Schienen vor dem Lagerhaus G, 2020. Fotos: Jonas Jakubowski

Schienen als Zeugnis der Ankunft im KZ-Außenlager Dessauer Ufer

Von Jonas Jakubowski

Das Dessauer Ufer bietet als historischer Ort Möglichkeiten zur Geschichtsvermittlung, die mit dem zunehmenden zeitlichen Abstand zum Nationalsozialismus und der damit einhergehenden Tatsache, dass immer weniger Überlebende von ihren Erfahrungen berichten können, wichtiger werden. Baulichen Relikten kommt daher die „Funktion des Bezeugens“ (1) zu. Im und vor dem Lagerhaus G gibt es viele Spuren, die durch die Berichte überlebender ehemaliger Häftlinge zum Sprechen gebracht werden können. Dies bedeutet nicht, dass auf diese Weise die von der SS geschaffenen extremen Lebensbedingungen und das Leid, das die Häftlinge erfuhren, nachzuempfinden sind. Vielmehr können die baulichen Spuren in Kombination mit den Berichten der Überlebenden dazu dienen, konkrete Episoden aus der Zeit des KZ-Außenlagers zu erzählen (2).

Zu diesen Relikten gehören die Schienen, die vor dem Lagerhaus G zu erkennen sind. Sie wurden wie das Lagerhaus G Anfang des 20. Jahrhunderts im Zuge der Erweiterung des Hamburger Hafens nach Süden gebaut. Im Sommer 1944 kamen auf ihnen die Deportationszüge aus Auschwitz-Birkenau zum Stehen. Die Schienen vor dem Lagerhaus G sind daher Zeugnisse der Ankunft von KZ-Häftlingen am Dessauer Ufer. Viele Überlebende berichteten nach ihrer Befreiung in Autobiografien oder Interviews von diesem Moment und den Gefühlen, die sie damit verbanden. Obwohl sie weiterhin der Gewalt ihrer SS-Bewacher ausgesetzt waren, waren viele erleichtert, dass sie Auschwitz-Birkenau verlassen und damit der akuten Todesdrohung vorläufig entronnen waren. Dies wird an vielen Zitaten deutlich.

Dagmar Lieblová (2007), Foto: Katharina Hertz-Eichenrode/KZ-Gedenkstätte Neuengamme, ANg 2008-840

Dagmar Lieblová, geborene Fantlová, kam 1929 in Prag auf die Welt. 1942 wurde sie in das Ghetto Theresienstadt, 1943 nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Von hier kam Lieblová im Juli 1944 an das Dessauer Ufer und anschließend in andere Hamburger Außenlager. Im April 1945 wurde sie im KZ Bergen-Belsen befreit. Lieblová kehrte als einziges überlebendes Familienmitglied nach Prag zurück. Sie heiratete, bekam drei Kinder und beendete ihre durch die Verfolgung unterbrochene Ausbildung, die schließlich in einer Promotion im Fach Germanistik mündete. Sie arbeitete als Lehrerin und engagierte sich bis zu ihrem Tod 2018 als Vorsitzende der Theresienstädter Initiative für die Erinnerung an das Ghetto Theresienstadt (3).

„Das war die Wende, also die Ankunft in Hamburg. Ich würde sagen, das war der neue Anfang. Denn in Auschwitz ging es immer bergab und jetzt auf einmal in Hamburg […] gab es für mich die Hoffnung, dass es doch besser sein wird.“ (4)

Ruth Elias im Gespräch mit Claude Lanzmann, Screenshot: Arte.tv

Ruth Elias, geborene Huppert, wurde 1922 im tschechoslowakischen Mährisch-Ostrau geboren. 1942 wurde sie verhaftet, zunächst in das Ghetto Theresienstadt und anschließend nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Trotz einer Schwangerschaft wurde sie zur Arbeit selektiert und kam Mitte Juli 1944 mit einem Transport in das Außenlager Dessauer Ufer. Wenige Tage nach der Ankunft wurde festgestellt, dass sie schwanger war, sodass die SS sie über das Frauen-KZ Ravensbrück zurück nach Auschwitz brachte. Hier wurden sogenannte medizinische Versuche an ihr und ihrem Kind vorgenommen, die nur Ruth Elias überlebte. Anschließend musste sie in einem Außenlager des KZ Buchenwald bei Leipzig Zwangsarbeit leisten, wo sie ihren späteren Ehemann Kurt kennenlernte. Im April 1945 wurde sie befreit und kehrte als einzige Überlebende ihrer Familie im Sommer desselben Jahres in die Tschechoslowakei zurück. 1949 siedelte sie nach Israel über, wo sie heiratete und Kinder bekam. Claude Lanzmann interviewte sie 1979 für den Dokumentarfilm Shoah (5), der 1985 erschien und sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt machte. Ruth Elias starb 2008 in Beit Yitzhak in Israel (6).

„Gegen Abend kam der Zug zum Stillstand. Kein Aufreißen der Türen, kein Geschrei, kein Hundegebell. Wieder wurden wir misstrauisch: War das vielleicht eine Falle? [...] Wir wurden in einem großen Lagerhaus am Amerika-Kai untergebracht. Dort erwarteten uns saubere Holzgestelle als Betten mit einer sauberen Matratze für jede von uns. Trotz der späten Stunde bekamen wir unser erstes Essen: Tee, Brot, Margarine und jede einen halben Räucherhering. Wir konnten es kaum fassen: Räucherhering, Fisch! Seit ich von zu Hause weg war hatte ich so etwas nicht mehr gegessen.“ (7)

Hédi Fried (2015), Foto: Wikimedia Commons,

Hédi Fried, geborene Szmuk, wurde 1924 in der rumänischen, ab 1940 ungarischen Stadt Sighet geboren. Im April 1944 verhaftet, wurde sie nach Auschwitz deportiert. Hier wurde sie von der SS selektiert und zur Zwangsarbeit nach Hamburg geschickt. Sie überlebte die Neuengammer Außenlager Dessauer Ufer, Wedel sowie Eidelstedt und wurde Mitte April 1945 im KZ Bergen-Belsen befreit. Seit Juli 1945 lebt sie in Stockholm, heiratete, wurde Mutter von drei Kindern. Sie arbeitete als Psychologin mit Überlebenden der Konzentrationslager und publiziert zum Holocaust (8).

„Wie lange dauerte die Zugfahrt? Auch das erinnere ich nicht. Nur daran, dass wir uns, als ich aufwachte, auf einem großen Bahnhof befanden: Hamburg. Unser Zug fuhr über den Bahnhof hinaus zum Hafen, wo er vor riesigen Lagerhallen anhielt. Das war also das Ziel unserer Reise. Hier würde unser neues Leben beginnen, weit weg vom Schatten des Schornsteins. Die Sonne schien, das Wasser des Flusses glitzerte, als uns befohlen wurde, den Zug zu verlassen und in das Lagerhaus zu gehen, das unser neues Zuhause sein sollte.“ (9)

Dita Kraus. Quelle: Archiv Neuengamme (ANg), F 2012-284

Edith Kraus, geborene Pollach, wurde 1929 in Prag geboren und wuchs in einer säkularen, sozialdemokratisch orientierten jüdischen Familie auf. Im November 1942 wurde sie verhaftet und in das Ghetto Theresienstadt verschleppt. Hier war sie bis Dezember 1943 inhaftiert. Anschließend wurde sie nach Auschwitz deportiert. Im Juli 1944 wurde sie von der SS als arbeitsfähig selektiert und nach Hamburg deportiert. Ihre Befreiung erlebte sie im April 1945 in Bergen-Belsen. Seit 1949 lebt Edith Kraus in Israel (10). 2020 erschien ihre Autobiografie „Ein aufgeschobenes Leben“.

„Als die Schiebetüren der Güterwagen geöffnet wurden, erwartete uns ein überraschender, geradezu wundersamer Anblick: eine lange Reihe von Lagerhäusern aus rotem Backstein, aus deren Fenstern Dutzende junger, gesund aussehender dunkelhaariger Männer herausschauten, die neugierig waren, was es mit dem Zug auf sich hatte. Als sie uns sahen, grinsten sie, winkten sie und riefen ‚Bella signorina!‘ Sie machten uns lautstark Komplimente und Heiratsanträge – auf Italienisch. Ein Gefühl großer Erleichterung erfasste uns, die Hoffnung auf bessere Bedingungen, unter denen wir die Inhaftierung und den Krieg würden überleben können. Selbst die Skeptischsten unter uns Frauen mussten zugeben: Dies sah nicht aus wie ein Ort, an dem man uns ermorden wollte.“ (11)


Quellen und Literatur

(1) Andreas Ehresmann: „KZ-Architektur” - Zur Baugeschichte des KZ Neuengamme und dem Umgang mit den Überresten, in: KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hg.): Das KZ Neuengamme und seine Außenlager. Geschichte – Nachgeschichte – Erinnerung – Bildung, Berlin 2010, S. 268-281, hier S. 280.

(2) Lucy Debus/Lisa Hellriegel/Jonas Jakubowski u.a.: Lagerhaus G – Gedenken ohne Gedenkstätte?

Geschichtsvermittlung auf dem Kleinen Grasbrook in Hamburg, in: Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung 1/2 (2020), S. 76-81, hier S. 78f.

(3) Vgl. Hans Ellger: Zwangsarbeit und weibliche Überlebensstrategien. Die Geschichte der Frauenaußenlager des Konzentrationslagers Neuengamme 1944/45, Berlin 2007, S. 326.

(4) Aus: „Hamburg, das war die Wende“. Margit Hermannová, Edith Kraus und Dagmar Lieblová erinnern sich. Jürgen Kinter. D 2002. TC: 00:35:22-00:35:48. Das Zitat von Dagmar Lieblová stammt aus einem 1999 geführten Interview, das im Rahmen eines Hamburg-Besuchs mehrerer überlebender Frauen des Außenlagers Dessauer Ufer stattfand.

(5) „Vier Schwestern“ (2017) ist ein Nachfolgefilm des 1985 von Claude Lanzmann veröffentlichten Dokumentarfilms „Shoah“: https://www.arte.tv/de/videos/068408-001-A/vier-schwestern-1-4/ [zuletzt 18.01.2021].

(6) Vgl. Ellger 2007, S. 321.

(7) Ruth Elias: Die Hoffnung erhielt mich am Leben. Mein Weg von Theresienstadt und Auschwitz nach Israel, 4. Aufl., München 1990, S. 162.

(8) Vgl. Ellger 2007, S. 322.

(9) Hédi Fried: Fragmente meines Lebens. Ein Leben bis Auschwitz und ein Leben danach, Hamburg 2013 [Lizenzausgabe der Friedrich-Ebert-Stiftung], S. 123.

(10) Vgl. Ellger 2007, S. 325.

(11) Dita Kraus: Ein aufgeschobenes Leben. Kindheit im Konzentrationslager – Neuanfang in Israel, Göttingen 2020, S. 159f.