Foto: Frederik Kleesattel

Architektur der/mit Macht? Zum Verhältnis von Raum und Gewalt im Lagerhaus G

Von Manuel Bolz

Gewalt und Raum: Kulturwissenschaftliche Perspektiven

Das Lagerhaus G ist Teil der Topografie des nationalsozialistischen Terrors im deutschsprachigen Raum. Unserer Meinung nach dient es gegenwärtig als ein Mahnmal für das menschenverachtende NS-Regime und stellt einen wichtigen Gedenk- und Erinnerungsort in Hamburg dar. Der folgende Beitrag möchte sich dem Lagerhaus G aus den sozial- und kulturwissenschaftlichen Analyseperspektiven „Gewalt“ und „Raum“ annähern. Ziel des Beitrags ist es, die vielfältigen Gewaltformen und -dynamiken innerhalb des Lagerhaus G in ihren historischen Dimensionen sichtbar zu machen. Gleichzeitig sollen Argumente aufgezeigt werden, wieso das Gebäude ein „Gewaltraum“ ist und gleichzeitig auch „Raumgewalt“ ausübt.

Gewalt

Die Soziologen Thomas Höbl und Wolfgang Knöbl (2019) definieren Gewalt als ein situatives Ereignis, welches über das soziale Handeln und die sozialen Beziehungen von einzelnen Akteur*innen hinausgeht und in seiner Zeitlichkeit (Temporalität) untersucht werden sollte. Den beiden Autoren nach werden Gewaltsituationen nicht nur durch die Motive von involvierten Akteur*innen – im Fall des Lagerhauses G die der Täter – hervorgebracht. So spielen auch die erlittenen Gewalthandlungen der jüdischen Zwangsarbeiter*innen und KZ-Häftlinge und die gesellschaftlichen Bedingungskonstellationen, welche die nationalsozialistischen Gewaltformen überhaupt erst zuließen, eine entscheidende Rolle. Darüber hinaus sind die Gewaltformen auch von den vielfältigen Vorgängen der Verursachung abhängig. Eine wichtige Rolle für die Gewaltsituation, die die Häftlinge erfahren und erleiden mussten, spielt der gebaute und soziale Raum des Lagerhaus G. Eine Analyse könnte die Beziehungen, Verteilungen und Hierachien von Macht, aber auch Widerstände offenlegen. Im Lagerhaus G ließen sich auf diese Weise symbolische, strukturelle, physische und psychische, emotionale und sexualisierte Gewaltformen erkennen.

Raum

Das Lagerhaus G stellt für die jüdischen Zwangsarbeiter*innen und KZ-Häftlinge einen Arbeits-, Wissens- und Erfahrungsraum dar. Ihm werden daher unterschiedliche Bedeutung zugeschrieben. Aus der kulturwissenschaftlich-räumlichen Perspektive von Johanna Rolshoven (2012 (orientiert an Lefebre 1947; 2013) lässt sich das Lagerhaus G aus drei ineinander verschränkten Dimensionen beschreiben, welche auch Raumtriade genannt werden: Der architektonische bzw. gebaute Raum, welcher im Kontext des Lagerhaus G in Hamburg verortet und vermessen werden kann. Der soziale und kulturelle Erfahrungsraum, im Kontext des Lagerhaus G den die Zwangsarbeiter*innen individuell wahrgenommen und in ihren Alltagshandlungen unterschiedlich verwirklichten Raum. Gleichzeitig könnte das Lagerhaus als Repräsentationsraum interpretiert werden, welcher gesellschaftliche und historische Zuschreibungen vor, während und nach dem Nationalsozialismus verhandelt. Hier schließen auch Fragen um die Nachnutzung des Gebäudes und die Schaffung eines Erinnerungsortes an. Erst mit diesem dynamischen Raumverständnis werden die vielfältigen Gewaltformen im Lagerhaus G sichtbar (Döring 2009; Rau 2013; Roth 213).

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Vom Gewaltraum ...

Der Historiker Timothy Snyders (2010) wählt in seiner Studie über Gewaltformen im Holocaust einen konkreten räumlichen Ausschnitt aus. In seinem Fall ist es das Gebiet Vorkriegspolen, der Ukrainischen und Weißrussischen Sowjetstaaten Litauens, Lettlands und Estlands sowie Russland. Er deutet ihn als verdichteten Repräsentationsraum von (inter-)nationalen Konflikten im Kontext des NS-Regimes. Nach Snyders sind in dem von ihm ausgewählten Raum bestimmte Bedingungen gegeben, die gesellschaftliche Gewalthandlungen überhaupt erst ermöglichen.

Ein Raumkonzept spielt in seiner Erklärung von Gewalt daher eine zentrale Rolle. Der Autor zeigt auf, dass die Variable „Raum“ zwar eine fruchtbare Analyseperspektive in der Gewalterklärung sein kann, sie jedoch mit anderen Kategorien wie bspw. „Staat“ kombiniert werden müsse, um ‚befriedigende‘ Gewalterklärungen zu generieren.

Der Historiker Jörg Baberowski (2012; 2015) schließt an Snyders Theorie an und formuliert in seiner Studie zu Gewalträumen im Kontext von (Bürger)Kriegen im 20. Jahrhundert die These, dass es weder Ideen noch Gründe, sondern Räume – ihre Situationen und Handlungszwänge – sind, die in unmittelbaren Gewaltsituationen darüber entscheiden würden, was mit Akteur*innen geschieht. Dieser Ansatz könnte auch kollektive Gewalttaten erklären. Nach Baberowski ist es deshalb der Raum, welcher sowohl situative oder längerfristige Gewaltsituationen strukturiert. Auch wenn es bereits erste empirische Forschungen gibt (Behrends 2017; Brehl 2019; Schnell 2012 a/b), bleibt in der Beschreibung unklar, welche spezifische Rolle der Raum in Gewaltsituationen wann einnimmt. Schaut man mit dem Konzept auf das Lagerhaus G, so könnte die These formuliert werden, dass der gebaute und soziale Raum sowohl Auslöser und Bedingung als auch Begleiter von Gewalt bzw. der in ihm stattfindenden Gewaltsituationen ist, welche die Zwangsarbeiter*innen alltäglich erfuhren. Gewalt stellt hier die im Lagerhaus G dominanteste und präsenteste Qualität dar.

... hin zur Raumgewalt?

Snyders und Baberowskis Konzepte von Gewalträumen könnten mit Rückgriff auf die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) und die materielle Kulturforschung in das Konzept von ‚Raumgewalt‘ überführt und gespiegelt werden (König 2003; 2005; Pfaffenthaler 2014). Der ANT nach bilden menschliche und nicht-menschliche Akteur*innen (auch Aktanten genannt) im sozialen Handeln offene und symmetrische Netzwerke (Kneer 2009; Krieger/Belliger 2006). Es schließt das Konzept des Gewaltraumes grundsätzlich nicht aus, sondern modifiziert sie, indem materielle Dinge wie Gebäude in der Beschreibung von Gewaltformen als handelnde Akteur*innen anerkannt werden und in den Mittelpunkt der Analyse wandern (Delitz 2009; 2010, Delitz/Fischer 2000; Heß 2018; Gutzmer 2015; Mileva 1995). Das Lagerhaus G ist in diesem Sinne eine Architektur, welche in Beziehungsgeflechte eingebettet ist und je nach Situation verschiedene Handlungspotenziale besitzt (Buchli 2013; Rees 2016; Leuenberger 2018). Diese „agency“ wird in der Interaktion zwischen Täter*innen, jüdischen Zwangsarbeiter*innen, KZ-Häftlingen sowie mit anderen Infrastrukturen und Dingen wie beispielsweise materielle Abtragungen durch das Wasser des Saalehafens, der Bombeneinschlag 1944, die (Um)nutzung des Gebäudes zur Lagerung vor und nach dem Nationalsozialismus oder Reparaturen und Instandsetzungen in der Gegenwart sichtbar. Diese wird kontinuierlich hervorgebracht, aufgelöst und umgestaltet.

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Die historische und gegenwärtige Handlungs- und Wirkmacht des Lagerhaus G

Aus dem Blickwinkel, dass das Lagerhaus G selbst Handlungs- und Wirkmächte hervorbringt, übt es verschiedene Gewaltformen aus. Es bedingt demnach nicht nur physische und psychische Gewaltformen wie körperliche Zwangsarbeit bis zur Erschöpfung, Folter oder Tötung und kreiert darüber auch Atmosphären der Gewalt. Darüber hinaus löst das Gebäude sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart Gefühle und Emotionen aus wie Wut, Zorn, Trauer oder Angst und Hoffnung. Dies wird beispielsweise dann deutlich, wenn Überlebende und Zeitzeug*innen den konkreten Ort Jahrzehnte später besuchen möchten oder entscheiden, dass sie nie wieder zurückkehren möchten.

Auch im Kontext als Gedenkstätte für verfolgte, gefolterte und getötete Opfer des Holocaust löst das Gebäude gegenwärtig soziale Effekte aus. So mobilisiert es als greifbare Erinnerung Hamburger*innen und bringt sie dazu, eine Initiative zu gründen, sich ihm mit wissenschaftlichen Perspektiven anzunähern, Verbindungen zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme herzustellen usw. Auch das Erstellen dieser Homepage im Rahmen unseres Projektseminars an der Universität Hamburg ist ein Zeichen dafür, dass das Lagerhaus G wissenschaftliche und politische Debatten über NS-Erinnerung und Umnutzungs- und Gestaltungsmöglichkeiten anstößt und daher im Sinne der ANT daher eigene Wirk- und Handlungsmächte entfaltet (Fischer 2016).

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Quellen und Literatur

Baberowski, Jörg/Metzler, Gabriele (Hrsg.): Gewalträume. Soziale Ordnungen im Ausnahmezustand. NY: Campus 2012.

Baberowski, Jörg: Räume der Gewalt. Frankfurt am Main: Fischer 2015.

Behrends, Jan C.: Afghanistan als Gewaltraum: sowjetische Soldaten erzählen. In: Sovietnam (2017), S. 141-159.

Brehl, Medardus: „Gewaltraum“ Mittelmeer?: Strukturen, Erfahrungen und Erinnerung kollektiver Gewalt im Zeitalter der Weltkriege. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft 2019.

Buchli, Victor: An anthropology of architecture. London u.a.: Bloomsbury 2013.

Delitz, Heike: Gebaute Gesellschaft. Architektur als Medium des Sozialen. Frankfurt am Main: Campus 2010.

Delitz, Heike: Architektursoziologie (= Einsichten. Themen der Soziologie). Bielefeld: transcript 2009.

Delitz, Heike/Fischer, Joachim: Die Architektur der Gesellschaft. Theorien für die Architektursoziologie. Bielefeld: transcript 2009.

Döring, Jörg: Spatial Turn: das Raumparadigma in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Bielefeld: transcipt 2009.

Fischer, Norbert: Gedächtnislandschaften in Geschichte und Gegenwart: Kulturwissenschaftliche Studien. Wiesbaden: Springer 2016.

Gutzmer, Alexander: Architektur und Kommunikation: zur Medialität gebauter Wirklichkeit. Bielefeld: transcript 2015.

Heß, Regine (Hrsg.): Architektur und Akteure: Praxis und Öffentlichkeit in der Nachkriegsgesellschaft. Bielefeld: transcript 2018.

Hoebel, Thomas/Knöbl, Wolfgang: Gewalt erklären! Plädoyer für eine entdeckende Prozesssoziologe. Hamburg: Hamburg Edition 2019.

Kneer, Georg: Akteur-Netzwerk-Theorie. In: Ders. u.a. (Hrsg.): Handbuch Soziologische Theorien. Wiesbaden: Springer 2009, S. 19-24.

König, Gudrun M. (Hrsg.): Auf dem Rücken der Dinge. Materielle Kulturforschung und Kulturwissenschaft. In: Maase, Kasper/Warneken, Bernd Jürgen (Hrsg.): Unterwelten der Kultur. Themen und Theorien der volkskundlichen Kulturwissenschaft. Köln u.a. Vandenhöck & Ruprecht 2003, S. 95-119.

König, Gudrun M. (Hrsg.): Alltagsdinge. Erkundungen der materiellen Kultur, (= Studien & Materialien des Ludwig-Uhland-Instituts der Universität Tübingen, Bd 27, Tübinger kulturwissenschaftliche Gespräche, Bd. 1). TVV: Tübingen 2005.

Krieger, David J./Belliger, Andrés u.a.: Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. In: Dies. (Hrsg.): ANTology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Bielefeld: transkript 2006, S. 13-51.

Lefebre, Henri: The Production of Space (1947). Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006.

Leuenberger, Theresia: Architektur als Akteur? Zur Soziologie der Architekturerfahrung. Bielefeld: transkript 2018.

Mileva, Yana: Vom Exodus bis Exercitium. Lebendige Archäologie und Theoriedesign als Methoden künstlerischer Forschung. Leipzig/Berlin: EIGEN+ART 1995.

Pfaffenthaler, Manfred: Räume und Dinge: kulturwissenschaftliche Perspektiven. Bielefeld: transkript 2014.

Rau, Susanne: Räume: Konzepte, Wahrnehmungen, Nutzungen. Frankfurt am Main: Campus 2013.

Rees, Anke: Das Gebäude als Akteur: Architekturen und ihre Atmosphären. Zürich: Chronos 2016.

Rolshoven, Johanna: Zwischen den Dingen: der Raum. Das dynamische Raumverständnis der empirischen Kulturwissenschaft. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 108 (2012), S. 156-169.

Rolshoven, Johanna u.a: (Hrsg.): Reziproke Räume. Texte zur Kulturanthropologie und Architektur. Marburg: Jonas 2013.

Roth, Hans Jakob: Kultur, Raum und Zeit: Ansätze zu einer vergleichenden Kulturtheorie. Baden-Baden: Nomos 2013.

Schnell, Felix (a): Ukraine 1918: Besatzer und Besetzte im Gewaltraum. In: Gewalträume (2012), S. 135-168.

Schnell, Felix (b): Räume des Schreckens: Gewalträume und Gruppenmilitanz in der Ukraine, 1905-1933. Hamburg: Hamburger Ed., HIS Verl.-Ges. 2012.

Snyder, Timothy: Bloodlands. Europe between Hitler and Stalin. N.Y.: Basic Books 2010.