In diesem Abschnitt werden ausgewählte historische und prähistorische Aspekte in Zusammenhang mit dem Bau und Einsatz von Bögen vorgestellt. Dieser Teil erhebt keinen Anspruch auf eine umfassende Darstellung der historischen Kontexte.
Aufgrund fehlender, eindeutiger Funde kann die Entstehung von Pfeil und Bogen nicht präzise datiert werden. Die bislang ältesten Funde von Langbogen (Holmegård-Bogen) sind 8'000 - 6'500 v. Chr. entstanden. Da diese Bögen aus heutiger Sicht bereits voll entwickelt waren, kann davon ausgegangen werden, dass die Entstehung deutlich vor 10'000 v. Chr. erfolgte. [G2]
Der Holmegård-Bogen ist das älteste bekannte Fundstück, welches eindeutig als Bogen identifiziert werden konnte und dazu noch vollständig erhalten ist. Er zeichnet sich durch eine flache Bauchseite, runde Rückenseite und relativ breite Wurfarme aus. Dieses Design vermeidet bei starken Bögen Stringfollow und Stauchrisse im Bauch. Dieser Bogentyp ist in Bogenbauer-Kreisen sehr bekannt und wird oft zitiert bzw. nachgebaut. [B1, B2, B3, B5].
Das Original des Holmegård-Bogens liegt im Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen.
Fundort: Holmegårds Mose (Dänemark)
Alter: 8'000 - 6'500 v. Chr. (Mesolithikum)
Holz: Ulme (aus einem Stamm von ca. 5 cm Durchmesser)
Länge: 152 - 152 cm; Breite der Wurfarme: 6 cm
Design: Symmertrischer Aufbau; Griff (Länge ca. 15 cm) deutlich abgesetzt und schmal (2.7 cm); Wurfarme mit grösster Breite am Griff (4.5 cm) zu den Enden spitz zulaufend (0.4 bzw. 0.8 cm). Bogenrücken gerundet (besteht aus der Aussenseite des Ulmenstammes), Bogenbauch flach. Angaben aus [G2, G3]
Weitere Fundgegenstände: Zusammen mit dem Bogen wurden weitere Fundgegenstände ausgegraben, u.a. Pfeilspitzen aus Knochen mit eingefügten Silex-Klingen (Mikrolithen), die mit Hilfe von Birkenpech auf Holzschäfte aufgeleimt waren.
Homegård-Bogen im Dänischen Nationalmuseum Kopenhagen (eigene Aufnahmen)
Bogenende Wurfarm 1
Griffstück
Bogenende Wurfarm 2
Fundort: Schnidejoch (Schweiz)
Alter: 2'900 - 2'600 v. Chr. (Neolithikum)
Holz: Eibe (aus einem Stamm von ca. 5 cm Durchmesser)
Länge: 160.5 cm
Design: Gerade und stabförmig, ohne verschmälerung im Griffbereich. Querschnitt wie ein falches D; flache Bauchseite mit leicht gerundeten Kanten. Die Nocken sind unterschiedlich gestaltet. Eine Nocke hat Zapfenform, die andere einen vorstehenden Steg. [G2, G4]. Der Bogen ist vollständig und in einem Stück erhalten geblieben.
Weitere Fundgegenstände: Zusammen mit dem Bogen wurden ein Stück der mutmasslichen Bogensehne (aus Tiersehne hergestellt), diverse Pfeile mit Silex-Spitzen sowie ein Bogenfutteral aus Birkenkork gefunden (die Animation Eine Geischichte aus dem Eis des BHM zeigt die Entdeckung und Restauration des Köchers). Letzteres ist das einzige erhaltene Bogenfutteral aus dieser Zeit. Bogen und -Futteral sind im Besitz des Archäologischen Dienstes Bern und sind im Historischen Museum Bern ausgestellt. [G2, G4]
Eibenbogen, Futteral und Pfeile vom Schnidejoch in der Ausstellung des Bernischen Historischen Museums (eigene Aufnahmen).
Der Englische Langbogen hatte im 100-jährigen Krieg (1337 - 1453) seine Blütezeit als Kriegswaffe, wo der Einsatz von tausenden Bogenschützen auf englischer Seite in diversen Schlachten wesentlich zum Sieg über Frankreich beigetagen haben. Insbesondere in den Schlachten von Crécy (1346), Poitier (1356), Najera (1367) und Azincourt (1415) konnten dadurch die Engländer trotz zahlenmässiger Unterlegenheit, die Französischen Heere schlagen.
Die englischen Kriegsbögen hatten teilweise enorme Auszugsgewichte mehr als 100 Pfund (bis 190 Pfund) [G1] und konnten nur von Leuten eingesetzt werden, die ein jahrelanges Training hinter sich hatten.
Viele der englischen Bogenschützen waren allerdings keine Berufssoldaten, sondern stammten aus ländlichen Gebieten und unteren Klassen. 1242 erliess König Heinrich III die sog. Assize of Arms - ein Gesetz, nach dem jeder wehrfähige Mann im Altern von 15 - 60 Jahren verpflichtet war, entsprechend dem Wert seines Besitzes mit Waffen ausgerüstet zu sein. Dort heisste es:
"Those that hold 40 shillings worth of land, or more unto 100 shillings worth, a sword, a bow, arrows and a knife"
"Those that hold 9 marks worth of chattels, sword, knife, bow and arrows".
"Everyone abel, shall keep bow and arrows outside the forests, however those who live in (or near) forests, shall keep bow and javelins." [G13]
Edward III verfügte in einem Gesetzt 1363, dass die gesamte männliche Bevölkerung an Sonn- und Feiertagen jeweils das Bogenschiessen üben sollten:
"Whereas the people of our realm, rich and poor alike, were accustomed formerly in their games to practise archery – whence by God's help, it is well known that high honour and profit came to our realm, and no small advantage to ourselves in our warlike enterprises... that every man in the same country, if he be able-bodied, shall, upon holidays, make use, in his games, of bows and arrows... and so learn and practise archery."
Somit war gewährleistet, dass für Kriegsfälle genügend gut ausgebildete und geübte Bogenschützen verfügbar waren.
Im Hinblick auf bevorstehende Feldzüge schickte der König Befehle an die Sheriffs aller englischen Grafschaften. Jede Region musste eine bestimmte Quote an Bögen und Pfeilen liefern. Schmiede wurden verpflichtet, Pfeilspitzen herzustellen und die Sheriffs trieben zusätzliches Material bei lokalen Bogenmachern (Bowyers) und Pfeilmachern (Fletchers) ein. Sogar die Federn für die Pfeile wurden flächendeckend als Steuer eingezogen (bevorzugt Graugansfedern). Das Material wurde bis zur Einschiffung nach Frankreich im Tower von London gelagert. Auf diese Weise wurden in den Jahren 1344 - 1351 folgende Bestände aquiriert: [G14]
8'600 Bogenstäbe (painted bows)
17'059 Bögen (white bows)
49'726 Garben (sheaves) à 24 Pfeilen (insgesamt 1'193'424 Pfeile)
141'074 Bogensehnen
Weitere Informationen zu den Beständen des Towers, sowie zur Materialbeschaffung in Kriegszeiten des Mittelalters finden sind auf der Seite der Society for Medieval Military History (De Re Militari).
Datum: 26. August 1346
Ort: Crécy-en-Penthieu (Normandie, F)
Französiches Heer
König: Philipp VI.
Truppenstärke: 20'000 - 25'000
Verluste in der Schlacht: ca. 10'000
Englisches Heer
König: Eduard III.
Truppe: ca. 2'700 bewaffnete Krieger, 3'000 berittene Bogenschützen, 7'000 nicht berittene Bogenschützen; 2'300 Speerkämpfer und andere
Verluste in der Schlacht: > 1'000, ev. > 100 Mann
Schlachtstätte von Crécy
Als eine der berühmtesten Schlachten des Mittelalters hat Crécy auch Einzug in historische Romane gefunden, in denen der Einsatz der Langbogen thematisiert wird:
Dan Jones: The Essex Dogs. Dan Jones ist Historiker, Autor, Podcaster und Filmpublizist (siehe nebenstehender Film über die Schlacht von Crécy). Von ihm existieren etliche Publikationen, die das Mittelalter betreffen. [G15]
Bernard Cornwell: Der Bogenschütze. In seinem Roma greift Cornwell neben dem Einsatz der Langbogen auch mehrfach dessen Konstruktion auf, z.B.:
"Mit fünfzehn war er ein ebenso guter Bogenschütze wie sein Großvater und hatte ein instinktives Gespür dafür, wie er einen Eibenstock formen musste, sodass die Innenseite aus dem dichten Kernholz bestand, die Außenseite hingegen aus dem elastischeren Splintholz, denn wenn der Bogen gespannt wurde, versuchte das Kernholz stets, in die Gerade zurückzukehren, und das Splintholz war der Muskel, der dies ermöglichte." [G16]
Datum: 25. Oktober 1415
Ort: Azincourt (Normandie, F)
Dauer der Schlacht: 3 - 4 Stunden
Französiches Heer
König: Charles VI. (Charles le fou)
Truppenstärke: 14'000 - 36'000
Verluste in der Schlacht: ca. 8'000
Englisches Heer
König: Heinrich V. (Harry of Lancaster)
Truppenstärke am Beginn der Kampagne: 3'000 bewaffnete Krieger + 9'000 Bogenschützen
Truppenstärke nach der Belagerung von Harfleur (2'000 Tote und 5'000 kampfunfähige Männer durch eine Ruhr-Epidemie im englischen Heer): 900 bewaffnete Krieger + 5'000 Bogenschützen
Verluste in der Schlacht: ca. 400 (30 - 1'600)
Die Ausrüstung der Bogenschützen umfasste [G5]:
Kopfschutz: Einfache Helme aus Eisen oder gehärtetem Leder
Kleidung: Eng anliegendes, gepolstertes Kleidungsstück, den Gambeson; Hosen; oftmals keine Schuhe
Waffen: Langbogen, 2 Garben à 24 Pfeilen, Ersatz-Sehnen; einfache Waffen wie Äxte, Beile, Hämmer; lange Holzpfähle zum Schutz vor berittenen Angreifern
Die im Vergleich zu den schweren Rüstungen der bewaffneten Krieger eher schwachen Rüstungen verliehen den Bogenschützen eine grössere Beweglichkeit und Schnelligkeit im Nahkampf.
Einsatz der Bogenschützen in der Schlacht [G5]:
Bogenschützen konnten pro Minute 10 oder mehr Pfeile abschiessen. Da auf grosse Distanzen geschossen wurde (in relativ steilem Winkel nach oben), konnten hintereinander stehende Bogenschützen gleichzeitig schiessen und so grosse Salven an Pfeilen losschicken. Michael Livingston berechnet (anhand konservativer Schätzungen), dass durch diese Taktik die 5'000 englischen Bogenschützen eine Angriffswelle von 800 berittenen Franzosen innerhalb von 2 - 3 Minuten auf ca. 275 dezimiert haben sollen. [G5]
Erfahrung vergangener Schlachten hatten gezeigt, dass die Bogenschützen jeweils von den französischen berittenen Kriegern angegriffen wurden, in dem diese versuchten die an den Flanken aufgestellten Bogenschützen niederzureiten. Henry V. hat seinen Bogenschützen daher kurz vor Azincourt befohlen, sich mit langen Holzpfählen auszurüsten um sie auf dem Schlachtfeld als Schutz in den Boden zu rammen:
"The king, therefore, had it proclaimed throughout the army that every archer was to prepare and fashion for himself a stake or staff, either square or round, but six feet long, of sufficient thickness and sharpened at both ends; and he commanded that whenever the French army drew near to do battle and to break their ranks by such columns of horse, all the archers were to drive their stakes in front of them in line abreast and that some of them should do this further back and in between, one end being driven into the ground pointing down towards themselves, the other end pointing up towards the enemy above waist-height, so that the cavalry, when their charge had brought them close and in sight of the stakes, would either withdraw in great fear or, reckless of their own safety, run the risk of having both horses and riders impaled." [G5, Übersetzung aus der Gesta Henrici Quinti; Original in Latein]
In den Schlachten des 100-jährigen Krieges war es üblich, Gefangene zu nehmen um sie später gegen Lösegeld wieder zu verkaufen (eine wichtige Einnahmequelle für die Krieger). In Azincourt hat Henri V. an einem kritischen Punkt der Schlacht befohlen, die Gefangenen zu töten. Die bewaffneten Krieger hatten sich jedoch geweigert, sodass er diesen Befehl 200 Bogenschützen übertragen hat. So wurden mindestens 300 Gefangene getötet, deren Namen man kennt.
Ich muss gestehen, dass ich als Bogen-Fan die Schlacht von Azincourt immer aus englischer Sicht und fokussiert auf die Bogenschützen wahrgenommen hatte. Beim Besuch des Centre Azincourt 1415 hat sich diese Perspektive gleich zu Beginn der Ausstellung geändert. Dort sind auf einer Wand alle Namen der Gefallenen Franzosen aufgelistet von denen man weiss. Fast eine ganze Generation französicher Rittern sind gesrorben. Unzählige wietere, namenlose Opfer kommen hinzu.
Frühere Studien nahmen an, dass der Kompositbogen im 4. Jahrtausend vor Christus unabhängig in mehreren Regionen entstanden ist. Neuere Untersuchungen gehen jedoch davon aus, dass der Kompositbogen eine Innovation des späten Bronzezeitalters ist. Sein Alter beträgt also 3'500 bis 4'000 Jahre. Zudem vermutet man heute eine einmalige Entwicklung, die sich vom Nahen Osten aus in andere Gegenden Eurasiens verbreitet hat, zusammen mit weiteren Innovationen wie domestizierten Pferden, dem Reiten und dem Speichenradwagen. Als mögliches Volk, welches den Kompositbogen ursprünglich entwickelt hat, werden die Indo-Iraner genannt [G9].
Ursprung und Verbreitung der Kompositbögen, abgeändert nach Šaffa [G9]. Die ovalen Markierungen zeigen die vorgeschlagenen (Anatolien-Syrien) und alternativen (Volga-Ural) Entstehungsgebiete. Durchgezogene Pfeile zeigen die primären Routen der Verbreitung und gestrichelte Pfeile alternative Routen. Kartenbasis: GoolgeMaps.
Die Osmanen haben den Kompositbogen als Kriegswaffe im Zuge ihrer Eroberungszüge im 14. - 16. Jh. und später als Sportgerät (sog. flightbögen für Weitschuss-Wettbewerbe) perfektioniert. So gab es z.B. in Anatolien ganze Dörfer, die Bögen und Pfeile im "industriellen Stil" hergestellt haben [B6, B7].
Osmanische Bögen gab es in verschiedenen Ausführungen. Jeder Typ hatte spezifische Masse und Eigenschaften [B7].
Kriegsbogen
Flightbogen (für Weitschuss-Wettbewerbe)
Puta-Bögen zum schiessen auf den Übungssack (puta)
Übungsbögen
Bögen zum Training des Auszugsgewichtes