Das Lagerhaus G war in der Zeit, als es als KZ-Außenlager genutzt wurde, eingezäunt und mit Stacheldraht gesichert. Am Gebäudeteil links ist der Bombenschaden zu sehen. Quelle: Frihedsmuseet fotoarkiv.

Der Bombentreffer am 25. Oktober 1944

Von Johanna Kornell

Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges wurde der Hamburger Hafen als Ort der Mineralöl- und Rüstungsproduktion zu einem wichtigen Ziel der Fliegerbomben. Da gerade die kriegswichtige Produktion ab 1943 zu dem vorrangigen Arbeitsort der KZ-Häftlinge gehörte, waren diese schon deshalb besonders gefährdet. Für KZ-Häftlinge gab es außerdem meist keinen oder nur völlig unzureichenden Schutz vor Bombentreffern. Der Zutritt zu den Luftschutzbunkern wurde ihnen verwehrt. (1) Am 25. Oktober 1944 wurde auch das KZ-Außenlager Dessauer Ufer im Zuge der alliierten Bombenangriffe getroffen. Im Lagerhaus G wurde der Keller zum Schutzraum für die Inhaftierten während der Angriffe. Dieser stellte einen Ort dar, der für die Häftlinge mit verschiedenen Gefühlen wie Angst, Enge und Sorge, aber auch mit gewissen Möglichkeiten verbunden war.

Die Angriffe im Oktober 1944 am Dessauer Ufer trafen die Häuser 1 und 2 am nördlichen Ende des Lagerhauses. Diese waren im KZ-Außenlager zum Krankenrevier umgebaut worden. Da die Bomben tagsüber einschlugen, waren die meisten Häftlinge zu dieser Zeit in den jeweiligen Arbeitskommandos. Insgesamt kamen bei dem Angriff ca. 150 Menschen ums Leben. Die meisten Informationen zu den Vorgängen am 25.10.1944 am Dessauer Ufer stammen aus Berichten von Überlebenden. Anhand dieser können verschiedene Aspekte betrachtet werden.

Stephan Brozdowicz, der 1897 in Polen geboren wurde und als Jurist arbeitete, wurde aus politischen Gründen verfolgt. Er musste in der Zeit seiner Gefangenschaft am Dessauer Ufer als Schreiber für die SS arbeiten. In einem Brief an die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) 1949 beschreibt er die Rettung von Mithäftlingen im Zuge des Bombentreffers am Dessauer Ufer:

„An einem schönen Mittag gegen 1 Uhr, sind auf das Lager Dessauer Ufer größere Mengen Brandbomben gefallen. Es war ein großes Glück, daß fast alle Leute auf Außenkommandos waren. Im Lager waren damals nur etwa 200 Kranke im Revier, Blockälteste, erster Kapo und ich als Schreiber. Der Revierkapo und mehrere Leute sind umgekommen, wenige nur haben sich gerettet, ein Blockältester, Peter, ein Matrose, August Welz und ich sind zuerst in den Keller gelaufen, Peter hat noch die Bombe erwischt und hat ihm den Kopf und einen Arm abgerissen. Ich habe mit August Welz, soweit ich mich erinnere, noch 6 Leute aus dem brennenden Revier geschleppt, dann sind wir vom Lager weggelaufen in die Fabrik gegenüber dem Lager, weil man und mit einigen Kameraden in den Bunker nicht hineinlassen wollte, dann sind wir über die Brücke geflohen zusammen mit mehreren italienischen Kriegsgefangenen, die auch in einem Schuppen am Dessauer Ufer lagen.“ (2)

Victor Baeyens wurde 1920 geboren und wurde festgenommen, da er als Kommunist am belgischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung teilnahm. Baeyens war im Stammlager Neuengamme und auch in verschiedenen Neuengammer Außenlagern.

In einem Bericht von Victor Baeyens wird deutlich, wie wenig Schutz der Keller des Lagerhaus G bot:

„Kaum äußern wir die Vermutung, daß wir diesmal auch unser Teil abbekommen werden, als ein Volltreffer, am anderen Ende des Blocks, beim Kanal, einschlägt. Mit ein paar Sprüngen sind wir die Treppe hinunter im Keller. Dort haben wir als einzigen Schutz die gemauerten Gewölbe von ungefähr 80 cm Breite und zwei Meter Länge. In einer dieser Öffnungen haben wir uns zu sechst verkrochen, als eine Explosion, zusammen mit einer schweren Druckwelle, das ganze Gebäude zusammenstürzen läßt. Steine und Balken prasseln auf uns nieder und eine dicke Staubwolke hindert uns am Sehen. Schnell ziehen wir unsere Jacken über den Kopf, um besser Atmen zu können. Meine Mütze ist runtergefallen, aber glücklicherweise ist keiner von uns verletzt.“ (3)

Victor Baeyens beschreibt außerdem sehr eindrücklich, welches Ausmaß die Bombentreffer hatten. In diesem Zitat deutet sich außerdem an, dass die Hilfe, die sich die Häftlinge untereinander leisteten durch die Untätigkeit der SS notwendig wurde:

„Wir schauen in Richtung des Reviers und sehen, daß auch dieses lichterloh brennt. Doch das Feuer hat sich schon so weit ausgebreitet, daß wir nicht mehr viel tun können. Drei Volltreffer haben das Revier getroffen und als wir dort eintreffen, ist es ein einziges Flammenmeer, aus dem noch schreiende Stimmen erklingen. Unter Leitung Van Steenbergens, der gerade fünf Kranke aus dem Schutt des Gebäudes geholt hat, werden die Kranken und Verletzten unter den Güterwaggons und in den Bombentrichtern abgelegt. Dort wird erste Hilfe geleistet und unter Leitung von Prof. Quinaux, dem französischen Arzt, werden aus zerrissenen Hemden bestehende Verbände angelegt. Währenddessen geht der Angriff weiter. Während des ganzen Bombardements ist keiner unserer Bewacher zu sehen. Diese sitzen im Schutzraum am Ende des Gebäudekomplexes“ (4)

Diese Tatenlosigkeit der SS und der unzureichende Schutz lösten in den Häftlingen auch Wut aus. Davon Berichtet Stefan Brozdiwicz:

„Nach dem Bombenangriff holte uns ein SS-Mann Zimmermann mit der Maschinenpistole ein. Ich muß bemerken, daß ich in diesem Moment vor dem Kameraden August Welz Respekt bekommen habe, wie er dem SS-Mann gegenüber den Mann gestellt hat, indem er ihn angeschrien hat ‚Jetzt, wenn die Flieger weg sind, kommen Sie aus dem Bunker, wo Sie sich versteckt hatten, anstatt die brennenden Fackeln aus dem Revier zu retten. Sie brauchen uns nicht nachzujagen, wir wissen allein, wohin wir zurückkommen sollen!‘“ (5)

Den Berichten Überlebender nach scheint es – zumindest in dieser Notsituation – eine große Solidarität und Hilfsbereitschaft unter den Häftlingen gegeben zu haben. Gleichzeitig nutzten aber auch Einige das entstandene Chaos der Situation aus, um ihr weiteres Überleben zu sichern und sich Nahrung zu besorgen:

„Bis auf einen Block ist das ganze Häftlingslager der Männer ausgebrannt. Die Nahrungsmittel, die gerade dort untergebracht waren, werden geplündert. So sehen wir die Häftlinge, die Dosen mit eingelegten Muscheln aufbrechen. Sie verschlingen Sauerkraut, Fischpaste; Rote Beete, Brot, Marmelade usw. Dort wird um ein Brot gekämpft, etwas weiter rennt einer mit einem Eimer Marmelade umher und verschlingt diese Leckerei mit vollen Händen. Andere laufen hinzu, um sich ihren Anteil zu sichern.“ (6)

Im Bild links vorn ist der wiederaufgebaute Teil des Gebäudes zu erkennen. Aufnahme von 2021. Foto: Johanna Kornell

Die Häftlinge, die den Bombenangriff überlebten, wurden abends in einen gesonderten Bereich der Strafanstalten Fuhlsbüttel verbracht, wo für diesen Zweck ein vorrübergehendes KZ-Außenlager geschaffen wurde. Eine Gruppe von Häftlingen musste das zerstörte Gebäude wiederaufbauen. Mitte Februar 1945 wurde das Außenlager Dessauer Ufer erneut mit einer größeren Gruppe männlicher Häftlinge belegt.

Da Haus 1 und 2 nach dem Angriff bis auf die Fassade zerstört waren, bezeugt das Haus selbst bis heute diesen Luftangriff. An der Bausubstanz ist noch immer erkennbar, dass ein Teil des Hauses neu aufgebaut wurde.


Quellen und Literatur

(1) KZ-Gedenkstätte Neuengamme (Hg.): Eine Stadt und ihr KZ. Häftlinge des KZ Neuengamme im Hamburger Kriegsalltag 1943-1945, Hamburg 2019, S. 31.

(2) ANg HB 1688 Stefan Brozdowicz, S.1f.

(3) ANg HB 34, Victor Baeyens, S. 96.

(4) Ebd. S. 97.

(5) ANg, HB 1688, Stefan Brozdowicz, S. 2.

(6) ANg, HB 34, Victor Baeyens, S. 96.