Inschrift im Keller, 2019. Foto: Initiative Dessauer Ufer
Inschrift im Keller, 2019. Foto: Initiative Dessauer Ufer
Neben den drei als Lagerhallen nutzbaren Stockwerken verfügt das Lagerhaus G auch über einen Keller. Über einfache Holztreppen, wie sie sich zum Beispiel in Haus 7 befinden, gelangt man auf den bebauten Ufergrund, auf dem auf einer Vielzahl von Pfeilern das Lagerhaus ruht. Der Keller ist nicht ebenerdig, zum Wasser hin offen und bietet sich dementsprechend nicht für eine Lagernutzung an. Und doch findet sich auch hier eine Vielzahl von Spuren, die die Nutzungsgeschichte des Hauses dokumentieren. Etliche von ihnen, wie eine Einritzung des wahrscheinlich sowjetischen Zwangsarbeiters Alexander Fedorov, verweisen nicht auf die Nutzung des Gebäudes als Lagerhaus, sondern auf die Zeit als KZ-Außenlager und Zwangsarbeiterlager. (1) Auch in den Lebensberichten der ehemals dort inhaftierten Männer und Frauen wird der Keller immer wieder als ein zentraler Ort in der Erinnerung an das KZ-Außenlager Dessauer Ufer beschrieben.
Kellertreppe, 2019. Foto: Mark Mühlaus/attenzione
Während des Bestehens des KZ-Außenlagers Dessauer Ufer war der Hamburger Hafen Ziel systematischer britischer Fliegerangriffe. (2) Auch Häftlinge wurden Zeugen dieser und waren ihnen ausgesetzt. Einigen wurde erst hier das Ausmaß der Bombenangriffe und der Kriegsführung gegen das nationalsozialistische Deutschland bewusst. Die britischen Luftangriffe lösten dementsprechend widersprüchliche Gefühle aus und boten für einige Frauen auch Anlass zur Hoffnung und Trost wie Margit Hermanová beschreibt:
„Wir sind zwar glücklich, Auschwitz und seiner Misere entkommen zu sein, aber wir wissen nur allzu gut, daß uns auch hier der Tod im Nacken sitzt. Jeder Fliegerangriff kann uns das Leben kosten, aber jedem anderen in Hamburg ebenso gut. Jedesmal, wenn die Bomben fallen, wissen wir, daß wir dem Kriegsende um ein Fußbreit näher gekommen sind und das ist unser Trost.“ (3)
Während den Wachmannschaften und der deutschen Zivilbevölkerung in der Regel eigens errichtete Bunker zu ihrem Schutz zur Verfügung standen, waren KZ-Gefangene den Bomben meist schutzlos ausgeliefert. In den meisten Hamburger Frauen-Außenlagern wurden die Häftlinge einfach in ihren Unterkünften eingeschlossen oder hatten nur Gräben, in die sie sich zu ihrem Schutz legen konnten. (4) Auch am Dessauer Ufer kam es zu Einsperrungen bei Luftangriffen, in der Regel wurden die Häftlinge hier jedoch in den Keller getrieben, der wenigsten einen geringen Schutz bot. (5) Die KZ-Gefangenen waren dementsprechend der lebensbedrohlichen Gefahr durch Bombentreffer im besonderen Maße ausgesetzt und waren sich dessen bewusst. In ihrer Autobiografie betont Dita Kraus die Angst, unter der sie während der Bombenangriffe litt:
„Ich war immer vor Angst wie gelähmt. Ich kauerte mich zusammen, die Knie unter dem Kinn, die Augen geschlossen und lehnte mich an die Frau, die neben mir saß. Es war so dunkel, dass ich Mutter nie finden konnte - ich hielt meine Hände krampfhaft gefaltet und konnte an nichts anderes denken als an meine schreckliche Angst. Andere um mich herum unterhielten sich, zählten die Bomben, kommentierten, wie nah oder fern von uns sie fielen und stellten sogar Vermutungen an, ob es sich um eine 50- oder eine 100-Kilo-Bombe handelte. Ich hatte einfach nur Angst. Jede Nacht kauerte ich dort ein oder zwei Stunden lang, während mir Ratten über die Füße huschten.“ (6)
Im dunklen und feuchten Keller waren die KZ-Gefangen neben der Gefahr durch Bombentreffern zudem der Tide ausgesetzt. Margit Hermannova beschreibt:
„Unser Keller ist übrigens eine Mausefalle. Bei Flut füllt er sich blitzschnell mit Wasser und zwei unserer Mädchen wären beinahe ertrunken. Nichtsdestotrotz ist der Keller besser als nichts, denn er schützt vor Splittern.“ (7)
Zwischenboden des Kellers, 2019. Foto: Initiative Dessauer Ufer
Durch seine offene Bauweise war der Keller gleichzeitig ein Ort, an dem es zu Begegnungen zwischen verschiedenen Häftlingsgruppen kam. Neben solidarischen Begegnungen und der gegenseitigen Unterstützung berichten Überlebende auch von gewaltvollen Auseinandersetzungen. So gibt es Berichte über organisierte Überfälle auf dänische Häftlinge, die im Gegensatz zu den anderen KZ-Gefangenen Rot-Kreuz-Pakete empfangen durften. (8) Andere Häftlinge erinnern sich an Übergriffe sowohl von Seiten der Aufseher und durch Funktionshäftlinge als auch zwischen Häftlingen im Konflikt um die wenigen verfügbaren Ressourcen. Die Vorenthaltung lebensnotwendiger Ressourcen durch die SS sowie die starke Hierachisierung verschiedener Häftlingsgruppen führten demnach sowohl zu Momenten der Solidarität als auch der Gewalt unter diesen.
Zum Wasser hin offener Kellerbereich, 2019. Foto: Mark Mühlaus/attenzione
Der Keller bot auch die Möglichkeit zu Kontakten zwischen den wahrscheinlich im Nebengebäude untergebrachten Italienischen Militärinternierten und den im Lagerhaus G untergebrachten weiblichen KZ-Häftlingen. Zu ersten Kontakten zwischen beiden Gruppen kam es bereits bei der Ankunft der Frauen. Zwischen einigen der weiblichen Häftlinge und italienischen Militärinternierten intensivierte sich in der Folgezeit der Kontakt, es kam zum Austausch von Briefen, kleinen Handwerksprodukten und Lebensmitteln durch die besser versorgten Militärinternierten. Hedi Fried beschreibt in ihrer Autobiografie:
„In der Etage über uns wohnten einige italienische Kriegsgefangene, die versuchten, durch das Fenster mit uns zu sprechen. Als sie entdeckten, wer wir waren, fanden sie einen Weg, uns Geschenke zu schicken. Sie banden Pakete an das Ende eines Seils und ließen es von ihrem Fenster herunter hängen, bis es unseres erreichte. Wir sandten ihnen einen Brief zurück. Sie schenkten uns Zigaretten, Schokolade und Marmelade, Dinge, die wir alle nicht nur um ihrer selbst willen schätzten, sondern als Zeichen, dass jemand Interesse an uns zeigte“ (9)
Mehrere Frauen berichten in ihren Erinnerungen von solchen Kontakten und thematisieren nicht nur den Zugang zu Ressourcen, sondern auch die Bedeutung, die es für sie gehabt habe, wieder als menschliche Individuen und Frauen wahrgenommen und angesprochen zu werden. (10) Dita Kraus beschreibt, wie der Keller für gemeinsame Treffen außerhalb der Kontrolle durch die Wachmannschaften genutzt wurde:
„Bei Ebbe waren die Keller miteinander verbunden, und wenn man besonders mutig war oder die Leidenschaft stärker war als die Angst, konnte man, während draußen die Bomben fielen, in der Dunkelheit über den feuchten Boden bis zum benachbarten Keller kriechen und sich mit seinen Liebsten treffen.“ (11)
Zu dem Spannungsfeld, in dem sich diese Kontakte befanden, und der Perspektive der überlebenden Frauen auf diese wird aktuell geforscht. (12)
Quellen und Literatur
(1) Denkmalschutzamt Hamburg, Denkmalkartei 138 Dessauer Straße Lagerhaus G, Begehung vom 07/1987.
(2) Vgl. Marc Buggeln: Arbeit und Gewalt. Das Außenlagersystem des KZ Neuengamme, Göttingen 2009, S.101.
(3) Margit Herrmann: Intermezzo, in: Busch, Ralf (Hg.): Hamburger Jahrbuch 18/1993, Hamburg 1993, S. 175-192, hier. S. 178.
(4) Vgl. Hans Ellger: Zwangsarbeit und weibliche Überlebensstrategien. Die Geschichte der Frauenaußenlager des Konzentrationslagers Neuengamme 1944/45, Berlin 2007, S. 99f.
(5) Ebd.
(6) Dita Kraus: Ein aufgeschobenes Leben. Kindheit im Konzentrationslager - Neuanfang in Israel, Göttingen 2020, S. 171.
(7) Herrmann: Intermezzo, S. 179.
(8) ANG HB 41: 22f.
(9) Hédi Fried: Fragmente meines Lebens. Ein Leben bis Auschwitz und ein Leben danach, Hamburg 2013, S. 127.
(10) Dies hatte besondere Bedeutung, da die entmenschlichenden Verhältnisse im KZ nicht nur direkt die körperliche Selbstbestimmung angriff, sondern auch die weiblichen äußeren und inneren Merkmale zurückgehen ließ: beispielsweise das Ausbleiben der Periode, was von den Frauen teilweise auch als „Verlust von Weiblichkeit“ wahrgenommen wurde. Vgl. KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hg.): Verlust von Weiblichkeit, unter: http://media.offenes-archiv.de/Poppenbuettel_VerlustWeiblichkeit.pdf (abgerufen am 20.01.21).
(11) Kraus: aufgeschobenes Leben, S. 174.
(12) Vgl. z.b. Lucy Debus: „Hamburg das war die Wende“ Das Frauen-Außenlager Dessauer Ufer in den Erinnerungen weiblicher Überlebender, i.E.