Predigt über Matthäus 2, 1-12
gehalten am 6.1.2019 in der Christuskirche in London
anlässlich der Taufe meiner Enkelin Evie
Zwei unserer vier Evangelien erzählen von der Geburt Jesu und setzen damit eine Überschrift über ihr Werk. Allerdings auf unterschiedliche Weise.
Lukas hat in seiner Weihnachtsgeschichte den Bogen quer über die damals bekannte Welt gespannt, von Bethlehem im Osten bis nach Rom im Westen. Er fragt uns, wo wir Gottes Platz sehen in dieser Welt: In der sprudelnden Mitte, wo Macht und Geld sich die Hand geben, also in der Reichshauptstadt Rom. Oder ganz im Osten, ganz am Rand, wo die zuhause sind, die keiner kennt und keiner beachtet.
Matthäus: Eine neue Weltordnung
Matthäus setzt in seiner Erzählung, unserm heutigen Evangelium, den Bogen anders : Er spannt ihn von der Geburt Jesu bis zum Tauf- und Missionsbefehl des auferstandenen Christus: Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker. Deshalb kommen bei ihm nicht die Hirten, sondern die Magier aus dem Osten an die Krippe, Sie sind Heiden, leben weit weg von Gottes erwähltem Volk. Aber sie haben schon eine Ahnung, was wichtig ist für ihr Leben. Ein neuer König wird geboren, lesen sie aus ihren Sternbildern. Ein König, der für eine andere Ordnung in der Welt steht.
Es ist sicher kein Zufall, dass die Weihnachtsgeschichte des Matthäus wie kaum eine andere biblische Geschichte die Volksfrömmigkeit angeregt hat. Bei dieser Begegnung im Stall von Bethlehem sagt ja niemand ein Wort. Und von Engeln, die verstehen helfen, ist auch nicht die Rede – ist Ihnen das schon mal aufgefallen? Die Weisen beten an und Maria schweigt. Von außen gesehen kann das nicht verwundern: Wie sollten sich diese Menschen auch verständigen. Aber von innen her legt sich ein großes Geheimnis über diese Geburt.
Lukas: Glauben und verstehen
Ganz anders bei Lukas. Da heißt es: Die Hirten „breiteten das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kind gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich der Rede...Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“(Luk 2,17+19). Da kann man mitreden. Da wird Erstaunliches erzählt, aber nichts Unverständliches.
Bei Matthäus gabs da nichts zu bewegen. Und also fühlten sich die Menschen in den späteren Jahren herausgefordert, die Erzählung ihrerseits nach allen Seiten zu bewegen und auszumalen.
Wir kennen das: Aus den Weisen wurden Könige und ihre Zahl wurde auf 3 bestimmt, entsprechend der Zahl ihrer Mitbringsel., Gold, Weihrauch und Myrrhe. Dann erhielten sie Namen: Caspar, Melchior und Balthasar und jedem wurden ein Erdteil und ein Lebensalter zugeordnet. Und bald zogen Kinder und Jugendliche durch die Straßen und malten an jede Haustür, die sich ihrem Gesang öffnete, mit Kreide ein C.M.B an den Rahmen. Christum mansionem benedicat heißt das, Christus segne dieses Haus, aber der Volksmund las Caspar, Melchior und Balthasar.
Der Volksmund hilft sich mit Brauchtum
Manche Ausleger freuen sich darüber, dass sich hier eine biblische Geschichte als so „anschlussfähig“ erwiesen hat für die Fantasie der Menschen. Aber ich finde, man kann das auch so interpretieren: Der Volksmund hat sich auf diese Weise gegen die düstere Folie gewehrt, die diese Geschichte überspannt. Da sind so viele Fragen, auf die ich keine Antwort weiß. Ich nenne ein paar:
- Die Magier sind Astrologen, also in unsern Augen doch Scharlatane
- Sie kommen aus dem Osten, aus den Wüstenländern, die bis heute Brutstätten von Gewalt und Terror sind.
- Sie folgen dem Stern – wie macht man das eigentlich? Wird man da nicht unvermeidlich zum Hans-guck-in-die-Luft?
- Was interessiert sie an dem neugeborenen König. Sind sie mit dem, den sie haben, nicht zufrieden? Sie sie insgeheim Revolutionäre?
- Wo ist eigentlich Josef, er kommt hier gar nicht vor. Dabei ist er doch gerade bei Matthäus so
wichtig für die Messianität Jesu, so wichtig, dass manche Ausleger schon von der Jungfrauengeburt des Josef sprechen in der Auslegung dieses Evangeliums.
Und schließlich heißt es: „Und Gott befahl ihnen im Traum, dass sie nicht sollten wieder zu Herodes gehen.“ Der König hat die Fremden offenbar misstrauisch gemacht. Aber uns bleibt die Frage: Konnte der kleine Messias wirklich nur durch den Tod zahlloser anderer kleiner Jungen gerettet werden? Oder deutet Matthäus dieses grässliche Blutbad nachträglich als Hinweis auf das Kreuz, das Jesus nach den heiligen Schriften erleiden musste?
In die Geschichte hineinkriechen
Diese Fragen kann man nur aushalten, wenn man in die Geschichte hineinkriecht. Dadurch verändert sich die Perspektive. Ich schaue dann nicht mehr von außen auf das Geschehen, was immer auch ein wenig ein von oben herab enthält und gleichzeitig ein hilfloses „versteh ich nicht“. Sondern ich mache die Geschichte zu meiner Geschichte. Und auf einmal werden diese Magier, diese grauen, fremden Gestalten zu den ersten, die das erfahren, was auch mir in der Taufe zugesagt wird: Ich zeige dir den Weg. Ich werde dich begleiten, auch auf deinen Abwegen und Irrfahrten. Mit meiner Hilfe kannst du Lüge und Wahrheit unterscheiden. Und bei mir steht immer die Tür offen, woher du auch kommst.
Im Taufbefehl des Auferstandenen wird das heißen:
Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker:
• tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und
• helft ihnen, so zu leben, wie ich es euch gesagt und gezeigt habe.
• Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.
Ihr habt unserer kleinen Evie als Taufspruch für heute ausgesucht: „Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“ (Ps 91,11). Man liest das unwillkürlich wie die Fortsetzung unseres Evangeliums, wo es ja einige Verse weiter heißt: „Da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Stehe auf! Nimm das Kind und seine Mutter zu dir und flieh nach Ägyptenland.“
Engel erinnern: Das Leben ist lebensgefährlich
Aber das „stehe auf“ wollen wir dabei nicht überlesen. Denn in unserer Welt schließt dieses „stehe auf“ auch die vielen Möglichkeiten ein, die wir haben, um zu verhindern, dass die Rettung eines Menschen nur auf Kosten des Lebens anderer möglich ist. Im Unterschied zu damals haben wir heute viele Möglichkeiten, der Macht der Mächtigen in den Arme zu fallen. Wir müssen es nur wollen. Und dieses Wollen schließt ein, dass wir mit dem, was wir sind und haben, dafür einstehen. Brot für die Welt und andere Hilfsaktion retten täglich Kinder vor dem Tod. Und Ärzte ohne Grenzen, Amnesty international und andere bieten Möglichkeiten, Verletzten und Gefangenen Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Steh auf, sagt der Engel. Heute nicht, um zu fliehen, sondern mutig dem Rad in die Speichen zu greifen, wie Dietrich Bonhoeffer das genannt hat.
Damit haben wir aber auch schon angefangen, die andere Dimension von Weihnachten hinzuzunehmen, die des Lukas, den Bogen von Bethlehem nach Rom. Weihnachten beginnt mit einem Stall, erzählt seine Weihnachtsgeschichte. Zunächst war da wirklich nichts anderes, nur der Stall. Nicht mal das Kind. Oder Maria und Josef. Keiner ist schon da, wo Weihnachten wird. Weil nicht wir Weihnachten machen, sondern Gott. Alle Menschen müssen erst hingehen. Hinfinden.
Oder hingetragen werden. Die Hirten von draußen von den Hürden. Und die Weisen, die Könige, von noch viel weiter her.
Gold oder Pampers
Ich denke, die Weisen konnten sich deshalb auch nicht vorstellen, was der neu geborene König brauchte. Sie kommen ja aus einem ganz anderen Umfeld, aus einem ganz anderen Kulturkreis. Sie packten darum das ein, womit sie sich auskannten: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Maria hat bestimmt gedacht, als sie damit ankamen: Ein Paket Pampers würde mir jetzt mehr helfen. So kluge, weltfremde Leute wie die Weisen aus dem Morgenland müssen eben einen besonders langen Weg gehen, um zur Krippe zu kommen. Um den Erlöser zu finden. Nicht zufällig wird der erwachsene Jesus in seiner Bergpredigt sagen: „Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten fressen und der Rost. Und wo die Diebe kommen und stehlen.
Wir müssen, glaube ich, noch sehr viel lernen, um das zu verstehen. Wir in Deutschland vielleicht noch mehr als Sie hier in der Weltstadt London. Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es ja auch genau umgekehrt: Die mit beiden Beinen mitten im Leben stehen, die stehen eben, die gehen nicht. Sie sind sich auch genug mit diesem Stehen. Und ihren Standpunkten. Die suchen nichts. Die machen sich nicht auf den Weg. Aber zum Glauben findet man nicht durch Standpunkte, sondern durch Hingehen.
Geh-Beine – Nicht Standpunkte
Ich möchte Ihnen jedenfalls den Gedankenanstoß mitgeben: Vielleicht genügt der Weg, den Sie heute hierher gemacht haben, in die Kirche, auch noch nicht, um das Jesuskind zu finden. Horchen Sie mal genau hin. In sich hinein oder um sich herum: Wohin muss ich gehen, um besser zu verstehen? Vielleicht ist es nur ein einziger Schritt. Ein ganz bestimmter, der Sie schon lange beschäftigt. Oder der Ihnen plötzlich klar wird. Vielleicht ist es aber auch ein weiter Weg. So weit, dass Sie ihn gar nicht gehen können an einem Wochenende. Vielleicht können Sie gar nicht gehen, sondern müssen fahren. Oder telefonieren. Oder Geld überweisen. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will ihnen nichts aufschwatzen. Ich will ihnen nur helfen, die richtigen Schritte zu tun. Sie wissen ja: Die Weisen aus dem Morgenland, die haben lange die Sternbilder studiert und dann einen weiten Weg auf sich genommen. Aber am Ende – Gott sei Dank: am vorläufigen Ende! - war er doch falsch und sie landeten bei Herodes, dem Kindermörder. Und erst ein paar Leute, die sich in der Bibel auskannten, konnten ihnen weiterhelfen.
Und der Stern natürlich. Warum nur ein Stern, geht mir immer noch durch den Kopf. Das meint doch bestimmt nicht ein Horoskop. Nein, ich glaube: Das meint einen Anknüpfungspunkt in dem, was seinen Alltag bestimmt, um auf Gott aufmerksam zu werden. Für die Weisen war der Stern Teil ihrer täglichen Arbeit. Man muss sich sehr konzentrieren, um ihn im Auge zu behalten. Im Handumdrehen ist Gott nicht zu haben. Es braucht viele Schritte – mit den Füßen oder mit den Gedanken. Ich nehme an, dass heute hier niemand ist, für den ein Stern die Tür ist, an der Gott anklopft. Vielleicht haben Sie heute nachmittag oder irgendwann in der Woche etwas Zeit, darüber nachzudenken: Was ist der Punkt, an dem ich Gott in meinem Leben suchen kann? Wo öffnet sich ein Weg, der begehbar ist? Wo ist bei mir die Frage, die auf Antwort wartet?
Stallgeruch
Ich finde es angesichts dieser vielen und schwierigen Fragen so tröstlich, dass Weihnachten tatsächlich im Stall stattfindet. Da ist nicht viel, was ablenkt.
Sie kennen wahrscheinlich alle die Redensart vom Stallgeruch. Das ist ein Bild aus der Tierwelt. Der Mensch denkt spontan: Igitt! Aber wenn man sich ein bisschen mit Tieren auskennt, ändert sich das.
Als kleiner Junge wohnte ich in den ersten Nachkriegsjahren auf einem Bauernhof. Und wenn der Knecht Johann das Pferd von der Weide holen musste, weil die Bäuerin wieder mal Kutsche fahren wollte, dann nahm er mich manchmal mit. Es war nicht weit, vielleicht einen halben Kilometer. Und wenn wir dann an das Gatter traten, dann stand die Stute schon da und schnaubte voll Erwartung. Dann packte Johann mich und setze mich mit Schwung der Stute auf den blanken Rücken. Ich klammerte mich in die Mähne, während Johann das Gatter aufmachte. Und dann, hui, gings nach Hause, bis vor die Stalltür. Da rutschte ich ihr dann vom Rücken. Den Weg brauchte ich dem Pferd nicht zu zeigen, den wusste es. Stallgeruch!
Vielleicht dürfen wir auch darauf hoffen, dass uns der Stallgeruch je und dann zur Krippe führt. Manchmal liegt Weihnachten ja wirklich vor unsern Füßen. Aber das Beispiel zeigt auch, wie wichtig so ein Stallgeruch ist. Was würde aus unserer Welt, wenn die nächste Generation in Europa ohne den Stallgeruch von Bethlehem auskommen müsste? Das kann keiner wollen! Da müssen wir alle Paten sein für die nachwachsende Generation! Und für die, die von ganz weit weg zu uns kommen. Amen