vermuteten - Reaktionen der Hörer auf die skizzierte »Tendenzwende« konkretisieren.
Im weiteren Verlauf könnten dann einige typisierte Modelle von Ehe aufgegriffen und auf ihre Möglichkeiten und Grenzen hin befragt werden. Es könnte sich hier eine lehrpredigthafte Partie der Rede ergeben, in der, möglichst locker, aber natürlich nicht karikierend, Eheformen nach folgenden Stichworten zu skizzieren wären:
a) die ordentliche Ehe; leitender Gesichtspunkt ist für sie, daß Sexualität als etwas Vagabundierendes und deshalb Bedrohliches erlebt wird. Die Ehe soll ein Schutz vor der eigenen Unbeständigkeit und ein Ordnungsfaktor für die öffentliche Moral sein. Richtig an diesem Modell ist, daß Christen vom Menschen nicht reden können, ohne von der Sünde zu reden (was nicht identisch ist mit dem verbreiteten Mißverständnis, Sexualität sei Sünde). Ehe und Treue sind deshalb immer auch Forderung, Gebot. Zu kritisieren ist dagegen die Beschränkung von Sexualität auf die Ehe, weil sie das Menschsein gesetzlich verkürzt, dem Heranwachsenden die Möglichkeit zu einem unbefangenen Umgang mit seiner Sexualität entzieht und den Unverheirateten in die emotionale Verwahrlosung verstößt.
b) die zärtliche Ehe; ihr geht die Wahrhaftigkeit des Gefühls über alles. Ihre Stärke ist die unbedingte Offenheit, die sowohl Bedürfnisse nach Nähe wie nach Distanz äußert. Sie lebt, wie alle Zärtlichkeit, vom Augenblick und stellt für die Partner immer wieder die Gegenwart ihrer Beziehung her. Die Gefahr liegt darin, daß dabei die Geschichte, die Entwicklung der Liebe unterschlagen und dadurch bedingte Ängste und Hoffnungen nicht artikuliert werden.
c) die vernünftige Ehe; hier steht die Auffassung im Mittelpunkt, daß man über alles reden kann und muß. Auf diese Weise werden Freiheitsgrenzen abgesteckt, Aufgaben sinnvoll verteilt, entstehende Interessenkonflikte angesprochen und ausdiskutiert. Der Irrtum, der sich dabei leicht unbemerkt einschleicht, ist die Geringschätzung des Irrationalen, das seine Ursache sowohl in der Sünde (>non posse non peccare«) wie in der Unbedingtheit (und damit Unbegründbarkeit) christlicher Nächstenliebe hat.
d)die emanzipatorische Ehe; ihre Stärke liegt in der Betonung der Unfertigkeit und Lernfähigkeit der Partner. Sie verstehen ihre Gemeinschaft
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als Prozeß auf mehr Selbständigkeit und eben so (!) auf mehr Gemeinschaft hin. Die Gefährdung dieses Typs liegt vor allem in der Mißachtung der objektiven Unterschiede, die z. B. durch die kindliche oder berufliche Sozialisation gegeben sind. Dadurch kann es zu Überforderungen kommen hinsichtlich der Lernfähigkeit, die in der völligen Blockade enden. Im letzten Teil könnten dann die wichtigsten Linien noch einmal im Sinne einer eschatologischen Interpretation der Schöpfungsgeschichte ausgezogen werden:
Mann und Frau dürfen in ihrer Partnerschaft spiegeln, was Gott sich in der Schöpfung als Partnerschaft zwischen ihm und dem Menschen vorgenommen hat: Gottes Liebe macht den Menschen frei, deshalb kann unsere Liebe auf Eifersucht und Besitzdenken verzichten. Gottes Überlegenheit äußert sich im Dienen; deshalb können wir darauf verzichten, aus unserer Überlegenheit eine Unterordnung des Partners zu machen. Gottes Geduld bedeutet Begleitung beim Aufbruch (Exodus); deshalb können wir darauf verzichten, den Partner auf das festzulegen, was er bisher war oder im Augenblick vermag. Gottes Stärke liegt in seiner vergebenden Gnade; deshalb können wir auf Waffen wie Trotz, Erpressung oder Rache verzichten.
Ein möglicher dritter Einstieg (3) könnte aufnehmen, daß Jesus sich in sei- >< nem Wort bewußt auf die Schöpfungsgeschichte bezieht, und würde -diese nacherzählend - den in der theologischen Skizze angedeuteten Zusammenhang von Gen. 1,26f. und 2,18 entfalten. Auf diesem Hintergrund könnte dann die Problematik von Scheidung besprochen werden: Menschliches Leben und Ehe entsprechen sich sowohl im Angebot ihrer Fülle wie in ihrer Begrenzung. Christen können daher weder einer Euthanasie kranker noch einer Mumifizierung toter Ehen das Wort reden. Weitere Konkretionen des Textes - vor allem bei einer überwiegend oder ausschließlich aus Jugendlichen oder alten Menschen bestehenden Hörerschaft - lassen sich aus dem angebotenen Fürbittengebet (s. u.) ableiten.
Zitate
Kurt Tucholsky: Stationen
Erst gehst du umher und suchst an der Frau / das, was man anfassen kann. / Wollknäuel, Spielzeug und Kätzchen-Miau - / du bist noch kein richtiger Mann. / Du willst eine lustig bewegte Ruh: / sie soll anders sein, aber sonst wie du ... / Dein Herz sagt: / Max und Moritz!
Das verwächst du. Dann langts nicht mit dem Verstand. / Die Karriere! Es ist Zeit ...! / Eine kluge Frau nimmt dich an die Hand / in tyrannischer Mütterlichkeit. / Sie paßt auf dich auf. Sie wartet zu Haus. / Du weinst dich an ihren Brüsten aus... / Dein Herz sagt: / Mutter!
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Das verwächst du. Nun bist du ein reifer Mann. / Du wirst etwas sanft im Gemüt. /
Du möchtest, daß im Bettchen nebenan / eine fremde Jugend glüht. / Dumm kann
sie sein. Du willst: junges Tier, / ein Reh, eine Wilde, ein Elixier. / Dein Herz sagt:
/ Erde.
Und dann bist du alt. Und es ist so weit, / daß ihr an der Verdauung leidet: / dann
sitzt ihr auf einem Bänkchen zu zweit, / als Philemon und Baucis verkleidet. / Sie
sagt nichts. Du sagst nichts, denn ihr wißt, / wie es im menschlichen Leben ist...
/ Dein Herz, das so viele Frauen besang, / dein Herz sagt: »Na, Alte ...?« / Dein Herz
sagt: Dank.
(aus: Ges. Werke III, Rowohlt-Verlag 1960, S. 602)
Erich Fromm: Die Kunst des Liebens
»Der moderne Kapitalismus braucht Menschen, die reibungslos... zusammenarbeiten, die mehr und mehr konsumieren wollen, deren Geschmack jedoch standardisiert ... ist..., die sich frei und unabhängig fühlen ..., aber dennoch bereit sind ... sich ohne Führer führen und ohne Ziel dirigieren zu lassen ... Ein wesentlicher Ausdruck der Liebe, und besonders der Ehe in dieser entfremdeten Struktur, ist die Idee des »Teams«... Der Ehemann (soll)... seine Frau »verstehen« und ihr eine Hilfe sein. Er soll sich günstig über ihr neues Kleid äußern, aber auch über das Essen. Sie dagegen soll ihn verstehen, wenn er müde und mürrisch nach Hause kommt, soll ihm aufmerksam zuhören, wenn er von seinen beruflichen Sorgen spricht, und soll nicht ärgerlich, sondern verständnisvoll sein, wenn er ihren Geburtstag vergißt. Das alles aber ist nichts anderes als das gut geölte Verhältnis zwischen zwei Menschen, die sich ihr Leben lang fremd bleiben ... Die Betonung des Teamgeistes ... ist eine verhältnismäßig neue Entwicklung. In den Jahren nach dem ersten Weltkrieg ging ihr jenes Konzept von der Liebe voraus, nach dem die gegenseitige sexuelle Befriedigung die Grundlage ... für eine glückliche Ehe sein sollte ... Es paßte genau in die allgemeine Illusion, die richtige Technik für die Lösung nicht nur der Probleme der industriellen Produktion, sondern auch der menschlichen Probleme zu halten. Man ignorierte die Tatsache, daß gerade das Gegenteil dieser zugrundeliegenden Annahme wahr ist. Liebe ist nicht das Ergebnis der sexuellen Befriedigung, sondern sexuelles Glück und sogar die Kenntnis der sog. sexuellen Technik - ist Resultat der Liebe.« (Ullstein TB 258 S. 116-120 i. A.)
Tobias Brocher:
»In der Ehe spielt die erziehende Liebe eine erhebliche Rolle. Werden die Vorgänge, an denen jeweils der eine oder der andere Anstoß nimmt, unterdrückt..., so wächst die Schwierigkeit zu lieben mit jedem Tag mehr. An die Stelle der Wirklichkeit, die so scheußlich erscheint ....treten dann Träume und Phantasien von einem besseren anderen Leben, möglichst mit einem anderen Partner... Diese Schuldverschiebung ... ist meist Ausdruck der Verweigerung eigener Entwicklungsmöglichkeiten. Man möchte gern so bleiben, wie man ist... Die späte Klage, beim Ausbruch aus der Partnerschaft und bei der Flucht zum Dritten dann vom Regen in die Traufe gekommen zu sein, ist unberechtigt, denn der Ausgang ist vorhersehbar, solange der eigenen p Entwicklungsmöglichkeit nach der anderen Seite hin ausgewichen wird, um die notwendige Auseinandersetzung mit dem eigenen Partner zu vermeiden, die zur
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Wandlung hätte führen können. Nur wenn diese am Ausweichen, an der Verweige- ; rung und der strikten Verneinung des Partners scheitert..., wäre die ehrliche Frage J erlaubt, was dann in der Zukunft noch Bestand haben kann. Trennungen aus diesem | Anlaß können eine heilsame Wirkung für gescheiterte Partner haben, sie müssen j es nicht...« (aus: Von der Schwierigkeit zu lieben. Kreuz Verlag 1976 S. 102f.) >|
Kurt Marti:
»Weil Gott Liebe ist..., ist er zärtlich. Weil er vollkommen zärtlich ist, bleibt er schwächer als wir Menschen, die wir nur gelegentlich, nur partiell, nur unvollkommen zärtlich sind. Deshalb reden wir von Gott lieber in Begriffen und Bildern der Herrschaft und der Macht: wir projizieren eigene Herrschaftsverhältnisse und Machtwünsche in ihn hinein, der in Wahrheit als Liebender, als Zärtlicher schwach ist. Aber die Schwäche Gottes ist stärker als die Menschen (1. Kor. 1,25), das Weiche wird das Harte überwinden (Lao-Tse).« (aus: Theologie der Zärtlichkeit?, in: Almanach für Theologie und Literatur, Peter Hammer Verlag 1976, S. 24f.)
Vorschläge für die Liturgie
Psalm
Ich will den Herrn loben allezeit, sein Lob soll immer neu in meinem Munde
sein.
Komm, laß uns zusammen mit Gott reden, .
hilf mir, die richtigen Worte zu finden.
Ich habe erfahren, welches Vertrauen daraus wächst,
die Angst kann uns nicht mehr die Hände binden.
Zuversicht bestimmt unser Handeln,
und unser Miteinander spiegelt die Freundlichkeit Gottes.
Die ändern können's durch uns mit Händen greifen
und der Zuwendung Gottes unmittelbar gewiß werden.
Aber auch unser Scheitern wird sein Bild nicht verdunkeln,
auch unsere Schwachheit wird zum Erweis seiner Güte.
Denn er hat seine Nähe den gebrochenen Herzen zugesagt,
denen das Glück ihres Lebens zerronnen ist. i
Denn seine Vergebung schlägt Brücken über die Abgründ© unserer
Schuld
und bereitet den Weg zu neuer Gemeinschaft.
Ich will den Herrn loben allezeit, sein Lob soll immer neu in meinem Munde
sein, (nach Psalm 34)
Kollekte
Gott, himmlischer Vater, du hast den Menschen geschaffen, um mit ihm Gemeinschaft zu haben und ihn zur Gemeinschaft zu befähigen; wir bitten dich: Sei uns so nahe, wie du in deinem Sohn den Menschen nahe gekom-
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men bist. Und mach uns dadurch bereit, einander der Nächste zu werden, den Nahen wie den Fernen. Durch unsern Herrn Jesus Christus ...
Lesungen
Die drei vorgeschlagenen Epistellesungen sind sämtlich für die Thematik des Gottesdienstes nur bedingt tauglich, jedenfalls im Luthertext. Ich empfehle entweder eine Neuübersetzung von Epheser 5,15-21: Achtet besonders darauf, wie ihr lebt (und miteinander umgeht), nicht wie Menschen, die nicht wissen, worum es geht, sondern im Bewußtsein, daß jeder Augen-blickdie Chance bietet, dem Nächsten Gutes zu tun, ihn zu schützen vor den bösen Mächten, die unsere Zeit bestimmen. Es gilt, aufmerksam zu leben, Gottes Freundlichkeit zu ergreifen und weiterzugeben. Das macht ein Leben erfüllt und glücklich, nicht der käufliche Rausch - der macht nur kaputt. Wirkliche Erfüllung kommt nur aus der Verbundenheit, die Gottes Geist schafft. Darum sprecht miteinander über das, was euch Geborgenheit gibt, über euren Glauben, eure Fragen, eure Sehnsüchte. Spart die Wirklichkeit Gottes nicht aus; und ihr werdet echte Lebensfreude und wirkliches Glück miteinander erfahren. Vor allem: Vergeßt das Danken nicht, das gemeinsame Erinnern und Prüfen, was gewesen ist. Das bringt euch weiter in eurem Christsein. Nur so werdet ihr auch näher zueinander kommen, ohne euch hörig zu werden, sondern in freier Hingabe.
oder Kolosser 3,12-15, eingeleitet mit folgendem Präfamen: Eine Ehe zwischen Christen kann nicht verleugnen, was für die ganze Gemeinde gilt. Hört, was der Apostel über den Umgang der Glieder untereinander schreibt: (Text nach Luther oder - besser - U. Wilckens) Von 1. Thessalonicher 4,1-8 möchte ich als Epistellesung abraten, weil diese Paränese ganz auf die besondere Situation der damaligen Gemeinde (Naherwartung!) abgestellt ist und ohne diesen Hintergrund nur moralistisch mißverstanden werden kann.
Als Evangeliumslesung würde ich den Predigttext wählen. Die Verlesung von Matthäus 22,1-14 halte ich nur für vertretbar, wenn in der Predigt ausführlich auf den theologischen Zusammenhang (s. o. Theol. Skizze) eingegangen wird.
Fürbitten
Lasset uns beten zu Gott, der uns in Christus zu Gliedern eines Leibes gemacht hat und Frau und Mann das Glück schenkt, gemeinsam ein Fleisch zu sein:
Wir beten für die jungen Menschen, die auf der Suche nach sich selbst sind. Die das schützende Dach der elterlichen Aufsicht verlassen müssen und zugleich vor der Unbehaustheit eigener Selbständigkeit zurückschrecken. Daß Gott sie erfahren lasse, welche Geborgenheit in seiner Freiheit und welche Freiheit in seiner Geborgenheit ist, und ihren tastenden Schritten Halt und Richtung gebe. Daß er ihre Angst in Grenzen halte,
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damit sie sich Zeit gönnen und nicht von der Sorge umgetrieben werden, etwas zu verpassen. Und daß er ihrer Sehnsucht ein Maß gebe, damit sie sie weder verdrängen noch verschleudern.
Wir beten für die Menschen, die in der Kraft ihres Lebens stehen. Die dabei sind, ihre Möglichkeiten abzuschätzen und ihre Grenzen kennenzulernen. Daß Gott sie, ob in der Ehe oder ehelos, erfahren lasse, was eine geglückte Gemeinschaft ist und vermag, und sie bewahre vor Einsamkeit und der Gefahr, sich auf sich selbst zurückzuziehen und gegen andere abzukapseln. Daß er ihrer Liebe Beständigkeit gebe, damit sie mit ihrem Partner gemeinsam durch die Zeit gehen können und ihn nicht aus den Augen verlieren. Und daß er ihre Aufmerksamkeit schärfe für die Menschen um sie her, damit sie ständig zunehmen an Einfühlungsvermögen und Menschlichkeit. Wir beten für alle alten Menschen, die als wichtigsten Schatz ihre Erfahrung haben. Die in ihrem Leben Licht und Schatten gesehen haben und nun damit fertig werden müssen, daß die Ferne nicht mehr vor, sondern hinter ihnen liegt. Daß Gott sie ermutigt, ihre Erfahrungen nicht mit der Elle ihrer begrenzten Einsicht zu messen, sondern deren Reichtum zu bewundern. Daß er ihre Weisheit nicht rechthaberisch werden lasse, damit sie den Jungen nicht den Weg abschneiden. Und daß ihre Herzen nicht bitter werden, sondern sie mit ihrem langen Atem der nachfolgenden Generation zu besonnenem Handeln verhelfen. Herr, unser Gott, diese alle bringen wir vor dich und dazu die vielen, deren Schicksal wir nicht kennen und deren Klage uns nicht erreicht hat. Nimm sie in deine zärtlichen, liebenden Hände und geleite sie zu deinem Reich. Wir bitten dich durch Jesus Christus. Amen.
Lieder
Geeignete Lieder vorzuschlagen fällt mir schwer. Mit Einschränkungen
halte ich folgende für möglich:
Aus dem EKG: 159,1-3; 250,1+3; 255,1-3. Außerdem: >Hilf, Herr meines Lebens ...< u. a. in: Geistl. Lieder für unsere Zeit, Gütersloher Verlagshaus 1973, Nr. 857, sowie >Sag ja zu dir, so wie du bist ...< in: Neue Lieder zur Trauung, Agentur des Rauhen Hauses.
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Vorbemerkung:
Aus der Überlegung heraus, daß sich zu diesem Gottesdienst eine Gruppe von Gemeindegliedern versammelt, die prozentual in unsern Gottesdiensten vermutlich am wenigsten vertreten ist, wurde auf die grafische Gestaltung der Gottesdienstordnung besonderer Wert gelegt: Sie sollte ein kleines Geschenk der Kirchengemeinde an die Schulanfänger und ihre Familien sein. Neben kindgemäßen Vignetten und Karikaturen waren auch kleine Spielideen und Kindergebete dazwischengeschoben, um Kindern wie Eltern ein Motiv zum Aufbewahren der Ordnung zu geben. Mehrere Karikaturen und Spots stellten Werbungen für den Kindergottesdienst der Gemeinde dar. Am Anfang stand ein längeres >Vorwort< an die Eltern.
Liebe Eltern! Ihre Kirchengemeinde grüßt Sie an diesem Tag, an dem Sie mit Ihrem Kind zum Schulanfänger-Gottesdienst gekommen sind. Der erste Schultag ist für Ihre ganze Familie ein einschneidendes Ereignis: Für Ihr Kind bedeutet er den Übergang in eine neue fremde Welt, in der es sehr verschiedene Erfahrungen machen wird, gute und böse, quälende und befriedigende. Aber auch für Sie, die Eltern, bedeutet dieser Tag einen Einschnitt: Zu Ende geht eine Zeit, in der Ihr Kind noch ganz in Ihrer Welt geborgen war. Vor Ihnen liegen Jahre, in denen es eine neue Erlebniswelt zu Ihnen ins Haus bringen wird, eine Welt, die Sie vielleicht als Konkurrenz zu der Ihren empfinden werden. Zugleich bedeutet dieser Einschnitt für Sie die schmerzliche Erfahrung des Älterwerdens, von Zu-Ende-gehen, von Abgeben-müssen. Es ist gut, wenn Sie sich dieses Gefühls bewußt sind und es nicht verdrängen; denn nur so werden Sie die Freiheit gewinnen, den Weg Ihres Kindes in der Schule mit offenem Blick zu begleiten.
Vom Sport her wissen wir, wie wichtig ein gut vorbereiteter Start ist. Außerdem hat uns die Wissenschaft gelehrt, gerade auf die ersten Lebensjahre und -eindrücke eines Menschen besonders acht zu geben; sie können sein ganzes weiteres Leben entscheidend prägen. Deshalb ist es für Ihr Kind von großer Bedeutung, daß Sie es an diesem Tag begleiten, auch hierhin in den Gottesdienst. Damit bringen Sie - ausgesprochen oder unausgesprochen - zum Ausdruck: Mein Kind soll seinen neuen Lebensabschnitt unter dem Schutz Gottes beginnen, ja nicht nur beginnen, sondern immer darunter bleiben. Vielleicht erlebt Ihr Kind hier zum ersten Mal die große Gemeinschaft mit Gleichaltrigen und deren Eltern. Vielleicht steigt in ihm jetzt die Ahnung auf: Das muß einen besonderen Grund haben, wenn Kinder und große Leute an diesem Tag in der Kirche zusammenkommen und miteinander singen und zu Gott beten.
Wenn Sie Ihr Kind in den vergangenen Jahren aufmerksam begleitet haben, dann haben Sie erlebt, daß unter seinen vielen Fragen viele waren, die sich auf Gott bezogen. Vielleicht nicht immer unmittelbar, mit Vokabeln aus der Sprache des Glaubens; aber doch Fragen, die Sie nur beantworten konnten, wenn Sie etwas von Ihrem Glauben preisgaben. Ob Ihre Antwort Ihrem Kind weitergeholfen hat, weiß ich nicht, wissen Sie wahrscheinlich selbst nicht - wir wissen, wie schwer das ist, sachgemäß von unserm Glauben zu sprechen. Aber wie auch immer, in jedem Fall haben Sie damit begonnen, was Sie bei der Taufe Ihrer Kinder versprochen haben, einer christlichen Erziehung. Die Schule wird dieses Werk hoffentlich fortsetzen, nicht nur im Religionsunterricht, aber hoffentlich auch dort. Ihre Aufgabe ist damit freilich nicht erledigt. Es wird sehr darauf ankommen, daß Sie mit den Lehrern eine gute Gemeinschaft suchen, die eine tragfähige Grundlage für die gemeinsame Erziehung Ihres Kindes schafft. Nur so kann vermieden werden, daß Ihr Kind in die Spannung gegensätzlicher Einflüsse gerät oder daß, was Sie in ihm angelegt haben, verschüttet wird. Die Mitwirkung der Eltern am Leben der Schule wird von unserm Staat erwartet. Dafür gibt es besondere Gesetze und Ordnungen, die die Eltern kennen und nutzen sollten. Die Teilnahme an Elternversammlungen sollte Ihnen selbstverständlich werden.
Daß der Übergang vom Elternhaus zur Schule gelingt und daß die Erziehung Ihres Kindes christliche Erziehung ist und bleibt, dafür kann natürlich ein einzelner Schulanfängergottesdienst nicht garantieren. Ihre Kirchengemeinde lädt Sie ein, die Einschulung Ihres Kindes zum Anlaß zu nehmen, es von nun an sonntäglich in den Kindergottesdienst hier in der Inselkirche zu schicken, der immer um 11.15 Uhr gleich nach dem Erwachsenengottesdienst beginnt. Dort kommt Ihr Kind mit anderen Jungen und Mädchen, gleichaltrigen und älteren, zusammen; wir singen und spielen miteinander, hören Geschichten aus der Bibel und lernen zu beten. Dadurch kann Ihrem Kind nach und nach bewußt werden, was in der Taufe an ihm geschehen ist. Helfen Sie ihm dabei, indem Sie ihm den Kindergottesdienst wichtig machen. Und nützen Sie unser Angebot besonderer Familiengottesdienste, um mit Ihrem Kind gemeinsam zur Kirche zu kommen. Vielleicht gelingt es Ihnen auf diese Weise auch, einen Zugang zum sonntäglichen Gottesdienst unserer Gemeinde zu finden oder ändern zu bereiten. Mit freundlichem Gruß Ihr Klaus v. Mering, Pastor
Begrüßung
Ich begrüße Euch, Sie herzlich zu diesem Gottesdienst an Eurem ersten Schultag. Ich bin froh, daß wir die Feier dieses wichtigen Tages heute morgen hier beginnen können, mit Kerzen auf dem Altar und Orgelmusik, mit gemeinsamem Singen und Beten. Ich bin der Pastor - das habt Ihr wahrscheinlich schon geraten - ich bin der Pastor von Langeoog und ich will Euch helfen, daß es ein schöner Gottesdienst wird, unser Feiern hier. Ich werde Euch auch eine Geschichte erzählen, eine hübsche Geschichte, die Euch froh macht; denn der erste Schultag ist, wenn man's richtig bedenkt, ein Tag, über den man froh sein kann, weil man auf viel Neues und Interessantes gespannt sein darf. Natürlich hat man vor Neuem manchmal auch ein bißchen Angst. Ihr kennt das: Wenn man einem kleinen Kind, sagen wir, eine Maus schenkt, die man aufziehen kann und die dann hin- und herflitzt, dann ist das Kind zuerst meist erschrocken und ängstlich. Aber das geht rasch vorbei. Und nachher kann es nicht genug kriegen von der kleinen Flitzer-Maus.
So ist es mit dem heutigen Tag auch. Und darum wollen wir zuerst miteinander einen Kanon singen:
Mel.: Der du den kleinen Vogel speist..
Psalmgebet
(Im Wechsel zwischen Pastor und Gemeinde gesprochen)
I Gott ist wie ein großer Freund
II Er paßt auf mich auf
I Er zeigt mir einen Platz, wo ich ungestört spielen kann
II Er macht mir Mut, wenn ich traurig bin oder Angst habe.
I Und wenn ich mich manchmal ganz allein fühle und fürchte
II Du, Gott, bist immer bei mir und hältst mich unsichtbar an deiner Hand.
I Du bereitest alles für mich vor, wenn etwas Neues kommt
II Du machst mich stark und groß, damit ich viel erleben kann
I Viel Gutes werde ich bei dir erfahren
II Denn nichts reißt mich los von deiner Hand, (nach Psalm 23)
Gemeinsames Lied
Du hast uns, Herr, gerufen... 1-3 Text u. Mel.: Kurt Rommel in: Geistl. Lieder
für unsere Zeit, Gütersloh 1973
Biblische Lesung: Markus 10,13-16
Einmal brachte man Kinder zu Jesus. Er sollte ihnen die Hand auflegen. Er sollte sie segnen. Die Jünger aber ärgerten sich über die Störung. Sie schimpften mit den Leuten, die die Kinder hergebracht hatten. Als Jesus das hörte, wurde er zornig und sagte zu ihnen: Laßt doch die Kinder zu mir kommen! Wie könnt ihr sie abweisen. An ihnen erkennt ihr doch, was Gottes Liebe ist. Denn wer sich nicht beschenken lassen kann von Gott wie diese Kinder, ohne eigenes Zutun, der geht leer aus. Der wird Gott nie begreifen. Und er nahm die Kinder in die Arme, legte ihnen die Hände auf und segnete sie.
Gemeinsames Lied
Das folgende Lied wollen wir nicht nur zusammen singen, sondern auch miteinander spielen. Zu jeder Zeile des Textes gehört eine bestimmte Handbewegung, die wir gemeinsam ausführen wollen. Wenn Ihr immer auf mich schaut, gehts ganz einfach: Ihr tut nur das^was ich Euch vormache. Wir probieren das mal an einer Zeile, die in allen Strophen dieses Liedes wiederkehrt: >Denn der Vater in dem Himmel, der begleitet dich, drum gib acht ...< Zu >denn der Vater in dem Himmel< bilden wir mit beiden Händen ein Dach: Gott beschützt uns, heißt das.
Zu >der begleitet uns< legen wir beide Hände ineinander wie zwei Freunde, die Hand in Hand Spazierengehen.
Und zu >drum gib acht< machen wir einen erhobenen Zeigefinger, wie die Mutter es macht, wenn sie uns vor dem Straßenverkehr warnt. Die übrigen Bewegungen ergeben sich dann von selbst: Zu >kleines Auge< legen wir die Hand über die Augen, zu >kleines Ohr< beide Hände hinter die Ohren usw.
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2. Gib acht, kleines Ohr, was du hörst! ...
3. Gib acht, kleiner Mund, was du sprichst! ...
4. Gib acht, kleines Herz, was du spürst! ...
5. Gib acht, kleine Hand, was du tust! ...
6. Gib acht, kleiner Fuß, wohin du gehst! ...
Und bei der letzten Strophe sucht Ihr Euch ein Mädchen oder einen Jungen vor Euch, neben Euch oder hinter Euch und schaut sie/ihn beim Singen an; bzw. streckt ihm beide Arme entgegen:
7. Gib acht, kleines Mädchen/kleiner Junge, wen du triffst! ... (Nach einer mündlich tradierten Vorlage unbekannter Herkunft neu bearbeitet.)
Ansprache
Ich habe Euch am Anfang eine Geschichte versprochen. Hier ist sie:
Frederick ist eine Maus. Eine Maus wie jede andere. Und doch wieder nicht. Aber hört selbst:
»Rund um die Wiese herum, wo Kühe und Pferde grasten, stand eine alte, alte Steinmauer. In dieser Mauer - nahe bei Scheuer und Kornspeicher - wohnte eine Familie schwatzhafter Feldmäuse. Aber die Bauern waren weggezogen, Scheuer und Kornspeicher standen leer. Und weil es bald Winter wurde, begannen die kleinen Feldmäuse Körner, Nüsse, Weizen und Stroh zu sammeln. Alle Mäuse arbeiteten Tag und Nacht. Alle - bis auf Frederick. >Frederick, warum arbeitest du nicht !<, fragten sie. >Ich arbeite doch<, sagte Frederick, >ich sammle Sonnenstrahlen für die kalten dunklen Winterlager Und als sie Frederick so dasitzen sahen, wie er auf die Wiese starrte, sagten sie: >Und nun, Frederick, was machst du jetzt ?< - >Ich sammle Farben<, sagte er nur, >denn der Winter ist grau.< Und einmal sah es so aus, als sei Frederick halb eingeschlafen. >Träumst du, Frederick?<, fragten sie vorwurfsvoll. >Aber nein<, sagte er, >ich sammle Wörter. Es gibt viele lange Wintertage - und dann wissen wir nicht mehr, worüber wir sprechen sollen.<
Als nun der Winter kam und der erste Schnee fiel, zogen sich die fünf kleinen Feldmäuse in ihr Versteck zwischen den Steinen zurück. In der ersten Zeit gab es noch viel zu essen, und die Mäuse erzählten sich Geschichten über singende Füchse und tanzende Katzen. Da war die Mäusefamilie ganz glücklich! Aber nach und nach waren fast alle Nüsse und Beeren aufgeknabbert, das Stroh war alle, und an Körner konnten sie sich kaum noch erinnern. Es war auf einmal sehr kalt zwischen den Steinen der alten Mauer, und keiner wollte mehr sprechen.
Da fiel ihnen plötzlich ein, wie Frederick von Sonnenstrahlen, Farben und Wörtern gesprochen hatte. >Frederick !< riefen sie, >was machen deine Vorräte ?< - >Macht die Augen zu«, sagte Frederick und kletterte auf einen großen Stein. >Jetzt schicke ich euch die Sonnenstrahlen. Fühlt ihr schon, wie warm sie sind? Warm, schön und golden ?<
Und während Frederick so von der Sonne erzählte, wurde den vier kleinen Mäusen schon viel wärmer. Ob das Fredericks Stimme gemacht hatte? Oder war es ein Zauber? >Und was ist mit den Farben, Frederick?< fragten sie aufgeregt. >Macht wieder eure Augen zu!< sagte Frederick. Und als er von blauen Kornblumen erzählte, da sahen sie die Farben so klar und deutlich vor sich, als wären sie aufgemalt in ihren kleinen Mäuseköpfen.
>Und die Wörter, Frederick?« Frederick räusperte sich, wartete einen Augenblick, dann sprach er wie von einer Bühne herab: >Wer streut die Schneeflok-ken ? Wer schmilzt das Eis ? Wer macht lautes Wetter ? Wer macht es leis ? Wer bringt den Glücksklee im Juni heran? Wer verdunkelt den Tag? Wer zündet die Mondlampe an?
Frühling, Sommer, Herbst und Winter sind vier Jahreszeiten. Keine weniger und keine mehr. Vier verschiedene Fröhlichkeiten.« Als Frederick aufgehört hatte, klatschten alle und riefen: >Frederick, du bist ja ein Dichter!« Frederick wurde rot, verbeugte sich und sagte bescheiden: >Ich weiß es, ihr lieben Mäusegesichter!««
(Leo Lionni: Frederick. Deutsch von Günter Bruno Fuchs. G. Middelhauve Verlag, Köln)
(Wer es einrichten kann, sollte versuchen, die ausgezeichneten Bilder des Buches bei der Erzählung mit heranzuziehen, z.B. mit Hilfe eines Episkops o.a.)
Liebe Kinder, liebe Eltern! Warum kann Frederick seinen Freunden im kalten dunklen Winter helfen? Er hat das Richtige gesammelt und kann es nun weitergeben. In der Schule geht es auch darum, das Richtige zu >sammeln«, das Richtige zu lernen. Eigentlich geht es überall im Leben darum. Das Weitergeben kommt dann ganz von selbst. Denn das, was Frederick gesammelt hat, kann er gar nicht für sich allein behalten wollen: Farben wollen gemalt, beschrieben und betrachtet werden, Wärme will ausstrahlen und Wörter wollen weitergesagt werden. So ist das mit allen Sachen, die sich wirklich zu sammeln, zu lernen lohnen: Zum Weitergeben braucht man dann nicht mehr aufgefordert zu werden. Man kann das, was sich zu sammeln und zu lernen lohnt, geradezu daran erkennen: Ob man es weitergeben kann und möchte. Damit andere auch was davon haben. Daß Fredericks Freunde ihn als Dichter loben, bezieht sich eigentlich gar nicht auf sein >Weitergeben«, sondern auf sein >Sammeln«. Frederick hat das Richtige gesammelt. Er konnte unterscheiden zwischen Wichtigem und Unwichtigem. Das zu lernen, dazu ist die Schule in der Hauptsache da. Dazu ist alle Erziehung da. Die Freunde Fredericks haben auch gearbeitet. Und wie! Aber sie haben dabei das Wichtigste vergessen, das, was das Leben trägt, wenn alles, was wir durch unser Arbeiten erreichen können, am Ende ist. (Und das passiert uns ja nicht erst, wenn wir alt sind!). Denken Sie daran, liebe Eltern, wenn für Ihr Kind jetzt die Schule beginnt. Körner und Nüsse und Weizen sind wichtig, können sogar schmackhaft sein. Schreiben und Rechnen ist wichtig, sogar Hausaufgaben und Zeugnisse sind in gewisser Weise wichtig. Aber sie sind bestimmt nicht das Leben. Das Leben ist ungleich wichtiger.
Ich stelle mir vor, daß unter Fredericks Freunden bestimmt auch welche waren, die so fleißig Nüsse, Körner, Weizen gesammelt haben, daß es für den Numerus Clausus gereicht hat. Aber für's Leben im dunklen kalten Winter war auch das zu wenig. Denken Sie daran!
Wir leben davon, daß es Fredericks unter uns gibt, die uns an das Lebenswichtige erinnern, ja, die dafür sorgen, daß wir am Leben bleiben trotz aller Arbeit. Wir leben davon, daß uns Gottes Wort sagt, wovon wir wirklich leben: Allein von seiner Liebe, den Farben seines Himmels, der Wärme seiner Güte und den Worten seines Trostes. Helfen Sie Ihrem Kind, ein Frederick zu werden, der weiß, was sich wirklich zu sammeln lohnt, und der, wenn es nottut, austeilen kann.
Gemeinsames Lied
Ich singe dir mit Herz und Mund ... EKG 231,1-3 u. 13
Wir beten
P. Heute ist es soweit: Die Schule beginnt. Viel Neues kommt auf uns zu, auf Kinder wie Eltern: Neue Menschen - die ändern Schüler, die Lehrer. Neue Situationen - auf einmal hat ein anderer mehr Recht als ich, die Mutter. Werden wir damit klarkommen?
G. Herr, nimm uns an die Hand! Du wirst mir helfen.
P. Neue Ordnungen werden unser Leben bestimmen: Der Stundenplan, der vorschreibt, wann ich zu kommen und zu gehen habe. Die Kinder in der Klasse, die alle zu ihrem Recht kommen müssen. Die Eltern der ändern Kinder, die manchmal ganz andere Ansichten haben. Werden wir uns einfügen können?
G. Herr, nimm uns an die Hand! Du wirst mir helfen.
P. Manchmal werden wir nicht verstehen, was wir tun sollen. Manchmal werden wir unserm Kind helfen wollen und es nicht können. Dann wird Angst da sein. Angst zu versagen. Angst, uns zu blamieren.
G. Herr, nimm uns an die Hand! Du wirst mir helfen.
P. Wir werden aber auch viel Lustiges und Interessantes erleben. Wir werden Menschen, Kindern begegnen, die wir schon kennen. Wir werden spielen und lachen und uns wohl fühlen. Aber wir wollen dabei nicht vergessen, darauf zu achten, ob ein anderes Kind allein am Rand steht. Ob unser Lehrer sich nicht wohl fühlt und unsere lustigen Spaße ihn anstrengen.
G. Herr, nimm uns an die Hand! Du wirst mir helfen.
P. Wir werden uns viel zu erzählen haben nach der Schule. Die Kinder erzählen, was sie erlebt haben. Und die Eltern auch. Beide brauchen es, daß jetzt jeder dem ändern erzählt, damit sie sich nicht fremd werden.
G. Herr, nimm uns an die Hand! Du wirst mir helfen. Vater unser im Himmel ...
Gemeinsames Lied
Wenn wir jetzt weitergehen ... 1-3 Text u. Mel.: Kurt Rommel (in: Geistliche
Lieder für unsere Zeit, Gütersloh 1973)
Segen
(aus: Nitschke_Horst, Gottesdienste mit Schülern, Gütersloh 1979 S. 45 – 52)
1979
Klaus von Mering
Sprechmotette zum Volkstrauertag
1. Sprecher: Volkstrauertag. Was ist das für eine Trauer, die das Volk am Volkstrauertag bezeugt? Wer ist dieses Volk? Worüber trauert es ? Trauert es überhaupt?
2. Sprecher: »Sie sagten«. Von Günther Winter.
Sie sagten, es sei die Stunde der Arbeit, und er arbeitete.
Sie sagten, es sei die Stunde des Hungers, und er hungerte.
Sie sagten, es sei die Stunde der Liebe, und er liebte.
Sie sagten, es sei die Stunde des Hasses, und er haßte.
Sie sagten, es sei die Stunde des Kampfes, und er kämpfte.
Sie sagten, es sei die Stunde des Sterbens, und er starb.
Sie sagten, er war ein guter Bürger, und spendeten einen Kranz.
3. Sprecher: Arnim Juhre entdeckte auf einem Ehrenfriedhof ein Denkmal, das folgende Inschrift trägt:
4. Sprecher: Nun schweige ein jeder von seinem Leid und noch so großer Not!
Sind wir nicht alle zum Opfer bereit und zu dem Tod? Eines steht groß in den
Himmel gebrannt:
Alles darf untergehn!
Deutschland, unser Kinder- und Vaterland, Deutschland muß bestehen!
3. Sprecher: Arnim Juhre schreibt dazu: Ungenannt (obgleich nicht unbekannt) ist der Urheber dieser Verse, die ich nunmehr öffentlich in Frage stelle. Warum ? Weil ich niemanden auf diesem Friedhof traf, der den erzenen Spruch kritisch las, niemanden, der ihm hätte widersprechen wollen, niemanden, der sich empört hätte, weil die Toten hier nochmals geächtet, nämlich mundtot gemacht werden. Ich habe gefragt, was es mit diesem Spruch auf diesem Friedhof auf sich habe, und ich hörte Stimmen, die den Spruch auswendig hersagen konnten, freudig sich erinnernd, ohne zu stocken, nach zwei Weltkriegen, ohne zu stocken:
4. Sprecher: »Nun schweige ein jeder von seinem Leid und noch so großer
Not!«
Warum werden wir aufgefordert, von Leid und Not zu schweigen? Ist die To-
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tenklage schon zu Ende? Hat sie je richtig angefangen? Ist über Leid und Not schon alles gesagt? Auch über die Ursachen? Und die Anlässe? Und über jene, die Leid und Not verursacht haben? Wer ist daran interessiert, daß über Leid und Not geschwiegen wird?
3. Sprecher: »Sind wir nicht alle zum Opfer bereit? Und zu dem Tod?« Wer ist >wir< ? Wer maßt sich an, mit solchem >wir< für Millionen zu sprechen, die nicht gefragt worden sind? Wer ist gefragt worden? Wer hat ja, wer hat nein gesagt ? Waren die Jasager sich bewußt, wofür sie sich opfern sollten ? Wer hat sie darüber aufgeklärt? Wer ließ sie im unklaren?
4. Sprecher: »Eines steht groß in den Himmel gebrannt: Alles darf untergehn!«
Warum wird hier wieder einmal der Himmel bemüht, an den der kleine Mann, der sein Opfer bringen soll, nicht heranreicht (solange er sich selber klein macht)? Wer hat das Recht zu erlauben, daß »alles« untergehen darf? Ist der, der so reimte, mit untergegangen? Oder war er mehr als »alles«? Oder etwas anderes als »alles« ? Wer ist ihm ins Wort gefallen ? Wer hat ihm das Handwerk gelegt? Wer riß seinen Spruch vom Sockel? Wer machte ihn haftbar dafür, daß er jedwedem Untergang das Wort geredet hat?
3. Sprecher: »Deutschland, unser Kinder- und Vaterland, Deutschland muß bestehen!«
Wer entscheidet, welche Länder bestehen müssen und welche nicht? Auf wessen Kosten? Was geschieht mit den Ländern anderer Kinder? Mit den Ländern anderer Väter? Warum werden Länder gegen Länder, Kinder gegen Kinder ausgespielt ? Warum bleibt nach einer Strecke von mehr als 5 o Millionen Toten dieser Spruch bestehen? Warum wird ihm nicht widersprochen? Warum werden die Toten nicht beklagt ? Warum werden sie bevormundet ? Warum werden sie so verhöhnt?
2. Sprecher: »Folge«
Von Rudolf Otto Wiemer.
Bei jedem Sieg
hatten wir schulfrei
Wir siegten viel.
Deshalb haben wir
wenig gelernt.
1.Sprecher: Volkstrauertag. Die Toten mahnen. Sie mahnen uns, die Lebenden, alles zu tun, damit nicht weiterhin Menschen ihr Schicksal teilen müssen. Täglich sterben 15000 Menschen an Hunger, während täglich 1,5 Milliarden DM von der Menschheit für Rüstungszwecke ausgegeben werden. Wo bleibt
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unsere Achtung vor dem Menschen und seinem Lebensrecht - auch wenn es uns etwas kostet?
Wir sind vor die Alternative gestellt: Morden oder Teilen. Wir haben uns mit unserer Entscheidung vor Christus zu verantworten, der da spricht: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan!
(aus: Nitschke, Horst (Hg), Volkstrauertag, Bußtag, Totensonntag – Gottesdienstpraxis B – Gütersloh 1979 S. 31f)
Klaus von Mering
Die Rettung liegt vor uns!
1. Mose l9,12-29
Es wird niemandem unter uns schwerfallen, die Verbindung zwischen dieser Geschichte und uns herzustellen, gerade heute, am Volkstrauertag: Dieser Lot, der da noch einmal davongekommen ist vor dem vom Himmel fallenden Feuer, dieser Lot sind ja wir. Zumindest diejenigen unter uns, die die Jahre von 1939-1945 und danach mit all ihren Schrecknissen miterlebt haben, können sich ja trotz des totalen äußeren Wandels seither dem nicht entziehen, daß das alles wieder in ihnen aufsteigt und an die Oberfläche dringt. »Da ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra und vernichtete die Städte und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war.«
Aber auch die unter uns, die das alles nur noch vom Hörensagen kennen, für die das längst Geschichte geworden ist, ferne Geschichte sogar, weil die Elterngeneration meist nicht in der Lage oder willens war, sie ihnen nahe zu bringen - auch diese Nachgeborenen können eigentlich die Erkenntnis nicht von der Hand weisen, daß das unsere Lage ist, denn es ist ja im Blick auf die Gegenwart unserer Welt, wenn man einen Augenblick an jene Ereignisse vor 30 Jahren zurückdenkt, einfach nicht einzusehen, warum heute die trostlosen Menschenschlangen mit ihren Eßgeschirren eben in Indien oder Afrika oder Südamerika anstehen - und nicht hier. Warum die verstümmelten Toten heute den
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Boden von Äthiopien, Libanon oder Rhodesien bedecken - und nicht den Bayerns oder der Liineburger Heide. Warum heute die Kinder in Palästina oder Nordirland unter sinnlos bombardierten Ruinen verrecken - und nicht die Ostfrieslands. All das ist ja allein von der Vernunft her nicht zu begreifen. Gerade die Erinnerung an unsere eigene Vergangenheit sollte uns jedenfalls von der hochmütigen, ja wahnwitzigen Vorstellung befreien, Krieg und Not und Tod seien so etwas wie eine notwendige Übergangsphase, die der Mensch, die jedes Volk auf dem mühsamen Weg zur Zivilisation durchlaufen müsse. Es handele sich also da in der Dritten Welt nur um ein paar dumme kleine Stammesfehden von Leuten, die ohnehin den Affen noch näher stünden als uns und die eben auf diese Weise den Ausleseprozeß an sich vollzögen, der im Blick auf eine gewinnbringende Zukunft nötig sei. - Liebe Gemeinde, ich möchte nicht wissen, wie viele hier heute morgen in der Tiefe ihres Herzens so denken, wenn sie Südafrika hören. Und ich möchte erst recht nicht wissen, wieviel es es insgesamt in L. sind.
Die Erinnerung an die Zeit vor dreißig Jahren kann uns davor bewahren, so oder ähnlich zu denken. Denn immerhin waren es gerade die berühmten deutschen Herrenmenschen, die sinnlos und grundlos den größten ungerechten Krieg der Weltgeschichte vom Zaun brachen. Und niemand wird ja wohl behaupten wollen, daß dieser Krieg in irgendeiner Form die Auslese der Besseren von den Schlechteren bewirkt hätte!
Aber an dieser Stelle unseres Gedankenganges fällt ja auf einmal der Satz vom Anfang als eine Frage auf uns zurück: Sind wir wirklich der Lot aus dieser Geschichte? Lot, der Auserwählte, der nicht mitschuldig geworden war an der Sünde der Sodomiter und der darum von Gott aus dem Chaos von Sodom und Gomorra gerettet wurde?
Mir scheint, daß wir an dieser Stelle eine erste wichtige Erkenntnis aus dieser Geschichte gewinnen können; denn das steht ja eben nicht da, daß Lot um seiner Gerechtigkeit willen gerettet wird. Sondern so steht es da: »Als er aber zögerte, ergriffen die Männer ihn und seine Frau und seine beiden Töchter bei der Hand, weil der Herr ihn verschonen wollte, und führten ihn hinaus.« Lot ist tatsächlich alles andere als der beispielhaft Gerechte, der in allem spontan Gehorsame, der, der immer und in jedem Augenblick mit traumwandlerischer Sicherheit gewußt hätte, welcher Weg der ihm von Gott gewiesene ist. Er zögert, weil er die Absicht Gottes eben doch nicht erkennt, obwohl sie ihm auf den Kopf zugesagt wird, weil er sich doch von sich aus nicht lösen kann von den angestammten Bindungen, weil er die Weisung Gottes nicht ernst nimmt. Er zögert - und wird allein gerettet, »weil der Herr ihn verschonen wollte«.
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Die Bibel ist hier sehr viel vorsichtiger und sehr viel nüchterner als vieles, was wir so im Namen einer vermeintlichen Gerechtigkeit daherreden. Sie schweigt ja auch zu der quälenden Frage, ob es da nicht in dieser riesigen Masse der Opfer große und kleine Schuld gegeben habe, Täter und Mittäter und Mitläufer und einfach ohnmächtige Zuschauer, führende Köpfe und hilflose Kinder, Sehende und Blinde, Wissende und Unwissende. Gottes Gerichte vollziehen sich in dieser Welt nicht so, daß wir sie so einfach mit dem Zollstock nachmessen und berechnen könnten. Solange diese Welt währt, werden wir vor zweideutigen Ereignissen stehen, die allein in der Glaubensentscheidung des einzelnen En-deutigkeit gewinnen und so zum Maßstab seines Tuns werden können. Das heißt nun allerdings nicht, daß sich damit alles in die Unverbindlichkeit persönlicher Ansichten auflöst. Die Bibel kapituliert nicht vor der Zweideutigkeit der Ereignisse, sie hat den Mut, in klaren Worten von dem Gericht Gottes zu sprechen. Und also nicht von einem grausamen Schicksal oder einem unabwendbaren Unheil. Das ist ja mehr als eine Frage der Wortwahl. Denn von Gottes Gericht sprechen heißt ja notwendig von uns Menschen sprechen. Wir sind ja gemeint, wenn Gott richtet.
Der Untergang von Sodom und Gomorra mag naturwissenschaftlich durchaus zu erklären sein als Vulkanausbruch, als Meteoritenschlag, als kriegerischer Überfall - was immer. An solcher Erklärung zeigt sich die Bibel auffallend uninteressiert. Ihr ist allein dies wichtig, daß es Gottes Gericht an den Menschen war, die darin lebten. Über die Ursachen und auslösenden Momente des 2. Weltkrieges im einzelnen mögen sich die Geschichtsforscher nicht einig sein, unsere Gedanken haben sich allein darauf zu richten, daß Gott hier Gericht gesprochen hat. Und also darauf, wo unsere Schuld liegt für dieses Gericht und wie unsere Buße aussieht nach diesem Gericht.
Es wird freilich auch heute genug Menschen geben, die auf solche Aussagen reagieren wie damals die Schwiegersöhne Lots: »Aber es war ihnen lächerlich.« Oder wie die Einwohner Sodoms, von denen es wenige Verse vorher heißt: » Sie aber sprachen: Weg mit dir. Du bist der einzige Fremdling hier und willst es zu sagen haben!« Wir können uns vor solchen Stimmen nicht einfach die Ohren zuhalten, wir können diese Unverständigen auch nicht einfach laufenlassen. Wir werden mit ihnen und um sie ringen, mit geduldigem Verhandeln oder durch harte Provokation, mit dem eigenen Zeugnis der Einsicht in unsere Schuld und mit der unermüdlichen Fürbitte. Aber wir werden uns durch ihren Spott oder ihren Zorn auch nicht davon abbringen lassen, daß wir in den Ereignissen des Krieges und der Nachkriegszeit Gottes Gericht erkennen müssen und daß es für uns, die Überlebenden, darauf ankommt, aus seinem gnädigen
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Verschonen wie Lot die nötigen Konsequenzen zu ziehen, auch die nötigen politischen Konsequenzen.
Kürzlich kam ich mit einem älteren Herrn, früherem Offizier und Kriegsteilnehmer, über die Vorgänge um Ministerpräsident Filbinger ins Gespräch. Er teilte offenbar die Version des Betroffenen vom »Rufmord« und meinte, die eigentlichen Probleme lebender Politiker lägen ganz woanders. Auf den Fraktionsvorsitzenden Wehner und den SPD-Vorsitzenden Brandt anspielend, rief er aus: »Daß eine große Partei in unserem Lande sich einen FraktionsVorsitzenden leisten kann, der Kommunist war und in Rußland gegen unsere Truppen mindestens ideologisch auf der anderen Seite gestanden hat, und daß ein Mann bei uns Kanzler und Parteivorsitzender werden konnte, der Deutschland in jenen kritischen Jahren verlassen hat und in Norwegen Mitglied einer Organisation geworden ist, die auf brave deutsche Soldaten geschossen hat - das, das ist der eigentliche Skandal!«
Ich weiß nicht, für wie viele Bürger unseres Landes dieser Mann gesprochen hat. Aber auch wenn er in unserer Gemeinde ganz allein dieser Ansicht sein sollte, dann ist das immer noch Grund genug zu tiefem Erschrecken. Denn zumindest diesem einen haben wir dann in dieser christlichen Gemeinde, trotz 30 Jahren Volkstrauertagsgottesdiensten, die Einsicht in Gottes Gericht nicht zu bezeugen verstanden. Die Einsicht darein, daß es in einem verbrecherischen Krieg keinen braven Soldaten geben kann, was für persönlich ordentliche Leute sie auch immer gewesen sein mögen. Und die Einsicht darein, daß die Emigration aus einem Land ohne Gerechtigkeit jedenfalls eine klare Erkenntnis der Lage, wenn auch kaum die einzige und sicher nicht die bestmögliche Entscheidung bedeutete.
Ich mußte an diesen Mann und mein Versagen im Gespräch mit ihm denken, als ich hier las: »Und Lots Weib sah hinter sich und wurde zur Salzsäule.« Es gibt eine Art des Zurückblickens, die nicht in Bewegung setzt, sondern erst recht zur Erstarrung führt. Wie viele solcher Salzsäulen stehen in unserer Bundesrepublik ? Und wie viele werden Jahr für Jahr neu aufgerichtet, auch und gerade in unseren Feiern zum Gedenken an unser Sodom und Gomorra ? Salzsäulen aus erstarrten, festgefahrenen Ansichten, die sich von der Vergangenheit nicht lösen und sich doch zugleich von ihr lossprechen können. »Rette dein Leben und sieh nicht hinter dich!« sagten die Boten zu Lot. Damit ist sicher nicht gemeint, daß wir geschichtslos leben sollen und die vielzitierte Bewältigung der Vergangenheit überflüssig wäre. Es sind ja auch in der Regel immer diejenigen, die ihre eigene Mitschuld leugnen, welche heute so laut danach schreien, man solle die alten Geschichten endlich begraben sein lassen.
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Nein, nicht der Verantwortungslosigkeit vor der Geschichte redet die Bibel das Wort. Aber: Die Rettung unseres Lebens liegt nicht hinter uns, sondern vor uns. Eben weil es nicht an unserer Gerechtigkeit, sondern an Gottes Verschonen liegt, daß wir noch am Leben sind. Wenn das aber wahr ist, daß die Rettung unseres Lebens vor uns liegt, dann heißt das ja auch: Die Rettung unseres Volkes, die Lösung seiner Probleme nach innen und außen, ja die Rettung der Menschheit überhaupt liegt dank des Verschonens Gottes nirgendwo anders als vor uns, ja vor unsern Füßen. Und es bleibt jetzt einfach die Frage, ob Rudolf Otto Wiemer mit seinem Gedicht recht hatte, daß wir >soviel gesiegt und darum so wenig gelernt> haben.
(aus: Nitschke, Horst (Hg), Volkstrauertag, Bußtag, Totensonntag – Gottesdienstpraxis B – Gütersloh 1979 S. 33-37)
Klaus von Mering
Aktive Hoffnung
Klagelieder 3,22-32
»Die Güte des Herrn ist's, daß wir nicht gar aus sind«, ein solches Bekenntnis kann man nicht mit vollem Bauch sprechen, sondern nur aus der Erfahrung eines bodenlosen Abgrunds. Wer so redet, hat begriffen, daß es eben nicht der natürliche Lauf der Dinge ist, daß auf die Nacht ein neuer Morgen folgt, weder im buchstäblichen Sinn des Wortes noch im übertragenen. Er hat begriffen, daß alles, wirklich alles, was ist, ebensogut auch nicht sein könnte. Und daß es darum nur ein Wunder ist, daß es ist. Nichts erscheint mehr selbstverständlich, nichts mehr als mein gutes Recht oder gar mein Verdienst. Aber gerade indem diese Strohhalme zerbrechen, an denen ich mich im großen Meer der Sinnlosigkeit und Klage meinte festhalten zu müssen, werden meine Hände frei, das Geschenk meines Lebens in Empfang zu nehmen. Wir leben in einer Zeit der großen Verunsicherungen. Nahezu alles, was früher selbstverständlich schien, ist in einer Weise ins Wanken geraten, daß wir oft nicht mehr wissen, worauf denn nun noch Verlaß sei. Wir erleben das z. B. im Bereich der Schule und der Erziehung ganz allgemein. Wir erleben es auf dem Gebiet der Moral. Aber auch in den Fragen der Politik. Ja, selbst Kirche und Glaube sind zur großen Enttäuschung derer, die meinten, wenigstens hier noch ein Stückchen Sicherheit durch die Wirrnis der Zeiten retten zu können, in diesen Strudel der Verunsicherung mit hineingeraten. Meinung steht auch hier scheinbar hoffnungslos gegen Meinung, Ordnungen und Formen werden in Frage gestellt, und Begriffe und Formeln, die früheren Generationen zur gegenseitigen Verständigung über ihren Glauben gedient haben, tragen auf einmal nicht mehr, wirken hohl und nichtssagend, ja in ihrer krampfhaften Wiederholung verlogen.
Es liegt natürlich nahe, angesichts dieser Lage den Rückzug, besser: die Flucht anzutreten und zu versuchen, irgendwo dahinten ein Gärtchen mit hohen Mauern zu errichten, in dem man weiterhin seine liebgewordenen Ideen und Denkgewohnheiten pflegen kann.
Eine Zeitlang scheint solches Schrebergartentum - oder sage ich besser im Blick auf unsere Verhältnisse - solche »Häuschen-mit-Garten-Idylle« den verloren-
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gegangenen Seelenfrieden zurückzubringen. Aber es bleibt nur Scheinfriede. Nicht nur, weil er den endgültigen Zusammenbruch nur ein wenig hinauszögert, sondern weil die Fragen und Probleme sich jetzt schon durch Umzäunungen und Eigenheimmauern hindurchfressen. Weil man Sorgen wohl verdrängen, aber nicht vernichten kann, und weil unser Gewissen sich nicht bei dem Gedanken beruhigen kann: Hauptsache, mich trifft es nicht. Ich werd's wohl nicht mehr erleben.
»Die Güte des Herrn ist's, daß wir nicht gar aus sind«: Spüren wir, liebe Gemeinde, wie uns der unbekannte Verfasser dieses Liedes einen ganz ändern Weg weisen kann und will ? Einen Weg, der den Verunsicherungen dieser Welt nicht auszuweichen sucht, sondern gerade dadurch zum Frieden leiten will, daß er diese Verunsicherungen annimmt und bejaht! Also gerade nicht so, daß wir in der allgemeinen Auflösung nach dem einen oder ändern greifen, von dem wir meinen, es müsse noch Halt geben. Sondern so, daß wir alles, wirklich alles, auch uns selbst, auch unsere Ideale und liebgewordenen Denkvorstellungen, ja sogar unsern Glauben diesem großen Strom der Verunsicherung anheimgeben und gerade dadurch, daß wir nichts mehr selbstverständlich finden, zur staunenden Erkenntnis dessen kommen, was wirklich »steht«. »Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele, darum will ich auf ihn hoffen.« Hier lebt einer nicht mehr von Befürchtungen, was denn noch alles kommen wird, nicht mehr von der Klage, was alles verlorengegangen ist, und auch nicht von der Resignation, daß wohl doch nichts mehr zu retten ist. Hier lebt einer allein von der Hoffnung.
Ist das zuwenig ? Ich glaube, das kann nur der sagen, der immer noch den zweifelhaften Haltepunkten traut, die er sich selbst gesucht hat, und der darum noch gar nicht begriffen hat, was Hoffnung vermag. »Der Herr ist mein Teil«, das kann ja nur der sagen, der ganz unten ist, der ganz leere Hände hat. Sonst wird es immer heißen: Der Herr ist ein Teil, eins neben anderen: neben meiner Familie, neben meinem beruflichen Erfolg, neben meinem Glück, neben meinen Vorstellungen von Sitte und Anstand.
Niemand von uns wird bezweifeln, daß unsere Kirche und unser Gemeindeleben glaubwürdiger und dann wohl auch attraktiver wäre, wenn diejenigen, die sich dazuzählen und vielleicht sogar ein Amt darin bekleiden, nicht dauernd diesen Kompromissen verfielen: zwischen Kirche und beruflichem Erfolg, zwischen Glaube und Anspruch auf persönliches Glück, zwischen Evangelium und eigener Vorstellung von Sitte und Anstand. Niemand wird das bezweifeln. Aber wir müssen so lange solche Kompromisse schließen, wie wir sagen: Der Herr ist ein Teil, ein sicher nicht unwesentlicher Teil, aber eben doch nur ein
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Teil meines Lebens. Und also nicht, wie es hier heißt: Der Herr ist mein Teil.
Merken wir den Teufelskreis, in dem wir uns da befinden? Wir versuchen der Unsicherheit unseres Daseins dadurch zu entfliehen, daß wir nach Festpunkten greifen, die uns Halt zu geben scheinen. Und zersplittern so das eine, was allein Halt zu geben imstande wäre.
Kann man da heraus ? Man kann wohl nicht so heraus, daß man es ein für allemal hinter sich hätte. Dann hätte man ja schon wieder etwas in der Hand. Man kann nur hier und da heraus, indem man einfach durchbricht. Vielleicht läßt sich das nur an ganz persönlichen Erfahrungen verdeutlichen. Ein Beispiel: Ich erhalte die Nachricht, daß jemand schwer krank liegt. Meine erste Reaktion ist, diese Nachricht zu überhören. Entschuldigungen stellen sich schnell ein: Du gehörst endlich mal deiner Familie. Oder: Dies oder das ist jetzt wichtiger. Oder gar: Was kannst du helfen, was nützen schon Worte, wenn einer elend dahinsiecht?
Und siehe da: Es scheint zu gehen. Die heile Welt scheint sich retten und abschirmen zu lassen. Aber der Schein trügt. Die Freude mit der Familie freut nicht recht. Das Wichtige wirkt plötzlich so überflüssig. Und man kommt sich überhaupt so merkwürdig unnötig vor.
Schließlich gehe ich doch, ich weiß nicht einmal genau, warum. Es muß jedenfalls irgendwie damit zusammenhängen, daß Gott nicht ein Teil bleiben kann, wenn er mein Teil bleiben soll. Und dann erlebe ich - daß alle meine Bedenken berechtigt waren: die Familie ist wieder einmal zu kurz gekommen, die andere Sache, die ich tun wollte, ist liegengeblieben. Und ich habe am Krankenbett wirklich nichts Nützliches zu sagen gewußt. Und doch - es hat sich etwas geändert: Das Empfinden, so merkwürdig unnötig zu sein, ist verschwunden. Die Dinge sind eigentlich alle die gleichen geblieben, und sehen doch anders aus, freundlicher, heller, hoffnungsvoller.
Nur ein Beispiel, wie gesagt. Es gibt viele Möglichkeiten, das gleiche zu erleben. Immer geht es um das Ausbrechen aus jenem Teufelskreis. Thielicke hat einmal gesagt: Wer sich einsetzt, setzt sich aus. Das ist sicher richtig. Aber wir unterschlügen etwas, wenn wir nur soviel sagten. Wer sich einsetzt, setzt sich aus. Ja. Aber er setzt sich nicht nur dem Wind aus, sondern auch der Sonne. »Darum will ich auf ihn hoffen.« Hoffen ist eine sehr aktive Sache. Wer sich einsetzt, lebt von der Hoffnung. Und erlebt Hoffnung.
Dem scheinen die folgenden Sätze unseres Textes auf den ersten Blick zu widersprechen: »Es ist ein köstlich Ding, geduldig sein und auf die Hilfe des Herrn hoffen. Es ist ein köstlich Ding für einen Mann, daß er das Joch in seiner Jugend
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trage. Er sitze einsam und schweige, wenn Gott es ihm auferlegt, und stecke seinen Mund in den Staub; vielleicht ist noch Hoffnung. Er biete die Backe dar dem, der ihn schlägt, und lasse sich viel Schmach antun.« Ist Hoffen also nicht doch eine sehr passive Sache, ein geduldiges Abwarten, was kommt? Diese Frage ist ja vor einiger Zeit zu einem aktuellen Problem in unserer Kirche geworden, nämlich im Zusammenhang mit dem Beschluß des Weltkirchenrates, bestimmte oppositionelle Bewegungen in der 3. Welt finanziell zu unterstützen, bekanntgeworden unter dem Stichwort »Antirassis-mus-Programm«.
Es ist bekanntlich von Seiten verschiedener leitender Kirchenmänner in Deutschland eingewandt worden: Da nicht mit Sicherheit auszuschließen sei, daß diese Bewegungen bei ihrem Bemühen um Gerechtigkeit auch zur Gewalt greifen, sei eine Unterstützung durch kirchliche Gelder nicht zu vertreten. Auf den ersten Blick scheint hier das sehr edle Prinzip der Gewaltlosigkeit angewendet. Aber der Schein trügt. Die gleichen Männer halten nämlich da, wo sie ihren eigenen Lebensbereich bedroht sehen, nämlich im Osten, Gewalt in Form von Militär durchaus für gerechtfertigt. Und nennen es eine christliche Entscheidung, wenn einer nicht nur sein Geld, sondern möglicherweise sein Leben dafür einsetzt, unsere gerechte Ordnung zu verteidigen. Aber die da unten, die noch gar nichts zu verteidigen, sondern alles erst zu erobern haben, werden mit guten Worten zur Geduld ermahnt.
Da stimmt doch offenbar etwas nicht. Da wird doch mit zweierlei Maß gemessen. Und das, was Jesus getan hat, genau umgekehrt. Er hat da, wo es um die Armen, die Kranken, die Ausgestoßenen ging, nicht einmal die göttliche Ordnung des Sabbats für wichtig genug gehalten, um ein paar Stunden zu warten. Aber für sich selbst hat er die 10 Legionen Engel, die ihm sein Vater stellen könnte, nicht beansprucht, als er ans Kreuz ging. Wollen wir das umkehren? Unsern Weg absichern und andere vertrösten? Und dann behaupten, christliche Prinzipien zu vertreten?
Nein, Hoffen und Tun ist kein Gegensatz, Hoffen ist geduldiges Tun. Ich könnte auch sagen: ein Tun, das sich nicht selbst die Maßstäbe setzt. Das wird allerdings stets der christliche Beitrag in den Zukunftsfragen unserer Welt bleiben: daß er den langen Atem des Glaubens bezeugt und darum auch immer fragt, ob schon alle legalen Mittel auf dem Weg zur Gerechtigkeit ausgenützt sind. Aber es geht nicht an, daß wir diese Frage den ändern vorlegen, bevor nicht restlos geklärt ist, ob wir denn in unserm Land schon alle legalen Mittel ausgeschöpft haben, die ungerechten und korrupten Regierungen jener Länder unter Druck zu setzen. Solange es geschehen kann, daß z. B. eine englische Re-
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gierung Waffen an das südafrikanische Rassistenregime liefert unter dem Vorwand, zum Schutz gegen die Kommunisten beizutragen - und die Kirchen dieses Kontinents erheben nicht einmütig und nachdrücklich ihre Stimmen zum Protest - solange sollten wir hierzulande sehr zurückhaltend sein in etwaigen Vorwürfen gegen christliche Brüder aus andern Kontinenten! Eine Gemeinde und eine Kirche, die Bußtag in seiner ursprünglichen Bedeutung und Zielsetzung versteht, wird gerade an dieser Stelle sehr hellhörig sein müssen. Und wäre damit genau da, wohin dieser Text sie haben möchte. Denn, so formuliert es ein Ausleger: »Was diese Klagelieder auszeichnet, ist, daß sie im Grunde mehr sind als Klagelieder, sie vollbringen etwas ganz Erstaunliches. Sie schließen nicht die Augen vor dem, was sich abgespielt hat, aber sie haben mitten in diesem Schrecklichen den Mut oder die Kraft oder die Entschlossenheit, sich selbst anzuklagen, nicht Gott, sich selbst, und speziell denen die Schuld zu geben, die es aus Gottes Wort hätten besser wissen und besser machen können« (Iwand S. 179).
Auf dem Hintergrund dieser Selbstanklage werden wir dann allerdings noch einmal von vorn beginnen, jenes Bekenntnis vom Anfang Wort für Wort nachzubuchstabieren: Die Güte des Herrn ist's, daß wir nicht gar aus sind. Und in diesem Buchstabieren erfahren, was Buße, was Umkehr heißt.
(aus: Nitschke, Horst (Hg), Volkstrauertag, Bußtag, Totensonntag – Gottesdienstpraxis B – Gütersloh 1979 S. 66-70)
as ist eine gute Richtschnur, um beiden Mißverständnissen zu entgehen. »Rede nur, wenn du gefragt wirst!« Fall ändern nicht mit deinen frommen Überzeugungen auf den Wecker. Sie werden dich im besten Fall dafür bewundern, daß du so »konsequent« zu deiner Sache stehst, und ihren eigenen Unglauben beklagen. Aber sie werden von dir nicht auf das Licht hingewiesen, das auch ihnen leuchtet. »Rede nur, wenn du gefragt wirst!< Aber »lebe so, daß man dich fragt!« Sei nicht so behäbig rund oder aalglatt in deinem Christsein, daß niemand eine Ecke findet, an der er sich stößt. Lebe so, daß Menschen hier und da stutzig werden und fragen: »Warum machst du das?« Oder: »Warum tust du nicht, was alle tun?« Oder: »Wie hältst du das aus?« Wir brauchen uns nicht zu fürchten vor solchen Fragen. Unsere Antworten brauchen nicht großartiger zu sein als unsere Taten. Vielleicht werden wir auch mitunter gemeinsam mit dem Frager auf die Suche gehen nach der Antwort, die wirklich zufriedenstellt. Aber wäre das nicht das schönste Bekenntnis, das sich denken läßt?
Möglicher Schluß
»Die Weisen sind gegangen. Der Schall verklang, der Schein verging; der Alltag hat in jedem Ding nun wieder angefangen«, heißt es in dem Lied, das wir gleich singen werden. Uns wird es nicht besser gehen, wie sollte , es! Aber ob der Alltag vor uns grau ist, weil uns vor ihm graut, oder weil er im Morgengrauen liegt und das Licht auf ihn zukommt, dem wir in diesen Tagen begegnet sind, das können wir mitentscheiden: »Wem trau ich mehr: der einen Nacht oder den vielen Tagen?« Amen.
Kontexte
»Nur wer aufbricht, erfährt, was ihm bleibt.« (Für jeden neuen Tag 15, S. 20)
»Wenn du dich nicht fallen läßt, kannst du nicht erfahren, daß du getragen wirst.« (Für jeden neuen Tag 17, S. 22).
»Den wahren Geschmack des Wassers erkennt man in der Wüste.« (Ja zu jedem Tag, S. 128).
»Menschen, die das Risiko scheuen, gehen das größere Risiko ein.« (Wege entdecken, S. 10)
»Gott gibt die Nüsse, aber er bricht sie nicht auf.« (Joh. Wolfg. v. Goethe)
»meinen schweren köpf / in einen leichten schoß zu betten / meine stirn / in eine kühle hand / den kaputten Tag / in einen dunklen Schrank zu legen /
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meine traurigkeit / in ein gesummtes lied / meinen kinderwunsch / in got-tes großes ohr zu flüstern ... / nimm dein geträumtes bett und geh (Friedr. K. Barth / Peter Horst).
»... Und ist der Wechsel von Tag und Nacht nicht ein ganz natürlicher Ablauf, der sein Gutes hat? Wie unbarmherzig wäre stets gleiches Licht für unsere Augen! Wie grausam wäre ständiger Sonnenschein für den Boden: er würde ihn bald zur Wüste machen! Dennoch: in jedem Dunkel bedroht uns das Chaos. In jeder Nacht bleibt die Frage offen, ob das Licht des Tages wirklich noch einmal siegt. In diesem Kampf gibt es für uns eine Hoffnungsperspektive: daß wir den als unsern Herrn anrufen dürfen, der als das Licht über die Finsternis gesiegt hat. Dieser Glaube macht die Dunkelheiten unseres Lebens transparent. Sicher bedeutet er nicht die Befreiung vom Leiden. Und doch ist man anders frei als vorher, weil man sein Leben ganz aus den eigenen Händen geben und dem »Vater des Lichts« (Jak 1,17) anvertrauen darf. Von diesem Licht ergriffen, vermögen wir selbst transparent zu werden und unser Licht leuchten zu lassen (Matth 5,16), das nicht unser Erzeugnis und nicht unser Privateigentum ist ...«(Gerd Heinz-Mohr, zit. in Sam. Rothenberg, Christsein heute und morgen, S. 230f.).
Vgl. außerdem »Der alte Brunnen« in: Willi Hoffsümmer, 255 Kurzgeschichten. M. Grünewald-Verlag Mainz 19823, S. 22. Diese Geschichte könnte in einem Familien- oder/und Taufgottesdienst zum Tage eine Rolle spielen (Epiphanias war schon in der alten Kirche neben Ostern der wichtigste Tauftag!). Ich würde die Geschichte noch ein bißchen farbiger erzählen, um dann abzubrechen an der Stelle: »Aber es dauerte lange, bis er den Grund wußte«. Gemeinsam könnte dann nach der Lösung, der Deutung und der Beziehung zur Taufe gesucht werden. Ebenfalls für einen Familiengottesdienst geeignet scheint mir das Gedicht »Falsche Erwartung« von Siegfried Macht (in: Erzählbuch zur Weihnachtszeit, Kaufmann Verlag Lahr 19883, S. 22). Dieses Gedicht lädt ein, in Form eines Rätselspiels nach biblischen Geschichten und Gesangbuchversen zu suchen, auf die in dem Text angespielt wird. Wer findet die meisten? Oder: Wer kann eine oder mehrere der gefundenen Bibelszenen darstellen?
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