Zustandekommen des Männerlagers
Kurze Zeit nachdem am 13. September 1944 die Frauen in die Außenlager Neugraben, Sasel und Wedel verlegt wurden, trafen etwa 2.000 männliche KZ-Häftlinge am Dessauer Ufer ein. Grund hierfür war die Notwendigkeit von Arbeitskräften in der Mineralölproduktion. KZ-Häftlinge wurden als Zwangsarbeiter eingesetzt und stellten synthetisches Benzin her. Außerdem führten sie Aufräumarbeiten zur Rettung der durch Bombenangriffe zerstörten Mineralölindustrie sowie unter anderem bei den Wasserwerken und der Deutschen Bahn durch. Der Plan, der dies eingeleitet hat, war das sogenannte Geilenberg-Programm. So wurden zum Beispiel seit Mitte September 1944 etwa hundert Häftlinge vom Dessauer Ufer als Zwangsarbeiter im Betrieb „Hamburger Mineralöl-Werke Jung“ eingesetzt. Auch nachdem das Lagerhaus G am 25. Oktober 1944 teilweise durch Bombardierungen zerstört wurde und die Häftlinge umverlegt werden mussten, dauerten die Arbeitseinsätze im Hafen und bei den Mineralölwerken der Firma Jung bis April 1945 an. Das Unternehmen hatte seinen Hauptsitz in Hamburg-Wilhelmsburg und bestand weiterhin bis zum Tod des Gründers Ernst Emil Jung, der 1976 verstarb. 1977 wurde es aus dem Handelsregister entfernt. Im Männerlager gehörten neben jüdischen KZ-Häftlingen unter anderem italienischen Militärinternierten sowie Kriegsgefangene und politische Gegnern des Regimes zu den Insassen.
Die folgenden Zeitzeugenberichte geben einen Eindruck davon, unter welchen Bedingungen die KZ-Häftlinge im Außenlager am Dessauer Ufer lebten.
In zwei Interviews berichtet der französische Widerstandskämpfer Jean Le Bris von seiner Zeit als Häftling. Eines der Interviews entstand am 19. Oktober 1984 und wurde vom Historiker Hermann Kaienburg geführt. Das andere ist ein Gespräch der Historikerin und Politologin Christl Wickert mit ihm und wurde am 29. August 2002, aufgenommen. Beide sind im Rahmen von Forschungsarbeiten entstanden und im Archiv der KZ-Gedenkstätte Neuengamme dokumentiert. Darin berichtet Le Bris, dass er 1944 in der Bretagne verhaftet und anschließend ins KZ-Neuengamme deportiert wurde. Danach wurde er ins Außenlager Husum verlegt und anschließend ans Dessauer Ufer gebracht, um dort im Zuge des Geilenberg-Programms Zwangsarbeiten zu leisten. Die Unterbringung der KZ-Häftlinge am Dessauer Ufer sei sehr chaotisch gewesen. Er berichtet von einer großen Unordnung im Lagerhaus. Die Häftlinge hätten keine festen Betten gehabt, es hätte einen stetigen Kampf um das viel zu knapp vorhandene Essen und außerdem kein Licht gegeben.
Im Hinblick auf die tägliche Essensration gab es seinem Bericht nach wenig Variation. Morgens wurde Kaffee verteilt, mittags auf der Arbeit eine Schüssel Steckrübensuppe und abends ein Brot für sechs Personen, meistens mit ein bisschen Margarine und gelegentlich Blutwurst. Selten bekamen die KZ-Häftlinge am Abend zusätzlich Kartoffeln. Der ungarische Jude Laszlo Kohn berichtet in seinem Häftlingsbericht vom 3. August 1945 ebenso von Lebensmittelknappheit und der massiven Unterernährung der Häftlinge. Wer Essen wollte, habe sich in Lebensgefahr begeben müssen, da das Essen zuvor aus dem Keller zu holen war. Um dort hinzukommen, musste man sich in eine Schlange auf einer steilen Treppe stellen. Dabei entstand teils Chaos, bei dem laut Kohn viele gestorben sind, weil sie zu Tode getrampelt wurden.
Möglichkeiten auf zusätzliches Essen habe es kaum gegeben, schildert Le Bris. Zwar habe man sich, wenn man außerordentlich gute Leistungen bei der Arbeit zeigte, gelegentlich eine zusätzliche Portion Suppe verdienen können, allerdings seien dies Ausnahmefälle und von der Willkür der Aufsichtspersonen abhängig gewesen. Der aus Weissrussland stammende sowjetische Kriegsgefangene Iwan Jakimowitsch erwähnt beispielsweise in seinem Häftlingsbericht vom 16. Dezember 1998, dass man sich als Entlader von Bomben Zigaretten, Brot und Butter als Belohnung verdienen konnte. Allerdings musste man sich der Lebensgefahr stellen. Seitdem er einen Todesfall bei einer solchen Entladung miterlebt hatte, war er derart traumatisiert, dass er die Belohnungen gar nicht mehr wollte, wie er berichtete.
Die Arbeit im Hafen sei hart gewesen. Selbst im Winter hätten die KZ-Häftlinge keine angemessene Kleidung gehabt. Man habe sich nur sehr unregelmäßig waschen können, berichtet Le Bris, der von Oktober bis Dezember 1944 nicht habe duschen dürfen. Aus der mangelnden Hygiene resultierte seiner Beschreibung nach auch, dass die Häftlinge von Flöhen und Läusen befallen waren. Viele der Häftlinge erkrankten schwer oder verstarben sogar, was angesichts der desolaten Lebensverhältnisse wenig verwundernd ist.
Treffend fällt im Transkript des zweiten Interviews von Jean Le Bris das Wort „Entmenschlichung“. Diese Bezeichnung fasst wohl recht genau die unmenschlichen Verhältnisse, denen die Häftlinge im Außenlager am Dessauer Ufer ausgesetzt waren, zusammen.
Von den genannten Zeitzeugen ist mit Ausnahme von Jean Le Bris nichts über ihr Leben nach der Befreiung öffentlich bekannt. Le Bris führte seit den 1970er Jahren ein Architekturbüro in Dijon und engagierte sich in der französischen „Amicale de Neuengamme“, welche zahlreiche Aktivitäten wie Denkmalsetzungen, Veröffentlichungen, Versammlungen und Gedenkstättenreisen organisiert. Von 1983 bis 1989 war er Präsident der Vereinigung. 2005 besuchte er Hamburg das letzte Mal. Er verstarb im August 2012.
Quellen und Literatur
Bericht des ehemaligen Häftlings Victor Baeyens, 1989, Archiv Dokumentenhaus Neuengamme, Signatur: Ng. 6.4.40/1621.
Interview mit Jean Le Bris, 19.10.1984, Interviewer: Hermann Kaienburg, Übersetzer des Transkriptes: Henri Solbach, Archiv Dokumentenhaus Neuengamme, Signatur: Hb 571.
Häftlingsprotokoll von Laszlo Kohn, 03.08.1945 in Budapest, Archiv Dokumentenhaus Neuengamme Signatur: 479 (Ordner: Frauen und Männerlager Hamburg-Veddel).
Häftlingsbericht von Iwan Jakimowitsch Koscheljuk, 16.12.1998, Archiv Dokumentenhaus Neuengamme, Signatur: Hb 1453.
Interview mit Jean Le Bris, 29.08.2002, Interviewer: Christl Wickert, Zusammenfassung des Video-Interviews, Archiv Dokumentenhaus Neuengamme (Ordner: Frauen und Männerlager Hamburg-Veddel).
Häftlingsbiographie und Leben von Jean Le Bris: http://media.offenes-archiv.de/ha2_2_5_1_bio_1449.pdf